Die künstlichen Fingernägel klappern unerlässlich auf dem Display ihres Smartphones. Das Cape sitzt perfekt auf dem akkurat gekämmten Haar, ein filigraner Lidstrich ziert die Augen der 13-Jährigen. Dass Vlada gerade eine Flucht hinter sich hat, sieht man ihr nicht an. Zu groß ist die Freude über eine heiße Dusche und eine Nacht in einem richtigen Bett. In meinem. Sie weiß noch nicht, wo sie in den nächsten Wochen und Monaten sein wird – in der Ukraine, in Deutschland oder Spanien. Sie ahnt in diesem Moment auch nicht, dass sie in wenigen Stunden ihr geliebtes Meerschweinchen zurücklassen muss.

Ich traf Vlada und ihre Familie zwei Tage zuvor am Berliner Hauptbahnhof.

Wie viele andere Freiwillige habe ich mir am Sonnabendnachmittag eine gelbe Warnweste angezogen und einfach mitgeholfen. Ich trug Koffer und Kinder von Bahnsteig zu Bahnsteig, sortierte gespendete Kleidung, blieb irgendwann an einem Essensstand hängen – bei den Süßigkeiten und geschmierten Broten. Die drei ukrainischen Worte für Käse, Wurst und Tüte beherrschte ich nach wenigen Minuten aus dem Effeff. Der Rest ergab sich von selbst. Alle paar Stunden rollten Züge mit bis zu 1000 Geflüchteten ein. Je kälter es wurde, desto häufiger mussten wir Speisen nachfüllen. Für schnell Umsteigende packten wir in Windeseile Tüten. Diejenigen, die mehr Zeit hatten, suchten sich selbst aus, was sie für ihre Weiterreise wollten: Babybel, Wurstbrote, Schokolade, kleine Veggie-Brote.

Viele müssen die Nacht auf dem kalten Bahnhofsboden verbringen

Wir Freiwilligen arbeiteten Hand in Hand, obwohl wir uns nicht kannten. Erst in ruhigen Momenten fragten wir uns nach unseren Namen und verarbeiteten gemeinsam unsere Eindrücke. Wir sprachen darüber, dass wir kaum alte Menschen sahen, stattdessen aber viele erschöpfte Frauen und Kinder, die zu bescheiden waren, sich mehr als einen kleinen Lolli zu nehmen. Manche der Ankömmlinge waren von der Hilfsbereitschaft so beeindruckt, dass sie einen Moment weggingen, ehe sie gefasst genug waren, unsere Hilfe anzunehmen. Und wir sprachen über die vielen, die die Nacht auf dem kalten Bahnhofsboden verbringen mussten, weil in der Halle nebenan in späten Stunden keine Freiwilligen mehr darauf warteten, den Ankommenden ein Obdach zu bieten.

Vlada und ihre Familie lernte ich mitten im Trubel kennen.

„Was für eine schöne Jacke“, sagte ich auf Englisch und deutete auf den knallroten Daunenanzug ihres Chihuahuas. „Mach ein Foto, du kannst ein Foto mit ihr machen“, antwortete Alina, Vladas 19-jährige Schwester. Ich tat es und kuschelte das zitternde Hündchen für das Foto an mich. „Sie ist sehr nervös. Die Reise ist anstrengend“, sagte Alina mit gebrochenem Englisch. Ich erwiderte, sie und ihre Begleiterinnen würden dagegen überraschend entspannt wirken. „Das sieht nur so aus, wir funktionieren nur“, erwiderte Alina – lächelnd, sich für ihr Englisch entschuldigend. „Wir waren noch nie im Ausland.“

Ich wollte wissen, ob sie für die Nacht einen Schlafplatz hätten. „Ja, heute schlafen wir hier, morgen wollen wir weiter nach Spanien. Wir haben Verwandte dort. Weißt du, wie wir dort hinkommen?“ – „Über Paris, mit dem Zug. Das dauert aber drei Tage.“

Etwas später tauschten Alina und ich unsere Nummern. Ich bot ihr an, bei Kommunikationsproblemen zu helfen, und betonte, dass ich meine Nummer sonst niemandem gegeben hatte. Nur ihr. Sie lächelte und begann zu weinen, dann lagen wir uns in den Armen. Auch mir kamen die Tränen.

Am nächsten Morgen klingelte mein Telefon. Alina. „Kannst du für uns einen günstigen Schlafplatz in Berlin finden? Wir sind zu müde, um heute weiterzureisen.“ – „Ihr könnt gerne bei mir wohnen. So lange ihr wollt. Ist umsonst.“

Keine vier Stunden später stand Alina mitsamt Schwester, Mutter, dem Hund und einem Meerschweinchen vor meiner Potsdamer Wohnungstür. In der Zwischenzeit hatte ich mich hastig durch die Nachbarschaft geklingelt, um Hundefutter, Kleintiergehege, Nagetierfutter, Nudeln, Pesto und Gemüse zu besorgen. Eine Matratze sollte später nachgeliefert werden. Es war Sonntag und ich nicht eingestellt auf so viel Besuch.

Wir verbrachten gemeinsam den Abend – in meinem Wohnzimmer, nachdem jeder Winkel meiner Wohnung fotografiert worden war, „weil sie so schön ist“.

