Kunst gibt es auch am Rande Berlins, nicht nur in Mitte: Der Maler Harry Böckmann

Seine Mutter stammte aus Moskau, der Vater vom schwedischen Adel ab. Harry Böckmann ist seit Jahrzehnten in Treptow-Köpenick aktiv. Nun wurde er 80.

„Abendliche Gondelfahrt“ heißt dieses Gemälde von Harry Böckmann
„Abendliche Gondelfahrt“ heißt dieses Gemälde von Harry BöckmannHarry Böckmann

Es heißt, die Berliner Kunstszene gelte als die attraktivste in Europa, wenn nicht weltweit und brauche den Vergleich mit New York, London oder Paris nicht zu scheuen. Die Stadt verfüge gar über mehr Künstlerateliers als die anderen Kunstmetropolen und bringe die größte Kunstproduktion weltweit hervor, sei so zum Mekka der bildenden Künste geworden und habe Kunst und Kultur schlechthin zu charakteristischen Standortfaktoren Berlins als Touristenmagnet erhoben. Da denkt man zunächst natürlich vorrangig an die Museen und Galerie-Meilen in der City. Dabei hat auch die Peripherie der Hauptstadt vielerorts ein vielgestaltiges bildkünstlerisches kreatives Leben aufzubieten, das unverdientermaßen im Schatten der Highlights steht und mehr Aufmerksamkeit verdient.

Zu dieser „peripheren“ Berliner Kunstszene gehört der Maler, Grafiker und Bildhauer Harry T. Böckmann. Seit ewigen Zeiten in Bohnsdorf im Berliner Süd-Osten ansässig und dort seit 35 Jahren freischaffend wirkend, hat er einen festen Platz in der Treptow-Köpenicker Kunstszene und ist trotz seiner inzwischen 80 Jahre ungebrochen produktiv. Seit vielen Jahren vermittelt er dazu in Malkursen im Kulturbund-Club in der Ernststraße in Baumschulenweg und in der „Kulturküche“ Bohnsdorf, beides Einrichtungen des Netzwerkes „Kulturring in Berlin“, interessierten Laien sein Können.

Er gehört zur Generation der Kriegs- und Luftschutzbunker-Kinder, der Flüchtlings- und Nachkriegskinder. Angst, Hunger, Entbehrung gehören zu ihren frühkindlichen Urerlebnissen, die ihr weiteres Leben auf die eine oder andere Weise prägen sollten. Harry T. Böckmann steht dort in einer Reihe mit solchen in diesem Bezirk bekannten Künstlern wie Barbara Kirchner, Barbara Müller-Kageler, Manfred Hahn, Klaus König, Achim Kühn, Gerhard Lahr, Rüdiger Roehl oder Siegfried Schütze.

Auch Harry T. Böckmann verkörpert mit seinem sehr eigenen, verschlungenen Lebenswerdegang die Schicksalswege dieser Generation, wenn auch auf eine etwas auffällige Weise gleich mehrere ungewöhnliche Verquickungen miteinander verknüpfend: Den Sohn einer exilrussischen Mutter aus großbürgerlichem Moskowiter Hause und eines Vaters aus dem schwedischen Hochadel verschlägt es mit der Mutter zunächst in das Berlin der Bombennächte und der Nachkriegsnot. Er wächst dann mehrsprachig auf dem feudalen Landgut seines schwedischen Großvaters auf, der, selbst Maler, sehr bald das künstlerische Talent des Heranwachsenden entdeckt und fördert.

Harry Böckmann, „Mal kosmisch“
Harry Böckmann, „Mal kosmisch“Harry Böckmann

In dieser für ihn glücklichen Kindheitsphase liegen die Wurzeln für Böckmanns nie erloschenen Drang, sich bildkünstlerisch auszudrücken, ein Drang, der schon im Alter von zwölf Jahren mit einer eigenen Ausstellung in der Königlich Schwedischen Akademie der Schönen Künste belohnt und befeuert wird. Seine Schulzeit ist durch eine weitere atypische Kombination charakterisiert, der von naturwissenschaftlicher und künstlerischer Förderung.

Und schließlich ein dritter neben der Spur liegender Lebensstrang, den man ihm wohl kaum an der Wiege gesungen haben dürfte: Bedingt durch vielerlei familiärer Zufälle und historischer Schicksalswendungen landet der kosmopolitisch-polyglott aufgewachsene Großbürger- und Adelsspross später ausgerechnet in der sich als Arbeiter- und Bauernstaat verstehenden DDR und nimmt sogar nolens volens deren Staatsbürgerschaft an. Das ist wahrlich ein nicht alltäglicher biografischer Cocktail aus Gegensätzen sprachlich-kultureller, sozialer und Bildungsprägungen.

