Berlin - Vielleicht hat das rechte Verlagshäuschen auf so viel Aufmerksamkeit gehofft. Realistischerweise aber musste es davon ausgehen, eine Randnotiz der Frankfurter Buchmesse zu bleiben. Bevor nämlich die Anwesenheit des unzweifelhaft faschistischen Medienunternehmens zum öffentlichen Thema gemacht wurde, spielte das Ein-Mann-Projekt unauffällig in der Kreisliga.

Rechtsextreme Verlage und Zeitschriften waren seit jeher in Frankfurt dabei; seit ein paar Jahren schon nutzen derlei Akteure die Messe gezielt als Möglichkeit, aus der eigenen Blase zu treten. Ihre Auftritte werden gut geplant, und es wird – offensichtlich mit einigem Geld – ein Öffentlichkeitskonzept entwickelt, das auch eventuelle Reaktionen einbezieht. Verlässlich konnte man so bei den vergangenen Messen aus dem zu erwartenden Protest eine gewisse Aufmerksamkeit ziehen. Dieses Jahr konnte der (hier bewusst nicht) benannte Verlag aber ganz besonders profitieren. Er wurde zu einem Hauptdarsteller der Messe, weil ihn seine Gegner auf eine noch größere Bühne hievten: die der digitalen Medienwelt.

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Die empirische Bilanz spricht für sich

Lange ging die Aufmerksamkeit, die dem erklärtermaßen anti-liberalen Verlag in den herkömmlichen Medien zukommt, gegen null. In den sozialen Medien bewegte man sich auch nur im unteren Segment. Mit der Skandalisierung seiner Anwesenheit auf der Messe hat sich das zumindest teilweise geändert. Durch sie verzeichnete der Verlag während der Messetage einen deutlichen Anstieg beim Follower-Wachstum: um das 15-Fache. Auch danach betrug das tägliche Wachstum noch das Fünffache der Vormessezeit, wenngleich sich der Verlag mit seiner Follower-Zahl weiter im Amateurbereich bewegt.

Schwerer aber als diese commitment metrics, in denen sich Nutzer als Sympathisanten einer Sache exponieren, wiegen Aspekte der Reichweite. Fast 2000 wörtliche Erwähnungen des Verlags in den sozialen und über 500 in den herkömmlichen Medien gingen mit dem Wirbel einher, begleitet von einem deutlichen Anstieg in den Suchanfragen bei Google. Was vermuten lässt, dass auch die Zugriffe auf die Website des Verlags zugenommen haben. Womit wiederum eine gewisse Anzahl an Menschen erstmals mit seinen Inhalten in Berührung gekommen sein dürfte.

Eine Welle der Empörung

Hier soll es nicht um das Motiv der Autorin gehen, die mit der Absage ihres Messeauftritts – sie selbst spricht von einem „Boykott“ – das Thema eröffnete. Für die Frage nach der rechtsextremen Aufmerksamkeit interessiert allein der Umstand, dass die bekannte Influencerin damit eine Welle auslöste. Allerdings keine Boykottwelle. Denn ihrem persönlichen Boykott folgten lediglich fünf weitere Künstler. Dafür kam es aber zu einer Empörungswelle, in der die faschistische Präsenz skandalisiert und die Buchmesse kritisiert wurde. Auf dieser Welle surfte der Verlag, dessen Aufmerksamkeit sich synchron zur Aufmerksamkeit der Kritiker entwickelte. Die Formierung dieser Welle fand auf Twitter statt. Fast 60 Prozent der Erwähnungen gab es hier.

Twitter ist zwar nicht besonders groß, aufgrund seines hohen Anteils an Wissenschaftlern und Journalisten aber tonangebend im medialen Diskurs geworden. Den herkömmlichen Medien dient die Plattform zunehmend als Indikator wichtiger Debatten. Auf sie entfielen denn auch über 20 Prozent der Erwähnungen.

