Als ich kürzlich geheiratet habe, bekam ich neben wunderschönen, gut durchdachten und liebevoll ausgewählten Dingen auch Kinderkleidung geschenkt. Eingebettet war dieses Geschenk in eine Rede, die deutlich den Wunsch zum Ausdruck brachte, ich möge bald schwanger werden. Ich war perplex und nahm die Kleidungsstücke ohne weitere Reaktion entgegen. Zwei Tage später geriet ich in der italienischen Ferienwohnung mitten in der Nacht so in Rage, dass ich nicht schlafen konnte.

Schon seit langem bin ich mit der subtilen, aber passiv-aggressiven Haltung konfrontiert, dass Menschen (glücklicherweise nicht aus der eigenen, engeren Familie) ihren Wunsch, ab und an ein Baby in den Armen zu halten, auf mich projizieren. Bei Geburtstagen beiseite genommen zu werden und auf die Funktionalität meines Uterus angesprochen zu werden, das ist mir schon vor zwei Jahren passiert. Ich habe ja eine berufliche Anstellung, da mache man sich Sorgen, dass der Grund für fehlende Nachkommen medizinischer Art sein könne. Es war ein Mann, der sich das herausnahm. Jemand anderes fragte letzten Sommer, ob mein Hund einen Kind-Ersatz darstellen würde.

Von 13 Bräuten waren zehn schwanger – na und?

Als ich meine Hochzeit verkündete, nahmen viele an, der Grund könne nur eine fortschreitende Schwangerschaft sein und fragten mich danach, eine (tatsächlich kinderlose) Großtante sogar einmal schriftlich und dann, nach einem Nein, wiederholt mündlich. Nun ist es gesellschaftlich offenbar tatsächlich so, dass Schwangerschaft zur Hochzeit führt. Von den 13 Bräuten, die ich im April 2021 am Tag der Eheschließung meiner Freundin vor der Hochzeitsvilla Zehlendorf gesehen habe, waren zehn gut sichtbar schwanger. Meine Freundin übrigens auch. Aber ist das nicht Sache der Paare?

Ich selbst habe mich nur einmal zum Thema Ehe und Kinder geäußert. Nämlich als ich meinem vorherigen Partner mitteilte, dass für mich eine Ehe nicht in Frage käme, da ich nicht vorhätte, mir eines Tages mit ihm das Sorgerecht für ein Kind zu teilen. Für mich persönlich bestand nie ein Kausalzusammenhang zwischen diesen beiden Dingen. Einen Partner zu haben, mit dem man sein Leben verbringen und den man also heiraten will, reicht doch für Glückwünsche, da braucht es doch keine Hintergedanken.

Ich habe mich bisher mit der Tatsache sehr wohl gefühlt, dass ich es nicht nötig habe, feministische Artikel zu verfassen, außerdem bin ich in einer Art Matriarchat groß geworden. Ich habe auch in meinem Beruf (den ich sehr liebe) nie gegen die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen kämpfen müssen, höchstens für andere. Ich hätte auch keine Ressourcen dafür, da ich mich ehrenamtlich bereits für Generationengerechtigkeit in der Gesundheitspolitik einsetze.

Und ich habe übrigens auch einen Kinderwunsch. Voll Mitgefühl denke ich an Frauen, die solche Fragen ohne Kinderwunsch ertragen müssen. Oder an jene, die gerne Kinder hätten, aber keine bekommen können. Und somit habe ich als Frau, aber auch als große Schwester, als Dreißigjährige und als Mensch mit Plänen, die weit über die Folgen ungeschützten Geschlechtsverkehrs hinausgehen, eine Bitte: Das Thema Kinderkriegen ist sensibel, es ist privat, es ist nicht Teil jedes Lebensplans, und wer „Regretting Motherhood“ von Orna Donath gelesen hat, der weiß, dass es auch nicht Teil jedes Lebensentwurfes sein sollte.

Werft mindestens genauso viel Konfetti bei Berufsabschlüssen wie bei einer Babyparty! Seid stolz auf die jungen Frauen dieser Generation, die hart an sich und ihrem Werdegang arbeiten, und wenn ihr mehr über ihre Pläne für eine erweiterte Familie erfahren möchtet, dann stellt rücksichtsvolle Fragen, geht stets von drei Fehlgeburten und einer Depression aus, die ihr nicht sehen könnt, und egal was ihr tut:  Schenkt ihnen keine Babykleidung!

Luise Roither ist im Innovationsbereich der Charité Universitätsmedizin Berlin tätig und lebt in Berlin. 

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