Berliner Kinder sitzen 1948 auf dem Zaun des Berliner Flughafens Tempelhof, während ein Bomber der US-Luftstreitkräfte zur Landung ansetzt. 
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BerlinEr ist die letzte verbliebene Ikone aus der Zeit der Luftbrücke und der Berlin-Blockade 1948/49: Gail Seymour Halvorsen, der als Leutnant für die US Air Force mehr als 8000 Flugstunden absolvierte. Von 1970 bis zum Ruhestand 1974 war Halvorsen Kommandant des Flughafens Tempelhof. Am 10. Oktober 2020 wird er 100 Jahre alt.

Halvorsen ist ein Recke aus einer vergangenen Epoche, denn seinen Ruhm errang er im Fluge als Candy-Bomber mit der „Operation Little Vittles“ (Operation Kleiner Proviant), bei der er und andere Mitglieder der Flugzeugbesatzungen der Amerikaner etwa 23 Tonnen Süßigkeiten für Berliner Kinder abwarfen, die in Neukölln am Rande des Tempelhofer Feldes auf Schokolade und Kaugummi warteten, die aus den Maschinen an kleinen Fallschirmen herniederkamen. „Kommste mit, Kaugummi holen?“, war die einschlägige Frage unter Neuköllner Gören, wenn Halvorsen und die US Air Force riefen.

Der als „Rosinenbomber-Pilot“ bekannt gewordene Gail Halvorsen steht am 21.11.2016 am Luftbrücken-Denkmal am Flughafen in Frankfurt am Main vor einem der historischen Flugzeuge des gleichen Typs, mit dem der ehemalige US-Pilot nach dem zweiten Weltkrieg die „Luftbrücke“ nach Berlin geflogen war.
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Dort, wo der Thomas-Friedhof beinahe nahtlos in das Rollfeld des Tempelhofer Flughafens überging, standen wir auf kleinen Trümmerbergen und warteten auf die Candy-Bomber, die später „Rosinenbomber“ hießen, obwohl sie niemals Rosinen transportierten. Halvorsen hatte publicitywirksam angekündigt, dass er beim Anflug mit den Tragflächen seiner Maschine „wackeln“ würde, damit wir wussten, wann „Vittles“-Fallschirme zu erwarten waren. Dann setzte auf dem kleinen Trümmerberg das Gerangel ein – und natürlich waren es immer die Großen und Stärkeren, die sich die meisten Fallschirme eroberten. Doch Dabeisein war alles und manchmal spendierte ein großherziger Fallschirm-Eroberer selbstlos für die Kleineren und Schwächeren den einen oder anderen Kaugummi oder einen Riegel Cadbury-Schokolade. Ein Tempfelhofer Mädchen hatte mit Halvorsen sogar abgemacht, wo genau er in dem grünen Meer aus Friedhof und Kleingärten seine süße Fracht abwerfen sollte – und es klappte.

Später – nach dem Ende der Blockade 1949 – wurde an der Neuköllner Friedhofstelle ein Stacheldrahtzaun errichtet, der aber für einen pfiffigen Berliner Jungen leicht zu überwinden war, um zum Beispiel auf kurzem Wege zu den Radsport-Ereignissen ins Neuköllner Stadion zu gelangen, das bis zur Blockade Werner-Seelenbinder-Stadion hieß. Doch der Ringer und von den Nazis hingerichtete Widerstandskämpfer Seelenbinder war ein Kommunist – im beginnenden Kalten Krieg kein willkommener Namensgeber in West-Berlin. Die Aktionen von Leutnant Halvorsen verarbeitete Ingrid Sulic 1995 beim ersten Wettbewerb der RIAS Berlin Kommission zu einem Hörfunk-Feature des Senders Freies Berlin mit dem Titel „Seine Bomben waren aus Schokolade“ und erhielt dafür den 1. Radiopreis. Tatsächlich hat Halvorsen stets darauf hingewiesen, dass dort, wo er bei den angloamerikanischen Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs todbringende Bomben abwarf, 1948/49 nicht nur als Wiedergutmachung, sondern ebenso aus Mitleid mit den notleidenden Kindern „süße Sachen“ auf Neukölln und Tempelhof niederregnen sollten.

Der Pilot Gail S. Halvorsen wirft 1948 auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof amerikanische Süßigkeiten aus seinem C-54 Transportflugzeug, die von Kindern auf dem Flugfeld aufgefangen werden.
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Seine Aktion, die in den Zeiten der Carepakete in den USA viel Unterstützung fand, hat nach übereinstimmender Ansicht aller Chronisten das Bild der Amerikaner als Besatzungsmacht äußerst positiv beeinflusst. Schließlich war das Unternehmen Air Lift – die Luftbrücke – ausschlaggebend dafür, dass aus Besatzern (die die Devise „No Fraternization!“ – „Keine Verbrüderung!“ ausgegeben hatten) besonders in West-Berlin eben doch Verbündete und Freunde wurden. Gail Halvorsen konnte seinen Ruhm in den Folgejahren genießen: 1974 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz und den US-Militärorden Legion of Merit. 2002 zog er auf Einladung der deutschen Mannschaft mit dem Schild „Germany“ bei den Olympischen Winterspielen in seiner Heimatstadt Salt Lake City ins Stadion ein. Ähnlich war seine Rolle 2008 bei der traditionellen Steuben-Parade in New York. Halvorsen marschierte auf der Fifth Avenue vorneweg und erhielt bei dieser Gelegenheit gleich den Hessischen Verdienstorden.

Selbstverständlich war er auch bei allen Jubiläums- und Gedenkveranstaltungen zur Luftbrücke in Berlin anwesend. Sein Alter schien dabei niemals ein Hindernis. Im Zehlendorfer Ortsteil Dahlem wurde eine Schule nach Halvorsen benannt – eine Ehre, die außer ihm nur Lucius D. Clay zuteil wurde, der als General gegen viele Widerstände im Pentagon die Luftbrücke durchsetzte (und danach sofort den Dienst quittierte). Auch Baseballplätze auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof tragen inzwischen den Namen von Halvorsen, der seit 2016 zudem Ehrenmitglied von Care Deutschland-Luxemburg ist.

Mit späteren Versuchen, Wohltätigkeitsaktionen zu inszenieren, war Halvorsen weniger erfolgreich. Die Zeiten und die Einstellungen hatten sich spürbar geändert. Als Halvorsen im Jahr 2004 eine mit „Little Vittles“ vergleichbare Aktion für Schulkinder im Irak starten wollte, sagten die amerikanische Wirtschaft und Hilfsorganisationen zwar spontan ihre Unterstützung zu, die US-Armee verweigerte jedoch die Genehmigung. So bleibt Gail Halvorsen mit seinen 100 Jahren ein Held der westlichen Welt in Zeiten des Kalten Krieges und ein Symbol für die Kraft kleiner Gesten, die Großes bewirken können.

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