Die Neigung zum Gegensätzlichen sollte auch seinen späteren Bildungsweg in der DDR bestimmen. Vor seinem Abschluss als Dipl. Ing. für Maschinenbau erlernt er mehrere Metallberufe, erwirbt daneben ein Sprachendiplom als technischer Übersetzer für Russisch und Schwedisch, hört Vorlesungen zur Kunstgeschichte und Philosophie und quält sich freiwillig mit Hegels Dialektik. Sein Leben, sein reales wie das in seiner Vorstellung, scheint sich in diesem Spannungsfeld zwischen naturwissenschaftlich-mathematischer und künstlerischer Weltwahrnehmung und Selbstentäußerung abzuspielen.

Aber auch als Künstler schimmern seine Prägungen und Neigungen zur schöpferischen Kombination von Gegensätzlichem durch. Freunde und Verehrer seiner Kunst haben Harry T. Böckmann das Pseudonym „Sinus“ verpasst, das ihm gleichsam zum Label geworden ist. Wer sich noch dunkel an die qualvollen Mathematik-Stunden mit der Berechnung von Kathete und Hypotenuse erinnert, wird mit der sehr komplexen Sinusfunktion wohl vor allem eines assoziieren: die Beschreibung von Schwingungen.

Harry Böckmann, untiteled
Harry Böckmann, untiteledHarry Böckmann

Einfach „drauflos“ malen: Die Gemälde Harry Böckmanns

Möglicherweise erleichtert diese Charakter-Metapher des Künstlers den Zugang zu seinen Bildern, wenn man sie in ihrer Bildrhythmik als unbewusste Ausdrucksformen innerer seelischer Schwingungen ansieht. Diese Hypothese drängt sich vor allem bei seinen Akten und Figuren auf. Hinter einer mitunter mathematisch-streng anmutenden Bildkomposition und Figurendarbietung verbirgt sich unverkennbar ein sehr spontaner, schwunghafter und emotionaler Gestus, ganz so, als ob sich in diesem ästhetischen Spannungsfeld die beiden Seelen in der Künstlerbrust ihren Ausdruck erheischen.

Es sind gefühlsspontane Konzentrate angestauter emotionaler Erinnerungen. Er male am liebsten intuitiv „drauflos“, ohne Regelzwänge und kompositorischen Plan, bekennt Böckmann freimütig, dem selbst nie eine kunstakademische Ausbildung vergönnt war. So muten seine Bilder oft an wie wachgerufene sensuelle Highlights, Gefühlserinnerungen, Evokationen aus den Tiefen des Unbewussten. Ein durchgängiges, verklammerndes Muster seiner Bilder ist auf den ersten Blick eigentlich nicht so ohne weiteres erkennbar.

Vor allem ergibt sich die Frage, was die verschiedenen Vorlieben zu so unterschiedlichen Sujets miteinander zu tun haben könnten wie die stillen Baumlandschaften, die verträumt-pittoresken venezianischen Ecken und Szenen, die erotisch-knisternden Akte und Körperstudien, die großflächigen, in ihrer sehr freihändigen allegorischen Deutung wenig religiöse Ehrfurcht einflößenden Bilder aus der „Genesis“-Serie oder schließlich die abstrakten, lustvollen Farbenspiele ohne figurativen Vorwand. Auffällig stets das Spannungsverhältnis zwischen orgiastisch-lustvoll geballter Energie und ruhevoller Zartheit wie in den Bildern aus dem Sujetkomplex „Zweisamkeit“, so auch der Titel einer früheren Ausstellung.

In der Kritik werden Böckmanns Bilder als Ausdruck „subtiler Poesie“, „offener Lebensfreude“, „schwärmerischer Flüchtigkeit“ gesehen, die von seiner Lust am „Spiel auf der Klaviatur der Farben und Lichter“ zeugten (Swoboda Jähne). Seine eigene Methode, Acrylfarben und Pigmente zu kombinieren, führe zu einer eigentümlichen Synthese von farbiger Sattheit und Tiefe. In der Tat, die Schattierungen zwischen Giftgrün und Kobaltblau erinnern an die Palette eines Franz Marc oder August Macke. Auch die Parallelen zwischen den „unendlich schwingenden Grundlinien, Kehlungen der Landschaften“ und den „kurvig fließenden Farbfahnen und Formen“ der Körperlandschaften springen ins Auge.

Wie der weibliche Körper als eine zu entdeckende Landschaft, so wohnt umgekehrt den klassischen Landschaften Böckmanns so etwas wie das „ewig Weibliche“ inne. Von beiden fühlt er sich gleichermaßen angezogen, um mit Goethe zu reden. Im August beging Harry T. Böckmann seinen 80. Geburtstag, dem zu Ehren der bekannte Kulturklub RatzFatz im aufstrebenden Oberschöneweide eine Personalausstellung präsentiert, ein empfohlener Anlass für einen Ausflug in die „künstlerische Peripherie Berlins“.

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