Es ist der Abend des 1. März 1902. Mehrere Menschen warten in einer Schöneberger Mietwohnung auf Anna Rothe, deren Name für ein spiritistisches Spektakel bürgt. Sie sitzen an einem achteckigen Tisch, der Raum ist abgedunkelt. Das von der Presse so getaufte „Blumenmedium“ hält dort regelmäßig Séancen ab, seitdem sie ein Jahr zuvor aus Chemnitz nach Berlin gezogen ist. Aber schon bald hatte es die ersten Beschwerden bei der Polizei gegeben. Seltsame Dinge, so hieß es, gingen dort vor sich, und für die müsse man bei dem Medium aus Sachsen, das seit den 1890er-Jahren auch als Hellseherin und Heilerin im In- und Ausland arbeitete, sogar Eintritt zahlen.

Berlin: Hotspot der spiritistischen Szene

Die Séance beginnt. Alle Hoffnungen der Gäste richten sich auf die schwächliche Frau mit dem „stechenden Blick“. Schnell fällt sie in Trance, eine Art Dämmerzustand, und wird dann zu der übermenschlichen Anna Rothe, die mit Kaisern und sonstigen Berühmtheiten kommunizieren kann, auf Wunsch auch mit, nun ja, Normalsterblichen. So heißt es.

Und ihre angeblichen Fähigkeiten stoßen vor 120 Jahren in der Reichshauptstadt auf äußerst fruchtbaren Boden. Um die Jahrhundertwende hat sich Berlin zu einem Hotspot der spiritistischen und okkultistischen Szene entwickelt. Geboren unter anderem aus den Erzählungen über die amerikanischen Fox-Schwestern, in deren Haus im Jahr 1848 ein unruhiger Poltergeist zugange gewesen war, war die Welle im Laufe der nächsten Jahrzehnte auch nach Europa übergeschwappt. Die angeblichen Geisterkontakte im Hause Fox entpuppten sich später zwar als grober Schwindel, dennoch hielt sich der Glaube an ein Fortbestehen im Jenseits weiterhin hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen, in denen lange Zeit im Unterbewusstsein so manch ein Aberglaube still vor sich hingedöst hatte und nun an die Oberfläche drängte.

Die Kirche war gegenüber Okkultisten auf Habacht

Spiritismus und Okkultismus schwebten dabei Hand in Hand durch den Äther, beide Weltanschauungen – mit dem Spiritismus als einer Variante des Okkultismus – verband der unbedingte Glaube an eine Existenz des Jenseits und an ein dortiges Weiterleben des Menschen nach dem Tode, in welcher Form auch immer. Dass das Thema polarisierte, lag in der Natur der Sache, und das war in Berlin vor 120 Jahren nun mal auch nicht anders.

Auch die Spiritistin Anna Rothe wurde von verschiedenen Lagern misstrauisch beäugt. Ernsthafte Wissenschaftler unter den Okkultisten sahen durch den „Vulgärspiritismus“ der Frau, die aus ärmlichen Verhältnissen stammte, ihre eigene Glaubwürdigkeit bedroht. Die Erforschung der menschlichen Psyche und zum Beispiel auch des Phänomens des Mediumismus müsse zudem zwingend den dazu berufenen Experten vorbehalten sein und könne nicht irgendwelchen Laienzirkeln überlassen werden. Auch Kirchenvertreter waren in Habachtstellung, ihnen waren die Gläubigen gegen Ende des 19. Jahrhunderts sowieso schon in Scharen davongelaufen, da wollten sie sich nicht auch noch von einer Anna Rothe das Jenseits erklären lassen.

Der Staat sah zudem die Gefahr, dass okkulte Zirkel innerhalb der zahlenmäßig sehr großen Arbeiterschar den sozialen Frieden gefährden könnten, wer weiß denn schließlich, wozu Geister so anstiften können? Die Gemengelage war unübersichtlich. Anna Rothe konnte zwar auf eine große Fangemeinde innerhalb der Spiritistenzirkel zählen, doch Staat, Kirche und Wissenschaft waren übermächtig. Schon bald hatte sich auch ein munteres Munitionslager an Aufsätzen in einschlägigen Publikationen wie zum Beispiel der Zeitschrift Sphinx angesammelt, aus dem manche Kontrahenten regelmäßig ihre Wortwaffen abfeuerten, um den Gegner möglichst effektiv außer Gefecht zu setzen.

