Berlin Es gibt Taxifahrer, die gegenüber den Kollegen gerne angeben, wie lange sie schon fahren. Bei manchen kommen mehrere Jahrzehnte zusammen. Wobei das nicht als Ausweis einer besonderen Kompetenz verstanden werden muss, selbst „alte Hasen“ kennen manchmal bestimmte Orte nicht, wenn man zum Beispiel zu einem eher kleinen Technoklub in Marzahn oder einem Restaurant mitten im Grunewald möchte. 

Ich selber war länger als 20 Jahre „Kutscher“. Bis zum Schluss neugierig im besten Sinne, also gierig nach Neuem: Wo hat ein Hotel aufgemacht, wo eine neue Ausstellung begonnen, wo findet welches Konzert statt? Aber Corona hat auch im Taxigewerbe alles verändert. Seit dem Frühjahr sind mehr als 1000 Taxis stillgelegt worden, viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten heute mehr als zwölf Stunden täglich, um wenigstens ein paar Fahrgäste zu bekommen. Wenn alles geschlossen hat, braucht auch kaum jemand ein Taxi. Statt vor Theatern und Clubs stauen sich die Taxis nun an den Krankenhäusern.

Mit der Schließung des Flughafens Tegel ist zudem einer der wenigen Orte weggefallen, an denen man einigermaßen sicher eine Tour bekommen hat. Wenn auch nach langem Warten. Am BER dagegen dürfen sich nicht mal fünf Prozent der Berliner Taxis anstellen. Dazu kommt die Konkurrenz von Uber und ähnlichen Unternehmen mit schätzungsweise 3000 Fahrzeugen in unserer Stadt. Es ist kein fairer Wettbewerb, denn viele dieser Wagen fahren nicht legal: Sie gelten offiziell als Chauffeurdienst, müssten also nach jeder Tour zum Betriebssitz zurückfahren. Wer mit offenen Augen durch die Innenstadt fährt, sieht jedoch die weißen oder schwarzen Fahrzeuge überall stehen und auf neue Aufträge warten. 

Vorbei ist das Gejammer, vorbei sind aber auch die Begegnungen 

Diese Entwicklung hat mich veranlasst, meinen Lieblings-Job aufzugeben. Vorbei ist nicht nur das Jammern über die schlechten Umsätze, die vollen Straßen und übel gelaunten Fahrgäste. Vorbei sind leider auch die positiven Seiten, die diese Arbeit mit sich bringt. Vor allem, wenn man ein kommunikativer Mensch ist und sich gerne die Geschichten der Fahrgäste anhört. Und derer gibt es viele, immerhin befördern wir Menschen aus der ganzen Welt.

Da waren die US-Amerikaner am Abend der ersten Trump-Wahl: Der erste schimpfte fürchterlich über den Mann und es war ihm peinlich, sich als US-Bürger zu erkennen zu geben. Er konnte es nicht fassen, dass dieser Mensch nun Präsident werden würde. Direkt danach hatte ich einen Fahrgast, der Trump gewählt hatte und nun von einer großen Zukunft schwadronierte. Er hatte ernsthaft das Gefühl, die Amis würden in der ganzen Welt ausgenutzt und unterdrückt und nun wäre endlich der Heilsbringer da. Acht Jahre vorher, ebenfalls US-Präsidentenwahl: Eine SPD-Politikerin weinte im Auto vor Glück, als im Radio die endgültige Wahl Obamas bestätigt wurde. Sie setzte so viel Hoffnung in ihn und in das zwischenstaatliche Verhältnis. Auch das ist längst Geschichte.

Wichtiger aber waren die angeblich „kleinen Leute“. So die Putzfrau, die sich ein Taxi nehmen musste, weil die BVG streikte und sie sonst ihren Job im Bezirksrathaus verloren hätte. Dabei konnte sie sich das gar nicht leisten. Aus Solidarität musste sie nur die Hälfte zahlen. Keine Geldprobleme hatte dagegen der Pilot, der morgens um vier Uhr am Schlesischen Tor bei mir einstieg. „Ich muss in zwanzig Minuten am Flughafen Tegel sein, egal was es kostet.“ Er legte mir 100 Euro hin und versicherte, mir auch alle Bußgelder zu zahlen, falls ich geblitzt würde. Alles wäre billiger, als wenn er zu spät käme. Ich erfuhr, dass er verschlafen hatte und bereits um sechs Uhr schon wieder in Frankfurt am Main starten sollte. Als er das erste Mal zu spät kam, hatte er 5000 Euro Strafe zahlen müssen, diesmal wäre es das Doppelte. Beim dritten Mal hieße es Kündigung, weil natürlich die gesamte Zeitplanung für sein Flugzeug durcheinander käme, inklusive Anschlüsse. Wir waren nach 18 Minuten dort und er gab mir noch 100 dazu.

