Programmvorschauzeit ist Zählzeit, zumindest für Literaturaktivist*innen, die es nicht lassen können, sich selbst wehzutun. Und so klickte ich mich neulich mit Kaffee im Bett und noch vor dem Zähneputzen durch die Vorschauen der großen Verlage. Das Ergebnis ist bitter: Im Herbst 2022 erscheinen in den bisher veröffentlichten Programmen, von Hanser über Piper bis zum Aufbau-Verlag: nur sieben queere Bücher.

Noch deprimierender wird es, wenn man genauer hinsieht. So hat keines der Bücher eine trans Perspektive. Und bei den queeren Sachbüchern sieht es besonders schlecht aus – da schlägt ausschließlich Mohamed Amjahids „Let’s Talk About Sex, Habibi: Liebe und Begehren von Casablanca bis Kairo“ zu Buche, den ich ursprünglich nicht mitgezählt hatte, weil mit Kaffee im Bett und so. Als ich das Ergebnis meiner Zählung vor ein paar Tagen auf Twitter postete, hatte ich ihn noch nicht mit aufgenommen.

Auffällig ist außerdem, dass es sich bei fast allen Titeln um Übersetzungen handelt. Nur zwei erscheinen im deutschsprachigen Original.

Auf meinen Tweet mit den Zahlen erntete ich online viel Zuspruch – und einige Einwände, polemische Kritik, aber auch ernsthafte Nachfragen (alle folgenden Fragen und Kommentare stammen von meinem Post). Warum brauchen wir mehr queere Bücher im sogenannten literarischen Mainstream? Und was soll das überhaupt sein, ein queeres Buch?

„Sollte es markiert werden, dass der Autor QUEER ist? Vielleicht wünscht sich das auch nicht jeder?“

Meine Zählung hat ein Manko: Sie basiert, wo ich es nicht zufällig besser wusste, auf den Programmvorschauen. Es ist wahrscheinlich, dass mir einige queere Bücher entgangen sind. Bei drei Büchern in meiner Liste habe ich nur vermutet, dass auch eine queere Perspektive eine Rolle spielen wird, da sie es in der restlichen schriftstellerischen Arbeit der Autor*innen konsequent tut.

Genau genommen habe ich also geraten, dass es sich hier um queere Stoffe handelt, und müsste sie aus meiner Liste streichen, weil eine Bio- oder Bibliografie kein queeres Buch macht. Woran liegt es aber, dass queere Literatur nicht immer hervorgehoben wird?

Queere Bücher können es sich nicht leisten, unsichtbar zu sein

Vielleicht möchten Autor*innen nicht darauf reduziert werden, dass sie queere Bücher schreiben. Vielleicht sind ihnen andere Aspekte ihres Buches wichtiger, vielleicht ist es ihnen auch ganz egal, was in der Programmvorschau steht. Außerdem reduzieren Klappentexte Bücher per Definition: Sie allein können nicht abbilden, was alles in einem mehr oder weniger komplexen Ding wie einem Buch steht.

Mir fällt jedoch auf, dass queere Liebesgeschichten von Verlagsseite auffällig häufig umschrieben werden. Da ist dann von „Annäherung zwischen zwei Frauen“ die Rede, von „innigen Männerfreundschaften“ oder von einer „Vielfalt der Lebens- und Liebesweisen“ (Vorschautext zu Strubels Essayband). Heterosexuelle Lovestorys werden hingegen eindeutig beworben.

Dieses Ungleichgewicht macht queere Geschichten unsichtbar. Denn solange sie nicht genauso selbstverständlich sind wie andere, müssen sie benannt werden. Ich halte es da mit Eileen Myles. „Das Problem bei queeren Inhalten ist, dass sie oft verstreut und nicht vergraben sind, denn wenn man sie vergräbt, gerät man in eine Art ‚Don’t ask don’t tell‘-Situation“, schreibt Myles. „Lesbische Inhalte müssen so gut wie immer sichtbar sein.“

Queere Bücher können es sich nicht leisten, unsichtbar zu sein. Was in einer Verlagsvorschau hervorgehoben wird, ist eine politische Entscheidung.

„Es interessiert die allermeisten Leser und Kunden nicht.“

Ich habe noch etwas gezählt, und zwar, wie viele Bücher mit heterosexuellen Lebens- und Liebesgeschichten ich schon gelesen habe. Ich komme auf rund 600. Neulich habe ich unter Tränen die Liebesgeschichte eines Middle-Aged Hetero-Paares in Mike DeCapites „Jacket Weather“ gelesen, und „Das Hotel New Hampshire“ verliert nicht dadurch für mich an Relevanz, dass ich keinen Inzest erlebt habe.

Wir brauchen alle mehr Queerness im Leben

Ich lese viele Bücher, die übersetzt sind, Bücher die aus (post-)migrantischer Perspektive stammen, solche die Hunderte Jahre alt sind oder manchmal sogar aus der Perspektive eines Hundes erzählen. Lebensentwürfe, die mit meinem nicht viel gemein haben, interessieren mich nicht nur, sie gehen mich auch etwas an. Das ist ja das Schöne an guter Literatur: Dass sie unsere Perspektive erweitert.

„Die Literatur ist ein Trainingsplatz, auf dem wir uns in Figuren, die anders sind als wir, hineinversetzen“, sagt die Autorin Mithu Sanyal dazu. Allein, weil uns andere Leben berühren, geht queere Literatur potenziell alle etwas an. Ich möchte aber noch einen Schritt weitergehen: Ich glaube, dass wir alle mehr Queerness in unserem Leben brauchen, uns sogar danach sehnen.

