Berlin - Hans-Jürgen Erdmann, geboren 1930 in Berlin, wurde nur 21 Jahre alt. Er starb nicht im Krieg, nicht durch Bomben auf seine Heimatstadt Berlin, er starb 1952 durch Genickschuss in Moskau. Zeit seines Lebens hat sein jüngerer Bruder, Dietrich Erdmann, mein Vater, zunächst nach ihm gesucht und nach Kenntnis seines Todes alles unternommen, um die Umstände aufzuklären.

1996 stellte mein Vater einen Antrag auf Rehabilitierung seines Bruders. Ein tröstliches Ende gab es nicht, mein Vater starb 2013, mit einer abgelehnten Rehabilitierung. Am 29. Oktober 2021 findet unter dem Titel „Rückgabe der Namen“ am Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus in Berlin-Charlottenburg eine Lesung der Namen von Opfern der sowjetischen Militärtribunale aus Berlin und Brandenburg statt (von 17 bis 19 Uhr), veranstaltet von Memorial Deutschland e. V., einem Verein, in dem ich mich engagiere.

Hans-Jürgen Erdmann, den ich nicht mehr kennenlernen konnte, war der einzige Angehörige aus der engeren Familie meines Vaters, der ihm im Alter von 14 Jahren geblieben war. Die Eltern starben früh – die Mutter 1946 an Krebs, der Vater, Beamter der Kriminalpolizei, im Januar 1947 an Dystrophie im sowjetischen Speziallager Buchenwald. Die beiden Brüder wurden von den Großeltern in Obhut genommen. 1947 beendete Hans-Jürgen Erdmann die Volksschule nach sieben Schuljahren und begann eine Lehre als kaufmännischer Angestellter bei der Schiffsfrachtenkontor GmbH Berlin, die er 1950 beendete. Im Anschluss bewarb er sich als Bergarbeiter bei der AG Wismut in Sachsen mit dem Ziel, Bergbauingenieur zu werden. So gab er es in seinem Lebenslauf zur Bewerbung an, der uns in Kopie vorliegt.

Die Wismut AG suchte damals in der ganzen SBZ/DDR mit Aushängen nach Männern zwischen 18 und 55 Jahren für die Arbeit im Bergbau. Wegen der hohen Uranvorkommen war der Bergbau im Erzgebirge für die Sowjetunion interessant. Uran wurde für den Aufbau des sowjetischen Nuklearprogramms benötigt. Die Sowjetunion übernahm die Kontrolle über die Wismut AG und bezog sie in die Reparationszahlungen nach Ende des Krieges ein, erst 1954 wurde sie in die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut umgewandelt.

Die Produktion wurde von Truppen des sowjetischen Innenministeriums abgesichert, die Belegschaft streng überwacht. Risiken und gesundheitliche Gefahren des Uranabbaus waren damals kein Thema, wahrscheinlich wusste man auch noch zu wenig darüber. Es gab ausreichend Essen und vergleichsweise gute Löhne, in der Not der Nachkriegszeit ein verlockender Grund.

Paranoia und Sabotage im Uranabbau

Hans-Jürgen Erdmann verpflichtete sich im März 1951 für mindestens ein Jahr und wurde als Radiometrist und Kollektor im Objekt 15, Freiberg, Schacht 1 eingesetzt. Lange sollte sein Einsatz nicht dauern. Die sowjetische Besatzungsmacht übertrug ihre stalinistische Paranoia in den neuen Machtbereich. Überall sah sie Feinde, Sabotage, Spionage. Umgekehrt versuchten die Alliierten, die Produktion mit Sabotageakten zu stören.

In welchem Ausmaß derartige Aktionen die Produktion tatsächlich beeinträchtigten, ist heute nicht geklärt. Viele Deutsche konnten sich die strenge Ahndung kleinster Vergehen nicht vorstellen. Schon der Besitz einer westlichen Zeitschrift erschien verdächtig, Schmuggel und Schwarzmarkthandel erst recht. Aber man musste irgendwie überleben. Westliche Geheimdienste waren an Informationen aus dem Uranbergbau interessiert und zahlten gut. Auf diese Weise wollten sie das Kernwaffenpotenzial der UdSSR im beginnenden Kalten Krieg einschätzen.

Uran wurde zu hohen Preisen illegal in West-Berlin verkauft, trotz Geigerzähler an den Ausgängen versuchten das einige Wismut-Kumpel. Fehlsprengungen, Unfälle oder Havarien wurden schnell als Sabotageakte verurteilt. Immer wieder wurden Angestellte abgeführt oder verschwanden plötzlich, man fragte besser nicht danach.

