Am 19. August 2021 jährte sich der Tag meiner Verhaftung zum 60. Mal. Ein Tag, der in meiner Familie und mir so nachhaltig Spuren hinterließ wie kein anderer. Am 19. August 1961 war ich nach Hohenschönhausen gekommen, nicht um im Sportforum Berliner Meister mit der 3 x 1000 m Staffel zu werden, wie zwei Jahre zuvor. Von den „Organen“ war ich aus meiner Arbeitsstätte in Adlershof in die U-Haftanstalt Hohenschönhausen gebracht worden. Aber nicht nur ich: Vor mir war mein Vater schon hier angekommen.

Mein Vater hatte die Spaltung Deutschlands als Folge des Zweiten Weltkriegs nicht akzeptiert. Deshalb ließ er sich vom Bundesnachrichtendienst mit der Behauptung anwerben, sein Eid aus dem Jahr 1936 auf den Reichskanzler Adolf Hitler würde ihn 1960 noch verpflichten.

Um mich im Westen Berlins polizeilich anmelden zu können, hatte ich ein „Notaufnahmeverfahren“ durchlaufen. Dieses Verfahren begann mit der Sichtung durch die Geheimdienste. Beim BND wollte man die Daten meiner Eltern wissen. Dass mein Vater auf einer Liste für potentielle Agenten stand, wusste ich nicht. Nach einem halben Jahr gelang es dem BND unter dem Vorwand, mein Vater hätte sich bei einer Firma in Nürnberg beworben, Kontakt mit mir aufzunehmen. Nach Rücksprache mit meinem Vater hatte ich ihm den Herren vorgestellt. In der Sprache des Ministeriums für Staatssicherheit: Ich habe meinen Vater dem BND zugeführt.

Wie greift die Haft noch heute ins Leben ein?

Das war vor 60 Jahren. Mein Vater wurde nur 66 Jahre alt. Was bringt mich dazu, jetzt diesen Ort, der heute Gedenkstätte ist, freiwillig aufzusuchen? Mich, der sich seit 30 Jahren mit den Folgen von Haft auf die nachfolgenden Generationen beschäftigt? Mich, der nach wenigen Wochen als Folge der Vernehmungen schwer erkrankte und die Haft mit viel Glück überlebt hat? Mich, der ich hier selbst zwei Jahre lang Führungen gegeben habe?

Ich will herausfinden, wie weit die Haft heute noch in mein Leben eingreift. Mit S-Bahn und Taxi fahre ich in die Genslerstraße, zahle sechs Euro Eintritt für eine normale Führung, sehe einen Einführungsfilm, der nicht mehr - wie zu Knabe-Zeiten - die SED-Diktatur schlimmer als die Hitler-Diktatur darstellt. Als früherer Häftling will ich mich nicht zu erkennen geben.

Der junge Historiker kommt auf die Zusammensetzung der Inhaftierten zu sprechen, und ich moniere, dass nicht nur politisch Andersdenkende aller Schattierungen wie Christen, Sozialdemokraten und Kommunisten, sondern auch Menschen hier inhaftiert waren, weil sie für westliche Geheimdienste tätig waren. Der junge Historiker hatte nicht erwähnt, dass dreißig Prozent der Inhaftierten bis 1961 wegen geheimdienstlicher Kontakte hier saßen. Das wollte ich nicht durchgehen lassen.

Die Wut auf meinen Vater, der sich weigerte, mit mir über die Haft zu reden, hatte ich gerade abgebaut. Nun traf ich auf eine größere Bastion des Schweigens, errichtet in der Gedenkstätte, die eigentlich den gesetzlichen Auftrag hat, die Geschichte der Haftanstalt zu erforschen und das Gedenken an die „Opfer der SED-Diktatur“ wach zu halten. Wird mein Vater im Narrativ der Gedenkstätte verschwiegen, weil er nicht nur Opfer, sondern auch Täter war, der gegen die Spaltung seines Vaterlandes kämpfte?

imago/fotokombinat
Vernehmungszimmer in der Zentralen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit der DDR - Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

Spurensuche in den Stasi-Akten

Zu Hause ging ich in den Keller und trug die Kisten mit den Kopien nach oben, die der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen mir vor über zwanzig Jahren zur Verfügung gestellt hatte. Ich war erstaunt, mit welcher Akribie die Stasi-Leute gearbeitet, wie sorgfältig sie die Vernehmungen vorbereitet und ausgewertet hatten. Doch bald bedrückte mich ihre Gegenwart und ich brachte das Zeug zurück in den Keller. Dort blieb es, auch als ich Kontakt mit dem Stasi-Mann aufnahm, der meinen Vater und mich verhaftet hatte.

