Berlin - In Zeiten von Corona macht man wieder Urlaub im eigenen Lande. Wem das zu langweilig ist, der baut eine Variante ein, die etwas Abenteuer verspricht: Er mietet sich ein Elektroauto. So also auch wir, meine Frau und ich, und natürlich auch ein E-Auto aus heimischer Produktion, ein BMW i3 S. 

Das Gute zuerst. Ein solcher Ausflug wird nie langweilig, die Tage sind mit einer Art Pfadfinderspiel gut gefüllt. Man lernt fremde Menschen kennen und kommt mit ihnen ins Gespräch. Eigentlich müsste jetzt ein Seminar „Elektrotechnik für Fortgeschrittene“ folgen, in dem mindestens das ohmsche Gesetz, der Unterschied zwischen Stromspannung, -stärke und -leistung aufgefrischt wird, aber dazu fehlt uns hier die Geduld.

Erst mal ist das Internet weg

Geduld braucht man aber zuhauf, wenn man in Brandenburg Strom tanken will. Außerdem Weitsicht, ein Smartphone und ein funktionierendes Internet. Damit haperte es bereits bei der ersten Ladesäule Prignitz-Ost, kurz vor dem Dreieck Wittstock. Nicht, dass wir da schon frischen Strom brauchten. Bis zur Müritz sind es nur 180 Kilometer, der Wagen zeigt 290 Kilometer maximale Reichweite an. Aber die erste Ladesäule sollte der erste Test sein. Das Scan-Feld reagierte erst nicht, das Internet war wohl zu dünn oder weg. Die Hotline, die erstaunlicherweise funktionierte, spendiert uns daraufhin einige Kilowatt gratis.

Deshalb sei an dieser Stelle noch etwas Positives angemerkt: Man bekommt als Exot noch sehr oft was geschenkt, zum Beispiel vor Baumärkten und sogar beim Vermieter. Im Gegensatz zu Benzinern muss man den Elektro-Mietwagen nicht vollgetankt zurückgeben.

Wobei Bau- und Supermärkte die Tankladung mit Hintergedanken spendieren. Unsere erste Regelladung in Malchow dauerte drei Stunden. In dieser Zeit kann man eine Menge einkaufen. Das Aufladen brachte noch ein anderes Problem als das Zeitproblem zutage. Das Steckerproblem. Im Mietwagen selbst war zwar nur ein Stecker, da konnte man nichts verwechseln. Aber wenn man sich per App oder im Internet die nächsten Ladesäulen anzeigen lässt, fängt die Raterei an: Ist der Stecker im Auto nun ein Typ-2- oder etwa doch ein Mode-3-Stecker? Mit Geduld waren auch diese Fragen zu klären, wir hatten keinen Termindruck und standen nicht im strömenden Regen, aber insgesamt schien die Lage suboptimal, wie es im Managerdeutsch heißt.

Gut versteckte Ladesäulen

Warum zeigt jede App andere Orte an, teilweise auch private Ladestationen auf Hotelparkplätzen ? Warum benutzt jeder Anbieter andere Abkürzungen ? Warum sind die Ladekosten ziemlich versteckt, genauso wie die Ladesäulen in der Natur und im Navi  (als „Sonderziel“). Die häufigste Frage blieb aber die nach der Reichweite.

Damit ist selbst der Bordcomputer oft überfordert, und rechnet ständig neue Reichweiten aus. Dummerweise immer aufgrund des bisherigen Fahrprofils, und ist damit ungefähr so zuverlässig wie die Prognose der Wirtschaftsweisen für das kommende Jahr. Die Weisen konnten Corona nicht ahnen, der Bordcomputer weiß nicht, ob man gleich über eine Umleitungsstrecke mit bergigem Profil muss.

Und hier stößt man dann auf das wohl größte Problem der Pkw-Elektrifizierung: Es gibt keine Art von Reservekanister, also etwas, das mit einer Powerbank für Handys vergleichbar wäre. Im Reichweitenproblem steckt das Problem der Energiedichte. Während man bei einem Verbrenner mit leerem Tank sich ganz gut mit einem Fünf-Liter-Reservekanister behelfen kann, müsste man für das gleiche Energiepotenzial einen 400 Kilogramm schweren Li-Ionen-Akku anschleppen.

Hat Lenin das E-Auto geahnt?

Als Trost bleibt das E-Auto im Gegensatz zum Verbrenner nicht einfach stehen, sondern schleppt sich mit reduzierter Leistung noch ein bisschen weiter. Und Strom gibt es dann vielleicht an einer Steckdose bei einer Bekannten, die sich über einen längeren Besuch freut …

Der Urlaub gleich vor der Haustür fühlt sich an wie ein Ausflug auf einen anderen Stern. Das gewählte Reiseziel, das Naturressort Drewitz in der Nähe von Malchow, entpuppte sich als ehemalige Jagdresidenz von Erich Honecker. Traumhaft im Wald gelegen, weit außerhalb jeder Ortschaft. Und deshalb ohne jede Ladesäule oder Wall-Box. Hatte nicht Lenin gesagt: „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“? Hatte Lenin das E-Auto geahnt? Vielleicht hilft ihm der Kapitalist Elon Musk auf die Sprünge, der demnächst bei Grünheide ein neues Batteriewerk baut. Sofern dort keine Großtrappen brüten.


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