Ein Wirt aus Brandenburg trotzte den Corona-Regeln. Wie geht es ihm jetzt?

Das Café Kleinschmidt in Eberswalde widersetzte sich öffentlich der 2G-Regelung. Inhaber Christian Günther blickt mit widerstreitenden Gefühlen auf diese Zeit zurück.

Café Kleinschmidt in Eberswalde
Café Kleinschmidt in EberswaldeCafé Kleinschmidt

Mitten in der Corona-Zeit, als Gaststätten in Deutschland Gäste nur nach Vorzeigen des Impfpasses einlassen durften, hängte Christian Günther große Schilder in seine Fenster seines Cafés Kleinschmidt in Eberswalde. Auf den Schildern stand: „Im Gegensatz zu den Regierungssimulanten auf Bundes-, Landes- und Kreisebene halten wir uns an das Grundgesetz und diskriminieren niemanden! Uns ist jeder willkommen, egal welcher Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder Impfstatus! Willkommen im Kleinschmidt!“ Auch den Inhalt einer Tafel neben dem Schild hatte Günther an die Lage angepasst: „Bei uns gelten nur diese 3G-Regeln: Gebraut, Gezapft, Getrunken! Bei uns wird niemand ausgegrenzt!“

Das Kleinschmidt ist das Café mit der längsten Tradition in der Kleinstadt in Brandenburg, seit rund 150 Jahren gibt es das Haus. Es gibt Cocktails, Wein, kleine Speisen oder Kaffee und Kuchen. Durch den Raum flirrt leise Lounge-Musik, Gemurmel oder ein Lacher bilden die Geräuschkulisse. Die Preise sind weder hoch noch tief, bezahlt wird in bar oder mit Karte. Ab und zu gibt es Konzerte im kleinen Rahmen oder Lesungen. Stammgäste, und da gibt es einige, werden schon mal mit Namen begrüßt.

Inhaber Christian Günther ist Wirt mit Leib und Seele, vielleicht fühlt er sich auch der Tradition des Hauses verbunden. Denn im 19. Jahrhundert, als das Café vom Konditormeister Ludwig Kleinschmidt gegründet wurde, lautete seine Philosophie: „Alles hat auf das Wohl des Gastes abgestimmt zu sein! Das Angebot, das Ambiente, freundliches Personal – die gesamte Atmosphäre soll dafür sorgen, dass die Gäste unseres Haus sich wohlfühlen“, notierte Ludwig Kleinschmidt damals, als die Theke noch aus wuchtigen Gründerzeitschränken aus dunklem Holz bestand, auf der sich Kuchen und Torten türmten. Sogar in DDR-Zeiten hielt das Familienunternehmen durch – bis 1977. Dann folgte die HO-Gaststätte Naschkatze, allerdings in einem gänzlich anderen Stil.

Café Kleinschmidt - Archivbild
Café Kleinschmidt - ArchivbildCafé Kleinschmidt

Eine Naschkatze, eine echte, liegt auch heute noch fast immer auf einem der Polstersessel und döst vor sich hin, während um sie herum Cheeseburger mit Süßkartoffelpommes, Salatteller oder das DDR-Gericht „Würzfleisch mit Worcester-Sauce“ serviert werden. Die Gäste, die aus Eberswalde und den umliegenden Orten kommen, in denen der „Dorfkrug“ für immer geschlossen wurde, goutieren sowohl Speisen als auch die kompromisslose Einlasspolitik des Kleinschmidt.

Gäste danken ihm diese Gastfreundschaft noch heute, erzählt er. Ihm selbst steckt die Zeit noch in den Knochen. „Ich muss gestehen, dass ich mit nun gut acht Monaten Abstand auf diese absurde Entgleisung mit sehr ambivalenten Gefühlen zurückblicke“, sagt Günther.

Wirt Christian Günther trotzte 2G-Regel

Als „absurde Entgleisung“ bezeichnet Günther die Regierungspolitik in der Pandemie, das Handeln des beinahe kompletten deutschen Staatsapparats in Form von Behörden und Institutionen samt ihrer Mitarbeiter. Er geht noch weiter und bezieht auch Bürger ein, die aus seiner Sicht „willfährige Unterstützer dieser Diskriminierungs- und Hetzorgie namens 2G“ waren. Sowie die Medien. Günther spricht von einem „Offenbarungseid weiter Teile der Medienlandschaft“, die Berichterstattung nennt er „verwahrlost“. Niemand habe Regierungshandeln kritisch begleitet, faktisch hinterfragt. Er habe eine „lustvolle Beteiligung an der Hetze“ gegen Ungeimpfte in Erinnerung.