Nun stapeln sich die weißen Kisten in meinem Zimmer und verunstalten den schönen roten Perserteppich. Auf einem steht „Vernehmungen Werner“. Auf Seite 213 finde ich den Untersuchungsplan vom August 1961:
„Einschätzung des U-Vorganges: Bei SCHULZ handelt es sich um einen seit 1960 für den BND tätigen, gefährlichen Agenten, der mit speziellen nachrichtendienstlichen Hilfsmitteln wie präpariertem Papier, Mikrofotografien mit Abbildungen verschiedener Typen unserer Waffen, ... ausgestattet wurde… SCHULZ erkundete im Gebiet der DDR Richtfunk- und Radaranlagen und erklärte sich bereit, im Kriegsfall für den BND zu arbeiten…“

Mehr lese ich nicht. Allein aus diesen Zitaten geht hervor, dass das Handeln meines Vaters öffentlich gewürdigt werden müsste, anstatt es zu verschweigen. Jetzt bin ich der Einzige, der ihm seine Würde als handelnder Mensch zurückgeben kann.

Privat
Der Vater unsere Autors.

Wir sind beide Kriegskinder, mein Vater des Ersten, ich des Zweiten Weltkrieges. Er ist 1917 geboren, ich 1941. Unsere Eltern wähnten sich auf der Seite der Sieger. Beide wuchsen wir in einem besiegten Land auf. Mein Vater, im Gegensatz zu mir, ohne Ruinen.

Als ich ihn fragte, weshalb er Berufssoldat geworden sei, erzählte er mir vom Segelfliegen und dass er gern Pilot geworden wäre. Seine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend verschwieg er. Von 1936 an war er beim Bodenpersonal der Luftwaffe der Wehrmacht, zuletzt als Waffenmeister im Rang eines Oberfeldwebels. In meiner Jugend hat mich das beruhigt, weil er nicht auf Menschen schießen musste. Bis mir beim Nachdenken über den Begriff „Bombenwetter“ der Zusammengang zwischen „schönem Wetter“ und Bomben auffiel. Seitdem habe ich den Begriff Bombenwetter nicht mehr benutzt.

Später habe ich über die Tätigkeit eines Waffenmeisters der Luftwaffe recherchiert. Ich begriff, dass mein Vater seine Fähigkeit, als Schaltmechaniker Feinmessgeräte im Heinrich-Hertz-Institut der Akademie der Wissenschaften zu bauen, während seines Dienstes bei der Wehrmacht erworben hatte.

15 Jahre Zuchthaus – wegen Spionage

Vor einigen Jahren wollte ich vom BND wissen, wie und wodurch das Interesse an meinem Vater entstanden sei. Ich erhielt eine Karteikarte, auf der ein Code für einen Tippgeber stand. Welcher Vorgang sich dahinter verbarg, wollte man mir auch nach mehr als 50 Jahren „aus Gründen der Quellensicherung“ nicht mitteilen. Meine Vermutung ist: Mein Vater wurde auf Grund seiner gegnerischen Haltung zum DDR-System als potentieller Agent bei einer Befragung im Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde genannt.

Was meinem Vater genau vorgeworfen wurde, habe ich erst drei Tage vor dem Prozess Ende Januar 1962 erfahren, als mir die Anklageschrift in die Zelle gereicht wurde. Für meinen Vater wurden 15 Jahre Zuchthaus und für mich vier Jahre beantragt, wegen Spionage. In den Akten habe ich später gelesen, dieses Strafmaß haben die Mitarbeiter des MfS „empfohlen“. In seiner Urteilsbegründung sagte Oberrichter Fritz Genrich, dass bei der Schwere der Straftat meines Vaters auch die Todesstrafe möglich gewesen wäre. „Aber die innere Stärke der DDR erlaubt es, nicht die ganze Härte des Gesetzes in Anwendung zu bringen.“

Mein Vater stand auf der ersten Liste für den Freikauf von politischen Gefangenen in der DDR durch die Bundesregierung im August 1964. Immer wenn ich darauf hinwies, es sei Pflicht der Bundesregierung gewesen, die Menschen herauszukaufen, die wegen Tätigkeiten für den Westen in Haft saßen, traf ich auf Unverständnis.  Menschenhandel habe die DDR betrieben, sie habe Oppositionelle an den Westen verkauft.