Wie sich Empörungswellen formieren

Empörungswellen bekommen ihren Impuls meist von Influencern. Sie geben einen Ton vor, der vom resonanten Umfeld aufgegriffen wird. Er mag reinterpretiert und mit anderen Tönen kombiniert werden. Im Zentrum des Schwarms verdichtet er sich aber zu einem monotonen Tenor. Es liegt in der Natur solcher Wellen, dass sie primär auf Affekten aufbauen, die einen breiten gemeinsamen Nenner der Emotionalität zulassen. Entsprechend transportieren sie meist eine simple Kernbotschaft, die der Komplexität des adressierten Problems nicht gerecht wird. Das erzeugt eine Reihe von Widersprüchen. Angefangen damit, dass der Tenor des Schwarms – hier: Faschisten dürfen keine Bühne bekommen – selbst eine Realität heraufbeschwören kann, in der die Faschisten eine noch größere Bühne erhalten. Diese von Beginn an mitschwingende Indifferenz muss selbst in linken Kreisen Widerspruch auslösen.

Unter strategischen Gesichtspunkten ist das Schwarmverhalten ja durchaus zu hinterfragen. An solchem Unbehagen reibt sich unter anderem der Massenaffekt, der keine Differenzierungen und Uneindeutigkeiten kennt. So spricht er mit einer Stimme gegen die diversen kritischen Stimmen, die die Praxis des Absagens oder Fernbleibens ebenso für kontraproduktiv halten wie einen Ausschluss solcher Verlage. Obwohl es dafür vielschichtige Argumente gäbe, quittiert der Schwarm sie reflexhaft mit einem einzigen Argument: Man kann und darf mit Rechten nicht reden. Was wohlgemerkt meist nicht mal die Absicht der Kritiker ist.

Gefährliche Brandung

Die quantitative Wucht und emotionale Verve des unisono vorgetragenen Arguments machen sodann auf einige den Eindruck einer antiliberalen Haltung, die keinen Widerspruch duldet. In der Vernetzungsdichte der sozialen Medien mit ihren kreisenden Erregungen entsteht so das Gefühl, dass eine unaufgeregte Teilnahme an der Messe geächtet wird. Ein individueller Boykott hat sich damit über die kollektive Aufschaukelung zu einem wahrgenommenen Boykottaufruf entwickelt. Hier ist weiterer Widerspruch vorangelegt – aus allen Richtungen: von Linken und Liberalen, die um den offenen Diskurs fürchten, wie auch von Konservativen und Rechtsextremen, die eine linke „Meinungsdiktatur“ wirken sehen.

Der Schwarm wiederum findet die Kritik seiner Indifferenz indifferent – und zieht sich auf die (indifferente) Position zurück, dass Kritiken, die auch von rechts geäußert würden, nicht richtig sein können. Mit dieser Diskursverweigerung brandet schließlich die Welle. Der Schwarm zieht weiter, eine Aufarbeitung findet nicht statt. Dabei ist die Frage durchaus berechtigt, ob ein Verlag, der gegen die liberale Ordnung ist, auch von deren Freiheiten zehren soll. Intoleranz kann von Demokraten grundsätzlich nicht mit Toleranz begegnet werden. Doch auch für die progressiv gemeinte Intoleranz gilt: Choose your battles carefully! In digitalen Zeiten umso mehr.

privat
Zu den Autoren

Maik Fielitz (li.) und Holger Marcks sind Sozialwissenschaftler. Gemeinsam schrieben sie das Buch „Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus“, das im vergangenen Jahr im Dudenverlag erschien. Sie leiten eine Forschungsstelle im Rahmen der im Aufbau befindlichen Bundesarbeitsgemeinschaft „Gegen Hass im Netz“, die eine datengestützte Analyse zu rechtsextremer und demokratiefeindlicher Kommunikation im Internet erstellt.

Von Bühne zu Bühne

Mit der Digitalisierung verändert sich der Kontext jener antifaschistischen Taktiken, die als „No-Platforming“ bekannt sind. Die Idee dahinter: Je weniger Rechtsextremisten öffentlich sichtbar sind, desto weniger können sie Menschen aufhetzen. Schon früher war das eine ambivalente Rechnung, bot diese Praxis den Rechten ja stets auch die Möglichkeit, in die Berichterstattung zu gelangen oder sich als Opfer zu inszenieren. Immerhin war Öffentlichkeit da aber primär eine Frage physischer Präsenz. Der Kontext und die möglichen Effekte des Gegenprotests blieben überschaubar. Die Bühne, die etwa die Straße bot, war zudem für rechtsextreme Botschaften nur begrenzt durchlässig, war man bei deren Transport in die breite Öffentlichkeit doch auf die gefilterte Berichterstattung der Medien angewiesen, während die eigenen Publikationen nur eingefleischte Aktivisten erreichten. Das ist mit den Möglichkeiten der sozialen Medien nicht mehr zu vergleichen.