Spiritisten wollten sich gegenseitig vom Verdacht des Betrugs befreien

Namentlich daran beteiligt war unter anderen der Rechtsanwalt Dr. Erich Bohn aus Breslau, der das Gespann Rothe und Jentsch schon länger misstrauisch beäugte und es mit allen Mitteln enttarnen wollte. Max Jentsch, von einer Tageszeitung als „kleiner verwachsener Herr mit lauernd listigem Fuchsblick hinter den goldumränderten Brillengläsern“ diffamiert, hatte von Volksschullehrer und „Cognacreisender“, was auch immer das gewesen sein mag, auf Impresario – eine Art Agent – „umgeschult“.

Da war aber zum Beispiel auch der Berliner Psychologe Professor Max Dessoir, der etwa 1888 zusammen mit einem weiteren skeptischen Psychiater, Dr. Albert Moll, die Gesellschaft für Experimentalphilosophie gegründet hatte und zudem Herausgeber der besagten Zeitschrift Sphinx war. In der anderen Ecke des mentalen Boxrings hingegen ruhte Dr. Egbert Müller kontemplativ in sich, ein in Berlin stadtbekannter Spiritist, dessen Mission es war, andere Co-Spiritisten von dem Verdacht des Betrugs reinzuwaschen. Ob nun berechtigt oder unberechtigt, für ihn schienen das allesamt ehrliche Häute zu sein. Dr. Müller, den die Bevölkerung in Berlin nur den „Geister-Müller“ nannte, hatte sich mit bleischweren Publikationen wie „Wo ist das Jenseits, da die Todten wandeln“ einen Namen gemacht. Dabei schreckte er auch nicht davor zurück, sich für sein Porträtfoto im Buch als sinistrer Nostradamus zu inszenieren. Zu den zahlreichen Rothe-Anhängern zählte zudem der Okkultist Professor Karl Sellien, der eine Tochter der Rothe heiraten sollte.

Zunehmend wurden Zweifel an den übernatürlichen Fähigkeiten der Anna Rothe lauter und wohl auch bewusst gestreut. Sie sei eine Schwindlerin und ihr merkwürdiger „Impresario“ Jentsch ein noch größerer Schurke, der die Rothe ausnutze.

Die Gerüchteküche brodelte, tat jedoch dem kontinuierlichen Zulauf an zutraulichen Gästen der Séancen keinen Abbruch. Selbstlos waren die beiden Spiritisten dabei allerdings nicht, die angeblichen Jenseitskontakte ließen sie sich mit einem Eintrittsgeld ordentlich bezahlen. Und sie strömten in Scharen herbei, die Menschen, die so arg getäuscht werden sollten. Die Namensliste der betrogenen Personen aus der Gerichtsakte ist lang, sehr lang. Sie reicht von Kaufmännern, Handwerkern, Rentnern über Fabrikanten und Ingenieure bis hin zu Adligen.

Doch an jenem Abend des 1. März 1902 wird alles schlagartig anders, entnimmt man unter anderem der Einzelfallakte über Anna Rothe, die im Geheimen Staatsarchiv Berlin aufbewahrt wird.

Blumen regneten aus dem Jenseits

Der Glanz der Spiritisten-Stars? Wie von Zauberhand perdu. Zunächst baut sich Jentsch noch feierlich vor den Gästen auf und hält eine geistliche Ansprache. Ein scharfer Blick und sogleich fällt Anna Rothe in Trance. Und nun kommt auch schon der erste Blumengruß aus dem Jenseits von der Decke herabgeflogen.