Wenn 30 Jahre nach dem Ende der DDR immer noch verschwiegen wird, dass und in welchem Umfang der BND in der DDR tätig war, mag das im Interesse des Geheimdienstes liegen, aber im Interesse der Menschen, die von ihm instrumentalisiert wurden, ist das nicht. Statt sie öffentlich für ihren mutigen Einsatz zu ehren, belässt man sie in der Schmuddelecke der Vergessenen.

Mein Vater nahm sein Schweigen mit ins Grab

Als ich Mitte der 90er-Jahre für das Deutschland-Archiv einen Artikel mit dem Titel „Ein Christ im Widerstand“ über meinen Vater schrieb, war meine Verwunderung über ausbleibende Reaktionen groß. Inzwischen habe ich erkennen müssen, dass im kollektiven Gedächtnis die Aktivitäten der westlichen Geheimdiensttätigkeit in der DDR gar nicht auftauchen. 

Mein Vater starb 1983 an Krebs. Wir wussten ein halbes Jahr vorher von seiner Erkrankung. Er nahm sein Wissen mit ins Grab. Und hinterließ mir die Aufgabe, nach Ende des Kalten Krieges an der Darstellung der wirklichen Geschichte mitzuwirken und dem kriegstypisch produzierten Mangel an Mitgefühl entgegenzuwirken.

Das wirkte sich auf das Aufwachsen meiner Kinder aus. Bei meiner Tochter war die Herkunft klar in ihrer Unklarheit: in der DDR gezeugt, in West-Berlin geboren, aufgewachsen im vereinigten Deutschland. Als sie Sklerodermie bekam, eine großflächige Verhärtung der Haut infolge von Immunschwäche, dachte ich an meine Äußerung über ihren Großvater mütterlicherseits: „Einmal Panzerfahrer, immer Panzerfahrer“, hatte ich mal gesagt, als meine Tochter noch nicht geboren war. Und meine Tochter verpanzerte sich?

Hoffnung auf die junge Generation

Seitdem beschäftige ich mich mit transgenerationaler Übertragung. Mein Sohn wurde nach Ende des Kalten Krieges geboren. Dass es einen Staat DDR in Deutschland gab, hat er von mir früh erfahren. Auf die Schule habe ich ihn so vorbereitet, dass er im Alter von neun Jahren eine Pisa-Aufgabe für 14-Jährige im Kopf lösen konnte. Aber ich konnte nicht verhindern, dass er zwei Jahre später wegen einer Rechtschreibschwäche nur die Hauptschul-Empfehlung bekam.

Nun, fast dreißig Jahre alt, sagt er, ich hätte ihn auf das Leben, was ihn erwarte, nicht vorbereitet, nicht vorbereiten können. Ich hätte nur auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen handeln können. Die aber stammen aus einem Land, das einerseits formal gespalten war, dessen Bewohner aber, unabhängig davon in welchem Teil sie lebten, damit zu tun hatten, den „Zusammenbruch“ der Hitler-Diktatur zu verarbeiten.

Mein Sohn habe es jedoch damit zu tun, in einem zwar formal vereinten Land zu leben, dessen Einwohner aber nach den Jahrzehnten gegenseitigen Herabwürdigens noch nicht zur beiderseitigen Wertschätzung gelangt sind. Dies von ihm zu hören, macht mich hoffnungsvoll: Er hat, obwohl im Westen Deutschlands aufgewachsen, die einseitig westdeutsche Sicht deutscher Nachkriegsgeschichte nicht übernommen.

Klaus Schulz-Ladegast schreibt ein Buch über die Geschichte seiner Familie und die Auswirkungen von Kriegs- und Hafterfahrung auf die folgenden Generationen. Es erscheint 2022 im Berliner RainStein-Verlag.

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