Der Begriff „Selbstfürsorge“ ist aus der Instagramwelt und aus zahlreichen Überschriften in Medien und Werbung nicht mehr wegzudenken. Oft wird dabei suggeriert, dass insbesondere „frau“ etwas auf sich achten muss, damit sie ausgeglichen und entspannt bleibt. Dieses „auf sich Achten“ wird dabei gleichgesetzt mit einem wohltuenden Tee hier, einem Schaumbad da oder dem entspannten Lackieren von Finger- und Fußnägeln. Tatsächlich aber meint Selbstfürsorge etwas anderes als ab und an ein wenig Wellness – und ist gerade jetzt für Mütter in der echten Bedeutung besonders wichtig.

Selbstfürsorge haftet ein negatives Image an, das es schwer macht, den Blick auf die Sorge für sich selbst ernst zu nehmen: Sie klingt nach Egoismus und danach, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Gerade in einer Zeit, in der Bücher über Narzissmus und besonders über narzisstische Mütter den Markt erobern, ist das nichts, dem man sich selbst zuordnen möchte.

Die Kurbedürftigkeit der Eltern nimmt zu

Gerade Mütter haben es damit, der Sorge um sich selbst Priorität zuzuweisen, besonders schwer: Schließlich ist es eine häufige Erwartungshaltung, dass die Bedürfnisse des Kindes oder gar mehrerer Kinder an erster Stelle stehen und die der Eltern nachgeordnet sind. Das Mutterideal der selbst aufopfernden guten Mutter ist auch heute noch weit verbreitet: ein Irrglaube, der sich erschreckend beständig zeigt.

Wenn Menschen nicht auf sich und ihre Bedürfnisse achten, geht es ihnen nicht gut: Das Wohlbefinden leidet, erste Anzeichen von Stress wie Aggressivität, Nervosität, Ungeduld, Müdigkeit bis hin zu körperlichen Symptomen wie Magenschmerzen und Verspannungen können auftreten. Wird auf diese Warnzeichen nicht eingegangen, kann das weiter bin hin zum Burnout führen. Laut Müttergenesungswerk werden am häufigsten Eltern-Kind-Kuren wegen krankhaften Erschöpfungszuständen in Anspruch genommen: Allein 2019 waren 47.000 Mütter und 2100 Väter auf Kur, doch spricht das Müttergenesungswerk von 2,1 Millionen kurbedürftigen Müttern und 230.000 kurbedürftigen Vätern in Deutschland.

Wer sich gut fühlt, kann die Bedürfnisse der Kinder besser beantworten

Die Folgen der mangelnden Sorge für sich selbst können also enorm sein. Und auch den Kindern tut eine solche Selbstvernachlässigung nicht so gut, wie es dem aufopferungsvollen Ideal entsprechend sein müsste. Denn wenn wir unsere eigenen Akkus nicht aufladen, fällt es uns schwerer, die Absichten und Bedürfnisse der anderen Menschen und auch der eigenen Kinder wahrzunehmen und richtig zu beantworten. Unsere Feinfühligkeit nimmt ab. Aufopferung bringt damit also niemandem in der Familie langfristig etwas.

Auf die eigene Regulationsfunktion zu achten und damit Gesundheit zu erhalten und zu fördern, wie die WHO Selbstfürsorge umschreibt, ist aber in unserem heutigen Alltag gar nicht so einfach. Nicht nur wegen des verinnerlichten Bildes der aufopferungsvollen Eltern, sondern auch verinnerlichte Glaubenssätze zu Fleiß, Produktivität und deren Einfluss auf den Selbstwert, der Druck der „Rushhour des Lebens“ und die uns überall umgebenden Selbstoptimierungstendenzen machen es schwer, auf uns zu achten.

Die doppelte Berufstätigkeit steigert den Druck

Während schon der westdeutschen Hausfrau-Mutter der 1950er-Jahre „Frauengold“ zur Stärkung und Entspannung empfohlen wurde, ist die Belastung heute mit Doppelerwerbstätigkeit und Carearbeitsaufteilung noch gestiegen. Alleinerziehende müssen dabei den Druck, die finanzielle Last und gesellschaftliche Diskriminierung oft auch noch alleine tragen. Für die Sorge um unser Wohlergehen ist in all diesen geballten Aufgaben wenig Raum.

Foto: Ronja Jung
Susanne Mierau ist unsere Bloggerin des Monats  

Sie wurde 1980 in Berlin geboren, studierte Kleinkindpädagogik und Psychologie an der FU Berlin. Sie arbeitete in Forschung und Lehre, bevor sie sich als Familienbegleiterin selbstständig machte und Kurse für junge Eltern gab. 2011 entstand ihr Blog „Geborgen wachsen“. Mierau gehört zu den erfolgreichsten Ratgeber-Autorinnen ihrer Generation. Um Selbstfürsorge geht es in ihrem 2019 publizierten Buch „Mutter.Sein. Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs.“ Soeben ist ihr Buch: „Frei und unverbogen“ erschienen. Susanne Mierau lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Brandenburg.

