Berlin - Ein Blick zurück nach vorn: „Balin!/ Wenn et dia nich jäbe,/ man müßte dia erfinden. /Wenn de nich schon erfunden wärst –/ et müßte dia jeben./ Balin!“ Aus: Robert Gernhardt, Reim und Zeit. 1990.

Die Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg und Ruth Reiher haben sich an dieser Stelle mit der DDR-Sprache auseinandergesetzt – ich frage mich nun: Wie sieht die soziolinguistische Gemengelage des Berlinischen aus? Ruth Reiher erläutert über den Sprachgebrauch in der DDR, dass „man (…) auf einer gemeinsamen sprachlichen Basis miteinander (...) die regionale Umgangssprache Berlinisch“ benutzte und es eine „Stigmatisierung des Berlinischen“ damals nicht gegeben habe. Aufgrund eigener soziolinguistischer Erhebungen nach der Wende habe ich viele Belege dafür, dass Berlinisch im Ostberliner Alltag, selbst in formellen Situationen, geschätzt und regelhaft benutzt wurde.

Gegenüber dem Sächsischen, Symbol der Anderen und der Outgroup, repräsentierte es das Wir der Ingroup und hatte soziales Prestige. Anders als im Westen, wo zum Beispiel Kandidat:innen in Bewerbungsgesprächen nach Kriterien des Sprachgebrauchs ausgefiltert wurden, war Sprache kein Kriterium der sozialen Selektion. Üblicherweise wurde Berlinisch unabhängig vom sozialen Status und auch in formellen, institutionellen Situationen benutzt.

Studierende aus dem Osten berlinerten noch

Dafür habe ich viele Belege aus der Nachwendezeit. Studierende aus dem Ostteil der Stadt berlinerten zunächst in Seminaren, gaben das aber schnell auf, als sie spürten, dass die „anderen“ Studierenden das nicht für angemessen hielten. Anpassung in Form von Varietätenwechsel war die Folge. Im heimischen Milieu berlinerten die Studierenden wieder. Im privaten Umfeld wurde nämlich eine weitgehend homogen ausgeprägte Varietät benutzt, die Züge vertrauensvoller Nähekommunikation und ein stabiles Repertoire an Regeln und kommunikativen Mustern aufwies.

Jenseits von normativen Bewertungen belegen die Daten (der Forscher Schönfeld und Reiher, im Wendekorpus) die soziale Vitalität des Berlinischen im Ostteil der Stadt. Vor 30 Jahren bat mich die Freie Universität, in meinem Arbeitsbereich (Sozio-)Linguistik einen mehrsemestrigen Fortbildungskurs für Sekundarstufenlehrerinnen aus Ost-Berlin zu geben, „um sie für das sich wandelnde Schulsystem fit zu machen und zum Staatsexamen zu führen“ (so Bezirksstadträtin Cornelia Flader aus Köpenick, Teilnehmerin).

Um die facettenreichen Wendeereignisse im Sinne eines kollektiven Gedächtnisses für die jüngere Generation festzuhalten, beschlossen die Seminarteilnehmerinnen, unter meiner methodischen Anleitung informelle Interviews, die wir „Wendegespräche“ nannten, mit Freunden zu den Geschehnissen des Mauerfalls und der treuhandgeprägten Zeit danach durchzuführen.

Eine Audio-Zeitreise zum Nachhören

Die auf diese Weise im Ostteil (später auch im Westteil) entstandenen authentischen Tonbandaufnahmen wurden von den Seminarteilnehmerinnen sprechgetreu verschriftlicht. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IdS, Mannheim) nahm das Wendekorpus – für jedermann zugänglich – in die „Datenbank für gesprochenes Deutsch“ auf. Die Bundeszentrale für Politische Bildung (BPZ, Bonn) stellt nun im Netz die besten Ausschnitte in einer repräsentativen Auswahl im Deutschlandarchiv für alle am Wendegedächtnis Interessierten zur Verfügung. Überzeugen Sie sich selbst, wie berlinisch die Beteiligten ihre Wendeerfahrungen in dieser Audio-Zeitreise in die deutsch-deutsche Vergangenheit erzählend, argumentierend, scherzend und streitend präsentieren.

Auffällig und intensiv werden die Arten der Wahrnehmung der jeweils „anderen“ (Ost vs. West) thematisiert und in einem breiten Spektrum emotionaler Ausdrucksweisen präsentiert, in traditionellem Berlinisch im Osten, in einer standardnäheren Umgangssprache im Westen. Die Ostberliner Ausschnitte der Audio-Zeitreise manifestieren ein relativ einheitliches, starkes Berlinisch im Sinne von Helmut Schönfeld, Experte des Berlinischen, das er von einem leichten (standardnäheren) und einem mittleren (zwischen beiden Polen anzusetzenden) Berlinisch abgrenzt.

Diese Differenzierungen nimmt er in einem Aufsatz von 1997 anhand typischer lautlicher Varianten vor. Während Ostberliner Sprecher:innen ein „tiefes Dialektniveau“ manifestieren, „beherrschen zahlreiche Berliner“,  so Schönfeld, „vor allem Westberliner, nicht mehr das ausgeprägte Berlinisch“. Im leichten Berlinisch werden meist nur die Varianten „ick“, „wat“, „det“ benutzt, um die soziale Zugehörigkeit zur Stadt anzudeuten. Dass sich die Berliner in den Nachwendejahren am Beispiel der Realisierung von an- und auslautendem „-er“ als halboffener Zentralvokal gegenseitig identifizieren konnten (Wörter wie Mutta für Mutter, Azieha für Erzieher), hat Schlobinski in einem Test mit Jugendlichen und Erwachsenen nachgewiesen.