„Was bitte ist ein ‚queeres Buch‘?“

Queer zu definieren ist eine Aufgabe, an der ich mir schon häufiger die Zähne ausgebissen habe. Das hat einen Grund: Queer ist das, was es nicht ist. In vielerlei Hinsicht ist Queerness gerade etwas Widerständiges und zur Norm Gegenläufiges. Es bedeutet nicht, mit wem du schläfst oder ob du ein alter weißer Mann bist. Es ist in einem besten Sinne eine brüchige Identität, eine fluide Zugehörigkeit zu einer Community, die ein freieres Leben für alle anstrebt.

Sehr schön hat das mein Kollege, der Autor und Begründer der queeren Literaturzeitschrift Glitter, Donat Blum, neulich formuliert: „‚Queer‘ kann [...] die gesellschaftspolitische Haltung beziehungsweise den politischen Akt [bezeichnen], aus einer marginalisierten Position heraus binäre Heteronormen infrage zu stellen, mit ihnen zu spielen oder sie über den Haufen zu werfen – insbesondere, was gesellschaftliche Reglementierung von Liebe, Sexualität, Beziehungen und Geschlechtsidentität angeht.“

Queere Literatur geht uns alle etwas an, weil niemand von uns zu 100 Prozent heterosexuell (oder homosexuell!) oder nur männlich oder weiblich ist. Weil alle unter den gesellschaftlichen Zwängen rund um starke Männer und verfügbare Frauen leiden. Weil immer mehr Menschen auf der Suche nach Alternativen zur herrschenden Geschlechterordnung sind.

„Dafür gibt es Spezialverlage, wie für jede spezielle Lesergruppe.“

Es gibt viele Verlage, die sich auf queere oder andere marginalisierte Perspektiven spezialisiert haben. Der Querverlag veröffentlicht seit Jahrzehnten LSBTI-, also lesbische, schwule, bisexuelle, trans, und inter Bücher, der Ariadne-Verlag hat sich auf lesbische und feministische Krimis spezialisiert, Orlanda auf Schwarze und feministische Literatur und im neu gegründeten Brimborium-Verlag stehen oftmals randständige Texte im Zentrum.

Aber das sollte nicht alles sein: Wir brauchen queere Bücher in den großen Verlagen. Einerseits haben die viel mehr Ressourcen, also Geld und PR-Menschen, Vertriebskräfte und hauseigene Residenzen. Allein in wirtschaftlicher Hinsicht wäre es also gerecht, wenn queere Autor*innen es zu „den Großen“ schaffen würden.

Andererseits werden sie so einem breiteren Publikum erst zugänglich. Etwa der Leserin, die nicht gezielt nach queeren Stoffen sucht, sondern in ihrer lokalen Buchhandlung auf ein Buch stößt. Dem Leser, der ein Buch liest, weil es für einen großen Preis nominiert ist. Queere Stoffe müssen in den literarischen Mainstream, um das Publikum zu finden, das sie verdienen.

Und dass queere Stoffe ein breites Publikum ansprechen, interessieren und inspirieren können, dafür gibt es viele Beispiele. Allen voran den durchschlagenden Erfolg von auf Netflix und anderen Streamingdiensten veröffentlichen Serien wie „Transparent“, „Sex Education“ oder „Ru Paul’s Drag Race“.

Wir brauchen mehr Vielfalt in der Literatur

Entsprechende Stoffe, die queere Lebenswirklichkeiten klug und unterhaltsam abbilden, gibt es auch im deutschsprachigen Literaturbereich zuhauf. Ich weiß das, weil ich sie gelesen habe, in den Indie-Verlagen und in den Manuskripten meiner Freund*innen, im Rauch unserer Kneipengespräche und in meinen eigenen Notizen. Ich habe gezählt, wie viele tolle queere Bücher in meinem Umfeld nicht erscheinen, aber die Zahl tut mir so weh, dass ich sie nicht teilen mag.

„Man nennt es Realität und Kundenorientierung.“

Verlage sind keine staatlich finanzierten Kulturinstitutionen. Sie müssen sich um ihre Wirtschaftlichkeit sorgen. Ich bin aber fest überzeugt, dass Leser*innen aufgeschlossener sind, als es die Verlage annehmen. Lesevorlieben sind nicht fixiert, es gibt viel mehr so etwas wie einen „acquired taste“, einen erworbenen Geschmack.

Bei meiner Familie im Bücherregal standen nur Thriller und Niederrhein-Krimis und heute lese ich sogar experimentelle Lyrik. Ich glaube fest daran, dass Literaturproduzierende nicht nur in der Verantwortung sind, wirtschaftlich zu denken, sondern dass sie Neuem eine Plattform geben sollten. Und dass sie damit Erfolg haben können. Die Offenheit ist bei vielen Lektor*innen schon da, auch wenn mancherorts noch Berührungsängste herrschen. Wenn mehr von ihnen erfolgreich „outside the box“ denken, ebnen sie den Weg für andere.

Wird der Literaturbetrieb je fair sein?

Wir müssen die mangelnde Vielfalt im Literaturbetrieb sichtbar machen. Es darf nicht dabei bleiben, dass ich diese Pseudo-Untersuchung im Urlaub vom Bett aus mache. Wir brauchen Statistiken, für die Geld gezahlt wird. Und wenn wir gezählt haben, müssen wir literaturpolitisch aktiv werden – auf Podien und in Feuilletons, bei Buchmessen und in Gesprächen.

Vielleicht bin ich auf dem Holzweg. Vielleicht wird der Literaturbetrieb nie fair sein, vielleicht kann er das auch nicht. Lasst uns trotzdem dafür kämpfen.

Eva Tepest ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie schreibt über Kultur und Medien, LGBTI und den arabischen Raum. Ihre literarischen und essayistischen Arbeiten, auch im Duo mit Lynn Takeo Musiol, erschienen in Magazinen und auf Webseiten.

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