„Nachwachsender Rohstoff“ Holz: Unser Papierkonsum ist viel zu hoch!

Deutschland ist der viertgrößte Papierverbraucher der Welt. Das hat viele Umweltschäden zur Folge. Unsere Autorin denkt, dass wir uns verbessern können.

Papiermüll: Deutschland ist viertgrößter Papierverbraucher weltweit mit rund 19 Mil­lionen Tonnen im Jahr 2021, vor uns liegen nur China, die USA und Japan.
Papiermüll: Deutschland ist viertgrößter Papierverbraucher weltweit mit rund 19 Mil­lionen Tonnen im Jahr 2021, vor uns liegen nur China, die USA und Japan.iamgo/Ronalds Stikans

Preise für Papier und Kartons sind in den letzten Monaten stark gestiegen aufgrund der Kosten für die Beschaffung der Rohstoffe sowie für Energie und Transporte. Lieferengpässe, ausgelöst durch die Corona-Krise, taten ihr Übriges. Viele Marktakteure verfolgen die Entwicklung mit Sorge, Druckereien reagieren mit Aufbau ihrer Lagerbestände, Verlage reduzieren Auflagen, Unternehmen planen im Voraus lange Lieferzeiten ein. Doch es gibt auch Stimmen, die dem Preisanstieg positive Aspekte abgewinnen.

Seit Jahren kritisieren Umweltverbände, Verbraucherzentralen und entwicklungspolitische Organisationen, dass der Papierverbrauch in Deutschland deutlich zu hoch ist. Und dass die Preise – wie bei vielen anderen Produkten auch – nicht die Kostenwahrheit abbilden, weil ökologische und soziale Folgen in den Rohstoff-Lieferländern unberücksichtigt bleiben, also Schäden an Natur und Menschen nicht einberechnet sind. Tatsächlich ist Papier wertvoll, stammen seine Primärfasern doch zumeist aus Holz.

Das wird zwar als „nachwachsender Rohstoff“ bezeichnet, doch der hohe Holzverbrauch setzt Waldökosysteme weltweit unter Druck, was höchst bedeutsam ist, denn zum einen ist der Wald ein entscheidender „Verbündeter“ im Kampf gegen die Klimakrise. Zum anderen wird er durch die Folgen der Klimaveränderungen – Hitze, Dürre, Trockenheit – massiv bedroht. In Deutschland gingen in den heißen, trockenen Sommern 2018 und 2019 Waldflächen einer Größe des Saarlands verloren. Und dieses Jahr erreichten Waldbrände bei uns traurige Rekordwerte – von Südeuropa ganz zu schweigen.

Berge voller gebündeltem Altpapier auf dem Recyclinghof.
Berge voller gebündeltem Altpapier auf dem Recyclinghof.imago/Rainer Weisflog

Expert:innen von Umweltverbän­den und Universitäten fordern, viel mehr Wald sich selbst zu überlassen, damit sich Biomasse und Totholz aufbauen können – für Schatten, Feuchtigkeit, Kühlung, gesundes Waldinnenklima und Widerstandsfähigkeit. Und um Artenvielfalt zu schützen, die wiederum die Fähigkeit von Ökosystemen erhöht, sich an Umweltveränderun­gen wie die Klimakrise anzupassen. Nicht zu vergessen die vielen weiteren Funktionen der Wälder wie Sauerstofferzeu­gung, Wasserregulation, Bodenschutz, aber auch Erholung und Schönheit. Konsequenter Schutz wertvoller Waldbestände, Verzicht auf großflächige Einschläge und verringerter Nutzungsdruck gelten als Gebot der Stunde.

Unser Verbrauch: 19 Millionen Tonnen Papier

Etwa 40 Prozent der industriellen Holzernte enden laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen als Papier. Deutschland ist viertgrößter Papierverbraucher weltweit mit rund 19 Mil­lionen Tonnen im Jahr 2021, vor uns liegen nur China, die USA und Japan. Und auch beim Pro-Kopf-Verbrauch rangiert Deutschland an dritter Stelle. Dabei werden nach Berechnungen der Umweltorganisa­tion Robin Wood nur knapp 20 Prozent des Holzes für unseren Papierkonsum aus heimischen Wäldern gewonnen, über 80 Prozent stammen aus Importen, insbesondere aus Schweden und Finnland, die sowohl Zellstoff liefern als auch Fertigpapiere.

Gestapelte Holzstämme auf der Holzmehlhalde der Hallein Papier AG.
Gestapelte Holzstämme auf der Holzmehlhalde der Hallein Papier AG.imago/Sven Simon

Dort herrscht eine intensive, industrielle Forstwirtschaft vor, in Schweden gelten nur noch etwa 10 Prozent der Wälder als naturnah, längst nicht alle Urwälder und wertvollen Waldbestände stehen unter Schutz. Schwedische Umweltorganisationen sprechen von einer schweren Krise der Biodiversität in ihrem Land. Laut Robin Wood ist die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten in Skandinavien, die in den Roten Listen als bedroht oder gefährdet geführt werden, auf den Lebensraum Wald angewiesen.

Der meiste Zellstoff erreicht uns aus Südamerika, neben Uruguay und Chile insbesondere aus Brasilien. Da in den Zentren der Zellstoffherstellung im Osten Brasiliens der Atlantische Regenwald bis auf Reste längst abgeholzt wurde, dehnen sich riesige Zellstoffplantagen mit schnell wachsendem Eukalyptus vor allem auf Flächen aus, die der lokalen Bevölkerung zum Anbau von Nahrungsmitteln dienen, wo Bauernfamilien Getreide, Obst und Gemüse anbauen und ihre Tiere halten. Dabei kommt es zum Teil zu massiven Landrechtsverletzungen und Vertreibungen, dem Verlust von Grundstücken, Häusern, Dörfern. Teils weichen die Betroffenen in andere Regionen aus, wo sie wiederum Urwald roden, um Land für den Ackerbau urbar zu machen. Viele landen verarmt in Städten, zumeist in Slums.

