Ein Warnschild auf einer Naturwiese in Oberbayern – dort gibt es besonders viele Zecken. 
Foto:  Imago Images

Berlin Ein Spaziergang an der frischen Luft dient derzeit vielen Menschen als Ausgleich zum Homeoffice. Doch auch in der Natur ist Vorsicht geboten. Nicht wegen des Coronavirus, sondern wegen möglicher Zeckenbisse. Steigen die Temperaturen über sieben Grad, werden die Tierchen aktiv. Immer lauert dann auch die Gefahr, an der Infektionskrankheit Lyme-Borreliose zu erkranken. Das Tückische: Den Stich selbst bemerkt nur ein Drittel der Betroffenen. 

Borreliose ist weltweit die häufigste von Zecken übertragene bakterielle Infektion. Sie zählt auch in „Deutschland zu den am meisten unterschätzten und verharmlosten Krankheiten“, darauf wies bereits 2010 der damalige Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller, hin; nachlesbar im Internet-Archiv der Bundesregierung.

Die Lyme-Borreliose gehört zu den meldepflichtigen Infektionskrankheiten. Doch nicht alle Bundesländer geben die Zahlen bekannt. Vergleicht man die vorhandenen Daten der gemeldeten Fälle mit denen der abgerechneten Behandlungen, zeigt sich eine deutliche Diskrepanz. Nur Bruchteile der abgerechneten Borreliose-Erkrankungen gehen in die Statistik des Robert Koch-Instituts (RKI) ein. Dies ist sichtbar über die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), die als Organe der Ärztlichen Selbstverwaltung das Finanzielle mit den gesetzlichen Krankenkassen regeln.

Ein Blick auf die Zahlen aus dem Jahr 2019:

  • Berlin meldete 851 Borreliosen, das sind 2,4 Prozent der tatsächlich abgerechneten 36.363 Borreliose-Behandlungen.
  • Brandenburg meldete 1535 Borreliosen, das sind 15,1 Prozent der tatsächlich abgerechneten 10.192 Borreliose-Behandlungen.
  • Sachsen-Anhalt meldete 505 Borreliosen, das sind 4,3 Prozent der tatsächlich abgerechneten 11.749 Borreliose-Behandlungen.
  • Sachsen meldete 2309 Borreliose, das sind 14,9 Prozent der tatsächlich abgerechneten Borreliose-Behandlungen.
  • Bayern meldete 4252 Borreliosen beim RKI, das sind 6,9 Prozent der tatsächlich abgerechneten 61.500 Borreliose-Behandlungen.
  • Rheinland-Pfalz meldete 1185 Borreliosen, das sind 7,4 Prozent der tatsächlich abgerechneten 16.110 Borreliose-Behandlungen.
  • Das Saarland meldete 288 Borreliosen, das sind 1,6 Prozent der tatsächlich abgerechneten 17.659 Borreliose-Behandlungen.
  • Thüringen meldete lediglich 535 Fälle an das RKI, das sind 1,5 Prozent der tatsächlich abgerechneten knapp 35.000 Behandlungen.

Die KV von Mecklenburg-Vorpommern verweigert seit Jahren die Auskunft über die tatsächlich abgerechneten Behandlungen. Auch hier ist mit einer entsprechenden Differenz zu rechnen, doch das Bundesland scheint kein Interesse daran zu haben, dass über die Zahl der Zecken-Fälle und die Folgen berichtet wird. Mecklenburg-Vorpommern vermarktet sich seit Jahren als „das“ gesunde Bundesland und findet mit dem Anstieg des Tourismus seine Bestätigung.

Veraltete Berechnungen und Studien

Da sich auch die übrigen Bundesländer gegen die Einführung einer Meldepflicht wehren, ist die Dunkelziffer nur über Abrechnungen der Ärzte einzuschätzen. Die Behandlungszahlen in den sieben nicht-meldepflichtigen Bundesländern lagen 2019 nur geringfügig unter denen von 2018, zum Beispiel in Flächenländern wie Niedersachsen mit 117.000, Nordrhein-Westfalen mit 87.300, Baden-Württemberg mit 42.800. Die KV Hessen teilte mit, dass sich die Zahl der Behandlungen in nur einem Jahr um die Hälfte von 40.000 auf 20.200 reduziert habe. Das flächenmäßig kleine Bremen weist 2300 Behandlungen aus, Hamburg 3400, Schleswig-Holstein 7000. Infizierte Zecken sind jedoch überall zu finden, ob mit oder ohne länderrechtliche Meldepflicht.