Hinzu kommt noch, dass Selbstfürsorge nicht nach Schema F abläuft, sondern individuell gestaltet werden muss: Beispielsweise sind unsere Stressbewältigungsmechanismen verschieden und neben dem Versuch, Stress durch Aufgabenminimierung zu reduzieren, hilft einigen Menschen eher Meditation und anderen helfen ausgiebige Sporteinheiten.

Was uns aber verbindet, ist der Umstand, dass wir alle Bedürfnisse haben, die berücksichtigt werden müssen, damit es uns körperlich und psychisch gut geht. Das sind beispielsweise Essen, Trinken, Schlafen, Bewegung, Atmen, Sexualität, Sicherheit, Zugehörigkeit, Liebe, sozialer Kontakt, Wertschätzung, Selbstverwirklichung.

Gerade jetzt in der Pandemie sind viele Bedürfnisbereiche eingeschränkt: Wir erleben uns teilweise ausgeschlossen aus einer Gemeinschaft und weniger im sozialen Miteinander durch die Kontaktbeschränkungen, auch die Bewegungsmöglichkeiten sind – je nach sonstigen Hobbys – eingeschränkt. Und wer nicht in einer Partnerschaft lebt, fühlt sich vielleicht auch in Bezug auf Liebe und Sexualität vernachlässigt.

Gerade Familien und insbesondere Mütter haben noch einmal verschärfte Bedingungen in Bezug auf Wohlergehen und Bedürfniserfüllung. Aktuell befinden sich viele Familien in einem schwierigen Balanceakt zwischen Homeoffice, Lernbegleitung von Schulkindern zu Hause und Alltagsgestaltung mit Kleinkindern.

Durch die Krise wird Vereinbarkeit noch schwieriger als sonst

Die Bevölkerungsstudie „Eltern während der Corona-Krise“ des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hält im Sommer 2020 fest: „Besonders Mütter von Kindern unter 16 Jahren waren öfter niedergeschlagen oder deprimiert: Fast 26 Prozent empfanden diese Gefühlslagen an ein bis zwei Tagen der Woche und gut 17 Prozent an drei oder mehr Tagen. Bei Müttern kommen zu Sorgen um die Gesundheit oder die finanzielle Absicherung noch gestiegene Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit hinzu.“ Auch wenn sich während der Pandemie gezeigt hat, dass auch Väter mehr Care-Arbeit verrichten als zuvor, tragen viele Mütter weiterhin die Hauptlast.

Was also können wir konkret und langfristig für unsere Selbstfürsorge tun? Zunächst müssen wir unseren Blick dafür schärfen, wie gut wir einzelne Bereiche versorgen. Vielen Menschen in der heutigen Erwachsenengeneration fällt das nicht leicht, weil wir das Gefühl für unsere Bedürfnisse zum Teil schon in den Kinderjahren aberzogen bekommen haben durch Anpassung und Druck. Wer also Schwierigkeiten damit hat, kann sich für eine Woche zunächst jeden Tag vornehmen, eine Bedürfnisampel zu führen: Genug geschlafen? Gut gegessen? Bewegung gehabt? Sozialkontakte? Geliebt gefühlt?

Gesundheit und seelische Ausgeglichenheit sind keine Luxusfeatures

Wenn wir über eine längere Zeit die einzelnen Bedürfnisbereiche beobachten, sehen wir, welche wir besonders vernachlässigen. Auf dieser Basis können wir dann bestimmen, was wir wie ausfüllen wollen. Und dann müssen wir noch das große Hindernis der Umsetzung überwinden: Wer in einer Partnerschaft lebt, kann dies partnerschaftlich besprechen. Vielleicht braucht es dafür Umstellungen, Vereinbarungen und auch Durchsetzungsfähigkeit: Ein Termin für mich und mein Wohlergehen ist wichtig, weil ich wichtig bin. Achtung der Gesundheit und seelischen Ausgeglichenheit sollten keine Luxusfeatures unseres Alltags sein, sondern ein normaler Bestandteil. Und diese Bedeutung müssen wir im Terminplan verankern.

Wer allein lebt, muss oft auf ein unterstützendes Netzwerk zurückgreifen, das Freiräume dafür eröffnet. Hier liegt es auch in unserer gesellschaftlichen Verantwortung, dass wir jenen, die sich in einer Position befinden, in der sie keine nahe familiäre Unterstützung haben, durch Unterstützungsangeboten helfen, Zeit für die Selbstfürsorge zu finden. Das kann sein, indem wir von uns aus anbieten, das Kind der Freundin nachmittags von der Kita mitzunehmen, es am Wochenende bei uns übernachten zu lassen oder ihr eine Einkaufstour ersparen, indem wir für sie mit einkaufen.

Selbstfürsorge wieder zu etablieren, bedeutet sowohl, im ganz Kleinen bei sich anzufangen, als auch kritisch auf unsere Gesellschaft und Strukturen zu blicken, die kleine Rituale als Heilmittel vorschiebt, statt anzuerkennen, dass das Gesamtgefüge an Stress, Gleichzeitigkeit und Überlastung es kaum möglich macht, selbst Schaumbad und einen ruhigen Tee in den Alltag einzubinden.


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