Der Wirt Christian Günther und seine Mitarbeiter vor dem Eingang zum Café Kleinschmidt in Eberswalde
Der Wirt Christian Günther und seine Mitarbeiter vor dem Eingang zum Café Kleinschmidt in EberswaldeCafé Kleinschmidt

Der Wirt sagt, er sei ein wenig stolz, dass sein Team und er diesem Irrsinn von November 2020 bis April 2021 trotzten und das Café, sobald sie öffnen konnten, für alle Besucher öffneten. Auch als die 2G-Regelung galt, die nur Menschen mit Impf- oder Genesenennachweis den Zutritt zu Cafés und Restaurants erlaubt. Zumal er das nicht heimlich getan habe, sondern offen und mit Kenntnis der Staatskanzlei, des Landrates und sämtlicher Abgeordneter des Bundes und des Landes der Parteien in Regierungsverantwortung, sagt er.

Auch ein „Glücksgefühl“, so Günther, mischt sich in die Erinnerung, über all den Zuspruch in jenen Monaten, von Gästen, vielen Menschen aus der Stadt Eberswalde, und, damals zu seinem Erstaunen, auch aus ganz Deutschland. Und über Begegnungen mit Menschen, deren Wege sich sonst wohl nie mit seinen gekreuzt hätten. Am Ende stand für Günther die Erkenntnis, dass doch auch sehr viele andere Menschen über die Verordnungen und das Gebaren vieler Akteure so entsetzt waren wie er. Und zwar völlig unabhängig von ihrem eigenen Impfstatus, sagt Günther.

Zwar seien etwa 80 Prozent der Menschen in Deutschland gegen Corona geimpft, sagt Günther. „Die Maßnahmen in Art und Ausmaß goutierten in meiner Wahrnehmung höchstens 30 bis 40 Prozent, die dann allerdings zumeist mit inquisitorischem Feuereifer.“

In seine Erinnerung an die Pandemie mische sich aber auch „ein eigentümliches Gemisch aus Traurigkeit und Bitterkeit“. Er kommt auf seine Branche zu sprechen. Es habe sicherlich etliche Gastronomen und Kulturveranstalter gegeben, „die aus Weigerung, sich an dieser Diskriminierung zu beteiligen, ganz schlossen und lieber einen noch größeren wirtschaftlichen Schaden davontrugen, als sich an diesem Wahnsinn zu beteiligen“. Er halte das für respektabel.

Es habe auch Gastronomen gegeben, erzählt er weiter, die sich nur offiziell an 2G hielten, insgeheim aber Menschen unabhängig vom Impfstatus einließen und Fluchtwege für den Fall einer Razzia vorbereitet hatten. Aber die meisten Vertreter seiner Branche hätten sich gefügt und mitgemacht. Vielleicht nicht aus Überzeugung. „Ich hatte auf mehr Rückgrat in der Gesellschaft gehofft“, sagt  Christian Günther.

Was ihm bis heute nicht in den Kopf will, ist, dass ihm in einem Land mit 83 Millionen Menschen und etwa 60.000 gastronomischen Betrieben bisher kein Fall eines Gastwirtes bekannt ist, der es so handhabte wie er in Eberswalde. Und sich einfach nicht an die Regeln hielt.  Er sei dafür geschmäht worden, verunglimpft, beleidigt, aus dem links-grünen Spektrum, sagt er. Aber etwas Schlimmeres sei nicht passiert. Die Brandenburger Polizei sei nicht tätig geworden. Womöglich sei ein Auge zugedrückt worden, vermutet er.

Christian Günther gehört nun zu jenen, die eine Aufarbeitung der Corona-Politik in Deutschland fordern, der darauf hofft, dass die Verantwortlichen sich erklären müssen. Er sagt: „Unser Anspruch an uns selbst und unsere Aufgabe muss sein, den Verantwortlichen und Umsetzern zu verzeihen, sofern sie aufrichtig erkennen, bereuen und um Verzeihung bitten.“ Andernfalls hoffe er auf eine rechtsstaatliche Aufarbeitung in dieser Sache.

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