Wir standen am Potsdamer Platz. Kopfschüttelnd. Es war ein gewöhnlicher Berliner Augustsonntag. Die Zeit der heißen Hundstage. Doch der Himmel war wolkenverhangen. Aufgeschreckt von den Meldungen der West-Berliner Sender Rias und SFB waren die Menschen am Morgen zur Sektorengrenze geeilt und verfolgten – teils ungläubig, teils aufgebracht –, was dort geschah.

Wieder einmal hatte der Rias die Nase vorn und berichtete mit seinem Reporter Erich Nieswandt zuerst von der Abriegelung. Mich konnte das kaltlassen. Ich war Student im neu geschaffenen Fach Amerikanistik an der FU und wollte Diplomat werden – voll Neugier in die Welt hinaus. Dass der 13. August 1961 mein ganzes weiteres Leben – beruflich und privat – entscheidend bestimmen sollte, ahnte ich an diesem Sonntag nicht.

Als der Sender Freies Berlin bald darauf im Bereich der Information etwa 300 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fest anstellte, meinte der Intendant: „Wenn Sie Ihr Studium abschließen, können wir Ihnen kein höheres Gehalt anbieten als jetzt.“ Monatlich 1200 D-Mark lautete das Angebot, mit Urlaubsanspruch, Sozialversicherung und Altersversorgung. Eine geradezu fürstliche Verlockung, der ich nicht widerstehen konnte und wollte. Ein Jahr nach dem Mauerbau, am 1. August 1962, war ich Redakteur und Reporter im Zeitfunk des SFB. Das vorzeitig beendete Studium der Amerikanistik schien dabei Zauberwirkung zu haben, denn bei allen US-Angelegenheiten fiel dann die Wahl zuerst auf mich, den Nachwuchsreporter.

Der Stacheldraht wurde aus Köln geliefert

In den ersten Stunden des Mauerbaus hatte noch niemand im SFB nach mir verlangt. Da ich zu denen zählte, die keine nahen Verwandten oder Freunde im Ostteil Berlins oder in der DDR hatten, schaute ich ziemlich gelassen auf das ungewöhnliche Treiben an der Sektorengrenze. „Die spinnen“, sagte einer mit müdem Lächeln. Und viele meinten, was da geschah, könne nicht von Dauer sein. NVA-Soldaten, Volkspolizisten und Mitglieder der Betriebskampfgruppen zogen eine Grenzlinie mit Stacheldraht, der, wie sich später herausstellte, im Rahmen des Interzonenhandels aus Köln geliefert worden war.

Der eigentliche Mauerbau – Stein auf Stein mit Mörtel und Lehm – kam erst in den Tagen danach. Eine Überraschung und ein Schock für die West-Berliner, selbst wenn sie Walter Ulbrichts Ankündigung vom 15. Juni 1961, „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“, mit Skepsis betrachtet hatten. Zu viele Menschen waren in diesem Sommer aus der DDR geflüchtet, die meisten jünger als 25 Jahre. Darunter zahllose Fachkräfte vom Arzt bis zum Ingenieur. Das West-Berliner Notaufnahmelager in Marienfelde war übervoll. Die New York Times war dankbar für eine Fotostory über Marienfelde und schickte mir als Honorar einen Scheck über 700 D-Mark.

Die Nachricht vom überfüllten Notaufnahmelager ging um die Welt. US-Senator William Fulbright – wie John F. Kennedy ein Demokrat, den der Präsident gern zu seinem Außenminister gemacht hätte – las gewiss nicht nur die New York Times. In einem US-Fernsehinterview meinte er am 31. Juli 1961, er verstehe nicht, warum die DDR angesichts dieser massenhaften Abwanderung nicht ihre Grenzen schließe. Politische Beobachter werteten diese Äußerung des engsten außenpolitischen Beraters von Kennedy im Nachhinein als Signal des amerikanischen US-Präsidenten, dass er keine Einwände gegen die Sperrmaßnahmen habe, die seit längerem im Gespräch waren.

Alle im Westteil Berlins wussten oder ahnten, es würde „etwas passieren“. Im Verein mit Moskau würde die DDR Maßnahmen ergreifen, die für West-Berlin nur von Nachteil sein konnten. Die Zeit der Blockade 1948/49 war noch in lebhafter Erinnerung. Zudem hatte KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow Ende November 1958 sein berühmtes Ultimatum übermittelt: „Friedensvertrag – oder West-Berlin wird zur freien Stadt!“ Das Chruschtschow-Ultimatum kam an dem Tag, als West-Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt die als Nachgeburt der Interbau des Jahres 1957 von Bruno Grimmek entworfene Hansaschule an der Lessingstraße einweihte. Die Nervosität und Zerfahrenheit Brandts bei seiner Eröffnungsrede ließen sich erst danach erklären, als bekannt wurde, unter welchem Schock er angesichts der Nachricht aus Moskau stand. Es würde „etwas passieren“.

