Der erste Kuss, zum ersten Mal am Meer, Orientierungslosigkeit nach der Wende, die erste Arbeitslosigkeit. Jenseits von Diktatur und Befreiung, von Ostalgie und Rechtsruck erleben Ostdeutsche ihre Lebensgeschichten anders: ganz normal und doch mit Brüchen. Sie zu erzählen und zu hören, hilft, ostdeutsche Lebensrealitäten anzuerkennen und zu verstehen.

„Für mich war es das erste Mal am Meer. Etwas ganz Besonderes dieses Rauschen, was man schon von Weitem hören konnte, und die Wellenkraft.“ Thomas Alperstedt schwärmt auf Instagram vom Familienurlaub auf Usedom 1980. Er erlebte die Ostsee zum ersten Mal. Usedom, Rügen und Balaton waren für DDR-Bürger, was Sylt, Norderney und Gardasee für BRD-Bürger waren: typische Urlaubsziele und doch nicht für jeden erreichbar. Im Fall von Usedom und Rügen noch mit dem Unterschied, dass es militärische Sperrzonen gab.

Lebensgeschichten, die zugleich vertraut und fremd sind 

Als Esther Stüve im vergangenen Dezember Alperstedts Post las, erinnerte sie sich an ihre eigene Kindheit. Ihre Eltern fuhren mit ihr und den zwei Geschwistern regelmäßig an die Ostsee zum Urlaub. Es ist dasselbe Meer, wenn auch in einem anderen Land. Stüve wuchs im niedersächsischen Alfeld auf. Zwischen Hannover und Göttingen, BRD. Zonenrandgebiet, bis sie 15 Jahre alt war und die Mauer fiel. Den Post sah sie auf  „Schwalbenjahre“. Auf diesem Instagram-Account öffnen Ostdeutsche ihre privaten Fotoalben und erzählen jeweils eine Woche lang aus ihrem Leben vor und nach der Wende. „Eine Schatztruhe“ tat sich für Stüve auf, wie sie beim Zoom-Gespräch erzählte. „Das sind Lebensgeschichten, die mir vertraut und gleichzeitig nicht vertraut sind. Die ich sonst nicht in dieser Dichte und Vielfalt erfahren würde.“

Es war ein Septembertag im Jahr 2019, an dem Jessica Barthel „Schwalbenjahre“ eröffnete. Auslöser war ein Radiointerview zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Darin ging es um Feinstrumpfhosen als Keilriemenersatz für den Trabant und die üblichen ostdeutschen Stereotype. Empört suchte sie online nach „den ganz normalen Geschichten aus der DDR, modern erzählt und leicht zugänglich.“ Fündig wurde sie nicht.

Die DDR ist das Land, in dem Barthel geboren wurde und aus dem ihre Eltern mit ihr geflüchtet sind, als sie fünf Jahre alt war. Drei Wochen später sollte die Mauer fallen. Sie wuchs in Bayern auf. Als Fotografin und Künstlerin lebte sie später in New York. 2015 kehrte sie nach Deutschland zurück und erlebte einen anderen prägenden Moment. In der New York Times las Barthel über die Flüchtlingskrise, Pegida und Steine werfende Ostdeutsche. „Ich war wütend. ‚Wir sind das Volk‘ wurde so verfremdet und umgenutzt. Ein Satz, für den meine Eltern gekämpft hatten. Ab da wurde ich politischer, auch in meiner Kunst. Und ich wusste, ich und viele andere – wir sind nicht dieser Ossi, der mit Steinen auf den Flüchtlingsbus wirft. Irgendwie muss man mal einen Anfang machen“, erzählt sie über Videochat.

Daniel Böck
Jessica Barthel, die Gründerin von „Schwalbenjahre“.

Sie sitzt im Wohnzimmer ihres Hauses im Leipziger Umland. Mit der Teetasse neben sich, in einem Wollpullover, die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Nach der Geburt ihrer heute vierjährigen Tochter kehrte sie zu ihren Wurzeln in Sachsen zurück. Privatfotos aus dem Familienalbum, die Barthels auf „Schwalbenjahre“ zeigte, machten den Anfang. Dann startete sie einen Aufruf in ihrem Netzwerk. „Ich wollte Leute finden, die das Stereotyp brechen, Farbe reinbringen. Ich wollte die Barriere niedrig halten, nur über Bilder gehen. Daher Instagram. Aber dann erzählten die Leute doch viel zu ihrer eigenen Geschichte und es wurde ein Selbstläufer.“

