Berlin - Fast jeder kennt das: Man surft im Internet auf einer Social-Media-Plattform und stößt auf eines dieser  Tierbilder. Es zeigt das Gesicht eines Chihuahuas, dem die Haare zu Berge stehen. Seine Augen quellen aus den Höhlen, die schiefen Zähne stehen aus dem halb geöffneten Maul. Unter den Kommentaren finden sich Reaktionen wie „Der sieht aber lustig aus“.

Dass der Hund auf dem Bild nicht lustig aussieht, sondern todkrank, scheinen nur wenige Betrachter zu ahnen. Der Chihuahua leidet wie viele Tiere und Artgenossen unter den schrecklichen Folgen von Qualzucht. Davon spricht man, wenn bei der Züchtung von Tieren bestimmte Merkmale geduldet oder gar gefördert werden, die Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen hervorrufen. Die Liste an betroffenen Tieren und Rassen ist lang. Ähnlich wie die Liste an Qualzuchtmerkmalen, unter denen die Tiere leiden.

Häufig verbreitet ist die Kurzköpfigkeit, auch Brachyzephalie genannt. Sie ist die Folge einer Zucht, bei der Schädel samt Unterkiefer und Nase immer weiter verkürzt werden, für eine als niedlich empfundene Stupsnase. Kurzköpfige Hunde und Katzen sind jedoch prädisponiert für Probleme der oberen Atemwege und leiden unter dem Brachyzephalen Atemwegs-Syndrom. Die Tiere weisen verengte Nasenlöcher und Nasenhöhlen auf. Auch ein verlängertes und verdicktes Gaumensegel sowie Veränderungen am Kehlkopf sind typisch.

Kurzatmige Pekinesen und Perserkatzen

Die Beeinträchtigung der Atemfunktion kann zu hochgradiger Atemnot, Blaufärbung der Schleimhäute und sogar zum Kollaps führen. Warme Temperaturen verschlechtern die Symptome und haben nicht selten tödliche Erstickungsanfälle zur Folge. Betroffene sind der Chihuahua, die französische und englische Bulldogge, der Mops, der Pekinese, der Zwergpinscher, der Malteser, der Boston Terrier oder belgische Zwergriffons, bei den Katzen sind es Britisch Kurzhaar, Perser- und exotische Kurzhaarkatzen.

Ein weiteres Qualzuchtmerkmal ist der Merle-Faktor. Dieser bedeutet eine Genmutation im Erbgut von Hunden und beeinflusst unter anderem Haut-, Fell- und Augenfarbe oder verursacht Pigmentstörungen. Merle-Hunde haben oft aufgehellte Partien der Augen, Haut oder des Felles. Hunde, die das Gen nur einmalig aufweisen, sind zwar meist gesund, wobei reinerbige Tiere oft körperliche Fehlbildungen haben. Dazu zählen Fehlbildungen des Innenohrs mit einseitiger bis beidseitiger Taubheit. Aber auch Fehlbildungen des Herzens oder der Augen können auftreten. Viele Welpen kommen bereits blind zur Welt. Betroffene Hunderassen sind Australian Shepherd, Deutsche Doggen und Dackel der Farbe „Tiger“, Collies und Shelties mit der Farb-Bezeichnung Blue Merle, Welsh Corgi Cardigans oder Louisiana Catahoula Leopard Dogs.

Dackel mit Rückenproblemen

Kurzbeinige Hunderassen wie Basset, Welsh Corgi Pembroke, Dackel, West Highland White Terrier und Scotch Terrier leiden oft an Chondrodysplasie und -dystrophie, einer genetisch bedingten Missbildung von Knorpel und Knochen, die etwa zu verkürzten Extremitäten oder Wirbelsäulenveränderungen führt. Aber auch Fehlbildungen des Hüftgelenks sind keine Seltenheit und kommen insbesondere bei deutschen Schäferhunden vor.

Hunde der Rasse Shar Pei leiden aufgrund der überschüssigen Hautfalten oftmals unter einer Hauterkrankung, die zu Rötungen, Juckreiz und Infektionen führt. Nackthunde haben wegen des Gendefekts der Haarlosigkeit mit Problemen der Wärmeregulation zu kämpfen. Des Weiteren sind sie genetisch prädisponiert für Anomalien des Gebisses, was zu Zahnausfall führen kann. Rhodesian Ridgeback Hunde sind anfällig für gefährliche Entzündungen an der Wirbelsäule.

