Berlin - Fast 30 Jahre nach seinem Tod ist das außergewöhnliche Werk von Patrick Angus (1953–1992) mit voller Kraft ins Licht der Öffentlichkeit zurückgekehrt. Vor wenigen Wochen eröffnete in der renommierten Stefania-Bortolami-Galerie in New York die erste Einzelausstellung zum Künstler. In den letzten zwei Jahren wurden ihm außerdem zwei Retrospektiven gewidmet – eine im Kunstmuseum in Stuttgart (2017) und die zweite im Long Beach Museum of Art in den USA (2019).

Die Ausstellungen sowie eine Anthologie zu Angus’ Werk, die kürzlich im Hatje-Cantz-Verlag erschienen ist, haben allerdings nicht nur sein außergewöhnliches Talent und seine ganz persönliche Sicht auf die Welt dem Vergessen entrissen. Nein, sie sind auch ein wertvolles Zeitzeugnis des US-Realismus.

Tatsächlich steht die Realität stets im Zentrum von Angus’ Werk. Seien es die melancholischen Provinzlandschaften von Arkansas, die Straßen in Santa Barbara oder Los Angeles oder die Schwulensaunas und Underground-Porno-Kinos im New York der 1980er-Jahre. Angus’ Malerei ist eine poetische, gewalttätige, scharfe, oft auch ironische Bezugnahme auf die Welt, in der er sich bewegte.

Quelle: Leslie-Lohman Museum NY
„Self portrait as Picasso“ (1980)

Die Geschichte seiner Wiederentdeckung beginnt in Deutschland. Der erste, der auf sein Talent aufmerksam wurde, war Andreas Sternweiler – ein für queere Themen aufgeschlossener Kurator, der Patrick Angus’ Arbeiten 1997 in die Ausstellung „100 Jahre Schwulenbewegung“ aufnahm, die im Schwulen Museum in Berlin gezeigt wurde. Angus war 1992 in New York an Aids verstorben. Er war damals noch völlig unbekannt, ohne Galerie oder institutionelle Unterstützung. Die Berliner Ausstellung war die erste, die sein Werk in Europa zeigte. Der Unterstützung des Schwulen Museums ist es auch zu verdanken, dass Douglas Blair Turnbaugh (Patrick Angus Estate) 2003 das erste Buch mit Angus’ Zeichnungen – „L.A. Drawings“ – veröffentlichen konnte.

Doch der deutsche Beitrag zur Wiederentdeckung des Künstlers sollte hier nicht enden. Die nach ihrem Inhaber benannte Galerie Thomas Fuchs, die Angus’ Nachlass bis heute vertritt, befindet sich in Stuttgart. Fuchs und sein Partner Andreas Pucher entdeckten das Werk von Angus über einen Film, der Quentin Crisp gewidmet ist – dem von Sting besungenen Gentleman in New York. Er war in den 1980er-Jahren Angus’ Freund und Mentor in New York. In einer Szene des Films sieht man den Schauspieler, der Angus spielt, wie er Leinwände mit Angus-Motiven von Schwulenclubs am Times Square ausrollt, um sie seinem Freund zu zeigen.

Es traf die Galeristen damals wie ein Blitzschlag: Sie beschlossen, die Spur von Angus weiterzuverfolgen und kontaktierten seinen Nachlassverwalter, Douglas Blair Turnbaugh, in New York. Er lieferte ihnen einige der schönsten Werke des Künstlers, Werke, die Angus in seinen reiferen Jahren gemalt hatte.

Es ist der intensiven Arbeit von Fuchs und Pucher zu verdanken, dass Angus’ Nachlass aus der Vergessenheit ins Rampenlicht gerückt wurde. Den beiden Galeristen verdanken wir außerdem die erste Galerieausstellung zu Angus im Jahr 2015, eine Retrospektive im Kunstmuseum Stuttgart sowie die Veröffentlichung der Angus-Monografie.