Beim Essen sprachen wir hin und wieder über den Krieg, meistens aber über andere Dinge. Ich lernte, dass man in der Ukraine nicht wie hier einfach bei Nachbarn klingelt: „Zu unsicher. Korruption. Viel Misstrauen. Schon immer.“

Ich lernte auch, dass es in der Ukraine keine Mülltrennung gibt. „Das ist ja wie spielen“, hörte ich es aus der Küche rufen. „Das kommt hier rein, das da. Und diese Mülleimer! Dass es die so zu kaufen gibt! Wahnsinn!“

Der Bruder und der Vater sind noch in Mariupol

Alina, die als einzige Englisch sprach und einen grenzenlosen Optimismus versprühte, organisierte den Trip – wie sie die Reise weg von den Bomben nannte. Das Wort Flucht nahm sie zu keiner Zeit in den Mund. Auch nicht, als sie davon erzählte, dass Bruder und Papa noch in Mariupol waren – seit sieben Tagen unerreichbar. Nach dem Essen griff die 19-Jährige zur Gitarre und sang ukrainische Lieder. Die Mutter schaute skeptisch. Sie mochte keine ukrainischen Lieder.

„Alle zu traurig“, erklärte sie mit den wenigen englischen Worten, die sie kannte. Die jüngste Tochter Vlada konnte wegen der coronabedingten Schulaussetzung noch kein Englisch, weshalb sie abwesend und unentwegt auf ihrem Telefon herumtippte. Keiner nahm es ihr übel.

Am Morgen darauf stand Alina mit ausgebreiteten Armen auf dem Balkon und blickte in die Sonne. „Ich fühle mich nach tanzen!“, sagte sie. „Das hier ist ein Wunder. Ab heute glaube ich an Wunder. Ich glaube, dass in Paris und Spanien auch Wunder passieren werden.“ Auch der Hund lag in der Morgenwärme und schnarchte zufrieden.

Später machten wir einen Spaziergang durch den Park Sanssouci. Wir hatten Zeit, denn die Familie wollte ihren Trip erst am Abend fortsetzen. Die Nacht wollten sie im Zug verbringen, um in Paris kein Hotelzimmer bezahlen zu müssen – zu teuer. Ich zeigte ein paar Schlösser, in der Unimensa am Neuen Palais aßen wir Pudding. Die drei fotografierten jeden Krokus, waren beeindruckt davon, wie gerade Bäume in einer Reihe stehen können, und bewunderten jede Statue, an der wir vorbeikamen. Die Schlösser schienen uninteressant.

Dann kam der Abschied. Kurz vor der Abreise beschlossen wir, Busya, das Meerschweinchen, bei mir bleiben zu lassen. Es hatte standhaft die fünftägige Reise bei Minusgraden in seiner winzigen Transportbox überlebt. Nun noch weitere drei Tage bis Spanien und ohne Geld für einen neuen Käfig – das wollte die Familie dem Tier nicht antun.

Sie hatten viel zurücklassen müssen

Als das Taxi unten wartete und sich die drei von ihm verabschiedeten, rollten die Tränen. Insbesondere bei Vlada, der coolen 13-Jährigen. Wie viel hatten sie schon zurücklassen müssen. Den Papa, das Zuhause, als das Benzin, leer war das Auto, später in Polen einen der beiden Koffer, die die Familie bis dahin mit sich getragen hatte, und dann auch noch das Meerschweinchen.

Wenn ich in meiner Freizeit nicht am Hauptbahnhof bin, beschäftige ich mich mit Busya. Ich schaue mir das Foto mit dem Chihuahua an. Seine Jacke – ein Sinnbild für den Luxus, der vor ein paar Tagen noch normal war. Plötzlich unwichtig.

Ich hoffe, dass die Hilfsbereitschaft am Bahnhof und überall auf der Welt anhält. Je mehr Zeit vergeht, desto traumatisierter sind die Leute, die zu uns kommen, und desto mehr Hilfestellung müssen wir leisten. Wir können den Krieg nicht stoppen, aber wir können alle unseren kleinen Teil dazu beitragen, ihnen die Situation zumindest für einen Moment zu erleichtern.

Seit die Familie ihre Reise fortgesetzt hat, erhalte ich viele Nachrichten von Alina. Sie hat mich für „danach“ in die Ukraine eingeladen. Wunder hat die Familie seither nicht erlebt. Mit der Ankunft in Spanien schlug Alinas Optimismus in Pessimismus um. Sie spricht nicht mehr vom Trip, sondern von Flucht. Sie vermisst ihre Freunde, ihre Privatsphäre, ihr Leben.

Realisieren, was passiert – ein Zeichen dafür, dass sie in Sicherheit ist, vermute ich. Ein Lichtblick ist die Nachricht, dass ihre Angehörigen es aus Mariupol herausgeschafft haben und endlich Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen konnten. Busya wird demnächst zu Celina ziehen – eine Schülerin meiner Schule. Die Achtklässlerin hatte über eine Freundin von dem Tier erfahren und freiwillig angeboten, sie in ihr Meerschweinchenrudel aufzunehmen.

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