Das RKI beruft sich seit Jahrzehnten auf Zahlen aus den 80er-Jahren, als man eine niedersächsische Studie auf ganz Deutschland hochrechnete, so als wäre Borreliose gleichmäßig in allen Bundesländern verteilt. Bis vor zehn Jahren wurden 60.000 bis 100.000 Fälle angegeben. Diese Zahl wurde auf 214.000 korrigiert. Auch das nur auf öffentlichen Druck der bundesweiten Patientenvereinigung, die 2008 bereits über 800.000 Borreliosen jährlich auf Basis von Krankenkassenzahlen publizierte.

Dass sich die Zahlen der Borreliose-Erkrankungen so unterscheiden, legt den Verdacht nahe, dass gesundheitspolitisch die Häufigkeit der Lyme-Borreliose in Deutschland künstlich klein gehalten werden soll, während die behandelnden Ärzte ein Vielfaches an Patientenkontakten in Rechnung stellen.

Die Gründe sind vielseitig: Oft kommt es zu Fehldiagnosen. Das Problem ist, dass es für die Antikörpertests keine Standardisierung gibt und man mit seinem Blut in einem Labor positiv und im nächsten negativ getestet werden kann. Sämtliche Labortests sind nicht in der Lage, eine Borreliose zu beweisen oder auszuschließen. Es gibt Fälle, da verlassen sich Ärzte aus Zeitgründen – oft bleiben nur sieben Minuten pro Patient – trotzdem auf die Ergebnisse.

Wenn sich Patienten selber schlau machen und auf eine ausreichende Behandlung pochen, erzeugen sie natürlich durch mehrfaches, oft hartnäckiges Frequentieren der Praxen hohe Behandlungszahlen. Ein weiterer Grund für die wenigen gemeldeten Fälle könnte zudem sein, dass Ärzte zu bequem sind, die Meldungen für die Gesundheitsämter auszufüllen und abzugeben.

Patienten fühlen sich stigmatisiert

Es ist für Patienten zunehmend beschwerlich, überhaupt einen Arzt zu finden, der Borreliose behandelt. Im Internet kursieren zwar Ärztelisten, die meisten Fachleute behandeln jedoch nur privat. Auch aus diesem Grund entstanden in den letzten 30 Jahren flächendeckend mehr als 100 Borreliose-Selbsthilfegruppen, so in Berlin, Potsdam, Bremen und Rostock.

Die Borreliose

Übertragung Zecken übertragen neben der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) vor allem die Borreliose, auch Lyme-Borreliose genannt. Sie wird durch Bakterien hervorgerufen. Saugt die Zecke länger als zwölf Stunden, steigt das Risiko einer Infektion mit Borrelien.

Symptome Anzeichen sind etwa 3 bis 30 Tage nach dem Stich eine kreisförmige Hautrötung um die Stichstelle („Wanderröte“). Es kann auch zu brennenden Nervenschmerzen, grippeähnliche Symptomen oder Gelenkschmerzen kommen. Diese treten manchmal erst nach Monaten oder Jahren auf. Borreliose kann mehrere Organsysteme betreffen, sehr selten auch das Herz. 

Diagnose Die Diagnose läuft nach dem Ausschlussprinzip: Der Arzt muss den Patienten sorgfältig nach seinen Symptomen befragen und andere Erkrankungen ausschließen. Ein Bluttest ist möglich, bringt aber keine Sicherheit.

Behandlung Die meisten Fälle verlaufen mild und sind mit Antibiotika behandelbar.

Neuroborreliose Ist eine Unterform der Lyme-Borreliose und betrifft das Nervensystem. Sie tritt bei drei bis 15 Prozent der Infizierten auf. Symptome zeigen sich wenige Tage bis Wochen nach dem Zeckenstich. Häufig sind das Gesichtslähmungen und Lähmungen der Augen. Herkömmliche Schmerzmedikamente zeigen keine Wirkung. Über eine Untersuchung des Nervenwassers kann die Neuroborreliose diagnostiziert werden.