Grenzgänger waren offenbar vorab informiert

Doch jetzt wurden die Straßen und Schienenwege rund um West-Berlin total abgeriegelt. Die Verkehrsverbindungen zwischen beiden Teilen Berlins waren unterbrochen. U- und S-Bahnen rasten ohne Halt durch die Ost-Berliner Bahnhöfe, wenn sie von West-Berlin nach West-Berlin fuhren. Die Abriegelung kam als böse Überraschung über Nacht. Seltsamerweise hatte die in Ost-Berlin ansässige Reinigungskraft eines guten Bekannten bereits in den Tagen vor dem 13. August angekündigt, dass sie „ab nächster Woche“ nicht mehr zum Putzen nach West-Berlin kommen werde. Offenbar eine Vorabinformation für sogenannte Grenzgänger aus dem Ostteil, die 60 Prozent ihres Lohns in Westmark über die von den Westalliierten eingerichtete Lohnausgleichskasse erhielten (während West-Berliner, die im Osten arbeiteten, nur 10 Prozent des Lohnes in DM-West umtauschen durften). Und die von den Westalliierten installierten und gestützten Wechselstuben in West-Berlin offerierten in jenen Tagen astronomische Umtauschkurse (bis zu 14 Ostmark für eine Westmark!).


imago/United Archives

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, als Redner beim 13. Kongress des Internationalen Bundes der Privatangestellten, Juli 1961. 

Die Medien in beiden Teilen der Stadt begleiteten die Ereignisse mit wuchtigen Schlagzeilen und schrillen Tönen. Zugleich wurde die unterschiedliche Begrifflichkeit für die Baumaßnahme geboren. Die DDR-Sprachregelung wählte in Radio und Fernsehen vom ersten Tage an die Vokabel vom „antifaschistischen Schutzwall“, während Willy Brandt am 16. August vor dem Rathaus Schöneberg verkündete, Moskaus „Kettenhund“ habe eine „Schandmauer“ errichtet. Zwei Definitionen, die sich in Andeutungen bis heute erhalten haben. Politiker und Politikerinnen aus Ost und West unterscheiden sich in ihren Formulierungen zumeist bis heute, wenn es darum geht zu definieren, wer denn eingemauert und eingeschlossen war.

Für den amtlichen Sprachgebrauch der DDR – den Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler gleich am Abend des 13. August in seiner Sendung „Der schwarze Kanal“ festlegte – war West-Berlin, das Agentennest, „eingemauert“ und isoliert. Für den Westen hatte die DDR ihre Bevölkerung hinter Mauer und Stacheldraht eingesperrt. Willy Brandt sprach sofort von einem „Konzentrationslager“. Noch am Abend des 13. August 1961 versuchte Karl-Eduard von Schnitzler im Fernsehfunk der DDR, die Dramatik der Ereignisse herunterzuspielen.

Karl-Eduard von Schnitzler fand alles nicht so furchtbar

Wir waren einigermaßen überrascht, als wir seine friedlichen Erklärungen am Schwarz-Weiß-Fernseher meiner späteren Schwiegereltern verfolgten. Alles sei nicht so furchtbar, wie in West-Berlin behauptet. Er habe an diesem Sonntag 14 Pkw mit West-Berliner Kennzeichen in der Hauptstadt der DDR gesehen. Wer sich anständig benehme und kein Agent sei, dürfe sich auch weiterhin zu Besuchen in der DDR aufhalten. Im Fernsehprogramm des SFB wurde hingegen ein Beitrag von Matthias Walden ausgestrahlt, der nicht anders als mit „Weltuntergangsstimmung“ zu beschreiben war.

Von den Stadtkommandanten der drei Westmächte kam keinerlei Reaktion. Willy Brandt versuchte telefonisch Bundeskanzler Adenauer in Bonn zu erreichen. Vergeblich. Schließlich war Außenminister Heinrich von Brentano am anderen Ende der Leitung, der ihm allerdings nur versicherte, man müsse jetzt „noch enger zusammenarbeiten“, wie Brandts Freund und Chefdenker Egon Bahr gern berichtete. Die Empörung von Willy Brandt bezog sich auch auf das Verhalten der Amerikaner – seit Blockade-Zeiten die freundschaftlich verbundene, verlässlichste Schutzmacht West-Berlins – und auf Präsident John F. Kennedy, der gleichfalls „toter Mann“ zu spielen schien.

Brandts Verstimmung führte dazu, dass er Kennedy einen vorwurfsvollen Brief schrieb, über den der US-Präsident gar nicht amused war. In West-Berlin kursierten Gerüchte, Kennedy und Chruschtschow hätten bei ihrem Treffen Anfang Juni 1961 in Wien eine geheime Abmachung getroffen, deren Ergebnis der Mauerbau war. In der internationalen (vor allem österreichischen) Presse war damals allerdings nur zu lesen, der alte Haudegen Chruschtschow habe den Jungspund Kennedy nicht für voll genommen, ihm den alten Vorschlag eines Friedensvertrages mit der DDR erneut unterbreitet und den Vorwurf erhoben, die USA wollten mit ihrer Einstellung zu West-Berlin den 1945 beendeten Kriegszustand fortsetzen.