Und da! Das erste seltsame Stimmchen aus dem Mund der Rothe ertönt. Es ist das „Friedchen“, Kosename „Medibumsel“, Anna Rothes „Schutzgeist“. Wie merkwürdig, dass es sächselt und dass auch Anna Rothe im Wachzustand immer mit breitem sächsischen Akzent spricht. Und dieses „Friedchen“ scheint ja auch eher debil-kindlich zu sein, kann es so überhaupt eine wirkliche Hilfe sein? „Ich heiße Frieda, weil ich immer frieh da bin und so friedlich bin“, bekundet es frisch und fromm vor den zutiefst beeindruckten Augenzeugen, die sich an der Infantilität des Geisterwesens nicht weiter zu stören scheinen. Und der Impresario Jentsch schmunzelt innerlich und freut sich bereits auf das Geldzählen. Beständig lässt Anna Rothe Blumen aus dem Jenseits regnen, lenkt die Zuschauer geschickt ab und produziert nicht nur Blumen, sondern auch Zitrusfrüchte, die allesamt „aus ihrer Hand zu wachsen“ scheinen, aber in Wirklichkeit alle aus ihrem Unterrock hervorgezaubert werden.

Warum gerade Zitrusfrüchte? Man weiß es nicht. Die Blumen hat sie vorher auf dem Potsdamer Platz gekauft, werden zahlreiche Verkäuferinnen vor Gericht bekunden, aber das tut in diesem Moment nichts zur Sache. Die meisten der Gäste wollen offenbar betrogen werden, die Illusion tröstet sie für einen kurzen Moment und lässt den möglichen Schwindel verblassen.

Blumen im Unterrock

Plötzlich stürzt sich ein Mann auf die Rothe. Es ist Kriminalkommissar Leonhardt, der sich schon länger unter falschem Namen in die Sitzungen eingeschlichen hat. Diesmal ist er wild entschlossen mit seinem Kollegen Dr. von Kracht zu einer finalen „Enttarnungssitzung“ angerückt. Ein Tumult entsteht, die beiden Männer versuchen, die Rothe zu bändigen, die trotz ihres schwächlichen Zustands Bärinnenkräfte entwickelt. Sie kann schließlich festgenommen werden.

Bei der polizeilichen Untersuchung findet man unter dem Unterrock „tütenartig versteckt“ zahlreiche Blumen. Man glaubt es kaum, doch selbst diese Tatsache kann die Gläubigen nicht erschüttern. Nun ja, argumentiert ein Hartgesottener später vor Gericht, die Geister könnten ja schließlich die Blumen nicht selber kaufen, sondern nur den „Astralleib“ der Rothe benutzen. Die müsse also die Blumen selber kaufen, dann müsse man sie zunächst dematerialisieren und dann wieder materialisieren. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls extrem verwirrend.

Der Prozess, der vom 23. bis zum 28. März 1903 vor der ersten Strafkammer des Königlichen Landgerichts in Berlin stattfindet, wird zum „Sensationsprozess“. Und noch immer glauben Zeugen an die Echtheit der Vorführungen.

Am Ende wird Anna Rothe „wegen gemeinschaftlich vollendeten Betrugs in 48 Fällen und vollendeten Betrugs in zwölf Fällen“ zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis sowie einer Geldstrafe von 500 Mark verurteilt. Das Publikum habe Vorführungen aus der Geisterwelt sehen wollen, aber dann nur „Taschenspielertricks“ erhalten, heißt es in der Urteilsbegründung für die ungewöhnlich hohe Strafe, die wohl auch ein Exempel statuieren sollte. Im Gefängnis bricht bei Anna Rothe erneut ein „altes Frauenleiden“ aus und ihr Zustand verschlechtert sich zunehmend. Am 16. Dezember 1904 stirbt Anna Rothe, die Frau, die laut eigener Aussage bereits im Alter von zehn Jahren Tote sehen konnte, in der Deutsch-Wilmersdorfer Wohnung ihres Schwiegersohns Prof. Karl Sellien.

Der Streit zwischen den verfeindeten Lagern hat seinen Tribut gefordert. Eine Frau aus Sachsen, die von ihren acht Kindern fünf verloren hatte und unter ihrem gewalttätigen Ehemann, einem Kesselschmied, zu leiden hatte. Für ihre Flucht in die Welt der Geister und ihre daraus resultierende berufliche Eigenständigkeit hat sie einen viel zu hohen Preis bezahlt.

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