Das Loch zwischen Schwarz und Weiß füllen

Inzwischen berichteten etwa 40 Personen auf „Schwalbenjahre“. Neben Alperstedt gehört auch Doreen Trittel dazu. Die 47-jährige Berlinerin möchte „das Loch zwischen Schwarz und Weiß füllen“, zwischen Opferperspektive und Ostalgie-Verklärung. Sie wünscht sich, dass die Geschichten differenzierter erzählt und ohne Bewertung stehen gelassen werden könnten. Mit ihrer eigenen Geschichte trägt sie dazu bei. Trittel erlebte mit 16 Jahren die Wende als starken Einschnitt in ihrer Biografie. „Für mich war das schon ein Boden-unter-den-Füßen-Wegziehen. Von heute auf morgen ist eine ganze Gesellschaft anders. Da war niemand, der mir Halt geboten hat. Meine Lehrer waren unsicher, meine Eltern hatten Existenzängste. Ich selbst auch: Der Schulabschluss rückte näher und die Frage, was ich dann weitermache.“

Sie wählte den sicheren Weg und ging in den öffentlichen Dienst. Seit 2002 beschäftigt sich Trittel intensiv mit ihren Erinnerungen und Prägungen. 2013 kam eine neue Wahrheit hinzu. In einem Buch über Kinder von Stasi-Mitarbeitern („Stasi-Kinder: Aufwachsen im Überwachungsstaat“ von Ruth Hoffmann) entdeckte sie viele Parallelen. Ihr wurde bewusst, dass sie selbst ein Stasi-Kind ist. Sie musste Erinnerungen neu interpretieren, holte Verdrängtes hervor und füllte Leerstellen. In der künstlerischen Auseinandersetzung fand Trittel ihren Weg, mit den Einschnitten umzugehen.

In ihren Ausstellungen, Blogbeiträgen und Posts möchte die Künstlerin vermitteln, dass das Wegdrängen nicht helfe und es ums Integrieren gehe. Das sei auch gesellschaftlich wichtig, bekräftigt sie. „Wenn mir andere Menschen ihre Geschichte erzählen, bekomme ich eine Ahnung, welche Geschichten unter der Oberfläche schlummern. Da ist viel mehr als das, worüber offiziell berichtet wird. Da ist so viel unaufgearbeitet, was uns jetzt gesellschaftlich um die Ohren knallt.“

Dass DDR- und Wendeerfahrungen erst 30 Jahre nach dem Mauerfall differenzierter erzählt werden können, mag auch an den neuen Medien liegen, die Storytelling außerhalb der etablierten Kanäle ermöglichen. Hinzu kommt eine junge Wende- und Nachwendegeneration, die Fragen neu stellt und selbstbewusst auf die ostdeutsche Heimat blickt. In Westdeutschland rückt eine Generation nach, für die Leipzig genauso interessant oder uninteressant ist wie Dortmund.

Ostdeutsche Alltagserfahrungen fallen durchs Raster

Es gibt aber auch strukturelle Ursachen für das bisherige Narrativ. Der Historiker Martin Sabrow, Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, systematisierte DDR-Erinnerungen in unterschiedliche Gedächtnisarten. Besonders in politischen Reden und öffentlichen Gedenkveranstaltungen werde das Diktaturgedächtnis als Bezugsrahmen genommen: Macht- und Repressionsstaat, Täter-Opfer-Gegensatz, Befreiung. Viele ostdeutsche Alltagserfahrungen fallen da durchs Raster. Hinter nachbarschaftlicher Solidarität steckt Mangel und Bespitzelung, hinter sportlicher Leistung und Teamerfahrung Doping. Für hohe Frauenquoten im Beruf war die Staatsdoktrin verantwortlich. Dass der Verlust des Arbeitsplatzes schmerzt, geht hinter der Feier der Befreiung unter.

Mandy Tröger ist überzeugt, es mache etwas mit den Menschen, wenn sie das Gefühl hätten, ihre Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen fielen aus dem Rahmen der Geschichte. Tröger ist Historikerin und Kommunikationswissenschaftlerin, sie forscht und lehrt an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Seit ein paar Jahren beobachtet sie ein langsames Umdenken in der Wissenschaft. „Es war lange Zeit unmöglich, sich DDR-Geschichte abseits des Diktaturrahmens anzusehen.“ Sie selbst ging 2009 in die USA, um ihre Dissertation zu schreiben. Dort war eine kapitalismuskritische Betrachtung der Transformation der DDR-Presselandschaft möglich. Zurück in Deutschland erhielt sie 2020 für ihre Dissertation einen Nachwuchsförderpreis.

