Berliner Flughafen-Chaos: Was ich mit meinem Vater am BER erlebte

Unsere Autorin freut sich auf einen Urlaub mit ihrem 85-jährigen Vater. Leider müssen sie dafür zum BER. An- und Abreise werden zum Abenteuer.

Bis Ostermontag rechnet der BER mit großem Andrang in beiden Terminals. Foto: Christoph Soeder/dpa
Bis Ostermontag rechnet der BER mit großem Andrang in beiden Terminals. Foto: Christoph Soeder/dpaimago/Manngold

Wir freuen uns auf eine Woche Kroatien – zunächst der Flug, dann per Auto weiter in einen kleinen Ort nördlich von Trogir. Ein noch warmes Meer, Ruhe und Gespräche liegen vor uns, mein Vater wird in der nächsten Woche 85, wir wohnen weit entfernt voneinander, da gibt es viel zu erzählen. Auch das Wetter spielt laut Acht-Tage-Vorhersage mit. Die Flugtickets sind gekauft, ich habe uns online eingecheckt, eine Ferienwohnung gebucht, das Auto gemietet, es kann losgehen.

Der Hinflug ist für 17.40 Uhr vom BER mit Ankunft in Split 19.40 Uhr geplant. Kurz vor 15 Uhr starten wir per Straßenbahn in Weißensee, dann mit S-Bahn und Flughafenexpress nach Schönefeld. Der FEX ist voll, wir können aber noch zwei Sitzplätze ergattern. Beim Aussteigen fällt mir der Höhenunterschied zwischen Ausstieg und Bahnsteig auf: bestimmt 30 Zentimeter. „Nanu, wurde hier nicht barrierefrei gebaut?“, frage ich mich.

Wir fahren mit der Rolltreppe auf Ebene 1, in den Ankunftsbereich, wollen weiter hoch zur Abflugebene 2. Leider funktioniert keine einzige der Rolltreppen. Wir nehmen die Treppe. Mit den Koffern. Glücklicherweise ist mein Vater noch ziemlich kräftig, mindestens einmal wöchentlich geht er ins Fitnessstudio. Den großen Rucksack trage ich, und sein Gepäck ist nicht ganz so schwer wie meins. So können wir beide – Stufe für Stufe – unsere Koffer hochhieven. Es dauert … Mein Vater hätte sich, oben angekommen, gern kurz hingesetzt, die wenigen Bänke sind jedoch alle besetzt. Ich sehe ihm die Anspannung an. Noch sind wir unser Gepäck nicht los, das ist alles ganz schön aufregend für ihn.

Der Gepäck-Checkin am Automaten klappt problemlos. Ich zeige meinem Vater, wie die Aufkleber am Koffer befestigt werden müssen. Dann der Baggage Drop. Personal ist keines in Sicht. Aus dem Automatenschlitz lugt noch ein Gepäckschein nach Stockholm. Offenbar hat ein Reisender vor uns ihn nicht abgerissen und ist doch lieber zu einem Schalter mit Personal gegangen. Wir stellen unsere Koffer einen nach dem anderen aufs Gepäckband, ich halte die Bordkarten an das Lesegerät und drücke auf den Knopf.

Wenn die Rollstühle nur nach unten fahren.
Wenn die Rollstühle nur nach unten fahren.picture alliance/dpa

Cool bleiben - die Koffer werden schon ankommen

Der Automat spuckt die richtigen Gepäckscheine aus: BER – SPU. Das Band schnurrt los und befördert unser Urlaubsgepäck ins Nirgendwo. Als ich meinem Vater seinen Schein auf die Bordkarte klebe, sehe ich den Zweifel in seinen Augen: Ob unsere Koffer jemals ankommen? Ich überlege kurz, dass wir uns im Notfall im Dorfkonsum am Urlaubsort neue Zahnbürsten kaufen könnten. In Kroatien hat auch der Dorfkonsum sonntags geöffnet. Aber nein, cool bleiben – jetzt bloß keine Verunsicherung zeigen!

