Am 1. März griffen russische Truppen mit Raketenbeschüssen den Kiewer Fernsehturm – ein reines Zivilobjekt – an. Dabei sind fünf Zivilisten getötet und mindestens fünf weitere verletzt worden. Eine Rakete traf dabei das Gelände der Gedenkstätte des Babyn Yar Holocaust Memorial Center (BYHMC).

Überreste des Geschosses sind einige Tage später nur einige Hundert Meter von der letzten Mai eingeweihten symbolischen Synagoge gefunden worden. Die Synagoge, die quasi über dem Boden schwebt und sich wie ein Buch öffnet, wurde vom Schweizer Architekten Manuel Herz entworfen. Herz schrieb nach dem russischen Beschuss: „Ich wollte ein Gebäude entwerfen, in dem Juden beten können, das aber auch für Besucher und die Bürger von Kiew offen ist. Es sollte ein Ort sein, an dem sie gemeinsam die Schönheit des Lebens zelebrieren können.“ Ob und wann dies wieder der Fall sein wird, bleibt offen.

Die Leitung der Gedenkstätte verurteilte die russische Invasion aufs Schärfste, insbesondere hinsichtlich der Rechtfertigung für den Angriff. Der Israeli Natan Scharanski, Vorstandsvorsitzender des BYHMC, brachte die Kritik auf den Punkt: „Putins Versuch, den Holocaust zu verzerren und zu manipulieren, um eine illegale Invasion in ein souveränes demokratisches Land zu rechtfertigen, ist zutiefst verabscheuungswürdig“. Scharanski kennt als Gründungsmitglied der Moskauer Helsinki-Gruppe und sowjetischer Dissident den manipulativen Umgang mit Geschichte allzu gut. Der wissenschaftliche Beirat unter Vorsitz des Franzosen Patrick Desbois hat sich in einem offenen Brief an den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, gewandt und Putins Vorwand, die Ukraine würde einen Genozid im Donbass begehen, als Lüge bezeichnet.

Die Mitarbeiter des Gedenkzentrums flohen

Die meisten Mitarbeiter des BYHMC flohen mit ihren Angehörigen nach Lwiw. Einige meldeten sich beim Militär, um die Stadt gegen die russischen Truppen zu verteidigen. Umso zynischer ist es, die Gedenkstätte als ein „russisches Projekt“ zu bezeichnen, wie mitunter zuletzt geschehen. Es ist ein ukrainisches und internationales Projekt, um an einem der größten Tatorte des Holocausts durch Kugeln würdig an das Verbrechen zu erinnern und die weltweite Beachtung zu gewinnen, die dieser Ort verdient.

Seit dem Fall der Sowjetunion wurden in Babyn Jar Museen und Gedenkorte angekündigt und wieder fallen gelassen. Erst in den letzten Jahren kann durch das BYHMC Bewegung in die Sache, auch weil die Stadtverwaltung und zuletzt auch Selenskyj – als erster Präsident des Landes – die Errichtung einer Gedenkstätte unterstützten.

In Russland interessiert man sich für den Holocaust nur marginal und für Babyn Jar schon gar nicht. Ein Museum für den Holocaust der russischen oder sowjetischen Juden gibt es in Russland nicht. Daher war und ist es nicht im Interesse Putins, dass ein solches Museum auf dem Gebiet der Ukraine entstehen könnte. Schon gar nicht ein Museumkomplex des BYHMC, dessen erster Teil sich mit dem Vergessen und Verdrängen der Babyn-Jar-Tragödie und des Holocausts während der Sowjetzeit beschäftigten soll.

Statt zum wiederholten Male sich mit dem – spätestens jetzt – ersichtlich künstlichen Problem eines „russischen“ oder „ukrainischen“ Projektes auseinanderzusetzen, sei an dieser Stelle an die bisherigen Fortschritte des BYHMC erinnert.

Neben den architektonischen und künstlerischen Projekten hat das BYHMC mehr als 28.000 Namen der jüdischen Opfer, die in Babyn Yar ermordet worden sind, rekonstruieren können. Ein weiteres Projekt befasst sich mit den Identitäten der deutschen Täter, von denen bereits 160 Namen veröffentlicht worden sind.

Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Aufarbeitung des Holocausts sehr wohl Teil der ukrainischen Identität geworden ist. Ohne eine unabhängige Ukraine wird es daher keine Erinnerung an Babyn Jar und den Holocaust in der Ukraine geben.

Andrej Umansky, Historiker und Jurist aus Köln, ist stellvertretender Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des Babyn Jar Holocaust Memorial Center.

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