Eine der kleinsten der über 1000 in Berlin verorteten Brücken ist der 80 Meter lange Teil des Loerkesteigs. In Hermsdorf überquert man dort die Schienen zwischen den Bahnhöfen Hermsdorf und Frohnau. Die Lage am Stadtrand scheint Programm für einen randständigen, vor 80 Jahren verstorbenen Berliner. Dass Oskar Loerke ein Schriftsteller war, ist auf dem Straßenschild vermerkt. Vermutlich kennen ihn außer Autoren und Literaturwissenschaftlern nur Schulkinder noch, die ihn in Deutsch Klasse 10 auswendig lernen müssen.

Ich las ihn, als ich 16 war, in der abgegriffenen Anthologie „Über die großen Städte“, die uns Deutschlehrer Dr. Eitner hinschob. Das Aussehen des Lehrers – er glich dem anrüchigen Dr. Benn aufs peinlichste – war ein geschickter Zug. Ich las dann nicht nur Gottfried Benns Gedichte mit Begeisterung, ich las auch Loerkes. Den „Blauen Abend in Berlin“ mit der berühmten ersten Zeile, die den Himmel durch steinerne Kanälen fließen lässt, und die von Ruß und Schweiß verquollene „Fabrikstadt“, die so unheimlich das Kabelwerk Oberspree in der Gegenwart beschrieb. Am eindrucksvollsten war eine Zeile aus der „Seitenstraße“: „Dann trittst du aus klebrigem Schein / Aus dunklem Ja in leeres Nein.“

Expressionistische Großstadtlyrik, meist gereimt

Für einen Pubertierenden, der die Kunst und das Nachtleben der Hauptstadt um 1980 entdeckt, genau das richtige. Ich gebe zu, Loerke seitdem nicht oft gelesen zu haben; falls, dann eher über den Umweg Döblin, Benjamin oder Brecht, die ihn alle bei Gelegenheit erwähnen, der mit Loerke altersgleiche Benn vor allem. Zitiert wird Loerke vor allem im Zusammenhang mit der expressionistischen Großstadtlyrik, meist gereimt. Vielleicht ist die Randständigkeit Programm.

Geld verdienen lässt sich mit Lyrik ohnehin nur in seltenen Fällen, etwa bei rhythmisierten Inaugurationsreden für US-Präsidenten. Das wird sich auch der Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator Müller gedacht haben, als er seinem Senat eine Vorlage zur An- und Aberkennung von Ehrengrabstätten hinschob. Nach „Protesten aus Kulturkreisen“, die möglicherweise auch nur bedingt der allgemeinen Öffentlichkeit zugerechnet werden, soll die Aberkennung des Ehrengrabs zurückgenommen worden sein. Amtlich ist es nicht.

Die Namen der anderen sechs, die ihre Ehrengräber einbüßen, wurden bislang nicht diskutiert. Auch unter ihnen scheint die Randständigkeit Programm zu sein. Das legt Müllers Ausschlusskriterium nahe, welches besagt, dass „ein fortlebendes Andenken in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht mehr erkennbar ist“. Wie dieses Andenken nicht erkennbar, wer die allgemeine Öffentlichkeit ist, wird im Fall Loerke nun in immerhin einer Breite debattiert, dass man von fortlebendem Andenken unbedingt sprechen muss. Die sechs weiteren Toten, denen der Status einer auf Stadtkosten gepflegten Grabstelle aberkannt werden soll, sind sämtlich ehrenvoll bei Wikipedia begraben: Albert Emil Brachvogel, Karl Heinz Martin, Balduin Möllhausen, Gerhart Pohl, August Scholtis und Gerhart von Westermann. Gut, ließe sich sagen, lasst es gut sein, reicht ja auch. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Karl Heinz Martin war Wegbereiter des politischen Theaters

Ein Beispiel: In alphabetischer Ordnung folgt auf Loerke in der Liste Martin, Karl Heinz. Nun hat dieser keine Straße seines Namens, keinen Platz und keine Brücke, nicht einmal einen Steig. Er hat sein Grab auf dem Friedhof Heerstraße in Westend (gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Bühnenbildnerin Ita Maximowna) und einen Platz in der Theatergeschichte – keinen kleinen. Zu den Regienamen der Zwischenkriegszeit – Reinhardt, Jeßner, Fehling, Engel – gehört Martin.

