Berlin - WIR haben einen Termin! Meine Schwangerschaft kam unerwartet und platzte mitten hinein in die erste Welle der Corona-Pandemie. Die erste Zeit heulte ich ständig. Beim Anruf in der gynäkologischen Praxis wurde mir gratuliert und ich verstand nicht, warum. Ich wartete vergeblich auf den Moment, in dem mich jemand fragen würde, ob ich dieses Baby in Angesicht der Lage überhaupt bekommen wolle. Selbstverständlich brachte ich kurz darauf meinen Partner zur Konsultation mit der Gynäkologin mit. Doch an der Tür wurden wir gestoppt. „Nur Personen mit Termin dürfen in die Praxis!“, herrschte mich die Sprechstundenhilfe an. „Aber wir haben einen Termin. WIR bekommen ein Kind!“, presste ich heraus. Es half nichts. 2020 bekommen immer noch ausschließlich Menschen mit Gebärmutter ein Kind, nicht aber ihre Partner:innen. Deshalb haben Letztere auch keinen Termin.

Wir haben uns als Gesellschaft gerade erst auf den Weg begeben, Elternschaft als einen gemeinsamen Prozess zu begreifen. Laut statistischem Bundesamt hat sich der Anteil der Väter in Elternzeit von 2009 bis 2018 verdoppelt – auch wenn der Anteil von Frauen noch immer weitaus höher ist. Doch wir müssen Jungen und Männern auch das notwendige Werkzeug in die Hand geben, um sich gleichberechtigt in die familiäre Sorgearbeit einzubringen. Stattdessen verschwindet vieles von dem, was wir als Gesellschaft in Hinblick auf ein neues Männerbild erreicht, was wir in puncto Teilhabe an Sorgearbeit auch institutionell verankert haben, im Zuge der Corona-Pandemie in vermeintlicher Notwendigkeit.

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