Berlin - Ich wurde in jenem Teil Berlins geboren, der drei Monate später zur sowjetischen Besatzungszone gehörte, aus der vier Jahre später die DDR hervorging. Ich habe die Hälfte meines Lebens in der DDR verbracht.

Es war nicht alles schlecht, heißt es gelegentlich bei Nostalgikern. Der Satz ist banal. Früher war’s schon deshalb besser, weil wir jünger, schöner und lebendiger waren. Als nachträgliches Aufbegehren im Systemvergleich ist der Slogan töricht: Als ob die SED-Diktatur doch nicht so schlimm war! Sie ist 1990 abgewählt worden. Die DDR-Bürger wollten das System nicht mehr, keinen Schießbefehl, keinen Fahnenappell, keine Staatsbürgerkunde. Aber die Menschen wollten sich weiter gut zurechtfinden, sicher fühlen können, auch Gutes und Gewohntes behalten, den Stolz auf Erreichtes nicht aufgeben.

Anfangs stand der Wandel im Vordergrund, viele wollten nur noch die Sachen von „drüben“. War nicht schlau, war aber so. Es hat dazu beigetragen, dass viele DDR-Betriebe, deren Produktivität ohnehin gering war, nicht überleben konnten. Außerdem sollten die – marxistisch gesprochen – „Produzenten“ unter den gegebenen Produktionsbedingungen plötzlich in harter Währung entlohnt werden. Konnte nicht funktionieren. Das ist schon oft beschrieben und beklagt worden. Es hat wenig geholfen, jetzt ist es zu spät.

Schwärmende West-Journalisten

Was längst nicht vorbei ist, was zunehmend ins Bewusstsein tritt: Es gibt kulturelle und soziale Prägungen, die sich im Osten herausgebildet haben, und die bestimmt nicht wertlos sind. In der DDR haben sich gesellschaftliche Praktiken, Haltungen und Verhaltensweisen entwickelt, die – das sieht man wieder stärker – durchaus vorteilhaft sind. Es hat im Osten, in unserem Alltag, auch in den Beziehungen der Geschlechter zueinander, in der Kindererziehung und dem Schulwesen, in Wissenschaft und Forschung, überall Dinge gegeben, die es verdient hätten, nach dem Beitritt zur Rechtsordnung des (west-)deutschen demokratischen Staates auf ihre Tauglichkeit hin überprüft zu werden. Etliches hätte als günstig erkannt, entsprechend gewürdigt und somit als Zugewinn, als „Mehrwert“ für das geeinte Deutschland genutzt werden können.

Was kann als Zugewinn Ost identifiziert werden? Hier muss man aufpassen, hier gibt es hartnäckige Legenden. Als Klassiker gelten das Gesundheitswesen, die Gleichstellung der Frauen, das Erziehungswesen. Dieses Triumvirat hat eine traurige Tradition. Schon in den späten 1970er-Jahren schwärmten westdeutsche Magazin-Journalisten in ihren DDR-Reportagen, dabei gut betreut und gefördert, von diesen beispielhaften Bereichen. Zugang zu Alltagserfahrungen in der DDR hatten sie wenig.

Deshalb möchte ich mir diese drei Favoriten vorknöpfen: Was lässt sich im Rahmen eigener Kenntnis und Erfahrung dazu sagen?

Als Erstes wäre da das Gesundheitswesen der DDR. Es garantierte jedem kostenlos und (fast) gleichwertige medizinische Versorgung auf einem gediegenen, zeitgemäßen Niveau. Es war gut organisiert, insbesondere durch das System der Polikliniken, wo unter einem Dach Allgemeinmediziner und Fachärzte Behandlung anboten. Positiv war auch der lückenlose Infektionsschutz durch staatliche Impfprogramme. Es gab eine Vielzahl von Vorsorgeprogrammen, insbesondere für Kinder und Jugendliche, Schwangere und Mütter. Ziel waren der Erhalt und die Stärkung der Arbeitskraft der Bevölkerung.

Mängel in der medizinischen Versorgung waren der ökonomischen Situation der DDR geschuldet, insbesondere der Devisenknappheit. Der Ausstattungsgrad der Krankenhäuser war bescheiden, die Patienten lagen überwiegend in Vier- bis Achtbettzimmern. Viele Geräte waren alt und störanfällig. Pharmazeutische Produkte beschränkten sich im wesentlichen auf die eigene Produktion oder Importe aus sozialistischen Bruderländern.

