„Ja, wo sollten wir denn hin?“, fragt der fast Neunzigjährige. Schon seit 1962 lebt er mit seiner Frau in diesem Haus in der Erich-Weinert-Str. 15, das nun verkauft werden soll. Zwei Kinder haben sie in den 60 Jahren großgezogen, haben hier den Großteil ihres Lebens verbracht, sind alt geworden, aber noch rüstig geblieben. Die Treppen schaffen sie bis zum zweiten Stock und zum gemeinsamen Mieter-Sommerfest werden ihnen extra Stühle hingestellt, damit sie es gut haben und mitklönen können.

Denn hier in diesem Haus – ganz im Norden vom Prenzlauer Berg –, da wo es nicht ganz so schick ist wie anderswo – da kennt man sich. Hier herrscht Nachbarschaft, echte gelebte, durchweg durch alle Schichten, Alter und Vorlieben. Da wohnen die Familien, die Alleinerziehenden, die Studenten, die Senioren, die Angestellten neben den Erwerbslosen, die Künstler neben den Handwerkern. Die meisten leben hier schon Jahrzehnte, eine Handvoll war schon zu DDR-Zeiten hier. Jeder ist hier Mensch.

Ein kleines erhaltenswertes Soziotop blüht da im nördlichen Prenzlauer Berg, da wo es nun auch immer schicker wird. Keiner der Mieter kann sich eine höhere Miete leisten, einen Wohnungskauf schon gar nicht. Nicht die Familie mit den vier Kindern, nicht die verschiedenen Erwerbslosen, die aufgrund von Krankheiten aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind, nicht die alleinerziehende Physiotherapeutin oder die alleinerziehende Autorin, nicht der Koch und die Erzieherin, nicht die Altenpflegerin, nicht die Theaterregisseurin, nicht die Studentin für Malerei, nicht die Rentner.

Was blüht uns beim Hausverkauf?

Doch dann plötzlich – am 16. April dieser Brief im Briefkasten aller Mieter. Der Bezirk prüft das Vorkaufsrecht, denn das Haus stehe zum Verkauf. Zwei Monate würde das dauern, dann würden die Mieter über den Ausgang informiert. Immerhin ist das hier Milieuschutzgebiet. Aha! Und nun? Die Mieter und Mieterinnen zögern, sprechen beim Müllrausbringen miteinander. Verdauen diese Nachricht eine Woche, aber diese Nachricht zwickt und zwackt … die Bauchschmerzen hören nicht auf. Was blüht uns bei einem Hausverkauf? Zwei Monate Zeit? Das würde doch bis Mitte Juni bedeuten, oder?

Bis zum Brief wusste die Mieterschaft, dass es mehrere Hausbesitzer gab, die – so munkelt man auf den Hausfluren – zerstritten waren. Vielleicht wurde deswegen noch nicht das Dachgeschoss ausgebaut oder ein Fahrstuhl angebaut wie in anderen Häusern in der Erich-Weinert-Straße, die schick saniert wurden. Vielleicht fand auch deswegen keine Umwandlung in Eigentumswohnungen statt. Wer weiß.

Aber alle merken: wir wissen viel zu wenig. Tür und Angel reichen nicht. Die Mutter des kleinen Jungen aus dem zweiten Stock steckt in jeden Briefkasten einen Zettel. Ein gemeinsamer E-Mail-Verteiler wird gebaut. Ein Großteil der Mieter macht mit. Infos werden ausgetauscht. Was blüht uns da? Wenn da nur nicht diese Angst wäre. Milieuschutzgebiet, was heißt das genau? Mietverträge können auch bei Eigentümerwechsel nicht gekündigt werden, aber was, wenn es wegen Modernisierungsmaßnahmen dann doch zu teuer wird? Wer kauft eigentlich dieses Haus? Was dürfen die, was können wir tun? Die Mieter hören vom Mieterforum, von der Gleim 56, eine Hausgemeinschaft, die aktiv wurde und sich erfolgreich gewehrt hat. Warum wusste diese Hausgemeinschaft schon acht Monate vorher von dem Verkauf? Warum kann die Frist von zwei Monaten eigentlich nicht verlängert werden?

