Wie man sich einrichtet in der Welt, wie man wohnt und sich behaust, das gehört zu unseren elementaren Kulturtechniken. Dennoch – oder gerade deshalb – sind sie in wirtschaftlicher und technischer Hinsicht offenbar nur schwer zu optimieren. Bezogen auf menschliche Handlungen ist das mit dem Fortschritt halt nicht so einfach: Was vernünftig wäre und was wir tatsächlich tun, das fällt oft auseinander.

Im alten Rom bedeutete „progressus“ zunächst das militärische Vorrücken in einer Schlacht, später dann das Vorangehen in einer Entscheidung. Progressiv sind demnach diejenigen, die die Welt nicht als Schicksal begreifen, sondern mal schauen, was anders und besser geht. Fortschritt zweifelt daran, dass alles bestens ist. Und diese Zweifel sind berechtigt.

Fraglos stehen wir vor einer großen Transformation, die unsere Spezies in diesem Jahrhundert leisten muss. Welche Aspekte und Treiber auch immer angeführt werden – weltweite Migration etwa, die sich weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich oder der Erhalt der Biodiversität –, drei Aufgaben werden weithin als zentral anerkannt: der Klimawandel (sprich: Dekarbonisierung), die Energiewende (d. h. Ersatz fossiler durch erneuerbare Energien) sowie die Ressourcenwende (mit anderen Worten: eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft).

Alle drei sind eng mit dem Bauwesen verwoben. Etwa 40 Prozent des gesamten Endenergiebedarfs resultieren aus gebäudebezogenen Verbräuchen. 90 Prozent aller in Deutschland verwendeten mineralischen Rohstoffe dienen der Herstellung von Baustoffen und -produkten. 40 Prozent der Treibhausgase der Industrieländer werden durch Gebäude und Gebäudetechnik freigesetzt. Allein die Betonherstellung verursacht weltweit rund acht Prozent der jährlichen CO2-Emissionen.

Soll man das Bauen verbieten?

Angesichts dessen ist es verständlich, wenn mitunter die Forderung erhoben wird, das Bauen zu verbieten. Als utilitaristisches Nutzenkalkül hätte dies wohl einen schnellen Skaleneffekt zur Folge. Doch einmal abgesehen von der Frage nach der gesellschaftlichen Auswirkung: Ist Nicht-Bauen nachhaltig? Wäre dies die Prämisse, dann würde es keine Entwicklung geben, keine Besserung.

Tatsächlich ist im Bausektor ein noch nie da gewesener Innovationsschub notwendig, wenn die gesteckten Ziele der Reduzierung der CO2-Emissionen um 90 Prozent bis 2050 erreicht werden sollen. Gelingen aber kann das nur, wenn damit ein Mentalitätswandel einhergeht. Wenn beispielsweise die bestehende Bausubstanz als unverzichtbare Ressource begriffen wird – sowohl ökologisch als auch kulturell.

Sich mit dem Bestand zu beschäftigen, heißt so viel wie die Resettaste drücken. Den Begriff kennt jeder aus der Computersprache. Wenn man ihn rückübersetzt in den Lebensalltag, dann bedeutet das in etwa: Es geht um das Wiederherstellen eines neuen Funktionszustandes unter Rückgriff auf systemimmanente Elemente und Routinen.

Dabei sind es insbesondere zwei Fragen von Belang. Erstens: Wie kann man bestehenden gebauten Räumen zeitgemäße Programmierungen einschreiben? Zweitens: Wie können dabei immanente, bisher vielleicht kaum beachtete Qualitäten freigesetzt und für eine nachhaltige Gestaltung und Konzeption des Gebauten fruchtbar gemacht werden?

Goethe bezeichnete die Architektur als verantwortlichste Wissenschaft

Eigentlich stellen diese beiden Hypothesen das traditionelle Planungsverständnis auf den Kopf. Denn üblicherweise formuliert Planung zuerst ein (intendiertes) Ergebnis, um im zweiten Schritt zu überlegen, wie dieses erreicht werden kann. Hier dreht sich das Verhältnis um, weil zunächst gefragt wird, wie eine Entwicklungsdynamik entfaltet werden kann, ohne gleich einen idealen Endzustand zu definieren.

