PotsdamEs ist Anfang November, ein kühler Morgen. Der Tau glitzert auf den Wiesen im Park Sanssouci, welke Blätter fallen nässeschwer von den Bäumer herab und am anderen Ende der kilometerlangen Hauptachse quer durch den Park schimmert das Neue Palais durch den lichten Nebel. Es ist früh, Angestellte der Stiftung sind damit beschäftigt, Hunderte Skulpturen in hölzerne Schutzhäuschen einzupacken. Es scheint, als legten sie den steinernen Engeln und Heldenfiguren graugrüne Mäntel und Kapuzen um. Gegen Nässe, gegen Schnee und gegen den Frost.

In den letzten Wochen haben die Arbeiter bereits mehr als 1000 Kübelpflanzen in die Orangerie gebracht, traditionell ein Event, sogar die überregionale Presse berichtet regelmäßig. Außer den Arbeitern sind – Homeoffice sei Dank – bereits einige Menschen im Park: Junge Väter mit hippen Bärten schieben, das iPhone am Ohr, Kinderwagen vor sich her. Joggerinnen in knalligen Funktionsjacken ziehen ihre Runden. Auch Hundebesitzer sind zu sehen. Und alle gehen, telefonieren, schieben und joggen vorbei an einem bunten Lumpenhaufen, der neben einer Bank, direkt auf der breiten, nassen Flanierachse liegt. Aus der Entfernung kann man es für Müll halten. Je näher man aber kommt, desto mehr wird klar, dass der Haufen aus einer abgewetzten Decke, einem schmuddeligen Schlafsack und einer Isomatte mit wenig Luft besteht. Der Schlafsack ist nicht leer.

Hypohermie (Zustand abnorm niedriger Körpertemperatur) – Ursachen: unzweckmäßige oder nasse Bekleidung, Einschlafen im Freien, bewusstloses Liegen im Freien, Alkoholgenuss beschleunigt die Auskühlung.

Es muss doch Profis geben, die sich um Obdachlose kümmern!

Aus ein paar Metern Entfernung versuche ich die Situation einzuschätzen. Ich sehe im Schlafsack: das Gesicht eines Mannes mit kräftiger Statur, dunklem Bart. Neben ihm: ein Beutel mit einigen leeren Bierflaschen und ein 5 Liter Joghurt-Eimer mit ekligen Resten, wohl eine aus dem Müll gezogene Großhandelspackung. Was soll man tun? Bislang sieht alles nach einem Rausch aus, den es auszuschlafen gilt. Aber bei zwei Grad und nassem Schmuddelwetter?

Milde Hypothermie: 32–35 Grad Körpertemperatur, Muskelzittern, beschleunigter Puls, erhöhte Atemfrequenz, Gefäßverengung, gestörte Bewegungskoordination, Apathie.

Um sich ein besseres Bild machen zu können, müsste man den Mann ansprechen, seinen Zustand checken. Doch neben dem Bedürfnis, mich zu kümmern, sind in meinem Kopf ehrlicherweise auch Bedenken vorhanden. Und ja – auch Ängste und Ekel. Angst vor Drogen- und alkoholbedingtem aggressivem Verhalten, Ekel vor Erbrochenem, Ekel vor Krätze und Hepatitis. Und ich frage mich: Was geht mich das alles an? Es muss doch Profis geben, die sich kümmern. Wir sind doch ein modernes Land.

Mittelgradige Hypothermie: 28–32 Grad Körpertemperatur, Bewusstseinseintrübung, verlangsamter Herzschlag, erweiterte Pupillen, verminderter Würgereflex, Aufhören von Muskelzittern, Reflexabschwächung, paradoxes Verhalten.

Sucht man auf dem Handy nach „Obdachlosenhilfe Potsdam“, landet man bei der AWO. Und der (mutmaßlich) junge Mann am anderen Ende der Leitung bittet mich, genau das zu tun, was ich eigentlich vermeiden wollte: den Schlafsackmann ansprechen. Ich muss also Kontakt aufnehmen – und so seine Probleme an mich heranlassen. Tatsächlich öffnet der Mann recht schnell die Augen und meine Frage, ob es ihm gut gehe, beantwortet er mit osteuropäischen Akzent: Gut, gut. Und er legt mir nahe, dass er keinen Wert auf meine Anwesenheit legt. Kurzfristig verspüre ich Erleichterung. Dieser Fremde will seine Lage nicht zu meinem Problem machen. Aber dennoch: Dem Mann geht es augenscheinlich nicht besonders gut! Der AWO-Mann am Telefon erklärt nun, dass, da der Mann ja ansprechbar sei, kein akuter Notfall vorliege und seine Organisation nicht übernehmen könne. Er gab mir noch den Tipp, es bei der 112 zu versuchen.