Langsam verändere sich etwas, so Tröger. Gerade durch das Aufkommen von Pegida und AfD frage man sich nun auch im tiefsten Westen, was im Osten passiere, und wolle mehr verstehen. „Biografiearbeit kann hier eine Lücke schließen“, sagt die 40-Jährige. „Sie gibt Ostdeutschen Raum, ihre Geschichten zu erzählen. Sie gibt DDR-Geschichte als legitimer Geschichte Raum. Menschen haben sie ja durchlebt. Gleichzeitig kann sie mit der Konstruktion von DDR-Geschichte brechen, mehr Perspektiven einbringen. Es gibt nicht die eine Geschichte, sondern eben viele.“ Tröger weiß, wovon sie redet. Sie sitzt im Wohnzimmer ihrer Mutter. Heute ist sie zu Besuch in der Wohnung, in der sie aufgewachsen ist. Prenzlauer Berg, Ost-Berlin. Die Demonstrationen im November 1989 erlebte sie an der Hand ihrer alleinerziehenden Mutter. Die Panzer fuhren unten vorm Haus vorbei, da war sie neun Jahre alt. Dass da was Großes passiert, war ihr schnell klar. Sie schrieb Tagebuch, sammelte Erinnerungsstücke. Jemand müsse doch später erzählen können, was passiert war.

Im Erzählsalon treten die LPG-Bäuerin und der Jungpolitiker auf

An diesem Punkt setzt auch Katrin Rohnstock ein. Mit Rohnstock Biografien organisiert sie seit über 15 Jahren Erzählsalons. Seit letztem Jahr auch auf dem eigenen YouTube-Kanal. „Wir spannen das Erfahrungsfeld breit auf. Wir haben die LPG-Bäuerin dabei und den 16-jährigen Jungpolitiker. Verschiedene Milieus und Altersklassen, Land und Stadt“, erzählt die gebürtige Jenenserin. Jeder Erzählsalon widmet sich einem Thema: Reisen, Frauenbild, Handwerk, Gesundheitspolitik oder einzelne Regionen wie Lausitz, Schiefergebirge. „Die offizielle Geschichtsschreibung ist mir zu holzschnittartig, oft verkürzt auf den unfähigen Ossi“, ärgert sich Rohnstock.

Laut Abschlussbericht der Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ denken zwei Drittel der Ostdeutschen, sie würden als Menschen zweiter Klasse in der Bundesrepublik behandelt. 77 Prozent erklären, dass die Lebensleistung der ehemaligen DDR-Bürger nicht ausreichend wertgeschätzt werde. Rohnstock möchte, „dass mehr ostdeutsche Erfahrungen und Erlebnisse in das Geschichtsbild eingebracht werden und die Ostdeutschen die Definitionsmacht über ihr Leben behalten.“ Sie weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Erlebte anders dargestellt wird, als man es selbst erfahren hat.

Der Osten könnte Avantgarde sein

Katrin Rohnstock, Rohnstock Biografien

Die 60-jährige Germanistin war in der DDR-Endphase in der Opposition. Nach der Wende wollte sie mitgestalten, war in der Frauenbewegung aktiv. Bis heute ist sie davon überzeugt: „Der Osten könnte Avantgarde sein.“ Gerade in Zeiten, in denen man von einer Demokratiekrise spricht, sei es ein Vorteil, den Systemvergleich zu haben. Rohnstock erlebt die Teilnehmenden ihres Erzählsalons als „pragmatisch, schnell, unkompliziert. Sie haben Lösungsansätze. Diese Ansätze werden aber nicht genügend in Strukturen eingebunden, sie verpuffen eigentlich.“

Teilt man Lebensgeschichten mit anderen, kann sich Verständnis einstellen. Für sich selbst und für den anderen. Brigitte Böttcher beschreibt es so: „Man wird sich selbst deutlicher, wenn man es ausspricht. Zu reden und andere reden zu hören, bringt ja auch weiter.“ Die 77-Jährige nahm an Rohnstocks Erzählsalon zum Gesundheitssystem teil. Jessica Barthel, die Initiatorin von „Schwalbenjahre“, fühlt sich vom Feedback ihrer Community bestätigt: „Da ist der 55-jährige alleinstehende Mann, der seine Krankheit jetzt besser durchstehen kann, weil er sich noch mal mit seiner Jugend beschäftigt hat. Oder die 22-Jährige, die das Leben der Großmutter noch mal durchlebt hat und ein anderes Verständnis bekommt.“ Und der Blick von außen?

Esther Stüve verfolgt „Schwalbenjahre“ mit großem Interesse. Sie ist überzeugt: „Wir sind alle heute die Menschen, die wir sind, weil wir unsere besonderen Geschichten haben. Geprägt als Kinder unserer Zeit, Lebenswelt und Erziehung. Als Kinder von Ost und West. Wenn wir uns alle mit einer größeren Selbstverständlichkeit so zeigen könnten, dann würde sich die Frage nach dem, was besser oder schlechter ist, nicht mehr stellen.“

Petra Häfner, 1978 in Thüringen geboren, lebt und arbeitet als freiberufliche Texterin und Autorin in Nürnberg. Sie ist Soziologin und seit 2017 im Entwicklungsteam des Instituts Biografiearbeit in Nürnberg. 

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.