Am 29. August 1951 wurde Hans-Jürgen Erdmann gemeinsam mit Gerhard König aus Dresden unter dem Verdacht der Sabotage von der Staatssicherheit in Johanngeorgenstadt festgenommen. Ihnen wurde vorgeworfen, das Hauptstromkabel zum Schacht I gesprengt und die Luftleitung des Schachtes zu sprengen versucht zu haben. Am folgenden Tag wurde er dem Sowjetischen Geheimdienst MGB, dem Vorgänger des KGB, übergeben und in das Gefängnis Chemnitz-Kassberg überstellt.

Mein Vater, in Sippenhaft genommen und ebenfalls nach Chemnitz gebracht, sah ihn durch den Sehschlitz an der Sichtblende seines Zellenfensters im Oktober 1951 mehrere Male beim Hofgang. Er verständigte sich mit ihm durch Zuruf, danach wurden die Haftbedingungen verschärft. Auf dem Kassberg hat er seinen Bruder das letzte Mal gesehen. Danach verlor sich seine Spur.

Schweigepflicht nach dem Tod des Bruders

Nach seiner Entlassung 1952 versuchte mein Vater trotz auferlegter Schweigepflicht, das Schicksal seines Bruders aufzuklären. Über Jahre führte er einen umfangreichen Briefwechsel mit Behörden der Besatzungsmacht, mit den DDR-Ministerien für Staatssicherheit, Justiz und Inneres, suchte den Kontakt mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und schrieb auch an die Lokalredaktion der Berliner Zeitung.

1953 erklärten ihm sowjetische Offiziere in der Haftanstalt auf dem Kassberg in Chemnitz, die er in der Hoffnung auf Auskunft aufsuchte, Hans-Jürgen Erdmann befinde sich zur Strafverbüßung in deutschem Gewahrsam. Das war eine Lüge. Von deutschen Stellen kamen, wenn überhaupt Antwort erteilt wurde, negative Auskünfte. Unter dem Druck einer Rias-Sendung mit Veröffentlichung der Namen teilte ihm 1954 das Ministerium für Staatssicherheit über die Kreisdienststelle Königs Wusterhausen mit, Hans-Jürgen Erdmann sei am 26. Februar 1952 durch ein sowjetisches Militärtribunal zu 25 Jahren Haft verurteilt worden.

Auch das war eine Lüge. Einzig dem 1956 beauftragten Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel gelang es nach jahrelangen Bemühungen, den Roten Halbmond der UdSSR zur Freigabe von Daten zu bewegen, die jedoch nur noch ein Todesdatum beinhalteten – den 26. Juni 1954 auf dem Territorium der Sowjetunion. Auch das entsprach nicht den Tatsachen.

1959 fertigte das Standesamt in Zeuthen eine Sterbeurkunde aus. Was passierte mit Hans-Jürgen Erdmann und Gerhard König? Am 26. Februar 1952 wurden sie vom sowjetischen Militärtribunal Nr. 48240 in Chemnitz wegen angeblicher Spionage, Diversion und Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation zum Tode verurteilt. Aus dem staatsanwaltschaftlichen Bericht geht hervor, dass Hans-Jürgen Erdmann vorgeworfen wurde, ab Januar 1951 mit der sogenannten Gruppe für den Kampf gegen die Unmenschlichkeit in West-Berlin zusammengearbeitet zu haben, in deren Auftrag er im Juli 1951 zwei Aufnahmen mit der Ansicht eines der Produktionsgebäude der Wismut AG gemacht und Informationen über ihre Produktionskapazitäten gesammelt habe.

Außerdem habe er gemeinsam mit Gerhard König aus einem der Unternehmensbergwerke Patronen und Zünder gestohlen und in der Nacht des 7./8. Juli 1951 ein Hochspannungskabel gesprengt, wodurch für etwa zwei Stunden teils die Stromversorgung im Werk zusammenbrach.

Die Asche ruht in einem Massengrab

In der Regel wurden die Gefangenen wenige Tage nach der Urteilsverkündung in das Gefängnis Berlin-Lichtenberg, Magdalenenstraße, überstellt. Von dort wurde der Transport in die Sowjetunion organisiert. Getarnt in Reise- oder Postwagen, die an den „Blauen Express“ Berlin–Moskau angehängt wurden, gingen die Transporte vom Bahnhof Berlin-Lichtenberg über das Transitgefängnis Brest-Litowsk weiter nach Moskau. Dort kamen sie in die Gefängnisse Butyrka, Lefortowo oder die Lubjanka, die Zentrale der sowjetischen Geheimdienste. Formal konnten sie ein Gnadengesuch einreichen. Die Gnadengesuche von Hans-Jürgen Erdmann und Gerhard König wurden am 16. Juni 1952 vom Präsidium des Obersten Sowjets abgelehnt.

