Philosophie trägt das Leben und den Staat

Jeder einzelne Mensch braucht in einer freiheitlichen Gesellschaft nichts so dringend wie Philosophie. Sie führt unser Leben und trägt den Staat. Ein Essay.

Illustration des Sokrates-Todes aus dem 19. Jahrhundert.
Illustration des Sokrates-Todes aus dem 19. Jahrhundert.imago

Philosophie hat den Ruf, schwierig zu betreiben und auch schwer verständlich zu sein; zudem gilt sie, ob ausgesprochen oder nicht, vielen als eine Disziplin des bloßen Geredes ohne Konsequenzen.

Das kann an unglücklichen Lese- und Hörerfahrungen liegen. Vielleicht haben die Philosophen, die einem bisher medial untergekommen sind, komplexe Gedanken kompliziert dargestellt. Beim prinzipiellen Nachdenken ist das besonders ärgerlich, weil die Arbeit an sehr gebräuchlichen Begriffen („Gerechtigkeit“, „Staat“, „Religion“ usw.) die Geduld von Nichtleseprofis mit einer Tagesarbeit ohnehin strapaziert. Beherrscht ein Philosoph es dann nicht, seine Überlegungen mit allgemeiner Lebenserfahrung so zu verknüpfen, dass ihre Relevanz jedem ins Auge springt, dann ist es verständlicherweise mit der Geduld schnell vorbei. Philosophieren, so heißt es dann, ist wohl eine schwierige Sache und „nichts für mich“, zudem „lebensfern“.

Jemandes Philosophie kann schwer verständlich sein, wenn der Philosoph nicht vom Leser her denkt. Philosophieren aber ist ein einfaches Handwerk, das jeder von uns manchmal ausübt und in dem man sich genauso verbessern kann wie etwa im Schachspielen oder im Yoga.

Die Harmonie zwischen Philosophie und Religion, 1791.
Die Harmonie zwischen Philosophie und Religion, 1791.imago

Ich werde hier ausführen, warum Philosophieren als das Handwerk des Lebens betrachtet werden kann. Es ist sowohl für den Einzelnen unverzichtbar als auch für uns alle buchstäblich staatstragend. Nichts ist für unser persönliches Leben und für die Politik freiheitlicher Gesellschaften bedeutsamer als Philosophie.

Philosophie führt unser Leben

Philosophieren ist Nachdenken zur Ausrichtung des Handelns: Wir bedenken bewusst, wer wir geworden sind, bedenken das Wie und Warum dieses Prozesses, und wir fragen, wohin der Weg uns jetzt noch führen kann und sollte. Das ist auf der persönlichen Ebene so und weitert sich zur Politik, wenn wir den Blick auf das richtige gemeinsame Handeln in der res publica, der gemeinsamen öffentlichen Angelegenheit, richten.

Es handelt sich beim Philosophieren persönlich wie politisch um eine Verstehensübung, in der wir unsere Erlebnisse auf den Begriff bringen und sie so wiedererkennbar, reflektierbar, also verarbeitbar machen wollen – damit wir unser Leben weiterführen können und es uns nicht bloß zustößt wie einem achtlosen Tier. Denn genau das ist die Alternative zum Philosophieren.

Unsere Erfahrung macht uns ständig sanft und selten auch schubweise zu jemand anderem. Festigkeit und Dauerhaftigkeit unseres Selbst, so wie wir es jetzt kennen, ist bloß die Illusion jedes isolierten Augenblicks der Betrachtung; eine Illusion, die vollkommen schwindet, sobald wir aus der Gegenwartsbetäubung erwachen und darauf achten, was wir gerade tun.

In dem Moment, wo wir von den Beschäftigungen des Alltags aufblicken und das schon gelebte Leben uns wieder einfällt, wir die Jahre in den Knochen wieder spüren, das Ende wieder nahen sehen, wissen wir: Der, der da früher geplant und gehofft hat, war immer ein anderer als der, der sich dann freute oder grämte, als die Pläne eintraten oder in sich zusammenfielen. Oder demjenigen, der sich über Erfolg und Misserfolg seiner Pläne hätte freuen oder grämen können, sind diese Pläne längst durch neuere Vorhaben späterer Ich-Versionen ersetzt worden.