Zur Veranschaulichung eine persönliche Erinnerung. Im Mai ging’s bei mir immer los: Die Nase triefte, die Augen tränten, eben „Heuschnupfen“. In der DDR gab es aber nur AH 3, ein Medikament, das die Immunreaktion des Organismus dämpfen sollte. Es dämpfte tatsächlich, aber so drastisch, dass man hundemüde wurde. Mich machte es dermaßen müde, dass ich manchmal sogar auf dem Fahrrad fast eingeschlafen wäre. Ich musste mich kurz ins Gras legen. Ich übertreibe nicht.

Die Ärztin empfahl Medizin aus dem Westen

Zum Glück war ich in guten Händen, kannte eine Ärztin in der Charité. Die Allergiespezialistin empfahl mir eine Hypo-Desensibilisierung über drei Jahre. Das Problem war nur das Präparat. Es gab zwar, erfuhr ich, eine Lizenzproduktion aus der Tschechoslowakei. Wäre nicht zu empfehlen! Gut ist Pollinex von der britischen Firma Bencard, das müsste ich aber selber besorgen. Das Rezept (ohne Bezahlung) könnte sie mir geben. Hat sie auch gemacht. Dieses Vorgehen wurde von der DDR toleriert, solange es keiner ausposaunte. Ich hab’s geschafft. Man brauchte nur eine Oma, die rüberdurfte. Als Rentnerin konnte sie bei bestimmten Apotheken, die vom Westberliner Senat dafür bezahlt wurden, auch bei einigen Vereinen, etwa bei der Caritas, die entsprechenden Präparate kostenlos bekommen.

Zum Thema Ausstattung und moderne Geräte habe ich auch eine Erinnerung. Damals kamen die Computer-Tomografen (CT) auf. Diese teuren West-Maschinen gab es nur im Regierungskrankenhaus und in der Charité. Hier gab es später auch den einzigen Kernspintomografen (MRT). Ich war damals noch bei der Zeitung Neue Zeit, mein Chefredakteur war so stolz, ein Kader zu sein, der für eine Diagnose mit dieser Import-Maschine in Betracht kam, dass er im Kollegenkreis damit prahlte. Das zum Thema Gleichheit im Sozialismus.

Auch zum zweiten Thema, der Gleichstellung der Geschlechter, gibt es ein „Ja, aber“. Die Gleichberechtigung der Frau war in der DDR garantiert. Sie stand schon in der Verfassung von 1949 (Artikel 7). Oberstes Ziel der Gleichstellungspolitik war die volle Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt. Das war die Hauptsache, nicht ein emanzipatorischer Impetus. Der notorische Arbeitskräftemangel der DDR-Wirtschaft verlangte eine hohe Erwerbsquote von Frauen. Sie lag Ende der 80er-Jahre bei 91 Prozent: Weltspitze! Die „Nur-Hausfrauen“ des Westens gab es nicht.

Umso mehr wurde schon damals beklagt, dass die Frauen eine Doppelbelastung hatten. Man sagte: An der Wohnungstür hört die Gleichberechtigung auf. Statistiken von DDR-Familienpolitikern ergaben, dass voll berufstätige Frauen mit der Hausarbeit noch mal 43 Stunden in der Woche tätig waren.

Die Schulen: praxisnah bis ideologisch

Zum dritten Thema, den Kindergärten und Schulen. Die Berufstätigkeit der Frauen erforderte ein umfassendes System der Kinderbetreuung. Seit den späten 1960er-Jahren standen für alle Kinder in der DDR flächendeckend Krippen- und Kindergartenplätze zur Verfügung. Am Ende, 1989, gab es 7707 Einrichtungen mit mehr als 348.000 Plätzen. Das war Vollversorgung. Die Kosten waren gering, rund 25 Mark monatlich. Es ging darum, die Berufstätigkeit der Frauen zu sichern und die Kinder als „sozialistische Persönlichkeiten" zu prägen.

Dabei stand immer die Gruppe obenan, nicht der Einzelne. Einübung, Disziplin und Einordnung waren die primären Instrumentarien, schon im Kindergarten, erst recht in der Schule. Hier wurden die Jugendlichen geformt, der „Klassenstandpunkt“ gefestigt. Die einheitliche, sozialistische Bildung war unentgeltlich, weltlich geprägt und parteilich. Die Vermittlung des Grundwissens war umfassend, die Methodik konventionell, aber erfolgreich. Am Ende des ersten Schuljahres konnten alle lesen und schreiben. Schon zu Weihnachten – sagen wir besser: Jahresende –  kannten sie alle Buchstaben.

