Berlin - Inszenieren kann er sich. „#OneLove“, so hieß das Video, mit dem er nach langer Abstinenz wieder in die Öffentlichkeit getreten ist.

In augenscheinlicher Betroffenheit erzählt darin Xavier Naidoo von seiner Läuterung. Er habe Fehler gemacht, wurde instrumentalisiert und habe nun alles eingesehen. Der Ukraine-Krieg soll zu seinem Umdenken geführt haben. Weil seine Frau und damit auch Teile seiner Familie aus der Ukraine kommen, sehe er nun seine Fehler. Was das für Fehler waren, sagt er nicht. Wer ihn instrumentalisiert habe, sagt er auch nicht. Die Netzwerke, die ihn gefördert haben, legt er nicht offen.

Aber sein Ziel hat er erreicht: Es wird wieder über ihn geredet, geschrieben und gestritten. Er ist zurück in der medialen Öffentlichkeit, nachdem diese ihn zum Teil für seine verschwörungsideologischen, antisemitischen und rassistischen Aussagen sanktioniert hatte.

Austeiger:innen erfahren umgehend Rehabilitation

Das ZDF geht dem Fall mit seiner Sendung „Die Spur – Xavier Naidoo: Comeback eines Verschwörungs-Stars?“ nach. Lange hat man dafür gebraucht, zu benennen, was sich in eindeutigen Aussagen doch schon längst geäußert hatte. Umso bereitwilliger schienen allerdings viele Menschen den „Schwamm drüber“ machen zu wollen. Sie forderten Vergebung für ihren gefallenen Helden.

Die Reaktionen ließen sich allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen. Nicht nur, weil nur wenige Menschen zu begreifen scheinen, was eigentlich problematisch war: nämlich der offene Antisemitismus, Rassismus und Verschwörungsglauben in seinen Aussagen in Interviews oder dem Messengerdienst Telegram. Problematisch ist auch, dass Aussteiger:innen in der deutschen Öffentlichkeit immer wieder eine enorme Aufmerksamkeit und umgehende Rehabilitation erfahren.

Die deutsche Öffentlichkeit hatte sich ohnehin schwergetan, Naidoo für sein Handeln zu sanktionieren. Das mag auch an so mancher Ambivalenz liegen: 2001 veröffentlichte Naidoo mit dem Musikprojekt Brothers Keepers den antirassistischen Track „Adriano“. Und 20 Jahre später ist Naidoo Teil verschwörungsideologischer Netzwerke, macht Musik mit der rechtsradikalen Band Kategorie C. Viel zu lange hat man ihn belächelt.

Doch der Fall Naidoo zeigt beispielhaft, wie Menschen in der Öffentlichkeit rehabilitiert werden, die sich (vermeintlich) von menschenfeindlichen Positionen lossagen. Das ehemalige Jury-Mitglied von „Deutschland sucht den Superstar“ ist dafür bei Weitem nicht das einzige Beispiel.

Wofür hat sich Naidoo eigentlich entschuldigt?

Noch kann hier kein abschließendes Urteil gefällt werden. Doch das Misstrauen, das hier und da zu hören ist, halte ich für berechtigt. Viel zu sehr stand medial die angebliche Läuterung im Fokus, enorm war das mediale Echo. Auch Szenegrößen des Deutschrap hießen den gefallenen Kameraden schnell wieder in den eigenen Reihen willkommen.

Wofür sich Naidoo eigentlich entschuldigte, wurde auch hier zumeist nicht hinterfragt. Dabei würde diese Frage doch auf ein viel tiefer liegendes Problem hinweisen.

Nämlich: Wie kann es sein, dass Naidoo über Jahre hinweg zur Normalisierung von antisemitischen und rassistischen Ressentiments wie auch Verschwörungsideologien beitragen konnte, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden? Wie kann es sein, dass jemandem, der verschwörungsideologisches Denken in sein Publikum und damit tief in bürgerliche Milieus verbreitete, nach einem dreiminütigen Video so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird?