Auch für Fabio Cherstich, einem italienischen Theaterregisseur und Kunstsammler, ist Patrick Angus eine fortwährende Obsession geworden. Sie begann, als er Angus’ Bilder zum ersten Mal auf dem Handy eines Freundes sah. Angefangen hatte das alles 2012. „Ich war damals in Paris“, erinnert sich Cherstich. So begann eine obsessive und anfangs entmutigende Suche: „Die einzige Einzelausstellung, die Angus gewidmet war, fand im Regional Art Museum in Fort Smith, Arkansas, statt. Kurz: Im verdammten Nirgendwo.“

Quelle: Galerie Thomas Fuchs, Stuttgart
„Untitled“, späte 1970er

Die Kuratorin des abgelegenen Museums war anfangs eher ungläubig, als sie einen Anruf eines italienischen Fremden erhielt, der sie um Informationen über Angus bat. Nichtsdestotrotz: Sie gab Cherstich den für Angus möglicherweise wertvollsten Kontakt, den er sich vorstellen konnte: die Daten der Person, die ihr alle Werke ausgeliehen hatte: Betty Angus, Patricks 80-jährige Mutter, die bis heute verwitwet in einem Haus in Fort Smith lebt.

Cherstich rief sofort an, sie telefonierten eine ganze Stunde lang. Betty hatte, vielleicht ohne es zu wissen, knapp 20 Jahre auf diesen Anruf gewartet: Endlich hatte jemand einen Zugang zur vergessenen Welt ihres Sohnes gefunden. „Betty sagte mir, die einzige Möglichkeit, Patricks Arbeiten zu sehen, wäre, sie persönlich zu besuchen. Sie sagte, sie hätte Hunderte zu Hause.“ Cherstich und Angus’ Mutter trennten sich mit dem Versprechen, dass sie sich so bald wie möglich in Arkansas sehen und persönlich kennenlernen würden.

Nächster Halt: Fort Smith, Arkansas. Hier wird Cherstich von Betty Angus empfangen, einer stets monochrom gekleideten, prächtigen 80-Jährigen, die den Gast in ihr Hausmuseum mitnimmt. Überall im Haus hängen Gemälde des Sohns, selbst in der Garage. Doch sie sind anders als die homoerotischen Werke, die Douglas Blair Turnbaugh besaß. „Betty zeigte mir die ganze frühere Produktion“, erinnert sich Cherstich, „also die kalifornische der 60er- und 70er-Jahre, wo der Schwerpunkt auf den Porträts liegt, aber auch auf Landschaften – alles Werke, die zeigen, welch großartiger Maler, aber auch Zeichner Angus war.“

Quelle: Estate of Patrick Angus - Bortolami Gallery NY
„Untitled“, späte 1970er

Da waren etwa Porträts rätselhafter Jungen, Freunde oder Schulkameraden dabei, zusammen mit Modellen des Santa Barbara Institute of Art. Angus’ Musen: Heranwachsende, Dandys, Arbeiter, Sportler, Halbnackte. Porträts auf Betten oder Sofas, flüchtige Posen zwischen engen Jeans und hautanliegenden T-Shirts, aber auch weibliche Akte, Porträts, Objekte, groteske Szenen – im Hintergrund dazu oft die Strände von L.A. oder die Wolkenkratzer von Santa Barbara.

Cherstich kann beim besten Willen nicht verstehen, wie Angus’ Arbeit in Vergessenheit geraten konnte. „Betty hatte ein paar Ausstellungen organisiert, alle ohne Erfolg. Die letzte, ein paar Monate zuvor, im Fort-Smith-Hospiz. Da wurde mir klar, dass ich dieses immense Werk der Vergessenheit entreißen musste.“ Nach drei Tagen, die er mit Betty verbrachte, findet Cherstich schließlich einen zweiten Teil des Schatzes.

Denn in 25 Jahren der Hyperaktivität hat der Künstler (bereits im Alter von 13 Jahren bestand seine Hauptbeschäftigung im Zeichnen und Malen) Hunderte in Technik und Form extrem heterogene Werke geschaffen. Malen und Zeichnen war für Angus das Ergebnis ständiger Übung der Beobachtung: eine Hommage an die Liebe zur Welt, zum Realen.