Was freilich zu einem weiteren Punkt führt: Wie kommuniziert sich eigentlich bauliche Zukunft, wenn man sie als offen annimmt? Diese Frage rührt prozessual wie inhaltlich-materiell an den Grundlagen des Planen-Bauen-Entwerfens. An die Stelle von suggestiven Versprechungen, wie sie etwa im Zusammenhang mit der Digitalisierung zu konstatieren sind, müssten Denkräume treten, die das Morgen offener und zugleich realitätsnäher verhandeln.

Eigentlich sind die Voraussetzungen dafür gegeben: Architektur war stets ein Schmelztiegel verschiedenster Forschungsrichtungen, ein Labor oft vorab kaum unvorstellbarer Denk-, Handwerks- und Konstruktionsmodelle. Die „verantwortlichste Wissenschaft“, wie Goethe sie nannte, weil sie alle anderen vereint.

Es geht nicht ohne kreative Zerstörung

Aber selbst wenn es gelingt, sich auf bestimmte Ziele für das Bauen von morgen zu einigen, so bleibt der Weg dorthin unbestimmt. Mehr noch: Eine Innovation, ein neues Produkt, eine veritable Erfindung kommt nicht einfach so in die Welt. Das Hoffen auf „König Zufall“ reicht nicht, wenn man anspruchsvolle Erwartungen auf etwas Neues oder substanziell Verändertes hegt.

Erneuerung ist ohne einen Abschied von Bestehendem nicht zu haben. Innovation geht, bis zu einem gewissen Maße, immer mit kreativer Zerstörung einher. Weil aber nur eine Erfindung, die sich in der Gesellschaft auch durchsetzt, letztlich als Innovation anerkannt wird, kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Vor allem technische Innovationen haben in der Vergangenheit mitunter durchaus desaströse Wirkungen gezeitigt. Die Frage nach dem Ertrag einer Innovation ergibt sich also letztlich nur aus dem Gegenstand der Neuerung, ihrem Inhalt und nicht schon aus ihrer Form an sich.

Offenkundig sind drei Dinge vonnöten: Inventionen, Gelegenheitsstrukturen und so etwas wie eine übergreifende Aufmerksamkeit. Inventionen, Erfindungen – als Beispiel könnte man Mobiltelefon oder Solarzelle nennen – setzten sich nicht von alleine durch, vielmehr sind dafür bestimmte Ereignisse oder „Windows of Opportunities“ notwendig (wie etwa Katastrophen, Regierungswechsel, Modetrends).

Werkzeuge sind wichtiger als Bewertungen

Wenn sich ein solches Handlungsfenster ergibt und auf passende Erfindungen stößt, dann kann dies dazu genutzt werden, die weicher gewordenen Arrangements bisheriger Praktiken zu verschieben, die Invention einzubauen, das Ganze wieder zu schließen und zu härten – und es in einen sich nach Möglichkeit selbst verstärkenden Prozess zu entlassen. Doch es braucht regelmäßig noch ein drittes Element, nämlich die Bündelung und Generierung von Aufmerksamkeit – als Katalysator. Vielleicht – hoffentlich – kann die aktuelle Initiative der EU-Kommission zum Neuen Europäischen Bauhaus diese Rolle übernehmen.

Zwar mag man der Auffassung sein, dass Architektur und Planung zu einer Disziplin gehören, die stark von der Logik des Machens geprägt ist – weshalb Werkzeuge und Prozesse möglicherweise wichtiger sind als Bewertungen und Anforderungen. Aber damit macht man es sich zu einfach. Das Bauen von morgen muss sich der internationalen Debatte über „Degrowth“ beziehungsweise „Postwachstum“ stellen und eigene Antworten darauf formulieren.

Im Französischen wird übrigens der Begriff „Décroissance“ verwendet; er bezeichnet den Rückgang eines Flusses in sein ursprüngliches Flussbett nach einer zerstörerischen Flut. Mit anderen Worten: Das Leitbild vom Wirtschaftswachstum um jeden sozialen oder ökologischen Preis muss auf den Prüfstand gestellt werden.