Langsam laufen wir zur Sicherheitskontrolle Nummer 5/6. Obwohl es Sonntag ist und später Nachmittag, ist es voll. Gerade, als wir uns angestellt haben, hören wir die Ansage, dass auch die Sicherheitskontrolle auf der anderen Seite der Halle genutzt werden kann. Für meinen Vater keine Option, der ganze lange Weg zurück. Wir stellen uns an, ich frage mich, ob es keine Leuchtanzeige in der Abflughalle gibt, die die jeweils leerere Kontrolle empfiehlt. So, wie ich das von anderen Flughäfen kenne. Im Nachhinein weiß ich, es gibt diese Anzeige, aber ich habe sie übersehen. Wir warten. Bis zum Röntgen des Handgepäcks etwas mehr als eine halbe Stunde. Mein Vater muss – trotz Körperscanner – seinen Gürtel abnehmen. Als wir durchleuchtet sind, helfe ich ihm, ihn wieder durch die Schlaufen zu ziehen.

Dann geht’s durch die Shopping-Meile zum Gate, im fünffachen Schleifengang zur Passkontrolle, obwohl außer uns gerade nur zwei andere Menschen kontrolliert werden wollen. Mein Vater hält tapfer durch. Alle Formalitäten sind erledigt – auf zum Gate! Ich freue mich schon jetzt auf den kleinen Flughafen in Split, wo man, wie ich weiß, auch die kurzen Wege auf einem Laufband zurücklegen kann. Anders am nigelnagelneuen BER! Hier gibt es statt Laufbändern lange Gänge, die zu Fuß bewältigt werden müssen.

Wir steigen ein schmales Treppenhaus treppab, ja, einen Fahrstuhl gibt es, allerdings passen da nur wenige Menschen gleichzeitig rein. Circa 45 Minuten vor dem geplanten Boarding sitzen wir endlich am Gate. Ich frage meinen Vater, ob ich noch etwas zu trinken kaufen soll. Nein, er will nur endlich in die Maschine. Aufgerufen zum Boarding wird nach 120 Minuten. Drei Busse bringen die Fluggäste zum Easyjet-Flieger. Vom Flugkapitän erfahren wir, dass die Verspätung einem Busfahrermangel geschuldet sei, es war schlicht niemand da, der uns übers Rollfeld fahren konnte.

Der Kapitän gibt sich Mühe, unterwegs ein wenig Zeit wettzumachen, wir landen mit 90 Minuten Verspätung. Sofort werden zwei Ausstiegstreppen angedockt. Von hier aus sind es nur ein paar Schritte zur Flughalle. Unsere Koffer warten bereits auf uns. Zur Autovermietung geht’s auf einem Laufband. Ich entschuldige mich, dass die Angestellte wegen uns am Sonntagabend Überstunden machen muss. Sie winkt ab, das scheint nichts Besonderes zu sein bei Flügen aus Berlin.

Mit ein wenig Glück kommt das Gepäck auch an.
Mit ein wenig Glück kommt das Gepäck auch an.imago/Achille Abboud

Rückreise: Verspätungen, fehlende Busfahrer, Zugchaos

Auf dem Rückflug, denken wir, wird alles besser: Wir müssen nicht zwei Stunden vorher am Flughafen sein, ich weiß aus Erfahrung, dass in Split alles unkompliziert sein wird. Außerdem sind wir gut erholt. Schwimmen im Meer, Schach spielen, lesen, ein wenig spazieren, es war wie eine Kur. Stress kann uns nun erstmal nichts mehr anhaben, denken wir. Unkompliziert ist es dann auch: Autoabgabe, mit dem Laufband zum Abflugschalter, schnelle Sicherheits- und Passkontrolle, nach einer halben Stunde sitzen wir am Gate. Die Anzeige zeigt leider schon jetzt 25 Minuten Verspätung an: 20.45 statt 20.20 Uhr. Daraus werden eineinhalb Stunden.

