Lehramtsstudium in Berlin: „Schlimmer kann es kaum werden“

Berlin braucht mehr Lehrer. Unser Autor ist Lehramtsstudent und übt scharfe Kritik: Die Ausbildung ist vollkommen praxisfern und demotivierend.

Gründe für den Lehrermangel in Berlin liegen auch in der Ausbildung. Das Lehramtsstudium benötigt eine Reform. 
Gründe für den Lehrermangel in Berlin liegen auch in der Ausbildung. Das Lehramtsstudium benötigt eine Reform. imago/Future Image

Jüngst berichtete die Berliner Zeitung über eine OECD-Studie, wonach deutsche Lehrkräfte im internationalen Vergleich deutlich besser verdienen als ihre Kollegen in anderen Ländern, und warf die Frage auf, was den Lehrerberuf so unattraktiv macht. Auch die „heute-show“ nahm sich des Lehrermangels an. Das Thema ist in letzter Zeit wieder einmal medial allgegenwärtig und allen stellt sich die Frage: Warum gibt es so wenige von uns?

Als Student des Studiengangs Grundschulpädagogik wünsche ich mir vor allem für ein Thema mehr Präsenz in den Debatten: die Ausbildung. Denn die dürfte ein Hauptgrund sein, warum von den Hunderten Studenten allem Anschein nach zu wenige im Berufsleben ankommen. Wer an Grundschulen denkt, denkt vermutlich an Kinder, Spaß und an eine Zeit, als Mathematik noch mit zehn Fingern bewältigt werden konnte. Wer aber Grundschullehramt studiert, sieht weder Kinder noch Kekse. Stattdessen wird auf vielfältigem Wege versucht, den Studenten den Spaß am Beruf auszutreiben, bevor sie überhaupt richtig angefangen haben.

Das fängt beim theorielastigen Studium an, gerade mal sechs Wochen Pflichtpraktikum sind im Bachelorstudiengang vorgesehen. Dieses soll auch bitte in der vorlesungsfreien Zeit absolviert werden, damit mehr Zeit für Seminare und Vorlesungen bleibt. Weiteren Kontakt mit der Praxis gibt es in den ersten drei Jahren des Studiums erst mal nicht. Es gibt viele Dinge, über die ich gerne im Studium sprechen würde. Wie gehe ich mit Rassismus im Klassenzimmer um? Wie bändige ich Helikoptereltern? Wie vermittle ich meinen Unterricht, wenn unter meinen Schülern ein halbes Dutzend verschiedene Muttersprachen verbreitet sind?

Stattdessen hake ich in meiner Modulliste Germanistikseminare ab und lerne verschiedene psychologische Modelle auswendig. Inhaltlicher Bezug zum Lehrerdasein? Eher wenig. Auch wenn vereinzelt Dozenten praktische Probleme im Seminar thematisieren und die Stimmung aufhellen, der normale Ablauf beschränkt sich auf irgendein Theoriegeblubber und eine abschließende Hausarbeit.

Den jungen Grundschullehrer:innen fehlt nach absolviertem Studium die praxisnahe Erfahrung, weshalb auch für sie die ersten Schulwochen eine große Herausforderung sind. 
Den jungen Grundschullehrer:innen fehlt nach absolviertem Studium die praxisnahe Erfahrung, weshalb auch für sie die ersten Schulwochen eine große Herausforderung sind. dpa/picture alliance

„Es ist demotivierend, wenn die eigene Arbeit so wenig gewürdigt wird“

Damit kommen wir zur zweiten Baustelle im Lehramtsstudium: die ewigen Hausarbeiten. Nahezu jedes Seminar verlangt als Prüfungsleistung eine Hausarbeit, der Umfang variiert. Als Prüfungsform völlig legitim, nur warum werden meine Arbeiten dann nicht korrigiert? Die Korrekturzeiträume für eine Seminararbeit variieren nach Lehrperson, können gerne aber mal zwölf Monate übersteigen. Das ist kein Witz, ich warte bis heute auf die Note einer Hausarbeit, welche ich zum 31. Dezember 2021 abgeben musste. Auf die Note eines anderen Dozenten habe ich rund eineinhalb Jahre warten müssen, trotz mehrfacher Nachfrage. Derartige Geschichten kann jeder an der FU Berlin erzählen. Es ist zutiefst demotivierend, wenn die eigene Arbeit so wenig gewürdigt wird. Ein Paradebeispiel für schlechte Pädagogik sowieso.

Und dann ist da noch dieses böse Wort: Mathematik. Tatsächlich sorgt Mathe unter den Studierenden besonders für Frust und seltener auch mal für einen Studienwechsel. Wer an der Freien Universität Berlin zur Lehrperson ausgebildet werden möchte, muss zwangsläufig durch die Module „Mathematisches Professionswissen I + II“. Was mit dem Verständnis und Darstellung grundlegender Rechenoperation beginnt, mündet nach zwei Semestern in einer Klausur, welche in den letzten vier Prüfungen von mindestens 50 Prozent aller Studierenden nicht bestanden wurde.

Insbesondere die letzte Klausur im April 2022 sorgte für Frust, als ganze 60 Prozent aller Prüflinge mit der Note 5,0 abschnitten. Dabei mussten die anwesenden Prüfer im Klausursaal Aufgaben mehrmals ausführlich erklären, weil die Aufgabenstellung der Mehrheit der Studierenden nicht einleuchtend war. Der Ärger wächst mit jedem erfolglosen Prüfungsversuch, und auch wer besteht, kommt selten mit einer guten Note davon. Da tröstet es auch wenig, dass die Senatsverwaltungen seit vier Semestern die pandemiebedingte Freiversuchsregelung verlängert haben. Wenn doch angeblich so viele Lehrer gebraucht werden, warum muss ich mich dann an solch schweren Prüfungen aufhalten?

Eine Kommilitonin hat vor zwei Jahren einen Weg gefunden, um mit dem Problem fertigzuwerden: Sie sattelte auf Gymnasiallehramt um. Dort sind nämlich nur zwei beliebige Fächer Pflicht, während im Grundschulstudium drei Fächer, darunter Mathematik, vermittelt werden müssen. Als Bonus gibt es am Gymnasium außerdem mehr Geld. Eine massentaugliche Lösung sieht anders aus.

Wenn ich einen Wunsch für die Zukunft äußern müsste: Ein runder Tisch, an dem Studenten, Professoren und Lehrer sitzen und offen darüber diskutieren, welche Qualitäten der Berufsalltag den angehenden Lehrern abverlangt und wie diese sinnvoll im Studium vermittelt werden können. Vielleicht eine duale Ausbildung? Ich bin sicher, eine solche Runde könnte viele spannende Ergebnisse hervorbringen. Warum also nicht ausprobieren? Schlimmer kann es nämlich kaum werden.

Hannes Wnuck ist ein Pseudonym. Der Name des Autors ist der Redaktion bekannt.

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