An der Yorckstraße in Kreuzberg trifft sich in regelmäßigen Abständen eine Arbeitsgruppe, der die anliegenden Einzelhändler angehören: eine Supermarktkette, ein Baumarkt, kleinere Büros, Nachbarinnen, die Polizei und Vertreterinnen der Drogenberatung. Und es ist immer das gleiche Thema: Obdachlose müssen weg. Die Fixer müssen weg. Und wohin? Einfach eine Ecke weiter, und dann setzt sich die nächste Arbeitsgruppe mit dem gleichen Thema auseinander und schiebt die unerwünschten Gruppen wieder weiter.

Unter den Teppich kehren geht nicht, die Probleme werden über dem nächsten Teppich ausgeschüttet. Was die Drogenabhängigen anbelangt, gibt es Beratungsstellen. Viele von ihnen haben auch eine Wohnung. Doch was ist mit den vielen Obdachlosen in Berlin? Wie macht man 2000 Menschen „unsichtbar“?

Aus den Augen, aus dem Sinn

„Housing First“ lautet der politische Konsens. Außer bei AfD und CDU fand man dieses Konzept im Parteiprogramm nahezu aller Parteien. Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales Elke Breitenbach ist eine glühende Verfechterin dieser amerikanischen Idee. Sie besagt: Gebt den Leuten auf unbefristete Zeit einen Schlüssel zu einer Wohnung. Bedingungslos. Auch wenn Papiere unvollständig oder Hartz IV nicht möglich ist. Erst mal die Wohnung. Alles andere kommt danach.

70 Wohnungen hat Breitenbach nun besorgt. Ab 2022 wird das Pilotprojekt erweitert, weitere 1,3 Millionen Euro sollen bereitgestellt werden. Doch wie viele Wohnungen brauchen wir, um 2000 Obdachlosen zu helfen? Und was, wenn es stimmt, was Obdachlosenorganisationen vermuten: Dass es in Wirklichkeit bis zu 10.000 Obdachlose gibt? Obdachlosigkeit wird für die nächsten Jahrzehnte weiterhin das Stadtbild prägen. Ob wir wollen oder nicht.

Elend, Kultur und Politik

Ist das schlimm? Von Obdachlosen geht keine nennenswerte Gefahr aus. Mitunter fallen einige scheinbar Verwirrte auf, die offensichtlich unter Tourette leiden und zuweilen angsteinflößend wirken. Aber das hat zunächst nichts mit Obdachlosigkeit zu tun, sondern mit psychischen Krankheiten.

Da Obdachlosigkeit ein sehr weiter Begriff ist, möchte ich mich auf Obdachlose fokussieren, denen der Zugang zum öffentlichen Raum oder Gastronomie erschwert wird. Viele wissen nicht: Der Großteil der Obdachlosen hält sich im öffentlichen Raum kaum auf. Geflüchtete in einer Notunterkunft, Mütter in Frauenhäusern oder Insassen einer Haftanstalt: Von diesen Gruppen sprechen wir nicht, sondern von denen, mit denen Menschen mit Wohnsitz – salopp ausgedrückt – um die Parkbank konkurrieren. Nennen wir sie „Public Citizens“.

In unseren Projekten mit der Tiny Foundation sind mir drei Arten von öffentlicher  „Citizenship“ aufgefallen, die auch unterschiedlicher Antworten bedürfen: Notleidende Citizens, kulturpraktizierende Citizens, und politische Citizens.

Worüber wir meist sprechen ist das Elend der Obdachlosen, Mütter mit Kleinkindern, die betteln. Oder verkrüppelte Menschen, Menschen, die kaum Deutsch sprechen, Erblindete, Taubstumme, Alkoholkranke, Rauschgiftkranke, Menschen mit Amputationen und anderen Einschränkungen. Viele dieser Menschen sind in großer (gesundheitlicher) Not und gehören zweifelsohne in eine Therapie und nicht in eine Notunterkunft.

Auch wenn einige böse Zungen behaupten, dass die Bettlerinnen ihr Leid künstlich vortäuschen, darf man ihnen das Leid nicht absprechen. Die notleidenden Citizens sind die schwächste Gruppe unserer Gesellschaft. Ihnen Zugang zu Versorgung und Betreuung zu gewährleisten, muss oberste Priorität bleiben.