Die Liste der Agitation im Fall Naidoo ist zu lang: Naidoo hat sich bereits 1999 als „Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe“ bezeichnete, er sprach 2009 in seinem Lied „Raus aus dem Reichstag“ davon, dass „Baron Totschild (…) den Ton“ angibt, denn der „Schmock ist’n Fuchs“ – Sätze, die von Wissenschaftler:innen als antisemitische Codes eingeordnet werden.

Die Liste der Vergehen von Naidoo ist lang

Er bezeichnete 2009 die Anschläge vom 11. September als Inside-Job, zeigte 2010 den Bundespräsidenten und die Bundesregierung wegen Hochverrat an. 2012 rappte er gemeinsam mit Kool Savas über verschwörerische Ritualmorde, und am Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2014 trat er bei einer Reichsbürger:innen-Kundgebung auf und forderte „Freiheit für Deutschland“. 2017 veröffentlichte er einen Track, der von der FAZ als „Hymne der Reichsbürgerbewegung“ beschrieben wurde und im März 2020 sagte er im Gespräch mit dem Verschwörungsideologen Oliver Janich, er habe seine Reichweite als Juror von DSDS genutzt, um sein in Kürze erscheinendes „patriotisches“ Album zu bewerben. Und ich beleuchte nur einen Ausschnitt von Naidoos gefährlichem Gesamtwirken.

Erst im März 2020, nach fast zwei Jahrzehnten antisemitischer, rassistischer und verschwörungsideologischer Agitation, wurde der Sänger vom Privatsender RTL entlassen. Ein Wandel in der öffentlichen Bewertung setzte mit diesem Schritt und der darauffolgenden Veröffentlichung eines Videos ein, in dem sich Naidoo selbst filmte.

In diesem weinte er in Richtung Kamera. Er wiederholte die Erzählung der QAnon-Netzwerke, dass Kinder in geheimen Kellern gefangen gehalten und aus ihren Körpern durch Folter das Stoffwechselprodukt Adrenochrom gewonnen würde.

Doch die wirkliche Auseinandersetzung mit der Ideologie hinter Naidoos Aussagen wurde weiterhin von jenen erläutert, die dies bereits in den vergangenen Jahrzehnten kritisch besprochen haben.

In sozialen Medien blieb die Auseinandersetzung oberflächlich: Naidoo, die verschwörungsideologische Witzfigur. Das relativierte die Bedrohung, die sich hinter solchem Denken verbirgt. Weil die Gefahr nicht ernst genug genommen wurde, war es einfach, schnell Rehabilitation zu fordern.

Es muss die Möglichkeit geben, auszusteigen

Dabei sind massive Leerstellen entstanden. Leerstellen, von denen vor allem jene betroffen waren, gegen die Naidoo gehetzt hatte, die er mit seinen Aussagen traf, die er als Feindbild markierte und denen er über Jahre hinweg den Platz in der Öffentlichkeit genommen hatte. Solange wie Naidoo seine Vorstellungen mehr oder weniger subtil äußerte, wurde er immer wieder in Talkshows eingeladen und gab Interviews.

Dieses Problem geht weit über Naidoo hinaus. Ich möchte es das „Aussteiger:innen-Heldentum“ nennen. Dabei geht es nicht darum, die Auseinandersetzung mit den Gründen und Wegen von Aussteiger:innen aus der rechten und verschwörungsideologischen Szene anzuzweifeln. Für die Präventions- und Exit-Arbeit ist es sinnvoll, zu analysieren, wie sich Menschen radikalisieren und was dazu führt, dass sie der Szene den Rücken zuwenden.

Gleichermaßen muss man sich mit der Rolle der entsprechenden Personen in klassischen und sozialen Medien beschäftigen. Natürlich muss es eine Möglichkeit zur Rehabilitation geben.

Nahezu jedes Mitglied dieser Gesellschaft hat antisemitische und rassistische Vorstellungen verinnerlicht. Die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Äußerungen sollte anerkannt werden. Die Gründe für einen Ausstieg aus rechten und verschwörerischen Netzwerken und der Abschied von der neonazistischen Betätigung können hilfreich sein, um Menschen den Ausstieg zu erleichtern.