Schwere Hypothermie: unter 28 Grad Körpertemperatur, Bewusstlosigkeit, Kreislaufstillstand, verminderte Hirnaktivität, Lungenödem, starre Pupillen, Herzrhythmusstörungen, Atemstillstand. (Symptome nach Wikipedia)

Wie soll man einschätzen, ob ein Notfall vorliegt?

Der AWO-Mitarbeiter war hilfsbereit. Er handelte sicher nach den für ihn geltenden Anweisungen. Und auch ich neige eher nicht dazu, Menschen ungewollt vermeintliche Wohltaten zukommen zu lassen. Aber den Schlafsackmann einfach dort liegen lassen? Also rief ich die 112 an. Ich wurde nach kurzer Schilderung der Situation gefragt, ob ein Notfall vorliege. Wie soll ich das einschätzen können? War seine reduzierte Reaktion auf meine Ansprache eher das Resultat von Restalkohol oder das Ergebnis einer kalten Nacht draußen im Park?

Der Notruf-Mitarbeiter entschied, dass wohl kein akuter Notfall vorliege, er aber sicherheitshalber die Polizei verständigen würde. Während ich auf den entsprechenden Rückruf wartete und den Schlafsackmann aus einiger Entfernung im Auge behielt, gingen andere Menschen, junge und alte, Väter und Kinder, Rentnerinnen und Hundebesitzer, achtlos an dem Bündel Mensch im dreckigen Schlafsack vorbei.

Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe: Im Winter erfrorene Obdachlose in Deutschland (2018/2019): zwölf Personen.

Die Polizeidienstelle meldete sich kurz darauf und erklärte mir, dass man eine Streife vorbeischicken würde. Diese kam nach etwa einer halben Stunde – und kontrollierte als Erstes ein Dokument, vermutlich den Ausweis des Schlafsackmannes. Ich sah es nur noch aus dem Augenwinkel, denn ich hatte meinen Spaziergang fortgesetzt, war erleichtert, dass sich jemand kümmerte, und musste nach Hause an meinen Schreibtisch. Dabei dachte ich über Gewissen, Fürsorge und Verantwortlichkeit nach. Wollte oder konnte ich dem Schlafsackmann nicht selbst helfen?

Foto: Stefan Boness/Imago Images
An einer Bushaltestelle am Kurfürstendamm.

Klar – es gibt die Geschichten: Familien laden Obdachlose zu sich nach Hause ein. So etwas passiert aber nur an Weihnachten (und wird dann gern als Gutmenschentum vor sich hergetragen). Doch wie konnte es sein, dass in einem Land, in dem bei so vielen Dingen des Alltags so viele Sicherheitsnetze gespannt zu sein scheinen, keine Stelle für einen offensichtlich in Not geratenen Menschen zuständig sein will? Es geht ja nicht nur darum, die aktuelle Nacht zu überstehen, sondern auch um die Frage: Was macht der Schlafsackmann morgen? 

Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, Schätzung der Wohnungslosen in Deutschland: im Jahr 2018 237.000 Personen (678.000 Personen inklusive wohnungsloser Flüchtlinge).

Rechtlich unterscheidet man in der Bundesrepublik zwischen unfreiwilliger und freiwilliger Obdachlosigkeit. Letztere wird nach herrschender Rechtsauffassung toleriert, man darf also obdachlos sein. Ist man jedoch unfreiwillig ohne Dach über dem Kopf, so bedroht dies nach Auffassung von Verwaltungsgerichten die Würde und das Leben der Betroffenen. Die Städte und Gemeinden sind deshalb verpflichtet, Obdachlosen Unterkunft zu gewähren. Diese bürokratische Herangehensweise übersieht aber die psychisch und physisch oft problematische Situation der Betroffenen. Solange es hier keine nachhaltige Hilfe gibt, so lange werden Obdachlose zum Stadtbild gehören.

Und man kann als einzelner Bürger nicht viel tun, auch wenn man eigentlich möchte. Spenden erleichtern natürlich das Gewissen, gerade in der Weihnachtszeit. Aber eine öffentliche Thematisierung von Obdachlosigkeit, die die Politik zwingen würde, den betroffenen Menschen systematisch zu helfen, wäre wichtiger. Niemand demonstriert für dieses ganz konkrete Problem. Wegsehen und Schweigen ist einfacher, zeugt aber eben auch von Kälte. Gesellschaftlicher Kälte. Es wäre schön, wenn wir alle ein wenig mehr aufeinander aufpassen würden, sodass zumindest niemand mehr erfriert.

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