Da für diese Gruppen oft Hilfsnetzwerke existieren, die dafür sorgen, dass sie nachts nicht auf der Straße schlafen müssen, sind hier mietpolitische Strategien eher hilfreich als Obdachlosenhilfe. Denn in beliebten Vierteln wie dem Bergmannkiez scheinen sich vor allem Citizens durchzusetzen, die ein gewisses Revierbewusstsein haben. Nur so kann ich mir erklären, warum Kinder, Frauen und Schwarze nachts auf den Straßen vor prominenten Hauseingängen wenig vertreten sind. Auch hier wird ein Verteilungskampf um die begehrtesten Plätze – wie er in jeder anderen gesellschaftlichen Schicht ja üblich ist – stattfinden.

Hoffnung macht mir die Absichtserklärung von Franziska Giffey: 20.000 Einbürgerungen soll es in Berlin geben pro Jahr. Das sind 13.000 mehr als üblich. Wenn es politischer Wille ist, das Elend von der Straße zu holen, müssten auch die Hürden für Aufenthaltstitel von Ausländerinnen gelockert werden. Warum müssen Menschen, die auf deutschem Asphalt leben und schlafen, Gäste bleiben? Citizens sind keine Touristen, keine saisonalen Erscheinungen. Citizens sind Teil der Gesellschaft, sie sind in die Stadt gekommen, um zu bleiben. Wer Sozialhilfe erhält oder Erwerbsarbeit betreiben darf, wird nicht mehr mit Hut und humpelndem Bein durch die Straßen ziehen.

Kulturelle und politische Obdachlosigkeit

Bleiben noch die kulturellen und politischen Citizens. Das sind die Gruppen, mit denen wir aktiv kooperieren. Künstlerinnen, Freiheitsliebende, gescheiterte Existenzen, Menschen mit sozialen Bindungsschwierigkeiten mit Zwängen oder anderen Gründen, die dazu führen, dass sie nicht mehr in einer Wohnung übernachten werden.

Die Kultur-Citizens haben ihre Wohnung aufgegeben, nicht aber ihre gesellschaftliche Stellung: Sie suchen geradezu ihren Platz in der Gesellschaft, durch kulturelle Beiträge: Sie musizieren, jonglieren, verkaufen Kunsthandwerk, nehmen Teil an öffentlichen kulturellen Veranstaltungen (wo sie teilweise Flaschen sammeln). Der Bildhauer Tom Pollhammer, der jahrelang im Plänterwald schlief, stellt Drachen aus Gips im Simon-Dach-Kiez aus. Kultur-Citizens bauen sich kleine Altare, Hütten, Zelte, ganze Kunstinstallationen aus dem Zeug, das auf der Straße liegen bleibt. In Museen nennt man diese künstlerische Praxis „Ready Made“. Diese Menschen suchen ein Publikum oder menschliche Nähe.

Ihnen hilft neben einer Spende vor allem Anerkennung, für ihre Ideen, für ihr kulturelles Produkt.

Die politischen Citizens sind Geflüchtete, Opfer von rassistischen Strukturen, Protestierende und Systemgegner. Sie sind oft gut vernetzt, Social-Media-affin und schlafen auf der Straße, um Sichtbarkeit herzustellen für ihre politischen Forderungen. Sie ketten sich an Schienen, an Bäume. Sie sind die Ersten, die die Polizei aus dem öffentlichen Leben entfernt. Wir erinnern uns an die Camps, die noch vor 2015 am Oranienplatz entstanden sind. Diese Menschen haben ein politisches Leiden, welches es ihnen unmöglich macht, nachts zu Hause zu bleiben (falls sie ein Zuhause haben).

Warum es wichtig ist, den öffentlichen Raum zu nutzen

Mir scheint, der öffentliche Raum soll reduziert werden auf konsumfreundliche Anwendungen. Hier fallen mir eigentlich nur drei ein: Shoppen, Parken (um zu shoppen oder zu liefern), Selbstoptimierungsmaßnahmen (Sport und Spaziergänge). Ausnahmen bilden Demos. Da geht aber noch mehr, oder? Das Leben besteht ja nicht nur aus Shoppen, Liefern und Sport. Was ist mit: kochen, trinken, grillen, picknicken, Sit-ins, streiten, nähen, knutschen, lernen, arbeiten, handwerken, waschen, lehren und lernen, beten, Siesta und vor allem spielen.