Er ist der Wegbereiter des politischen Theaters in Deutschland, das Voraussetzung wurde für das Theater Piscators und Brechts. Er schuf das aktivistische Theater, das sich in der Volksbühne in einer Weise fortsetzte, die dessen Schlagkraft in der Öffentlichkeit mit heftigem Andenken prägt bis heute. Er gründete 1919 in Berlin die Tribüne, das erste explizit politische Theater. Er setzte mit Uraufführungen Ernst Toller als Dramatiker durch. Er machte Filme. Der bekannteste – „Von morgens bis Mitternacht“ – 1920 nach dem Stück von Georg Kaiser ist neben „Das Cabinet des Dr. Caligari“ der Klassiker des expressionistischen Stummfilms. Er schrieb das Drehbuch zur Verfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ mit Heinrich George als Franz Biberkopf.

Nach der Vertreibung Piscators von der Volksbühne war Martin dort Intendant bis 1932. Pro Spielzeit inszenierte er fünf Stücke, unter anderen die Uraufführung von „Emil und die Detektive“; gespielt von Peter Lorre, Ernst Busch, Therese Giehse, Hans Albers, Emil Jannings, Lotte Lenya; Bühne Caspar Neher, Musik Hanns Eisler, solche Sachen. In der Nazizeit inszenierte er bis zum Berufsverbot 1940 in München und Berlin und drehte ein Dutzend heiterer Filme, darunter einen mit dem erst heute absurd klingenden Titel „Punks kommt aus Amerika“.

Martin brachte Ernst Busch auf die Bühne des Hebbel-Theaters

Im August 1945 warf er mit der ersten Nachkriegsaufführung der „Dreigroschenoper“ am Hebbel-Theater, dessen Intendant er bis zum frühen Tod 1948 war, den Berlinern, ihren Befreiern und Besatzern ein Zeitstück hin, das die Bandenkriminalität in der viergeteilten Stadt grell ausleuchtete. Mit Stücken von Thornton Wilder oder Jean Anouilh brachte er die westliche Moderne nach Berlin. Die sowjetische hatte er mit Katajews „Defraudanten“ vor 1933 schon inszeniert. Er bemühte sich auch um den Sänger und Schauspieler Ernst Busch, der im April 1945 von der Roten Armee aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit worden war. Im November 1945 trat Busch am Hebbel-Theater in Robert Ardreys „Leuchtfeuer“ auf.  Kurz: Lang ist die Liste von Martins Verdiensten.

Klar, dass es nicht Ehrengräber für alle geben kann, nicht mal auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, der „Möwe“ unter den Friedhöfen, wie Brecht ihn nannte. Und im Trend zur Anonymbestattung, die sowieso alternative Formen des öffentlich und nicht-öffentlichen Andenkens entwickelt, ist die Grabstätte historisch längst überholt. Aber bis dazu ehrenvolle Alternativen entwickelt sind, sollte man nicht ohne Not den Toten ihre Ehre auf die schäbigste, die bürokratische Art nehmen. Zurück zum Toten, der die Debatte ausgelöst hat: In Loerkes Tagebüchern findet man den Kommentar zur Lage: „Die Gabe des Urteils ist seltener als die schöpferische Gabe“. Schon diese, im Fall der Ehrengräberfrage entscheidende Weisheit rechtfertigt ein Ehrengrab auf Überlebenszeit.

P.S. Der Autor ist trotz gleichlautenden Nachnamens in keiner ihm bekannten Form mit Karl Heinz Martin verwandt.

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