Berlin - Bevor der kolossale Rammstein-Zirkus wieder durch die ganze Welt zieht, hat sich Gitarrist und Komponist Richard Z. Kruspe schnell noch einige Dämonen von der Seele geschrieben. Sein jüngstes Emigrate-Album „The Persistence Of Memory“ enthält nie verwendete Stücke der letzten 20 Jahre, ein ziemlich interessantes Elvis-Cover mit Rammstein-Sänger Till Lindemann und jede Menge Erkenntnisse aus dem Leben des Schöpfers.

Auf vergangenen Alben Ihres Soloprojekts Emigrate gab es immer eine ganze Reihe von Gästen. Diesmal ist nur Till Lindemann zu hören – bei einem Cover des Elvis-Klassikers „Always On My Mind“. Wie kam es dazu?

Unsere Plattenfirma wollte vor Jahren mal ein Elvis-Coveralbum machen. Ich fing an zu schreiben, verwarf es aber irgendwann wieder. Ich war aber so unfassbar fasziniert von Elvis‘ Stimme in diesem Song. Egal, welches Instrument ich im Studio hochgefahren habe: Sie hat sich immer durchgesetzt. Ich nahm mir also vor, den Song mit meiner Musik und seiner Stimme auf das Album zu packen und überlegte, wer diesen Song singen könnte. Iggy Pop? Michael Poulsen von Volbeat? Nur an Till habe ich irgendwie nie gedacht. Manchmal ist es eben einfach zu naheliegend. Dabei ist er schlichtweg der einzige, der so singen kann. Ich fragte ihn, er hatte Lust darauf, und wir nahmen das Ganze letztendlich dann sogar als Duett auf, weil ich es so emotionaler fand.

Zur Person

Richard Kruspe wurde am 24. Juni 1967 in Wittenberge als Zven Kruspe geboren. Bevor er sich der Musik widmete, feierte er als Ringer Erfolge und machte danach eine Ausbildung zum Koch. In jeder freien Sekunde spielte er Gitarre, geriet durch seine Band Das elegante Chaos ins Visier der Stasi, floh nach Westberlin, kehrte später aber zurück in die ehemalige DDR und lernte in Schwerin Till Lindemann kennen.

Mit ihm gründete er am 1. Januar 1994 Rammstein. Knapp 28 Jahre später hat er mit dieser Band sieben Studioalben veröffentlicht und über 20 Millionen Tonträger verkauft. Ein achtes Rammstein-Album soll bald folgen.

Es herrscht also Harmonie zwischen Ihnen?

Ich bin alt genug, um unsere Beziehung zu genießen. Es gibt diese kleinen Kämpfe und Egos nicht mehr, die da aufeinanderprallen. Jetzt geht es nur darum, dass man Spaß hat.

Das war bei Rammstein nicht immer so…

Früher habe ich um alles gekämpft, um jedes Wort. Mittlerweile suche ich mir meine Kämpfe sehr genau aus. Ich kämpfe nicht mehr überall. Ich habe inzwischen die Weitsicht, dass ich nicht immer alles besser weiß. Das Gleichgewicht der Band ist wichtiger als mein Eifer. Diese Erkenntnis hat Rammstein am Leben erhalten.

Liegt das auch an Emigrate?

Ja. Emigrate hat viele Probleme gelöst, die es gar nicht hätte geben müssen. Bei Rammstein wollten einige immer so viel beitragen wie ich, konnten es aber nicht. Das führte zu Neid und Stress, was ich aber gar nicht nachvollziehen konnte, weil ich der Meinung war, die anderen wollten es so. Es tat gut, all meine Energie in ein anderes Projekt fließen lassen, mal mit ganz anderen Leuten zu arbeiten. Was die Zusammenarbeit angeht, ist Rammstein natürlich ein enges Korsett. Das ist auch gut so, so funktioniert es, aber ich brauchte und brauche Emigrate für mein Gleichgewicht. Es war meine Rettung. Ohne Emigrate wäre ich nicht mehr bei Rammstein. Dennoch denke ich bei jedem neuen Rammstein-Album: Okay, das ist jetzt aber wirklich das letzte.

Gilt das auch für Emigrate? Im Vorfeld der Veröffentlichung von „The Persistence Of Memory“ war zumindest zu lesen, dass es vielleicht das letzte Album sein wird.

Das wird man sehen. Dieses Album ist vielleicht das Ende einer Ära, die Klammer, bevor etwas Neues beginnt.