Möglicherweise eine unerwiderte Liebe, zumindest hat der Künstler selbst sie so empfunden. Denn seine Existenz war von einer existenziellen Unsicherheit und Missachtung seines Potenzials geprägt – in der Kunst wie in seinen Beziehungen. Angus’ Malerei entspringt hier, an einer Schwelle, die leider nie überschritten wurde. Die Betrachtung seiner Werke gleicht dem Blättern in einem visuellen Tagebuch. Das Thema Sex wird erst ab Ende der 70er-Jahre, als Angus im grenzenlosen, aber auch beängstigenden Los Angeles landet, expliziter, eindringlicher.

Quelle: Galerie Thomas Fuchs, Stuttgart
„Untitled (Ken in Chair blue Shirt)“, späte 1970er

Als er in der Stadt der Engel ankommt, ist Angus mit seinen Vorbildern beschäftigt (vor allem Hockney und Picasso, im absoluten Gegensatz zu den Trends des Kunstmarktes dieser Jahre) sowie mit dem Wunsch, Teil einer künstlerischen und liberalen Welt zu werden, in der er endlich seine Homosexualität zum Ausdruck bringen kann. Letztlich bleibt auch dies nur eine Hoffnung. „Eine Selbstverurteilung zur Einsamkeit, vielleicht, aber sicherlich die einzig mögliche Weise, wirklich etwas zu erleben“, nennt Cherstich das. Der Höhepunkt der sexuellen Themen findet sich in Angus’ Werken seiner späten Periode, die in New York spielen: in Pornokinos oder im Gaiety-Theater, einem schwulen Burlesque-Club am Times Square, der Ende der 80er-Jahre von Bürgermeister Giuliani geschlossen wurde, als Aids weltweit, aber vor allem im promisken New York die Community dezimierte.

Doch Angus’ primäres Anliegen ist nicht die Krankheit oder auf Leinwänden gezeigter Sex, sondern die Menschlichkeit des schwulen Milieus. Seine Hingabe verewigt er mit leuchtenden Farben. Er zeigt nackte Körper in einer alles umgebenden Dunkelheit. Die Außergewöhnlichkeit dieses Werks – das Werk eines kurzen und intensiven Lebens – wird durch die Bewunderung Intellektueller und Künstler seiner Zeit durchaus anerkannt, darunter Quentin Crisp, Robert Patrick und Douglas Blair Turnbaugh. Letzterer widmete Angus zwei Monografien, die tragischerweise erst posthum erschienen: „Strip show – paintings by Patrick Angus“ (1993) und die erwähnten „L.A. Drawings“ (2003).

Quelle: Galerie Thomas Fuchs, Stuttgart
„Untitled“, späte 1970er

Der große Erfolg, den Angus als Künstler verdient hätte, erreichte ihn erst am Ende seines Lebens, in einer großen Einzelausstellung, die die Universität von Santa Barbara im Februar 1992 organisierte. Damals kaufte David Hockney sechs seiner Werke und drehte ein kurzes Video. Was bleibt, ist ein Foto zweier lachender Männer: Der eine ist Hockney – groß, korpulent, bereits als Großmeister der Kunst des 20. Jahrhunderts bekannt –, der andere ist Angus, winzig, zerbrechlich und sichtlich erschöpft von der Krankheit, die ihn wenige Monate später umbringen sollte.

Man sieht ihn jedoch lächelnd, er wirkt, als würde er sich hier erstmals seines außergewöhnlichen Talents bewusst. Ein Stern, der sein stärkstes Licht gerade dann ausstrahlt, wenn er zu erlöschen droht. Und von dem wir heute sagen können, dass er dank des Beitrags eines Berliner Museums, eines Galeristen in Stuttgart, eines italienischen Sammlers und eines Galeristen in New York heute wieder zu leuchten begonnen hat. „Nach zu vielen Jahren der Gleichgültigkeit zollt New York – die Stadt, die er am meisten liebte – diesem großen Künstler seinen Tribut“, sagt Cherstich. „Patrick Angus, das ist für mich der Protagonist einer endlosen Verfolgungsjagd. Wie ein alter Freund aus der Vergangenheit.“

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