Friedrich Wilhelm Nietzsche.
Friedrich Wilhelm Nietzsche.imago

Der Versuch, uns selbst außer Fluss und Veränderung zu denken, ist hoffnungslos; wir sind entweder in stetiger Bewegung oder tot, und unser Nachdenken ist deswegen entweder ein stetiges Lernen oder unrealistisch erstarrt. Wir bleiben nicht, wer wir sind; die Frage ist, ob wir von außen verändert werden oder bewusst versuchen, unsere Entwicklung mit zu lenken.

Damit unser Nachdenken nicht erstarrt und unser Leben nicht richtungslos wird, müssen wir philosophieren, individuell und gemeinsam. Leben ist Arbeit an uns selbst im Lichte der Erfahrung, und die Integration dieser Erfahrung in ein bewusst gestaltetes Leben ist Philosophieren – das Handwerk des Lebens. Was wir daraus für das gemeinsame Handeln mit anderen ableiten, ist unsere Politik.

Philosophie trägt den Staat

Philosophieren ist jedem Einzelnen folglich nur in dem Maße entbehrlich, wie er bereit ist, den Vorgaben anderer und ihrem Niederschlag – also der Tradition, Gesetzen und Verordnungen oder den gerade mächtigsten Meinungen – unkompliziert zu gehorchen. Das ist gerade in unsicheren (oder für unsicher erklärten) Zeiten ein menschliches Bedürfnis, und ein wohlkalibriertes Maß an Konformismus braucht jeder, der in einer modernen Industriegesellschaft durchs Leben kommen will. Ohne Kontinuitäten und Verlässlichkeiten können wir keine Kraft für Veränderungen entwickeln.

Der Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933.
Der Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933.imago

Doch darf unser Konformismus nicht unkritisch werden. Dem stehen in Deutschland moralische Gründe staatspolitischer Bedeutung entgegen, wie das auch in jedem anderen westlichen Verfassungsstaat der Fall ist. Denn niemand darf in Verfassungsstaaten überhaupt einfach so gehorchen, ohne zu prüfen, was da befohlen wird. Schließlich könnte ein gegebener Befehl der Verfassung zuwiderlaufen. Und aufgrund dieser Möglichkeit erhält Philosophieren in diesen Staaten Verfassungsrang, kein Bürger darf es vernachlässigen.

Sehen wir am Beispiel Deutschlands einmal näher hin. Schon die Festlegung, alle Staatsgewalt sei der Achtung und dem Schutz der Würde des Menschen verpflichtet, kann nicht ohne Philosophieren im gesellschaftlichen Alltag anwendbar gemacht werden. Wir definierten zuvor: Philosophieren ist Nachdenken zur Ausrichtung des Handelns.

Als Teilnehmer an der aktuellen Politik, als Bürger haben wir also immer zu fragen, was die Würde des Menschen in gerade dieser Lage des Gemeinwesens von unserem Handeln verlangt. Sehr konkret fordert Artikel 20, Abs. 4 des Grundgesetzes dem Bürger die Gewissensprüfung ab, ob Gesetze und Verordnungen, die über ihn verhängt sind, die rechtstaatliche Ordnung gefährden oder gar beseitigen könnten.

In diesem Fall wäre Widerstand rechtens; eine Beurteilung, die kein Bürger anders als im Wege des Philosophierens zustande bringen kann, weil es in keinem Staat ein Gesetzbuch gibt, in dem der Widerstand gegen seine Gesetze für spezielle Fälle gesetzlich geregelt wäre. Denn das wäre dann ein Ungesetzlichkeitsgesetz.

So weit reicht selbst der deutsche Administrativhumor nicht, der sich doch immerhin Ausdrücke wie „Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ (RiFletÜbAufgÜbtrG) und „Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung“ (GrundVZÜV) der Einfachheit halber zu erfinden wusste.

Philosophieren hat also in Deutschland als Handlungsorientierung letzter Instanz Verfassungsrang; wir tun es sozusagen systemisch ständig, wenn der Verfassungsstaat und die Gewaltenteilung denn gerade einmal wie vorgesehen funktioniert und sich seine Funktionäre nicht kritiklos dem Kurs der Regierung unterordnen.

Die Berliner Mauer und das Reichstagsgebäude, ca. 1966.
Die Berliner Mauer und das Reichstagsgebäude, ca. 1966.imago

Es wäre also staatspolitisch unhaltbar, ja geradezu Verfassungssabotage für die Einwohner von europäisch geprägten Rechtsstaaten, das Philosophieren als schwieriges Ärgernis ohne praktische Bedeutung abzutun. Wir könnten dann unseren Verfassungen, also auch der deutschen Staatsmoral, dem Grundgesetz, nicht Genüge tun. Es käme der Verweigerung der Bürgerpflicht zur Machtkritik, zur Überwachung des Handelns der Autoritäten gleich.

