Prostitution in Deutschland: Die „freiergerechte Stadt“

Über Prostitution liefern wir uns endlose Debatten. Dabei vertreten wir oft die Interessen übergriffiger und gewalttätiger Freier – ohne es zu merken.

Nulltoleranz muss schon damit beginnen, übergriffige und gewalttätige Freier nicht sprachlich zu verstecken.
Nulltoleranz muss schon damit beginnen, übergriffige und gewalttätige Freier nicht sprachlich zu verstecken.

Es ist ein bisschen wie beim Auto. Wir haben in Deutschland die autogerechte Stadt: Die Bedürfnisse von Autofahrenden stehen im Vordergrund. Der Autoverkehr soll fließen, auch als „ruhender Verkehr“ wird er kaum behelligt. Das geht regelmäßig zulasten schwächerer Verkehrsteilnehmender. In der Prostitution stehen die Bedürfnisse von Freiern im Vordergrund, nicht nur bei der Dienstleistung an sich. Und auch wenn Freier gerade „ruhen“, werden sie nicht behelligt. Fast könnte man sagen, sie werden „reingewaschen“. Wovon? Von den alltäglichen Übergriffigkeiten, mit denen sie Prostituierten ihre Tätigkeit so unangenehm machen. Manche würden sagen: noch unangenehmer.

Sprache beeinflusst unser Denken. Nun erfolgt die Vertretung der Interessen gewalttätiger Freier bevorzugt, indem sie konsequent nicht erwähnt werden, wo man sie erwähnen müsste. Sehr deutlich wird das in der Debatte um Prostitutionsverbote, insbesondere das sogenannte Sexkaufverbot. Es wird meist mit der Begründung abgelehnt, dass es Prostituierte gefährden würde. So titelte etwa Amnesty International Schweiz: „Sexkaufverbot gefährdet die Sicherheit von Sexarbeiter*innen“.

Abgesehen davon, dass Prostituierte nie wirklich in Sicherheit arbeiten, müsste es heißen: „Freier gefährden die Sicherheit von Sexarbeiter*innen“. Oder gar: „Freier fühlen sich durch Sexkaufverbot zu mehr Gewalt ermutigt“. Das Deutsche Institut für Menschenrechte schrieb in einem Papier: „Darüber hinaus steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Prostituierte da, wo es Verbote gibt, Opfer von sexueller und körperlicher Gewalt werden.“ Richtig wäre: „Darüber hinaus nehmen Freier Verbote zum Anlass, häufiger sexuelle und körperliche Gewalt anzuwenden“.

Verbote als Schuldige

Statt um Freier geht es um Prostituierte. Blickt man wieder aufs Auto und dort auf die Unfallberichterstattung, sieht das ähnlich aus. Da wird zum Beispiel eine „Radfahrerin bei einem Unfall verletzt“ oder ein „Radfahrer stößt gegen eine Autotür“. Die Autofahrenden als Unfallverursacher werden standardmäßig ausgespart. Analog dazu sind „Prostituierte von Gewalt betroffen“. Oder während des pandemiebedingten Arbeitsverbots hat „die Gewalt gegenüber Prostituierten zugenommen“. Es scheint Einigkeit zu herrschen, dass Freier als Gewaltverursacher nicht erwähnt werden.

Werden sie doch erwähnt, könnte es sich um Geschlechtskrankheiten drehen. Das „Risiko der Freier, sich ohne Kondomgebrauch eine Geschlechtskrankheit einzufangen“, steht beispielhaft für eine Täter-Opfer-Umkehr, die in der Unfallberichterstattung in etwa „Baum bohrt sich in Motorhaube“ entspricht. Denn seit 2017 existiert sogar eine Kondompflicht. Aber viele Freier mögen gern „alles ohne“ und locken mit mehr Geld. In Foren verabreden sie sich auch mal zur „Vorbesamung“ einer bestimmten Dienstleisterin. Aber die „Kondompolizei“ rückt nicht aus, was unter anderem dazu führt, dass manche Beratungsstellen jede Woche eine Frau zur Abtreibung schicken.

Ins Grübeln kommt man, wenn laut einer Befragung unter 79 Prostituierten 92 Prozent körperliche und 70 Prozent sexuelle Gewalt erlebt haben und die Studienautorinnen auf eine mögliche „Verzerrung der Ergebnisse“ hinweisen, weil von den 79 Frauen 37 „Beschaffungsprostituierte“ waren. Tatsächlich macht Prostitution zur Finanzierung von Drogen in der Realität keinen so hohen Anteil aus. Aber bedeutet „Verzerrung“ darüber hinaus, dass Gewalt gegenüber drogengebrauchenden Frauen „nicht richtig zählt“ und wir sie Freiern daher zugestehen dürfen? Mit der Autologik gesprochen: Das Fahrrad oder die Fußgängerin war sowieso schon klapprig?

Wenn Menschen im Rahmen einer Tätigkeit die Möglichkeit haben, andere Menschen zu gefährden, müssen sie sich gewöhnlich zur Einhaltung besonderer Regeln verpflichten: durch verschiedene Führerscheine im Straßenverkehr, den „Spritzenschein“ in der Pflege oder das Gesundheitszeugnis in der Gastronomie. In der Prostitution gilt die Gefährdung als „eingepreist“, die Gewalt erscheint als ein einziges großes Kavaliersdelikt, wie Parken auf dem Radweg, nur ohne Punkte in Flensburg. Wer das nicht kritisiert, macht die „freiergerechte Stadt“ möglich.

Gewalt darf kein Kavaliersdelikt sein

Dazu kommt, dass wir für Lösungen blind bleiben, wenn wir erst gar nicht nach dem Beitrag von Freiern zu konkreten Missständen in der Prostitution fragen. Ein Beispiel: Im letzten Bundestagswahlkampf hatte die Union ein Verbot der Prostitution von Schwangeren ins Feld geführt. Es wurde abgelehnt, wie so viele Verbote, aber niemand hat gefragt, ob die Schwangeren wirklich überwiegend Familienplanung betreiben oder ob Prostitution in der Schwangerschaft nicht häufiger andere Ursachen hat, die anzugehen wären: Freier, denen die Kondompflicht und der Sinn dahinter gleichsam am Pimmel vorbeigehen.

Dessen ungeachtet spielen Freier kaum je eine Rolle in der Debatte. Das passt nicht dazu, dass wir uns mittlerweile in allen Bereichen „Nulltoleranz“ bei Gewalt gegen Frauen verordnet haben. Diese Nulltoleranz muss schon damit beginnen, übergriffige und gewalttätige Freier nicht sprachlich zu verstecken. Sie müssen sichtbar werden, so wie „Autogewalt“ sichtbar werden muss, damit wir sie eindämmen können. Heute gibt es sogar geschlechtergerechte Verkehrsplanung, denn: Die autogerechte Stadt wurde ebenso wie die „freiergerechte Stadt“ für Männer geschaffen. Der Autostrich, auf dem die Bedingungen am prekärsten sind, verbindet beides.

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