Natürlich erlebt man auch traurige Geschichten. Einmal lud ich an der Charité einen türkischstämmigen Mann ein, der gerade seine kleine Tochter verloren hatte. Das sind Momente, in denen man unbedingt was Tröstendes sagen möchte, doch es fällt einem nichts ein. Anders war es am gleichen Krankenhaus, diesmal zwei alte Damen. Der einen war dort gerade der Mann gestorben, aber sie bauten sich gegenseitig auf. „Endlich hat er es geschafft“, trösteten sie sich. Und sie nahmen sich vor, nun all das zu unternehmen, was sie sich während seiner Krankheit vorgenommen hatten. Schließlich wurde das sogar eine fröhliche Fahrt.

Taxifahrer bezeichnen sich auch als nebenberufliche Psychologen

Im Taxi konzentriert sich das Leben auf einem kleinen Punkt. Ganz kurz berühren sich die Leben zweier Menschen, und viele Fahrgäste öffnen sich dem Fahrer. Wohl auch in dem Wissen, dass man sich vermutlich nie wieder sieht. Nicht umsonst bezeichnen sich viele Taxifahrer auch als nebenberufliche Psychologen. Ich hatte etwa eine Dame, die von Charlottenburg nach Köpenick wollte. Auf der langen Fahrt erzählte sie mir von ihrem 15-jährigen Sohn, der sich in einen erwachsenen Mann verliebt hatte und nun bei ihm eingezogen war. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Während der Fahrt erzählte sie viel über den Jungen, dass er ein sehr selbstbewusster Mensch sei, der sich nichts gefallen ließe und der immer seine Ziele verfolgte. Das Gespräch dauerte länger als die Taxifahrt, an ihrem Haus angekommen standen wir noch eine Viertelstunde, um zu Ende zu reden. Letztlich hatte ich sie beruhigt, dass sie sich bei einem solchen Sohn wohl keine Sorgen machen müsse. Und dass es sicher gut wäre, sich verständnisvoll mit beiden zusammenzusetzen.

Dass die Fahrzeit nicht für ein Gespräch reicht, hatte ich gleich zweimal beim damaligen Bundestags-Abgeordneten Heiner Geißler. Der einst harte Knochen der CDU war in seinen letzten Jahren aufgeweicht, setzte sich offen mit den Argumenten der politisch Andersdenkenden auseinander und trat sogar in das Netzwerk attac ein. Und das, obwohl es für eine andere Weltwirtschaftsordnung eintritt. Ich bin selten an einen so intelligenten Menschen geraten. Geißler zerpflückte all meine linken Argumente und warf zwischendurch ein: „Lassen Sie das Taxameter ruhig laufen, Sie sollen von unserer Unterhaltung gerne auch etwas profitieren.“ Das tat ich, nicht nur finanziell.

Natürlich lernt man im Taxi vieles über das Leben. Menschen, die einem klarmachen, dass Geldverdienen nicht alles ist. Andere, die einem zum Vorbild werden. Ein Mann hatte gerade jemanden aus einem brennenden Auto gezogen und musste nun selber behandelt werden. Auf dem Weg ins Krankenhaus sagte er mir, dass er das Leben der Insassen retten wollte, auch wenn er verletzt würde. Immerhin sei er ja schon fast 70 und die beiden im Auto höchstens halb so alt. „Manchmal muss man konsequent sein“ – diesen Satz habe ich nicht vergessen.

Die Dame wollte in die Berliner Straße - aber in welche?

Wunderschön auch das alte Ehepaar, das ich von Wilmersdorf nach Charlottenburg fuhr. Sie kicherten und schäkerten zärtlich miteinander und sogar mit mir. Sie lobten, wie elegant ich doch in die Kurven fahren würde und dass ich sogar auswendig wüsste, wo ihre Straße war. Beide waren um die 80 Jahre alt und ich war bis zum Ende der Schicht richtig glücklich, sie kennengelernt zu haben. Traurig dagegen das mit der 82-jährigen Rentnerin, die nachts mit dem letzten Fernzug ankam, damals noch am Bahnhof Zoo. Sie war das erste Mal in Berlin, eigentlich wollte ihre Freundin sie abholen – aber die war nicht zu sehen. Und ihr Handy war auch ausgeschaltet. Zwar hatte die Dame eine Adresse in der Berliner Straße, wusste aber leider nicht, in welcher. Es gibt diesen Straßennamen achtmal und nur eine davon liegt zentral. Wir schauten dort nach, aber da stand der Name der Freundin nicht am Klingelschild. Alle anderen Berliner Straßen abzufahren, von Zehlendorf über Tegel bis Pankow, hätte weit über 100 Euro kosten können. Schließlich brachte ich die verzweifelte Frau zu einem Hotel und hoffte, dass sie ihre Freundin am nächsten Tag doch noch erreichen würde.

