Berlin - Frau Westhäusler, Frau Scholz und Frau Bastian – die Namen dieser drei Frauen sind mir auch heute nach mehr als 60 Jahren noch im Gedächtnis. Im Oktober 1960 hatten sie in ein Neuköllner Mietshaus zum „Kaffeekränzchen“ geladen. Einmal pro Woche trafen sie sich dort im dritten Stock.

Die Ehemänner hatten während der Kränzchenstunden keinen Zutritt. In Vorbereitung auf diesen Besuch mit dem Mikrofon (das an langer Leine eine Verbindung zum Übertragungswagen unten auf der Straße hatte) hatte ich in Erfahrung gebracht, dass solcherart Kränzchen angeblich ein Ausdruck der bürgerlichen Frauen- und Mädchenbewegung im 19. Jahrhundert waren. So hatte der Berliner Theaterkritiker Rudolph Genée, der auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg beigesetzt wurde, bereits 1862 in einem Buch den Begriff „Frauenkranz“ verwendet. Und der Komponist Jacques Offenbach jubelte 1866 in seiner Operette „Pariser Leben“: „Ach, welch schöner Damen-Kranz!“

Selbst der Jungfernkranz, dessen Begrifflichkeit angeblich auf Heinrich Heine und/oder Karl May zurückgehen soll, spielt hier eine Rolle. Die Bundestreffen der deutschen Mädchen machten ihn im 19. Jahrhundert zu ihrem Motto. Für sie war der Chor „Wir winden dir den Jungfernkranz“ aus Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ die Grundlage. So viele Kränze vor einem Besuch in Neukölln!

Ein Freiraum ohne männliche Aufsicht

Hätte ich damals auch noch gewusst, dass der Begriff „Kränzchen“ schon ein paar Jahrhunderte vorher für alle Arten von kleineren Zusammentreffen gang und gäbe war, bei denen sich die Mitglieder verpflichteten, das nächste Treffen auszurichten – ich hätte für die auf Hausfrauen zielende Vormittagssendung „Rund um die Berolina“ im Sender Freies Berlin wahrscheinlich einen Historienschinken gemacht.

Wie sich herausstellte, wusste meine Kränzchen-Runde sehr wohl, auf welchem Hintergrund sie ihre Treffen organisierte. Erst 1958 waren die Rechte und Pflichten der (Ehe-)Frauen in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin gesetzlich neu geregelt worden. Danach hatten sich die Frauen um den Haushalt und die Kindererziehung zu kümmern, eine gesetzliche, einklagbare Verpflichtung. Die Erlaubnis zur Arbeitsaufnahme oder zum Führerscheinerwerb mussten sie ohnehin vom Ehemann einholen. So schien das Kaffeekränzchen oder auch die „Stickstunde“ einer der willkommenen Freiräume, um ohne männliche Aufsicht zusammenzukommen und Frauenprobleme zu diskutieren.

Mein Vorschlag an die Redaktion der SFB-Sendung „Rund um die Berolina“ wurde zu meiner Überraschung sogleich freudig akzeptiert. Kaffeekränzchen – gewissermaßen ein Stück bürgerlicher Kulturgeschichte in Deutschland – galten schon 1960 als eine aussterbende Aktivität. Beim Bügeln oder Wäschewaschen würden Frauen aus dem Radio sicher gern erfahren, was andere bei ihren abendlichen „Geheimtreffen“ unbeaufsichtigt anstellten. Und Frau Westhäusler, Frau Scholz und Frau Bastian plauderten freimütig aus der Schule und ins Mikrofon.

Frauen regelten den Alltag in Berlin

Themen waren tatsächlich der Erfahrungsaustausch bei der Hausarbeit, die Urteile zur Produktwerbung, die noch mehr oder weniger in den Kinderschuhen steckte („Hat denn Wasser eine Haut?“ / „Kajot gekleidet – flott gekleidet!“) oder der Bildungs- und Berufsweg der Kinder, ihr Schulabschluss und ihr Ausbildungsplatz (etwa am Bahnhof Zoo bei Leineweber – „das Haus, das jeden anzieht“).

Frau Bastian war Witwe („Ich habe nur noch eine Mutter“). Ihr Mann war im Krieg gefallen. Und gelegentlich waren auch die Kriegsjahre und das Kriegsende ein Thema, als die Frauen mit ihren kleinen Kindern alles in Berlin zu regeln hatten. Denn es gab 1945 nur Frauen, Kinder und Greise in der Stadt. Bis dann die Männer zurückkehrten und das Patriarchat wieder seinen Lauf nahm, während die Frauen sich mehr oder weniger widerspruchslos erneut in die zweite Reihe zurückzogen.

Ärger über ihre demütige Haltung kam bei den Frauen erst viel später auf. 1960 war (noch) nicht der Zeitpunkt für gesellschaftliche Kontroversen. Alle trachteten danach, das begonnene „Wirtschaftswunder“ zu vollenden. Und der vom bewunderten Wirtschaftsminister Ludwig Erhard geprägte Slogan „Keine Experimente!“ wurde zum landesweiten Dogma. Als freier Mitarbeiter der Frauenzeitschrift Constanze hatte ich jedoch meine Lektion gelernt, mit der ich in die Kränzchen-Runde ging: „Durch Constanze werden Männer liebenswerte Frauenkenner.“

Wenn das „Kränzchenbuch“ fehlte

Mein Damen-Kränzchen hatte sogar eine Satzung und ein „Kränzchen-Buch“, in dem Protokoll über jede Zusammenkunft geführt wurde. Die Satzung schrieb vor, dass das Kränzchen an jedem Dienstag von 8 bis 11 Uhr (gemeint war 20 bis 23 Uhr) stattzufinden habe. Unentbehrliches Requisit war eine „Kränzchenvase“, die laut Satzung „mit den Blumen der jeweiligen Jahreszeit zu füllen“ war. Ohne Ausnahme war jede „Kränzchenschwester“ verpflichtet, in das Kränzchenbuch einen Kommentar zu dem bei ihr stattgefundenen Kränzchen einzutragen.

Unterlassungen führten zu Strafen – 10 D-Mark für das Vergessen der Nähutensilien und für das Fehlen der Blumenvase. 50 D-Mark als Höchststrafe für das Fehlen des Kränzchenbuches. Daraus ergibt sich, dass die drei Kränzchenstunden am Dienstagabend mit Hand- und Näharbeiten ausgefüllt wurden. Eine treffliche Gelegenheit zum Plaudern. Von Frau Westhäusler, Frau Scholz und Frau Bastian erfuhren ich und die Hörerschaft des SFB auch, dass es bei diesem Kaffeekränzchen durchaus nicht nur Kaffee gab. Tee war ebenso angesagt –- „Aber nur mit Rum!“ tönte eine laute Frauenstimme dazwischen. Und als die Sprache auf die (Ehe-)Männer kam, wurde ihre bedeutsame Rolle als Abholer deutlich. „Mein ganz spezieller Mann“, sagte Frau Westhäusler als Gastgeberin dieses Abends, „kommt nachher heim von seinem Herrentreff.“

Das einstmals von Männern dominierte Kaffeehaus spielte da schon keine Rolle mehr. Die Herren trafen sich beim Stammtisch oder beim Kegelabend. In beiden Teilen Deutschlands klapperten bis Ende der Sechzigerjahre im Frauenzirkel die Tee- und Kaffeetassen im Chor mit den Schnapsgläsern und den Strick- und Nähnadeln. Es war ein ruhiges, harmloses und unpolitisches Vergnügen.

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