Kaja Puto ist freie Polen-Korrespondentin. Sie ist Expertin in Flüchtlingsfragen und beobachtet die Situation an der ukrainisch-polnischen Grenze. In diesem Text schätzt sie die Situation jener geflüchteten Menschen ein, die über keine ukrainische Staatsbürgerschaft verfügen.

Auf den Facebook-Seiten polnischer Hilfsorganisationen tauchen allmählich Beiträge von freiwilligen Auto- und Shuttlefahrern auf, die schreiben, dass an einigen ukrainisch-polnischen Grenzorten (wie etwa in Przemysl) zwar viele geflüchtete Menschen auftauchen, die nach einer Mitfahrgelegenheit suchen. Doch manche von diesen Menschen – so die enttäuschten Nachrichten – seien dunkelhäutige Männer, sodass man sie nicht mitnehmen wolle. Soweit ich die Argumentation verstehe, steht hinter dieser ablehnenden Haltung die Sorge, dass es sich um Menschen handelt, die die Situation an der ukrainischen Grenze ausgenutzt haben, um von anderswo nach Europa zu gelangen.

In der Tat ist das nicht ganz ausgeschlossen. Die derzeitige Situation kann von Menschenschmugglern gut ausgenutzt werden. Und ein Studentenvisum kann man mit einer Kartoffel ausstellen. Es ist allerdings unmöglich, jetzt in die Ukraine zu fliegen, also müssten Schmuggler ein Land wie Belarus involvieren, um erfolgreich zu sein. Was man freilich ja nicht ganz ausschließen kann. Bislang gibt es jedoch kaum Anzeichen dafür. Ein Indiz ist die Tatsache, dass einige Nicht-Weiße, die an der polnischen Grenze ankommen, nicht nach Polen einreisen dürfen. Die Warteschlagen sind teuflisch lang. Ich sage deshalb teuflisch, weil in solchen Warteschlangen, bei denen es um das nackte Überleben geht, die schlimmsten Dinge passieren. So besehen sind die Nicht-Weißen in diesen Schlangen ein Tropfen im Meer.

Wieso man in die Ukraine auswandert

Was man allerdings wissen muss: In der Ukraine studieren viele Inder und Afrikaner (vor allem aus Nigeria, aber auch z. B. aus Ägypten und Marokko). Insgesamt gibt es in der Ukraine – nach offiziellen Angaben aus dem Jahr 2019 – 80.470 internationale Studenten, die vor allem an einigen medizinischen und technischen Fakultäten studieren, manchmal aber auch einfach an Privatschulen, nur um ihren Aufenthalt zu legalisieren und etwas Geld dazuzuverdienen. In der Ukraine gibt es außerdem viele nicht-weiße Vertragssportler, darunter Arbeitsmigranten. Diese Art von Migration ist für alle großen postsowjetischen Städte charakteristisch.

Wer wandert in ein Land wie die Ukraine, nach Belarus, Russland oder Georgien aus?, könnte man jetzt zynisch fragen. In den Medien wird nicht viel darüber berichtet, aber es sind wirklich sehr viele Menschen. Allein in der Ukraine lebten im Jahr 2019 mehr als 400.000 Migranten, von denen nur ein Teil Bürger der ehemaligen Sowjetunion waren.

Europa der Kategorie B ist billiges Migrationsziel

Die legale Einwanderung aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa oder in die Vereinigten Staaten ist aktuell auf ein absolutes Minimum beschränkt (obwohl es für Inder relativ einfach ist, nach Polen einzuwandern, aber nicht für Afrikaner). Diese Art von Einwanderung ist insbesondere seit 2015 kompliziert geworden. Der Inhaber eines nigerianischen oder indischen Passes muss aus einer reichen Familie stammen, außergewöhnlich gut gebildet sein oder Familie im sogenannten Westen haben und vorzugsweise ein Mann sein, wenn er in ein EU-Land wie Polen einreisen will. Um eine gefährliche Reise mit Schmugglern zu bezahlen – was sich nicht jeder traut –, braucht man außerdem eine Menge Geld.

Für diejenigen, die ein besseres Leben anstreben, aber nicht sehr wohlhabend und/oder nicht bereit sind, Risiken einzugehen, bleibt also (unter anderem), wie es während des Kalten Krieges hieß, die sogenannte „Zweite Welt“ als Einreiseland. Europa der Klasse B beziehungsweise die postsowjetischen Länder also. Oder genauer gesagt: ihre wohlhabenden Hauptstädte und Großstädte.

Inder und Nigerianer brauchen ebenfalls Schutz

All diese Studenten (oder Arbeiter) sind jetzt sehr verloren und sehr weit von ihren Familien entfernt. Viele von ihnen studierten im heute belagerten Kiew und Charkiw. Sie sprechen in der Regel weder Russisch noch Ukrainisch und kennen sich mit den kulturellen Codes der postsowjetischen Welt nicht gut aus. In der bereits erwähnten höllischen Warteschlange – die sich in der Tat über das gesamte riesige Land der Ukraine erstreckt – gibt es kaum jemanden, der ihnen hilft. Diese (symbolisch gesprochen:) höllischen Warteschlangen sind kein Ort, wo viele Menschen die Kraft haben, über ihre eigene Nasenspitze hinaus und über diejenige ihrer Verwandten zu schauen. Ich weiß, dass wir in der Schule anders unterrichtet werden. Es ist eine schöne, aber dennoch halbe Wahrheit: Altruismus findet in solchen Situationen zwar statt, aber wirklich nur selten.

Diese nicht-weißen Studenten reisen jetzt mit dem Zug, weil sie keine Väter oder Tanten mit Autos in der Ukraine haben, und ohne diese Kontakte ist es sehr schwierig, die EU-Grenze per Auto oder Bus zu erreichen. In Przemysl wartet keine Familie auf sie, die seit Jahren in Polen, Deutschland, Schweden, Österreich oder Italien lebt, wie das bei vielen Ukrainern der Fall ist.

Vieles deutet also darauf hin, dass die polnischen Fahrer, die aus Sorge um die Hautfarbe der Geflüchteten mit einem vollen Kofferraum mit Lebensmitteln unzufrieden nach Hause fahren, die Menschen in Przemysl völlig schutzlos und allein zurücklassen, obwohl sie sich rechtmäßig in Polen aufhalten und ebenso Schutz brauchen wie die Ukrainerinnen und Ukrainer. Das gebe ich hiermit zu bedenken.

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