Was Philosophen (dennoch) unbeliebt macht

Persönlich und staatspolitisch ist Philosophieren unentbehrlich; im ersten Bezug zur Gestaltung des eigenen Lebens, im politischen Bezug zur Kontrolle der Mächtigen im Geist der Verfassung. Die politische Bedeutung des Philosophierens übersetzt sich aber nicht in politische Geltung von Philosophen, am wenigstens von solchen, die ihr Handwerk beherrschen und verständliche, lebensrelevante Texte schreiben.

Das liegt an ihrer machtpolitischen Unverwendbarkeit. Denn wir können überhaupt nicht philosophieren, ohne machtkritisch und radikal nachzudenken. Radikal bedeutet hier nicht „politisch sehr links“ oder „politisch sehr rechts“, sondern es meint, dass Philosophie zu den Begriffen vordringen muss, mit denen ein gegebenes Thema gewöhnlich vorgestellt und diskutiert wird.

Dann fragt der Philosoph, ob das eigentlich die entscheidenden, die richtigen Kategorien sind. Beschreiben wir das Problem überhaupt richtig? Reden wir überhaupt über das, worüber wir zu reden meinen, oder täuschen wir uns vielleicht fundamental? Solch radikales, an die Wurzel gehendes Nachdenken ist ganz automatisch machtkritisch. Denn die Kategorien, in denen wir ein Problem beschreiben, sind immer ein wesentlicher Machtfaktor im Diskurs.

Diesen zentralen Punkt will ich noch einmal anders formulieren: Philosophieren ist die begriffliche Ordnungsarbeit für unser Handeln. Wir prüfen die Kriterien unseres Denkens und Tuns in individueller Hinsicht, um unser Leben zu führen, und in kollektiver Hinsicht, um uns in die Politik einzubringen.

In beiden Arenen, der persönlichen und der politischen, ist entscheidend, welche Begriffe wir als adäquat akzeptieren, um die betrachteten Sachverhalte zu beschreiben und zu deuten. Denn diese Begriffe sind es dann, die uns lenken: Sie sind die Kriterien, die wir ohne weitere Prüfung für unser Denken und Handeln akzeptieren. Wer diese Begriffe bestimmt, herrscht.

Deswegen ist Philosophie prinzipiell immer machtkritisch: Sie analysiert herrschende Begrifflichkeiten und zeigt ggf. Alternativen auf. Das bedeutet nicht, dass Philosophen nicht gelegentlich in ihren Urteilen mit den Mächtigen übereinstimmen können, prinzipielle Machtkritik ist nicht mir permanenter Regierungskritik zu verwechseln. Aber an Philosophen wird zu Recht von Machthabern wahrgenommen, dass sie die notwendig oft brüchige Logik politischer Kompromisse nicht einfach gewähren lassen, sondern bloßlegen. Im politischen Tagesgeschäft sind Philosophen deshalb ärgerlich für die Mächtigen.

Noch viel weniger wird eine Regierung, die z.B. einen Katastrophenfall ausruft oder zum Krieg aufruft und Staat und Gesellschaft kostspielig umkrempelt, um diese Ziele zu verfolgen, eine scharfsinnige Analyse hören wollen, nach der objektiv (also bei korrekter Anwendung der tatsächlich adäquaten Begriffe) gar keine Katastrophe vorliegt und eine Kriegsbeteiligung ungerechtfertigt wäre.

Wir sind, wenn wir philosophieren, nie mehr als eine gute Frage von der Begegnung mit Herrschaftsinteressen entfernt. Schon eine wohlgesetzte Frage oder eine trockene Seitenbemerkung kann den prachtvoll angetanen Herrscher zum nackten Kaiser machen. Deshalb stehen Philosophen niemals hoch im Kurs, obwohl ihr Handwerk für ein Leben in persönlicher und gesellschaftlicher Freiheit das Entscheidende ist. Es lohnt sich wie nichts anderes, sich dem Philosophieren zu widmen; nur nicht gesellschaftlich oder finanziell.

Michael Andrick ist Philosoph und Manager. Er publiziert u.a. in Freitag, Welt, und DLF Kultur. Für das Buch „Erfolgsleere“ und seine Kolumne in der Berliner Zeitung erhielt er 2022 den „Jürgen-Moll-Preis für verständliche Sprache in der Wissenschaft“.

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