Der Bezirksausschuss tagt am 3. Mai, finden die Eltern der beiden Schulmädchen aus dem vierten Stock heraus. Da können wir doch hin und vorsprechen, schlagen sie vor. Tür und Angel ist zu wenig, der E-Mail-Verteiler zu schwerfällig, ein erstes Treffen muss her zur Absprache: Mit Mindestabstand und Masken im Gesicht trifft sich am 2. Mai der aktive Kern der Mieterschaft im Hof. Gut zehn Parteien stehen da in der Dämmerung. Da wo sonst vor Corona das Sommerfest stattfand, es dämmert, ein Hauch Frühling in der Luft. Es ist bewölkt, aber mild. Alle setzen ein basisdemokratisches Gesicht auf mit Fragezeichen in den Augen. Ein Frührentner ergreift das Wort, und fragt: Wie soll das gehen vor dem Bezirksausschuss? Was sollen wir fragen? Was können wir erreichen?

Wie hoch ist der Preis für dieses Haus?

Aufmerksamkeit in der Presse ist gut, sagt die alleinerziehende Mutter mit den Jungen aus dem vierten Stock und muss deswegen auch gleich das Sprachrohr vor dem Ausschuss sein. Bei der Anmeldung zum Appell vor dem Bezirksausschuss erfährt man, dass schon beim letzten Treffen des Ausschusses darüber geredet wurde, aber noch nichts beschlossen.

Am 3. Mai ist es so weit. Die Malerin fertigt Plakate an. Man versammelt sich coronakonform am Abend um 19 Uhr vor dem Bezirksamt. Gerade hat es geschüttet, jetzt scheint die Sonne. Noch keiner da, man hält die Schilder hoch. Wo bleiben denn die Politiker? Da kommen sie und gucken und grüßen freundlich. Stimmt, es ist ja Wahlkampf dieses Jahr. Die Mutter redet vor dem Ausschuss. Der stellvertretende Bezirksbürgermeister und Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn hört zu, vermeidet den Augenkontakt und konkrete Antworten. Er ist verantwortlich für die Stadtentwicklung in Pankow und sagt, dass man die Ängste der Mieter verstehe, aber der Kaufpreis zu hoch sei, zwei städtische Wohnungsbaugesellschaften, die Gesobau und Gewobag seien angefragt, aber ob die zuschlagen?

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Am 26. Mai wird das Haus verkauft, wenn kein anderer Weg gefunden wird.

Wie hoch ist der Preis für dieses Haus, fragt die Mutter. Ein Achselzucken von Herrn Kuhn. Da habe man gerade die Zahlen nicht. Aber in Kreuzberg und Neukölln seien sie viel niedriger, deswegen kann da besser gekauft werden. Seine Partei will dieses Jahr den verpatzten Mietendeckel zum Wahlkampfthema machen für ganz Deutschland. Die Grünen im Kampf für den Mietendeckel. Schön und gut – aber wie sieht es mit den realen Gegebenheiten aus? Schon am 26. Mai geht das Haus an den Käufer über, wenn kein anderer Weg gefunden wird.

Schon am 26. Mai? Wir hatten den Brief mit der Benachrichtigung erst am 16. April im Briefkasten. Aber stimmt ja, die Zweimonatsfrist ist nicht für uns Mieter gedacht, sondern für das Bezirksamt. Sie haben zwei Monate Zeit zu prüfen, ob sie das Vorkaufsrecht anwenden, nicht wir. Haben sie halt nicht früher geschafft mit dem Informieren … Dann gebe es ja noch die Abwendungsvereinbarung, die man mit dem Käufer treffen könnte, meint Kuhn. Aha. „Und wer kauft unser Haus?“, fragt ein anderer Mieter. Eine hochgezogene Augenbraue. Der Datenschutz greift hier. „Und was können wir tun?“ – „Sie können die Baugenossenschaften kontaktieren.“ „Vielleicht findet sich ja ein Käufer.“ „Und danke für die Anhörung.“

Einige der Politiker kommen auf die kleine Schar der Mieter-Demonstranten zu, es wird höflich Verständnis gezeigt. Zumindest ein offenes Ohr will man bieten im Wahlkampf. Die Morgenpost fotografiert, aber ein Bild erscheint nicht im Blatt. Die Mieter trotten hinter den Masken nach Hause. Wenn man allein die Werktage betrachtet, sind es nur noch zwei Wochen, bis der Verkauf rechtsgültig wird.

Wieso hat der Bezirk nur zwei Monate Zeit?