Immer wieder wurde ich gefragt, ob es nicht unangenehm sei, vor allem nachts Taxi zu fahren. Besonders wegen der vielen Betrunkenen. Tatsächlich war das aber selten ein Problem. Wenn mir jemand – wie in einer Moabiter Kneipe – schon mit nasser Hose entgegengewankt kam, habe ich ihn natürlich nicht mitgenommen. Aggressive betrunkene Fahrgäste hatte ich selten und konnte sie entweder beruhigen oder musste sie auch mal rauswerfen. Oder die Jugendlichen. Wenn man noch nicht mit seinem Alkoholkonsum umgehen kann, bedeutete das: Während der Fahrt Kopf aus dem Fenster, damit im Notfall nichts auf die Sitze geht. Das würde dann 300 Euro extra kosten. So sind wir einmal sogar mitten im kältesten Winter die Avus langgefahren. Sein Kopf immer draußen und das war auch genau die richtige Entscheidung. So habe ich es geschafft, dass „meine“ Autos all die Jahre jungfräulich geblieben sind.

Mit Katharina Thalbach lästerte ich über Schickimicki bei der Fashion Week

Am liebsten aber waren mir immer die Fahrgäste, die interessante Geschichten zu erzählen hatten. Manchmal direkt nach ihrer Ankunft am Flughafen oder Bahnhof. Wie derjenige, der in Nordafrika entführt worden war und nun endlich wieder nach Hause kam. Oder der alte Mann, der von seinem über 40 Jahre langen Kampf für Schwulenrechte berichtete. Seine Familie hatte sich früh von ihm abgewandt, oft wurde er angegriffen, bis er mit anderen eine schwule Kampfgruppe gründete. Sie schützten ihre kleine Infrastruktur, Partys und Cruisings in den Parks.

Im Taxi hat man auch öfter die Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen, an die man sonst nicht so einfach rankommt. Zum einen natürlich Politiker, aber auch Künstler. Udo Lindenberg konnte ich endlich mal persönlich sagen, dass mich in den Siebzigern sein Song „Er wollte nach London“ darin bestärkt hatte, als Jugendlicher von Zuhause abzuhauen und selber die Welt zu erkunden. Mit Wilhelm von Boddien, dem Initiator des Humboldtforums, stritt ich über den Sinn und Unsinn, das ehemalige Stadtschloss wieder aufzubauen. Der Trommler von Rammstein nahm mich mit in die Waldbühne. Mit Katharina Thalbach lästerte ich über die Schickimicki-Leute bei der Fashion Week und eine Liedermacherin tröstete ich nach der Trauerfeier für ihren verstorbenen Mann. Ein dunkler Punkt sind natürlich die Überfälle auf Taxis. Ich selber bin davon glücklicherweise verschont geblieben, doch manche Kollegen hat es erwischt. Einer wurde sogar durch ein Messer getötet.

Nicht vergessen werde ich den schon 70 Jahre alten Taxifahrer, der im Prenzlauer Berg ausgeraubt wurde. Aus Angst sprang er aus dem noch rollenden Taxi, als er mit einer Pistole bedroht wurde. Das Automatikfahrzeug fuhr weiter, in die geparkten Autos, die beiden Täter flüchteten. Ich war direkt danach vor Ort, versuchte den Kollegen zu beruhigen. Er konnte überhaupt nicht begreifen, was ihm geschehen war, weinte, war völlig aufgelöst und verzweifelt. Aufgrund seiner Beschreibung konnten die beiden Täter kurz darauf in der Nähe festgenommen werden, die Waffe sowie die Geldbörse hatten sie noch bei sich. Den Kollegen habe ich nach einer Stunde nach Hause gebracht, er war psychisch nicht mehr in der Lage, selbst zu fahren.

Es war mir immer schleierhaft, wieso Leute ein Taxi überfallen: Es ist dort kaum Geld zu holen und man riskiert mehrere Jahre Haft wegen Raubes. Aber soweit denken manche vielleicht gar nicht. Für mich ist das nun alles vorbei, Geschichte. Ich habe einen anderen Job, doch viele Kollegen können nicht einfach aufhören. Für sie wünsche ich mir, dass die Geschäfte bald wieder besser laufen und dass der Senat endlich mal konsequent gegen die vielen illegalen Fahrer vorgehen würde. Dass das möglich ist, zeigt das Beispiel Hamburg. Der dortige Senat hat offenbar ein Bewusstsein dafür, dass die Taxifahrer zur DNA der Stadt gehören und auch ihr Aushängeschild sind. Dort lässt man sie nicht so hängen wie hier in Berlin.

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