Insgesamt war der Schulstoff naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtet, dabei sehr praxisnah. Der polytechnische Unterricht war geradezu das Kernstück im Bildungssystem der DDR. Fächer wie der Deutschunterricht, erst recht Geschichte, waren stark ideologisch deformiert. Entsprechend selektiv war das Angebot.

Ärztehäuser, wenn auch keine Polikliniken, gibt es immer häufiger. Und auch im Westen bleiben die Frauen nicht mehr als „Heimchen" am Herd. Auf Kinderbetreuung gibt es inzwischen einen gesamtdeutschen Rechtsanspruch.

Was könnte also tatsächlich ein Mehrwert Ost sein, ein DDR-spezifischer Zugewinn für alle in Deutschland?

Meine Aufmerksamkeit richtet sich dabei weniger auf bestimmte Gesellschaftsbereiche, eher auf soziale und kulturelle, auch intellektuelle Prägungen. Hier erkenne ich Eigenheiten, die sich über einen langen Zeitraum herausgebildet haben und beständig sind. Gesellschaftsordnungen beeinflussen nachhaltig das Verhalten der Individuen, prägen Haltungen, Gewohnheiten und Einstellungen. Sie enden nicht mit der Abschaffung einer staatlichen Ordnung.

Allerdings ist es nicht ganz einfach, überzeugend anschaulich zu machen, worauf ich hinaus möchte. Ich erinnere einen Spruch, der Cato (dem Älteren), einem römischen Staatsmann, zugeschrieben wird: „Mehr sein als scheinen“. Dieser Spruch assoziiert Vorstellungen von Nüchternheit, auch Bescheidenheit, gepaart mit Fähigkeit, Kompetenz und Standfestigkeit. Helmuth Graf von Moltke, der Großonkel des späteren Widerstandskämpfers, interpretierte es so: „Viel leisten und wenig hervortreten“. So hat auch Altkanzler Helmut Schmidt in Auseinandersetzungen den Cato-Spruch benutzt. Bei Angela Merkel könnte man auch daran denken.

Mit aktuellem Vokabular können wir sagen: Wer so „drauf ist“, achtet nicht primär auf seine Wirkung, er gestikuliert weniger, er ist eher auf Ergebnisse und ihre Durchsetzung aus. Ihn interessiert nicht der „Marktwert“, er liebt das Ergebnis. Es gibt übrigens einen alten Nach-Wende-Witz: Warum braucht man im Westen dreizehn Schuljahre zum Abitur und nicht nur zwölf wie Osten? Witz-Antwort: Im elften Schuljahr gibt’s Schauspielunterricht. Ja, ein Kalauer. Aber mir passt er hier in den Kram.

Aber wer sagt denn, dass diese Haltung so Ost-typisch ist? Zumal gemeinhin etwas ganz anderes als DDR-spezifisch reklamiert wird: mehr Nähe im Umgang, mehr Verständnis füreinander, mehr Zusammenhalt – Schlagwort „Solidarität“. Ja, das stimmt auch. Solche Verhaltensweisen entwickeln sich stärker in einer Gesellschaft, die weniger Unterschiede, weniger Leistungskonkurrenz kennt, wo sich nicht so viel ändert.

Aber dieses Zusammenrücken auf gleichem Niveau kann leicht abgleiten in eine Art von Kumpanei, die Respekt und Distanz ruinieren. Auch „Volkseigentum“ – alles gehört ja allen – verdirbt schnell die Sitten: Jeder nimmt mit, was er kriegen kann. Respekt vor Eigentum war wahrlich keine Ost-Spezifik.

Nüchternheit und Gemeinsinn scheinen mir jedenfalls wertvolle und produktive Beiträge der Ostdeutschen nach ihrem Beitritt.

Beides ist wichtig: dass die Menschen im Osten nicht den Eindruck haben müssen, dass alles, was sie die kannten und konnten, nichts gilt, als wertlos erachtet wird, keinen interessiert. Auch für die Westdeutschen wäre nicht schlecht, wenn sie den Eindruck haben können, dass sie von der Einheit profitieren. War nicht von Anfang an so, war nicht vorherrschend so. Viele schienen eher genervt, dass sie für „die Brüder und Schwestern“ zahlen sollen, die von Anfang an und immer wieder Meinungen äußern und Parteien wählen, die nach ihrem Urteil nicht „richtig demokratisch“ sind. Man sagt, es sei schon besser geworden.

Der Autor war von 1977 bis 1989 Redakteur der Zeitung Neue Zeit, die von der CDU in der DDR herausgegeben wurde.

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