Doch Rehabilitation sollte nicht mit Vergebung verwechselt werden. Vergeben können nur die Opfer und Betroffenen der rechten Betätigung. Trotzdem wird schnell behauptet, dass die Aussteiger:innen ein Recht auf Vergebung hätten. Die angebliche oder tatsächliche Sanktionierung und der Ausschluss müssten nun ein Ende haben. Oft folgen Einladungen in Talkshows, Interviews, der eigene YouTube-Channel und Buchveröffentlichungen.

Während der organisierte rechte Terror in diesem Land allzu gerne verdrängt wird, scheint die deutsche Öffentlichkeit kaum genug von denjenigen zu bekommen, die der rechten Szene (vermeintlich) den Rücken gekehrt haben. Tolerant zeigt man sich gegenüber den bleibenden Einstellungen, die nun aber in bürgerlicher Rhetorik gekleidet werden.

Xavier Naidoos Hetze bleibt nicht ohne Folgen

Es wird nicht genug nachgehakt, wovon sich die Aussteiger:innen verabschieden. Wenn ein populärer Sänger als Zugpferd der verschwörungsideologischen Szene über Jahre als akzeptables Mitglied der angeblichen bürgerlichen „Mitte“ gilt, dann wirkt er wie ein Scharnier für die Verbreitung menschenfeindlicher Narrative in diese gesellschaftliche Mitte hinein.

Naidoos Hetze blieb nicht ohne Folgen. Folgen, die Jüd:innen, queere Menschen und Migrant:innen, Muslim:innen und BIPoCs als Gewalt erfahren mussten und müssen. Folgen für diejenigen, die mit ihrer Aufklärungsarbeit das Happyland ins Wanken brachten, weil sie das Idol anderer infrage stellten. Happyland war es, weil sich nur wenige damit beschäftigen wollten, was offensichtlich war. Wer wegsieht, kann unbeschwert mitsingen.

Die Gewalt, die Schmerzen und das Leid, welche besagte Menschen vor ihrem Ausstieg verschuldet haben, sind nicht einfach verschwunden. Für die Betroffenen bleibt es ein Bestandteil ihrer Biografie. Während die Täter:innen beklatscht werden, müssen sich die Betroffenen von den Taten erholen. Doch die Erfahrung verschwindet nicht einfach.

Betroffene sollten gehört werden

Während die Täter:innen in Interviews und Talkshows wieder und weiter ihre menschenfeindlichen Einstellungen vertreten, erleben die Betroffenen weiterhin Anfeindungen und Gewalt. Ihnen wird nicht dieselbe Aufmerksamkeit zuteil.

Ja, wir sollten uns mit den Menschen befassen, die sich von der organisierten Rechten abgewendet haben. Sie in ihrem Ausstieg zu unterstützen, geht aber auch, ohne sie zu Idolen zu machen. Und ihre Taten vergeben können nur die Betroffenen ihrer Gewalt.

Rehabilitation fordert eine intensive Auseinandersetzung mit rechter Ideologie. Sie erfordert ein Offenlegen von Strukturen und Persönlichkeiten. Und sie erfordert ehrliches Bemühen gegenüber den Menschen, deren Leben man negativ geprägt hat.

In der Mitte der Öffentlichkeit sollten vor allem Betroffene, Forscher:innen und Aktivist:innen und deren Erfahrungen stehen. Sie sollten gehört werden. Denn Aussteiger:innen sind Menschen, die Gewalt ermöglicht haben. Sie sind keine Held:innen.

Der Autor Monty Ott ist Politik- und Religionswissenschaftler und publiziert zu den Kontinuitäten des Antisemitismus, deutscher „Erinnerungskultur“ und queerem Judentum. Ott schreibt seine Doktorarbeit zu „Queer-jüdischer Theologie in Deutschland“ und engagiert sich im jüdisch-aktivistischen Medienprojekt „Laumer Lounge“.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.