Sie bieten einen permanenten Zugang zur Öffentlichkeit, einschließlich der Möglichkeit, die eigenen Inhalte umfangreich darzubieten. Zugleich erfordern sie nur wenige Ressourcen, vor allem wenn man sie in der digitalen Interaktionsökonomie effektiv einsetzt.

Wenn Gegenrede nach hinten losgeht

Entsprechend dienen heute der extremen Rechten Demonstrationen mehr der Bindung nach innen denn als Vehikel für mediale Botschaften. Stattdessen werden provokante Auftritte zur Inszenierung nach außen genutzt. Man zielt dabei auf eine mediale Verwertung der Reaktionen, die als Gelegenheit zur Intrusion der Öffentlichkeit begriffen werden. Der reale Raum auf der Buchmesse ist insofern zweitrangig; er ist nur der Wartebereich vor der eigentlichen Bühne. Der Anspruch, Dinge nicht unwidersprochen zu lassen, entwickelt sich so zum Bumerang für demokratische Gegenwehr.

Denn wer das letzte Wort hat, darüber entscheidet der längere Atem. Zum einen. Zum anderen sind Medienwirkungen im digitalen Zeitalter widersprüchlicher und unmittelbarer. Es ist fast unmöglich, Akteure kritisch zu beleuchten, ohne für diese eine Bühne zu schaffen, die sich potenziell ausfahren lässt. Hinzu kommt ein besonders perfider Mechanismus der digitalen Welt: Den Algorithmen ist es egal, ob Nazis negativ oder positiv dargestellt werden. Es sind die Interaktionen, die über deren Sichtbarkeit entscheiden – und sei es nur die genauere kritische Betrachtung eines Inhalts. Jeder Nutzer wird so zum Co-Produzenten des Playbooks. Mit ihm wird ein anonymes Publikum bespielt, auf welches das Dargebotene ganz unterschiedliche Effekte hat.

Digitales Taktgefühl erforderlich

Auch schlechte Presse ist gute Presse. Für Faschisten, die naturgemäß auf Feindbildaktivierung getrimmt sind, war das schon immer ein wichtiges Prinzip. Und es gilt in digitalen Zeiten umso mehr. Negative partisanship etwa, also der menschliche Impuls, die eigene Position über die Ablehnung des anderen zu entwickeln, ist etwas, was heute, wo sich die digitalen Stämme fortwährend aneinander reiben, ständig getriggert wird. Wo dieser Impuls regiert, nehmen Menschen quasi aus Prinzip die antithetische Position zu einer unliebsamen Gruppe ein. Sind also bestimmte Feindbilder bereits angelegt, wenn auch nur latent – und dafür will die rechte „Metapolitik“ sorgen –, können Aufklärungsbemühungen zum co-radikalisierenden Faktor werden: Wer die linken Kritiker – und sei es nur ihr kulturelles Gebaren – nicht leiden kann, fühlt sich von Positionen ihrer Gegner angezogen.

Wir sind in einer paradoxen Situation: Ein politisches Milieu, das einst die Präsenz der extremen Rechten in den Medien beklagte, reproduziert diese selbst ständig bei Twitter & Co. Dabei sind die herkömmlichen Medien zumindest an Pressestandards gebunden, die eine Versachlichung des Diskurses ermöglichen sollen. In den sozialen Medien aber wird alles zu einer großen Schaukel der Emotionen. Der digitale Antifaschismus bräuchte einen kühlen Kopf – und ein evidenzbasiertes Handeln, das die neuen Medienwirkungen reflektiert. Mit der affektiven Schwarmlogik des Influencertums verträgt sich das nicht gut.

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