Berlin - West-Berlin war ein Abenteuer. Gerade für uns Jungs, die im reifen Alter von zwölf Jahren mit ihren Bonanza-Fahrrädern die Straßen (und nicht nur die) unsicher machten, war die Stadt eine einzige Spielwiese. Hier konnte man Dinge erleben, von denen man heute nur noch träumen kann.

Computer gab es allenfalls im „Raumschiff Enterprise“ und Handys… das soll wohl ein Witz sein? In Ermanglung solcher Ablenkung schwangen wir uns täglich aufs Rad und radelten in den Grunewald, in den Tegeler Forst oder in die Sandberge in Heiligensee – dort, wo Amis, Engländer und Franzosen regelmäßig den gefürchteten „Ernstfall“ trainierten. Kurzum: Wir fuhren ins Manöver.

West-Berlin war in drei Sektoren unterteilt, wobei jeder einem der West-Alliierten unterstellt war. So gehörten die nördlichen Bezirke der Halbstadt zum französischen, die mittleren zum britischen und die südlichen zum amerikanischen Sektor. Gerade zu den Amerikanern in Zehlendorf und Steglitz hatten wir Kinder in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre ein besonderes Verhältnis.

Panzer vor der Haustür

Ich wuchs in Dahlem auf, dort wohnten auch die Familien der amerikanischen Offiziere, etwa entlang eines Teils der Argentinischen Allee und der Clayallee. Meine Grundschule hatte eine Partnerschaft mit der amerikanischen Schule, die ebenfalls in Zehlendorf lag.

Im Winter lieferten wir uns auf den Rodelbahnen am Schwarzen Grund, am Rodelberg an der Onkel-Tom-Straße oder am Teufelsberg regelrechte Kaperschlachten mit den Ami-Kids. Das hatte durchaus einen besonderen Reiz, verfügten die US-Boys – und Girls – doch über kleine, lenkbare Flachschlitten, die wesentlich cooler aussahen als unsere hausbackenen Holz-Gefährte. Noch wesentlich spannender als auf den Rodelbahnen war es jedoch im Grunewald oder, wenn man im französischen Sektor wohnte, in den Sandbergen in Heiligensee.

Hier hielten die Soldaten der drei Schutzmächte jeweils in ihren Sektoren, manchmal aber auch vereint, ihre Militär-Manöver ab. Damit keine Irrtümer aufkommen: Wir waren damals Kinder und von großer Politik so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Was interessierte uns der Krieg, den die USA in Vietnam führten? Die großen Studentendemonstrationen gegen diesen Krieg nahmen wir zwar am Rande wahr, aber sie berührten uns nicht.

Was uns faszinierte, waren die Panzer, die vor unserer Haustür durch die Straßen in den Grunewald rollten, waren die martialisch aussehenden Soldaten in ihren grünen Tarnanzügen und die Manöver-Munition, die sie en masse verballerten. Dort, wo scharf geschossen wurde, kam man natürlich nicht hin. „Keerans Range“ etwa, der Schießplatz der US-Army in der Nähe der Avus im Bezirk Zehlendorf, war absolute Sperrzone.

Unsere Eltern kannten uns natürlich und wurden nicht müde, uns immer und immer wieder zu ermahnen, nicht mal in die Nähe zu fahren. Zu Recht, sage ich heute, denn es hätte durchaus lebensgefährlich werden können. Erst viel später erfuhren wir, dass durch unkontrollierte Geschosse und Querschläger in den 1950er Jahren mehrmals Zivilisten, die sich in unmittelbarer Nähe des Geländes aufgehalten hatten, schwer verletzt worden waren.

Die herkömmlichen Übungen der Amerikaner fanden aber im gesamten Grunewald bis zur Havel am westlichen Rand des Forstes statt, und abgesehen von den großen, mehrtägigen Manövern war dort von Absperrungen nichts zu sehen. Und so konnten wir Kinder tatsächlich des Öfteren live miterleben, wie amerikanische Hubschrauber auf dem Dahlemer Feld, einer großen Lichtung im Grunewald, Landungen und das Absetzen von Soldaten übten. Das alles war ein Heidenspektakel, und wer schon einmal neben einem Helikopter mit laufender Turbine gestanden hat, weiß, was das für ein Lärm ist. Hinzu kam das Gewehrgeknatter der aus den Maschinen springenden GIs.

Platzpatronen und Flimmerkisten

Unsere Eltern, die den Krieg noch miterlebt hatten, hätten die Hände über den Köpfen zusammengeschlagen. Da wir ihnen zuvor aber genau gesagt hatten, dass wir – ehrlich – auf dem Spielplatz um die Ecke seien, wussten sie natürlich nichts davon. Übrigens: Geschossen wurde in den nicht als absolute Sperrzone deklarierten Bereichen des Waldes selbstverständlich nur mit Platzpatronen, und wirklich „zwischen die Fronten“ gerieten wir nie. Darauf achteten die Soldaten schon und natürlich auch wir. Bei aller „Traute“, die wir so mit 10 bis 14 Jahren hatten, waren wir doch keineswegs lebensmüde. Abgesehen davon dauerten die Ballereien in der Regel nur wenige Minuten.

Meist lagen die Soldaten dann stundenlang in den Stellungen oder saßen auf ihren Panzern oder bei den gelandeten Hubschraubern, futterten irgendein Zeug aus grünen Konservendosen, plauderten miteinander oder auch mit uns (einen besseren Englisch-Unterricht konnten wir uns kaum vorstellen) oder sahen fern. Kein Witz, irgendein GI hatte immer eine kleine Flimmerkiste dabei, in der, angeschlossen an einer Batterie, US-Serien wie „The Flinstones“, „Bonanza“ oder „Bewitched“ lief. Und so kam es, dass ich einmal im tiefsten Grunewald den Bonanza-Helden Ben Cartwright und seine drei Jungs sehen konnte, und das inmitten einer Panzer-Crew amerikanischer Soldaten.

Waren die Manöver der Alliierten beendet, war für uns das Abenteuer noch nicht vorbei. Jetzt ging es ans Sammeln. Eicheln und Kastanien interessierten uns da nicht so sehr. Vielmehr waren es die zahlreichen Utensilien, die die Truppen zurückließen. Glücklicherweise hat sich das Umweltbewusstsein der Alliierten später geändert, aber in den späten 1960ern und Anfang der 1970er Jahre konnte man noch so einigen Manöverschrott vom Waldboden auflesen, mit nach Hause nehmen oder dem Altmetallhändler ein Angebot machen. Abgeschossene Messingpatronenhülsen knüpften wir zu goldfarbenen Patronengürteln zusammen und zurückgelassene Munitionskisten aus Metall wurden zu Schultaschen umfunktioniert. All das liest sich heute, rund 50 Jahre später, wie Science Fiction. In meiner Erinnerung aber haben unsere Kindheitserlebnisse mit Amerikanern, Briten und Franzosen in West-Berlin einen festen Platz.

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