Bereits zehn Tage später, am 26. Juni 1952, wurden die Urteile gegen die beiden im Keller des Moskauer Butyrka-Gefängnisses vollstreckt. Die Toten wurden verbrannt, ihre Asche ruht in einem Massengrab auf dem Moskauer Donskoje-Friedhof. Bis 1955 wurde auf dem Gelände die Asche von geschätzt 10.000 Opfern aus verschiedenen Ländern des sowjetischen Machtbereichs und aus Moskau verstreut.

Mitte der 1990er-Jahre sorgten Menschenrechtsgruppen zusammen mit der Friedhofsverwaltung für eine würdige Erinnerung, 2005 wurde in Anwesenheit von Angehörigen, Opferverbänden und des amtierenden Bundesratspräsidenten ein Gedenkstein für die Opfer aus Deutschland eingeweiht.

Wir als Familie können die erhobenen Vorwürfe nicht prüfen. Der Zugang zu den Archiven in Russland ist nach einer Phase der teilweisen Öffnung wieder geschlossen. Eine Zusammenarbeit mit der „Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit“ (KgU) aber erscheint uns absurd. Die KgU war eine militante antikommunistische Organisation, die von 1949 bis zu ihrer Auflösung 1959 von West-Berlin aus den Widerstand gegen die SED-Diktatur unterstützte.

Hans-Jürgen Erdmann war ein junger Mann, der Geld verdienen und studieren wollte. Interessant wäre für uns das Gnadengesuch, das er geschrieben hat. In vielen Fällen wurde nachgewiesen, dass Geständnisse und Zeugenaussagen unter Druck und Folter erpresst wurden, man kennt das auch aus anderen Prozessen, vor allem des Großen Terrors 1936–1938. Rechtsstaatlichkeit gab und gibt es bis heute nicht.

Rehabilitierung abgelehnt

Eine Rehabilitierung von Hans-Jürgen Erdmann und Gerhard König wurde 1996 mit der Begründung abgelehnt, dass die beiden aufgrund ihrer Geständnisse und Zeugenaussagen begründet verurteilt wurden. Man machte sich nicht die Mühe, den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu prüfen. Möglicherweise genügte eine bestimmte Rehabilitierungsquote. Gegen die Entscheidung könne beim Militärkollegium des Obersten Gerichts der Russischen Föderation Berufung eingelegt werden, hieß es. Darauf haben wir verzichtet.

Welches Leid erfährt eine Familie, deren Angehöriger spurlos verschwindet, die kein Zeichen von ihm bekommt, von seinem Schicksal nichts erfährt, sich lange Zeit an die Hoffnung klammert, er könne noch leben? Und als schließlich der Tod bestätigt wird, die Umstände ungeklärt bleiben, mit zunehmenden Informationen jedoch Zweifel an der Darstellung aufkommen? Die jahrzehntelang zum Schweigen verurteilt ist, keinen Abschied nehmen kann und keinen Ort der Trauer hat?

Mein Vater hat trotz der Schweigepflicht alles in Bewegung gesetzt, um Näheres über seinen Bruder zu erfahren. Viele Jahre hat er gehofft, ihn lebend wiederzufinden. Erst als er Gewissheit hatte, hat er die Suche aufgegeben. Über den Schmerz hat er nicht oft gesprochen, dennoch hat er uns als Kinder eingeweiht, sobald wir es verstehen konnten. Auf persönliche Weisung des Ministers Mielke wurde er von der Staatssicherheit massiv überwacht. In der jüdischen Tradition stirbt ein Mensch zweimal – das erste Mal, wenn sein Herz aufhört zu schlagen, das zweite Mal, wenn sein Name zum letzten Mal gesagt, gelesen, gedacht wird.

Darauf bezieht sich die Lesung der Namen, eine Veranstaltung von Memorial Deutschland unter dem Titel „Rückgabe der Namen“, die am 29. Oktober 2021 am Stein für die Opfer des Stalinismus am Steinplatz in Berlin-Charlottenburg durchgeführt wird. Sie findet am Vorabend des Tages des politischen Gefangenen statt, der in Russland begangen wird, und ist verbunden mit Namenslesungen in verschiedenen Städten Russlands und parallel in anderen europäischen Ländern. An Hans-Jürgen Erdmann wird am 29. Oktober 2021 in Berlin erinnert werden.

Die Autorin ist ehrenamtliches Vorstandsmitglied bei Memorial Deutschland. Hauptberuflich arbeitet sie bei der Hilfsorganisation Brot für die Welt in der Osteuropaförderung.

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