Faltohrkatzen haben oft Dauerschmerzen

Durch die Zucht entwickeln rein weiße Katzen häufig eine genbedingte Disposition für Schwerhörigkeit bis Taubheit sowie Augenerkrankungen wie Netzhautveränderungen, Schielen und Augenzittern. Des Weiteren zeigen sie eine erhöhte Anfälligkeit für Hauttumore. Weitere Katzenrassen, die unter Qualzuchtmerkmalen leiden, sind Faltohrkatzen wie die Scottish-Fold. Durch eine schwere Erbkrankheit besitzen diese Katzen ihre typischen nach vorne gerichteten Kippohren. Diese Krankheit führt ebenso zu Knorpel- und Knochenschäden, unter denen die Tiere meist dauerhafte Schmerzen haben.

Zu den sogenannten Hybridkatzen zählen Arten wie die Savannah-, Bengal- und Caracal-Katze. Infolge ihrer Wildtiereigenschaften und nicht gerechten Haltung kommt es meist zu massiven Verhaltensstörungen. Durch die Größe der Wildkatzen sind die Jungtiere der ersten Generation zudem meist zu groß, was viele Schwer- und Totgeburten zur Folge hat.

Trend zur Haltung von kleinen Hunden

Qualzucht existiert aber nicht nur bei Hunden und Katzen. Auch Vögel, Kaninchen, Reptilien, Fische oder Nutztiere wie Rinder, Schweine und Hühner sind betroffen. Der Tierarzt Ralf Michling hat in seiner Praxis immer häufiger mit leidenden Qualzucht-Tieren zu tun. „Aufgrund der massiven Werbung mit Qualzuchten, insbesondere mit Französischen Bulldoggen und Möpsen, ist die Anzahl der Halter solcher Rassen in den letzten Jahren spürbar gestiegen. In unserer Praxis werden an Qualzuchten zurzeit recht häufig Französische Bulldoggen, Scottish Fold und Perserkatzen vorgestellt“, sagt er. 

Auch einen Trend in der Haltung von kleinen Hunderassen nimmt er wahr. Die Beschwerden seiner Hundepatienten reichen von Atemnot bis hin zu Verdauungsproblemen, Wirbelsäulenveränderungen bis zu neurologische Erkrankungen. Bei Scottish-Fold Katzen sind dauerhafte Schmerzen meist so stark, dass eine Behandlung nicht mehr möglich ist. Sie müssen eingeschläfert werden.

Die häufigsten Maßnahmen, die er bei kurzköpfigen Tieren durchführen muss, sind das Kürzen des Gaumensegels und die Vergrößerung der Nasenlöcher. Bei Shar Pei-Hunden ist es die Entfernung überschüssiger Haut im Kopfbereich sowie eine Korrektur der Augenlider. „Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass vielen Tieren damit deutlich mehr Lebensqualität verschafft werden kann“, sagt der Tiermediziner.

Die Atemwegs-OPs dürfen in der Regel nur von spezialisierten Veterinärchirurgen durchgeführt werden. Sie sind risikoreich und können mehrere tausend Euro kosten. „Der Abschluss einer Tierkrankenversicherung kann sinnvoll sein, aber viele Versicherer schließen rassetypische Erkrankungen aus“, sagt Michling.  Er spricht sich für ein Verbot von Qualzuchten aus. Eine Haltung, die der Deutsche Tierschutzbund teilt. 

Gesetze sollen die Haltung der Tiere verbieten

Lisa Hoth-Zimak, Tierärztin und Fachreferentin beim Deutschen Tierschutzbund, sorgt die steigende Nachfrage nach Tieren aus Qualzucht. „Veterinärämter und Juristen haben sich des Themas kaum angenommen. Sie können sich zwar an dem Qualzucht-Gutachten orientieren, trotzdem müssen sie von Fall zu Fall Entscheidungen treffen“, sagt sie. Auch die Rassestandards seien noch immer „größtenteils so konzipiert, dass die Zuchtziele mit einer Qualzüchtung verbunden sind.“ Um besser gegen Qualzuchten vorgehen zu können, ist aus Sicht des Tierschutzbundes eine Konkretisierung des „Qualzuchtparagraphen “notwendig, sagt sie. „Es braucht dringend eine Erweiterung des Tierschutzgesetzes oder ein zusätzliches Gesetz oder eine Verordnung, die klar definiert, was als Qualzucht gilt.“ Auch Haltung, Werbung, Import und der Verkauf von Tieren aus Qualzucht sollten verboten werden.

Der Tierschutzbund hat bei der Erstellung eines Qualzucht-Gutachtens mitgewirkt. Darin werden Zuchtmerkmale aufgeführt, die beim Tier zu Schmerzen, Leiden oder Schäden führen. „Im Dezember 2021 findet erstmals ein Seminar zum Thema für Amtstierärztinnen statt“, sagt Hoth-Zimak. Auch eine Datenbank zum Thema Qualzucht entstehe. Ein Vorbild seien Länder wie die Niederlande - dort wird schon besser gegen Qualzuchten vorgegangen.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.