Im Gegensatz zur Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) gibt es für Borreliose keine Impfung. Wie alle bakteriellen Infektionen wird auch Borreliose antibiotisch behandelt, mit mehr oder weniger Erfolg. Die meisten Behandlungen laufen leitliniengerecht mit Minimal-Dosierungen und oft zu kurz. Daher kommen die Patienten mit anhaltenden Beschwerden immer wieder zum Arzt und das in mehreren Quartalen.

Diese „Leitlinien“ werden von den Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften erstellt. Sie dienen Ärzten als systematisch entwickelte Hilfen zur Entscheidungsfindung, beispielsweise bei Diagnosen. Für die Borreliose gibt es zwei dieser Leitlinien. Beide sind fragwürdig.

Denn beim Mehrheitsentscheid für Diagnostik und die richtige Behandlung überstimmen in der Regel 20 Ärzte drei Patientenvertreter. Nachdem viel Gewicht auf Evidenz (Beweisbarkeit) gelegt wird, wird nicht nach Behandlungserfolgen entschieden, sondern mangels aktueller Erhebungen nach uralten Studien, nicht selten aus dem vergangenen Jahrhundert. Aus einer aktuellen Studie mit Hausärzten in Hessen, veröffentlicht in der Ärztezeitung am 1. Oktober diesen Jahres, geht jedoch hervor, dass sich die Hälfte der Ärzte an diesen Leitlinien orientiert.

Neurologen sind meistens die nächste Adresse, wenn der Hausarzt mit Borreliose nicht mehr weiter weiß. Eine Nervenwasser-Untersuchung soll dann die Diagnose bestätigen. Bei einem negativen Test werden den Patienten oft eine Depression, Multiple Sklerose oder – noch schlimmer – eine Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen attestiert. Patienten fühlen sich dadurch stigmatisiert, vor allem wenn sie durch eine Wanderröte auf die tatsächliche Ursache ihrer Beschwerden hinweisen können.

Vorteile für die Pharmaindustrie

Die Diagnose Borreliose scheint in Deutschland ein Tabu-Thema zu sein. Schüren Pharmaindustrie und FSME-Impfstoff-Hersteller dieses Phänomen? Der Vorteil von Fehldiagnosen ist für die Pharmaindustrie finanziell groß und marktbeeinflussend, weil die Krankenkassen selbst hochpreisige Medikamente nahezu ungebremst akzeptieren, während im Vergleich sehr preiswerte Antibiotika-Behandlungen von den Vereinigungen der Krankenkassen reglementiert werden.

In den vergangenen Jahren wurden mehrere Ärzte mit hohen Regressforderungen gezwungen, die Kassenzulassung zurückzugeben und nur noch privat zu behandeln. Einige wurden in den Ruin getrieben. Doch mit dem Leid der Borreliose-Patienten ist noch mehr Geld zu verdienen. Mit Diagnosen wie Depression, Multiple Sklerose, chronischer Schmerz, dazu auch Neuropathie und Herzinsuffizienz werden die Krankenkassen zusätzlich durch den Morbi RSA (Morbiditäts-Risiko-Struktur-Ausgleich) mit Zuschüssen aus dem Gesundheitsfonds „belohnt“. Daher protestieren auch die Krankenkassen nicht.

Vor einigen Jahren baten Kassen die Ärzte, ihre Diagnosen aus diesen Gründen nachträglich zu korrigieren. Jens Bahr, Vorsitzender der Techniker Krankenkasse, brachte diesen Missstand vor einigen Jahren in die Öffentlichkeit. Nach einem kurzen Aufschrei in den Medien versank das Thema wieder. Angeblich werde der Morbi RSA überarbeitet. Doch Krankenkassen scheinen gute Gründe und damit kein Interesse zu haben, dass sich für Borreliose-Patienten etwas ändert.


Die Autorin des Textes, Ute Fischer, war Jahrzehnte selbst von Borreliose betroffen. Sie engagiert sich im Verein Borreliose und FSME Bund Deutschland. Ute Fischer erhielt in diesem Frühjahr für ihre ehrenamtliche Borreliose-Aufklärungsarbeit das Bundesverdienstkreuz . 


Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt die Berliner Zeitung freien Autoren und jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Das bedeutet, dass er für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden darf.