Genossenschaften werden fleißig angeschrieben, ein Film zur Minidemo geschnitten, sogar ein Song vom Musiker aus dem Haus getextet. Die meisten Genossenschaften winken freundlich ab, zwei sind interessiert. Aber schon am 26. Mai wäre die Frist abgelaufen? Die eine schert aus: zu kurz die Vorbereitungszeit. Wirklich schade, dass der Bezirk nur zwei Monate hat, um das Vorkaufsrecht zu prüfen. Warum eigentlich nur zwei Monate? Wie können sich da Mieter organisieren? Oder sollen sie sich gar nicht organisieren?

Die Genossenschaft Bremer Höhe bleibt dran und zeigt sich engagiert und motiviert. Mal schauen, was man tun kann. Hoffnung schwingt sich auf im Hof. Ulf Heitmann von der Bremer Höhe kommt zur Besichtigung, spricht mit den Mietern, recherchiert den Kaufpreis: über sechs Millionen Euro. Ein Darlehen bei der Bank in Anbetracht der restlichen neun Tage: nicht machbar. Die Hoffnung verpufft. Aber die Maschinerie des Protests läuft: Der Song ist aufgenommen, eine Seite bei Facebook reingestellt, dieser Text geschrieben. Zeit verbracht. Und sich dann gefragt. Vielleicht – wer weiß, sind die neuen Hausbesitzer gar nicht so schlimm? Vielleicht verhandelt Kuhn weiterhin und die städtischen Wohnungsunternehmen schlagen doch zu? Aber dann dieses Zwicken und Zwacken im Bauch. Was hat jemand vor, der für über sechs Millionen Euro ein Haus kauft?

Was hat man mit uns vor? „Wir können hier nicht weg!“, sagen die Neunzigjährigen, sagen die Siebzigjährigen, sagen die Erwerbslosen, sagen die Familien, sagen die Studenten, sagen wir. Es ist unser Zuhause. Wie lange noch? Kann es noch Rettung geben? Ein Deus ex machina, der das Haus in unsere Welt der bezahlbaren Miete hinüberrettet: die Gesobau, die Gewobag, die Abwendungsvereinbarung, die mit einem Hausbesitzer getroffen wird, dem eigentlich egal ist, wer hier wohnt? Wir hoffen und singen und schreiben und reden.

70 Quadratmeter für knapp 400.000 Euro

Vielleicht heißt unser Deus ex machina auch Klaus Mindrup, Bundestagsabgeordneter von der SPD. Er nimmt sich Zeit für eine Videokonferenz am 12. Mai, klingelt gleich die Wohnungsbaugesellschaften, macht Druck und sichert gleichzeitig Hilfe zu. Im Haus auf der anderen Straßenseite werden 2-Zimmer-Wohnungen für knapp 400.000 Euro angeboten – für 70 Quadratmeter.

Doch wir hier werden aufbegehr’n, / wir geh’n uns bei der BVV beschwer’n / bitten sie möglichst schnell zu klär’n / ob nicht genügend Mittel da wär’n / für die Vorkaufsrechtausübung. / Unser Protestsong – ein Abgesang auf unser Haus? / Gegen das Bangen schwingt sich die Hoffnung auf, wie ein Vogel im Frühling.

Am 12. Mai gibt Vollrad Kuhn bekannt, dass bei einem Haus in Pankow das Vorkaufsrecht ausgeübt wurde, eine Straße weiter, in der Kugler Straße 1, 32 Mietparteien statt 29 wie bei uns. Dort: Ein schickes Café unten und kein Anwalt für Migration und Sozialrecht wie bei uns unten. Die Gewobag übernimmt das Haus. Herr Kuhn freut sich, dass er Mietern helfen konnte, die schon über neun Jahre im Haus leben. Wir freuen uns für ihn und die Mieter der Kugler Straße 1.

Doch was ist mit uns? Wir leben hier im Schnitt schon 20 Jahre im Haus, haben unser Sommerfest, unsere Gemeinschaft, unsere alten Mietverträge. Wir sind mindestens genauso sozial hier verankert. So fühlt sich Verdrängung an. Vögel bauen ihre Nester im Hof des Hauses in der Erich-Weinert-Str. 15. Zumindest sie können das noch.

Patricia Caspari ist Kulturjournalistin und Autorin.

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