Probieren Sie es mal aus und breiten Ihre Picknickdecke auf dem Alexanderplatz aus und grillen dort ein köstliches Würstchen und spielen Badminton mit Ihren Kindern. Oder bauen Sie mal an der Kreuzung vor Ihrer Lieblingskneipe ein Zelt auf, um darin per Zoom zu unterrichten mit anschließendem Nickerchen.

Haben Sie sich schon mal an einem sommerlichen Nachmittag auf eine Parkbank gelegt? Es wird nicht lange dauern und Sie werden des Platzes verwiesen. Es muss ja nicht gleich eine extrovertierte Performance sein, doch uns entgehen unzählige Möglichkeiten der urbanen Praxis, wenn wir den öffentlichen Raum für unsere gesellschaftlichen Belange meiden. Kinder, Behinderte, Sexworker, Drogensüchtige nutzen den öffentlichen Raum bereits mehr, als ihnen zugestanden wird. Vermutlich eher aus einer Not heraus, weil sie woanders nicht reinkommen (Beispiel: Kinder im Büro und natürlich Obdachlose).

Doch erst, wenn sich die vertriebenen Gruppen im öffentlichen Raum auch willkommen fühlen, können wir glaubhaft von einer toleranten Stadt sprechen.

Straße ohne Leben

In vielen Straßen sieht man keine Obdachlosen. Die Bewohnerinnen mögen das als Auszeichnung sehen für den Wohlstand ihres Stadtteils. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es ist der Verfall von Demokratie. Wenn in Ihrer Straße keine Sexworkerin, keine queeren Protestierenden, keine spielenden Kinder, keine feiernden Jugendlichen und keine Obdachlosen verweilen, bedeutet es, dass sie sich dort nicht wohl fühlen oder vertrieben werden. Oder noch schlimmer: dieser Stadtteil ist einfach nicht attraktiv genug für ihre Belange. Zu glatt, zu langweilig, zu austauschbar.

Sie gehen dorthin, wo sie akzeptiert werden. Nehmen Sie es ernst, wenn in Ihrer Stadt der öffentliche Raum erlahmt. Ein Mix verschiedener gesellschaftlicher Gruppen im öffentlichen Raum ist ein Zeichen für eine gesunde Gesellschaft, eine, die die Augen nicht verschließt vor den globalen Herausforderungen. Eine, die nicht für sich beansprucht, die Lösung oder gar die Wahrheit zu kennen. Sondern eine, die sagt, die Stadt gehört uns allen und gemeinsam müssen wir das „Werden“ üben.

„Wir wollen zusammenleben wollen“, nannte diese Haltung die Malerin Katharina Grosse. Deshalb mag ich Neukölln auch so sehr. Da wohnen Nazis und Araberinnen in direkter Nachbarschaft, ohne sich die Köpfe einzuschlagen. Doch die Fähigkeit zur Fantasie, die es braucht, um sich den öffentlichen Raum anzueignen, ist bei bürgerlichen Gruppen verkümmert: Das Einzige, worin sie erfahren sind in ihrer urbanen Kompetenz, ist das Parken ihres Autos oder Lastenrades.

Vielleicht machen sie alle paar Jahre noch bei einem Kiezfest mit, wo sie hinter einem Marktstand stehen. Mehr fällt ihnen nicht dazu ein, was man anfangen könnte mit der Straße. In Zeiten, in denen der private Raum immer kleiner und teurer wird, kommen wir nicht umhin, einige unserer Tätigkeiten in den öffentlichen Raum zu verlagern. Wir können von den Obdachlosen einiges lernen.

Van Bo Le-Mentzel ist Architekt und Lehrer. Als Direktor der Tiny Foundation schafft er Wohnkonzepte und Tiny Houses, um Menschen ohne Obdach zu helfen. Le-Mentzel setzt sich mit Masterplänen (u.a. Circular City Lichtenberg) für eine stärkere Durchmischung von Nachbarschaften ein.

Am Sonntag, den 21. November, 17 Uhr wird im Grips-Theater die „Goldene Keule“ als Auszeichnung verliehen an Firmen, die besonders obdachlosenfeindlich sind. Unser Autor gehört der Jury an. Tickets zur Preisverleihung: www.grips-theater.de

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