Das Album besteht ja aus alten Songs, die nie veröffentlicht oder fertig geschrieben wurden. Ein Blick zurück, ehe es weitergeht?

Vielleicht brauchte es diesen Blick zurück, um etwas Neues anzufangen, ja. Meine Gegenwart war unschön, und meine Zukunft war leer. Also habe ich mich in meiner Vergangenheit gesonnt. Sie war das einzige, das ich hatte. Ich stieß auf diese ganzen alten Songs und Ideen und betrachtete sie noch mal genau. Sie halfen mir dabei, mich wieder in die Gegenwart zu bewegen, um danach endlich wieder in die Zukunft schauen zu können. Eine Zeitreise zurück zur Inspiration.

Wieso war die Gegenwart unschön? Die letzte Rammstein-Platte samt riesiger Stadiontour brach ja mal wieder sämtliche Rekorde…

Nach der letzten Rammstein-Platte fiel ich in ein tiefes Loch und war verloren in meiner Welt. In mir tobten verschiedene Kriege und ich hatte das Gefühl, mit der Musik aufhören zu müssen. Ich sah keinen Sinn mehr darin. Das war eine richtig harte Bruchlandung, die ich so noch nie erlebt hatte. In mir war eine richtige Leere. Selbst für uns war diese Stadiontour durchaus etwas Neues. Und wenn dir dann jeder erzählt, wie toll und gut du bist, ob das stimmt oder nicht, dann bist du wie auf Entzug, wenn es dann vorbei ist. Ich musste erst mal wieder auf den Boden kommen. Also floh ich in die Erinnerungen, in die Vergangenheit.

Auf „The Persistence Of Memory“ findet sich mit „Freeze My Mind“ auch der allererste Song, den Sie 2001 für Emigrate geschrieben haben. Damals erschien auch „Mutter“, der große Durchbruch von Rammstein. Wie war Ihr Leben zu dieser Zeit?

Mein Leben war damals durch eine wahnsinnige Enttäuschung geprägt. Die resultierte daraus, dass ich mich unverstanden fühlte. Ich hatte diese Wut in mir, dieses Bedürfnis, es allen anderen zu zeigen. Es war wie ein Aufbruch in eine neue Welt, und ich musste mich weiter bewegen. Es war durchaus auch ein Verlassen der Komfortzone. Deswegen auch der Name Emigrate. Das hatte alles Sinn und Verstand. „Freeze My Mind“ habe ich in New York City geschrieben, es muss um den 11. September gewesen sein. In der Zeit habe ich in New York gelebt und sah das zweite Flugzeug in den Tower krachen. Zu sehen, wie die Leute aus dem Turm gefallen sind, hat mich extrem mitgenommen.

Bei Emigrate ging es also auch um eine gewisse Steigerung des Selbstwertgefühls?

Ich glaube, die größte Motivation kommt immer aus dem Bereich, jemandem etwas beweisen zu wollen. Ob das die Eltern sind, ob das deine Kollegen sind oder ob das vielleicht du bist. Es geht darum, seinen Wert zu fühlen. Man will gefallen, aber das kann auch eine große Falle sein. Gerade beim Schreiben. Bei Rammstein muss ich mich dann immer wieder stoppen, wenn ich merke, dass ich schon wieder ein zweites „Du hast“ schreibe. Ich frage mich da aber immer: Will ich jetzt wieder nur gefallen? Das ist ganz, ganz dünnes Eis. Auf der einen Seite will man seine eigene Identität nicht verlieren, auf der anderen immer wieder Neues probieren. Schwieriges Thema. Ich spreche in diesem Zusammenhang gern von dieser gesunden Naivität, die man mal am Anfang hatte. Die sollte man anstreben.

Manche Bands werden irgendwann zu einer Karikatur ihrer selbst.

Ja, es ist vielleicht einfach so, dass jede Kunst oder jede Band eine bestimmte Zeit hat, in der sie kreativ ist. Danach wiederholt man sich vielleicht nur noch.

Die Beatles hätten diese irrsinnige Kreativität auch nicht bis heute durchgehalten.

Absolut! Vielleicht ist es ganz einfach ein Gesetz des Universums und wir machen uns alle etwas vor. Ich stelle mir ständig die Frage, ob ich noch etwas zu sagen habe. Was motiviert mich? Mache ich das nur, weil ich nichts anderes zu tun habe? Oder brenne ich wirklich dafür? Da hilft es natürlich, eine Band zu haben, mit der ich wirtschaftlich und finanziell abgesichert bin. Da sind viele andere deutlich schlechter dran, das ist mir klar.


Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.