Dabei braucht es nicht „mehr“ oder „weniger“ Planung, sondern eine grundsätzlich veränderte Haltung dazu. Die Verengung des Planens und Bauens auf technische, smarte und damit nur vermeintlich neutrale Vorhaben hat dazu geführt, dass sie problematische Ergebnisse zeitigt, weil sie übergreifende (ergo in ihrer Durchsetzung eher „schwache“) Interessen in ihrer gesellschaftlichen Artikulation nicht besonders unterstützt. Dazu gehört beispielsweise das Recht der kommenden Generationen, auf diesem Planeten leben zu können. Ob nun Erdöl oder Lithium: Die Infrastrukturen heutiger Städte beuten die Rohstoffe der Erde überproportional aus und hinterlassen riesige Müllberge.

Notwendig ist eine Zusammenschau

Die ganzheitliche Betrachtung des Bauens setzt freilich ein neues Grundverständnis voraus: Es geht eher um einen Organismus denn um eine Maschine. Letztere steht der Umwelt in fremder Unabhängigkeit gegenüber; sie vollbringt ihre Leistung nur aus ihrer internen Logik. Ein Organismus dagegen hat einen Stoffwechsel, der ihn mit seiner Umwelt verbindet. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Zur Erläuterung: Nachhaltigkeit wird zu oft auf Innovation, Wissenschaft und Technologie verkürzt. Notwendig aber ist eine Zusammenschau, die die zahllosen Einzelergebnisse aus Naturwissenschaften und technologischer Forschung in einen neuen Kontext stellt.

So hat es beispielsweise Richard Buckminster Fuller gemacht, indem er vor mehr als sechzig Jahren den Begriff „Cosmic Conceptioning“ prägte. Gemeint war die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge für Erhalt und Pflege der Lebensgrundlage nicht bloß zu erkennen, sondern im Denken und Handeln wirksam werden zu lassen – vor allem in einer präzisen Modellierarbeit von Ereignismustern, ihren Veränderungen und Transformationen.

Buckminster Fullers Wirken stand unter dem Motto „How to make the World work“. Er sieht die Erde als integral konstruierte Entität an, die zum Zwecke dauerhafter Leistungsfähigkeit als Ganzes begriffen und bedient werden müsse. Allerdings fehle es an einem Anleitungsbuch, was die Menschheit dazu zwinge, den Intellekt zu gebrauchen: „Also gerade weil die Bedienungsanleitung bisher gefehlt hat, lernen wir zu antizipieren, welche Konsequenzen sich aus einer steigenden Anzahl von Alternativen ergeben, um unser Überleben und Wachstum befriedigend zu erweitern, ­physisch und metaphysisch.“

Keine Architektur ist passiv

Ergo: Nachhaltigkeit funktioniert nicht wie die Automobilindustrie mit ihrem so hysterisch wie permanent verkündeten „neuesten Stand“ der Fortentwicklung aller Systeme. Nachhaltige Entwicklung gibt es nur als Synthese von technologisch-ingenieurmäßigen Handeln und gesellschaftspolitischen, wertebasierten und werteorientierten „Ansprüchen“.

Bauen steht für einen Gesamtprozess, der Planen, Nutzen, Verwerten usw. einschließt. Es geht um eine Architektur, die nicht mehr mit der Schlüsselübergabe fertig ist, sondern die darüber hinaus in Zyklen die verschiedenen Leben danach und die Auswirkungen auf diese Leben mitdenkt. Womöglich muss man von einem binären und reflexiven System zu einem rekursiven kommen, das einen Kreislauf bildet. Wie bei einem Ökosystem – da kann kein Einzelner bestimmen, was damit passiert, alles muss Teil dieses Systems sein. Keine Architektur ist passiv. Denn alle Bauten weben mit an dem Stoff, aus dem die Gesellschaft ist. Wäre es deshalb nicht angebracht, zu sagen, dass es auch anders und besser geht?

Robert Kaltenbrunner ist Architekt und Stadtplaner und lebt in Berlin.

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