Kennedy bemerkte später mehrfach, die Alternative zur Stillhalte-Reaktion auf den Mauerbau wäre Krieg gewesen. Doch das wollte keine der beiden Seiten. Und so wurde faktisch aus dem Vier-Mächte-Status Berlins ein Drei-Mächte-Status für West-Berlin, der fortan weitgehend unangetastet blieb. Der eilige Besuch von US-Vizepräsident Johnson mit Außenminister Dean Rusk in West-Berlin am 16. August 1961, die Entsendung zusätzlicher US-Einheiten, die im Oktober 1961 am Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße mit ihren Panzern den Eindruck eines bevorstehenden bewaffneten Konflikts erweckten (ich stand dort in einem Heer von Fotografen und Fernsehteams) sowie die Berlin-Visite der beiden Kennedy-Brüder Robert und Edward im Februar 1962 konnten West-Berlins aufgebrachte Gemüter zunächst besänftigen.

Das langsame Sterben Peter Fechters in der Zimmerstraße

Bis ein Jahr nach Beginn des Mauerbaus am 17. August 1962 der 18-jährige Peter Fechter bei einem Fluchtversuch an der Zimmerstraße angeschossen wurde und etwa eine Stunde lang nach Hilfe rufend verblutete. West-Berliner Polizei oder Feuerwehr hatten keine Möglichkeit des Eingreifens auf Ost-Berliner Gebiet. Die von einer Menschenansammlung lautstark zur Hilfeleistung aufgeforderten Amerikaner lehnten das ab, sodass sich der Zorn auf West-Berliner Seite gegen sie richtete. Mir blieben die Szenen vom langsamen Sterben Peter Fechters erspart. Der SFB hatte mich erst an den Ort des Geschehens entsandt, als DDR-Grenzer den 18-Jährigen bereits abtransportiert hatten. Die Folge dieses Fluchtversuchs mit tödlichem Ausgang waren in den nächsten Tagen antiamerikanische Demonstrationen in West-Berlin. Einige Hundert, meist junge Personen protestierten lautstark an der Charlottenstraße.


imago/Future Image

Michael Müller bei der Kranzniederlegung zum Jahrestag des Baus der Berliner Mauer an der Peter-Fechter-Gedenkstele in der Zimmerstraße am 13.8.2020.

Hoffnung und Harmonie kehrten in West-Berlin erst wieder mit dem Besuch von John F. Kennedy am 26. Juni 1963 ein. Der US-Präsident hatte kurz zuvor seine „Strategy of Peace“ verkündet, mit der er seine Vorstellung von einer friedlichen Koexistenz zwischen Ost und West skizzierte. Die „Ich bin ein Berliner“- Rede am Rathaus Schöneberg passte an diesem Tag eher in das Szenario des Kalten Krieges (was Egon Bahr an der zufriedenen Miene von Kanzler Adenauer zu erkennen glaubte). „Strategy of Peace“ und Koexistenz beherrschten eine Stunde später Kennedys Ansprache in der Freien Universität in Dahlem, nachdem er der US-Garnison in der Clayallee gegenüber dem Outpost-Theater versichert hatte, sie sei die Pfeilspitze in Richtung Ostblock.

Ich war froh, dies alles für die Radio-Hörerinnen und -Hörer in Deutschland, der Schweiz und Österreich live berichten zu können. Dieser Auftritt Kennedys legte den Grundstein, um noch vorhandene aktuelle Verstimmungen mit Willy Brandt auszuräumen und die Voraussetzungen für eine neue Friedenspolitik zu schaffen, die den 13. August 1961 in den Hintergrund rückte. Oft haben wir in späteren Jahren all diese dramatischen Ereignisse an lauen Sommerabenden im Wirtshaus Schildhorn diskutiert und Revue passieren lassen. Wobei Willy Brandt in der Rückschau voller Gelassenheit die ebenso schlichte wie überwältigende Formel verkündete: „Das ganze Leben ist Konfliktbewältigung.“

Alexander Kulpok ist Journalist und Autor. Er arbeitete im Sender Freies Berlin, zunächst im Jugendfunk, dann als Reporter, Redakteur, Moderator und schließlich lange als Leiter der ARD-/ZDF-Videotextredaktion. 2019 erschien sein Buch „SFB mon amour“. In der ZDF-Dokumentation „Ein Tag im August. Mauerbau ’61“ ist er als Zeitzeuge zu sehen, am 10.8., 20.15 Uhr und seit 7.8. in der ZDF-Mediathek.

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