Eukalyptusplantage in Natividade da Serra, Brasilien
Eukalyptusplantage in Natividade da Serra, Brasilienimago/Fotoarena

Außerdem belastet die Plantagenwirtschaft mit hohem Einsatz künstlicher Düngemittel und Pestizide Böden und Wasser. Dies führt zum Rückgang von Fischbeständen, Verlust von Obstbäumen und anderen Nahrungspflanzen, Gesundheitsproblemen und Bedrohung der Existenzgrundlage der Menschen. Die Umweltzerstörung gefährdet vor allem das Überleben der ärmeren Teile der Bevölkerung, die noch unmittelbar auf saubere Flüsse und intakte Wälder angewiesen sind. Zusätzlich heizt der Waldverlust die Klimakrise weiter an, die den globalen Süden schon seit Jahren vehement trifft, mit Trockenheit, Dürren, Wassermangel, Ernteausfällen, Überschwemmungen.

Die Herstellung von Primärfaserpapier ist darüber hinaus sehr energieintensiv. Laut dem Verband „Die Papierindustrie“ nimmt diese in Deutschland beim Vergleich des Endenergieeinsatzes nach Industriebereichen den dritten Platz nach der Metallerzeugung und der chemischen Industrie ein.

Rollenlager in der Büttenpapierfabrik Gmund GmbH in Gmund.
Rollenlager in der Büttenpapierfabrik Gmund GmbH in Gmund.imago/HRSchulz

Stofftücher statt Küchenrolle: Das können wir tun

Gute Gründe also, bewusst mit dem wertvollen Material umzugehen. Dies gelingt leicht zum Beispiel durch Duplex-Voreinstellung an Druckern und Kopierern, was den Verbrauch um die Hälfte verringert, Stauraum spart und den Geldbeutel entlastet. Rückseiten von Fehldrucken eignen sich für Notizen und als Einkaufszettel. Die Werbeflut wiederum lässt sich eindämmen durch Vermerke am Briefkasten, einen Eintrag in die Robinsonliste und Bitte um Streichung aus Verteilern für Prospekte und Kataloge. Diese werden ohnehin weniger, weil immer mehr Unternehmen auf digitale Alternativen umstellen.

Auch dabei gilt es, Umweltbelastungen so gering wie möglich zu halten, indem man elektronische Geräte möglichst lange nutzt, beim Kauf auf Reparaturfreudigkeit und Energieeffizienz setzt, für Downloads kabelgebundenen Internetanschluss statt Mobilfunk wählt und auf schlanke Dateien und niedrige Auflösung bei Fotos achtet. Und natürlich sollte Ökostrom verwendet werden. Bei Bestellungen im Internet können Versender gewählt werden, die anstelle von Kartonagen Mehrweglösungen anbieten, zum Beispiel Boxen aus Recycling-Kunststoff ausgezeichnet mit dem Blauen Engel. To-go-Becher und Einweggeschirr lassen sich durch Mitnahme eigener Behältnisse vermeiden, Rucksack, Stoffbeutel oder Einkaufskorb ersetzen Papier- und Plastiktüten und im Haushalt bieten sich Stofftücher statt Küchenrolle an.

Wo Papier weiterhin zum Einsatz kommt, gewährleisten Recyclingprodukte Zukunftsfähigkeit. Denn die Herstellung von Recyclingpapier spart gegenüber Primärfaserpapier bis zu 68 Prozent Energie, bis zu 78 Prozent Wasser und bis zu 87 Prozent Abwasserbelastung. Moderne Recyclingpapiere stehen „weißer Ware“ in nichts nach, wie die Stiftung Warentest schon 1995 vermeldete. Ausgezeichnet mit dem Blauen Engel erfüllen die Produkte alle DIN-Normen und höchste technische Standards inklusive Alterungsbeständigkeit über mehrere Hundert Jahre. Zudem verbietet der Blaue Engel den Einsatz kritischer Chemikalien.

Immer mehr Unternehmen zeigen durch Recyclingqualitäten in Naturweiß oder Beige ihr Engagement für Wald-, Arten-, Klima- und Gesundheitsschutz auch nach außen und betonen den Imagegewinn gegenüber Kund:innen und Geschäftspartner:innen. Zugleich sind Mitarbeiter:innen motiviert, wenn sie sehen, dass ihr Unternehmen wirklich etwas für die Umwelt tut, was auch beim Recruiting neuer Kolleg:innen helfen kann.

Ein Mann transportiert auf seinem Fahrrad Altpapier in Peking.
Ein Mann transportiert auf seinem Fahrrad Altpapier in Peking.imago/UPI Photo

Es lohnt sich, darüber hinaus die Politik in die Verantwortung zu nehmen, um systemische Veränderungen voranzubringen, die individuelles Handeln erleichtern: Sei es für die Garantie ökologischer und sozialer Mindeststandards bei Herstellung von Produkten und Gewinnung der Rohstoffe, für bundesweit einheitliche Mehrwegsysteme für Verpackungen auch im Onlinehandel und zwischen Unternehmen oder für die Verpflichtung der öffentlichen Hand zu einer konsequent öko-sozialen Beschaffung.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.