Wieder sind es die fehlenden Busfahrer in Berlin, die den pünktlichen Hinflug der Maschine nach Split verhindert haben, erfahren wir, als wir endlich im Flugzeug sitzen. Der Flugkapitän verspricht, die Verspätung bestmöglich aufzuholen. Am BER angekommen, brauchen wir zum Glück nicht auf den Bus zu warten, sondern dürfen diesmal direkt aus dem Flugzeug per Gangway ins Flughafengebäude gehen. Was uns auch das Treppensteigen im schmalen Treppenhaus erspart. Als wir unsere Koffer vom Band heben, kommt die Ansage, dass die restlichen Passagiere aus Split leider auf ihr Gepäck warten müssten. Glück gehabt!

Wir haben, was wir brauchen, und begeben uns nun ans andere Ende der Ankunftshalle zu den Regional- und S-Bahngleisen. Jetzt wird es nochmal kompliziert: Es gibt zwei Bahnsteige in die Innenstadt: S-Bahn und FEX/Regio, beide auf der unteren Ebene, jeweils nur getrennt erreichbar. Leider kann ich ohne Öffi-App nicht herausfinden, von welchem zuerst ein Zug in die Innenstadt geht. Oben kein Hinweis. Wir entscheiden uns für den S-Bahnsteig. Für Aufwärts- und Abwärtsrolltreppen ist beim Bauen wohl kein Platz gewesen, die Rolltreppe fährt nur aufwärts, wir nehmen also den Fahrstuhl.

Mit der S-Bahn und FEX/Regio zum „Flughafen BER“ und zurück.
Mit der S-Bahn und FEX/Regio zum „Flughafen BER“ und zurück.imago/Rüdiger Wölk

Die S-Bahn ist fast leer. Nur eine schüchterne Ausländerin mit viel Reisegepäck fragt mich, ob es von hier in die Innenstadt gehe. Ja, sage ich. In zwölf Minuten soll es losgehen, nach zehn kommt eine Durchsage, dass die S-Bahn heute leider nur bis Schöneweide fährt, ab da gebe es Schienenersatzverkehr. Wir hasten, zusammen mit der Ausländerin, der ich die Lage schnell erkläre, raus aus der S-Bahn. Glücklicherweise gibt es ja die Hoch-Rolltreppe zur oberen Ebene, aber zum Nachbarbahnsteig müssen wir wieder runter. Da der FEX dort abzufahren droht, holpern wir mit den Koffern nebenan lieber die Treppe runter, statt auf den langsamen Fahrstuhl zu warten.

Wir springen gerade noch rechtzeitig in den vollen Zug. Die Leute drängen sich im Türbereich, aber gleich dahinter ist ein Waggon völlig leer. Warum? Ach so, 1. Klasse. Aber gibt es für den FEX oder Regio überhaupt 1.-Klasse-Tickets zu kaufen? Haben nicht alle eigentlich nur ABC?, frage ich mich. Wir setzen uns. Der Schaffner wird hier garantiert nicht kontrollieren, die vollen Gänge erlauben kein Durchkommen. An der Anzeige steht nur „Hauptbahnhof“. Eine Durchsage „Nächster Halt …“ gibt es nicht. Dafür aber das obligatorische „Wir weisen auf die Maskenpflicht hin ...“, auf Deutsch und Englisch.

Dass der Zug vor dem Hauptbahnhof nochmal hält, kann man nur ahnen. Und hoffen. Wir haben Glück, steigen Ostkreuz aus, fahren weiter mit der Ringbahn zur Prenzlauer Allee. Es ist kurz nach eins, mitten in der Nacht. Der Fahrstuhl fährt nicht. Mein Vater und ich wuchten unsere Koffer erneut die Treppe hoch. Die Straßenbahn ist pünktlich. Um 1.30 Uhr fallen wir ins Bett, und bevor ich einschlafe, frage ich mich, wieso Deutschland eigentlich den Ruf hat, dass dort alles so gut funktioniert.

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