Im Osten „eben“, im Westen „halt“

Zusätzlich zu den von Schönfeld erfassten lautlichen Varianten fallen im Wendekorpus stilistische Unterschiede auf. Zur Markierung von Evidenz verwenden Ostberliner nur die Partikel „eben“ (realisiert als ebent, mit final betontem t), die Westberliner aber auch – sehr häufig – die Partikel „halt“, verbreitet von den eingewanderten Schwaben in den 1970er-Jahren. Viele Ostberliner haben im Laufe der Nachwendezeit die Modalpartikel „halt“ übernommen, eine sprachliche Anpassung.

Im übrigen weisen die Ostberliner Redebeiträge eine große Flüssigkeit auf. Silben werden verkürzt (Reduktionen), innerhalb der Äußerungen fallen die Pausen sehr kurz aus. Für diese Performanz gelten Schnellsprechregeln, typisch für innerstädtische Kieze. Ein Beispiel dafür ist der Einschub von „weeß ick“ in die laufende Rede. „Weeß ick“ ist ein Vagheitsmarkierer. Wenn ich nicht weiß, worauf genau (Person, Gegenstand, Sachverhalt ) ich eine Aussage beziehen will, kann ich nach „weeß ick“ exemplarisch eine beliebige lexikalische Wahl vornehmen wie zum Beispiel in „da jing dann eener übern Hof, weeß ick ’n Schüla oda ’n Lehra“ (... könnte auch jemand anders gewesen sein). Dieses „weeß ick“ wird oft so schnell und gerafft gesprochen, dass es Nicht-Berliner gar nicht wahrnehmen.

Typisch für die Ostberliner Äußerungen ist auch ein flacher Tonhöhenverlauf (mit leichter Akzentuierung auf dem letzten Wort). Die Rede der städtischen Schnellsprecher:innen wird ökonomisch (energiesparend) moduliert. Verblassen des Berlinischen? Der verbale Bestand des Berlinischen zur Wendezeit ist der Höhenkamm einer Ostberliner Abstandsvarietät: Unter dem schützenden Schirm einer nach außen abgeschirmten und nach innen dicht vernetzten Gemeinschaft verkörpert es ein relativ homogenes, sanktionsfrei genutztes natürliches verbales Repertoire. Ein Tradition bewahrendes Berlinisch lebte über 40 Jahre DDR erfolgreich in Ostberlin weiter.

Im Speckgürtel Berlins ist die Vielfalt noch hörbar

Seit den Erhebungen in den 1990ern sind mehr als 20 Jahre vergangen. Im Speckgürtel Berlins hat sich die städtische Varietät in der mittleren und älteren Generation behauptet. In Bandenburg ist ein gelasseneres, agrarweltgefärbtes Berlinisch lebendig. In den Kernbezirken Berlins aber haben sich Hochdeutsch und Englisch in Folge massiver Zuwanderungen als Brückensprachen der alltäglichen Verständigung etabliert. Berlinisch tradierende Nischen sind zu Nebenschauplätzen geworden. In traditionellen Kiezen dominieren nun lokale und soziale Mischvarietäten unter den Bedingungen von Wohnungsneubau und Zuzug in- und ausländischer Migranten.

Der Arbeitsalltag hat sich grundlegend gewandelt: Arbeitnehmer:innen sind mobiler geworden, vielfältige Varietätenkontakte führen zum zunehmenden Gebrauch eines überregionalen Umgangsdeutsch. Die digitalen Medien unterstützen standardnahe Sprech- und Schreibweisen zur besseren Verständigung. Darüber hinaus bieten die Arbeitskontexte immer weniger Gelegenheiten für nichtfachlichen, offenen, interaktiven Austausch. Michael Solf, Linguist und Jurist an der Berlin-Brandenburgischen Akademie, bringt das Verblassen des Berlinischen auf den Punkt: „Es gibt immer weniger Sprecher, immer weniger Situationen, in denen Berlinisch gebraucht wird, und wenn es gebraucht wird, dann mit immer weniger Dialektmerkmalen.“

Für Gesamtberlin gilt nun nach der „Übernahme des Ostens durch den Westen“ (Eisenberg): Der (mündliche) Sprachgebrauch ist ein Kriterium sozialer Selektion. Gesellschaftspolitisch schärfer formuliert: ein trennscharfes Instrument der Förderung und Stabilisierung sozialer Ungleichheit. Müssen wir uns vom solidarischen Berlinisch verabschieden? Aus der Traum, kommt nicht wieder? Man schaue und höre sich nostalgische Filme, CDs oder die zwölf Bände der Mühlenhaupt-Biografie an, die Katharina Thalbach uff Balinisch jesprochen hat.

In Zukunft werden wir in sprachlichen Parallelgemeinschaften kommunizieren. Überwiegend einsprachige Gemeinschaften (Einheimische mit langer und stabiler sozialer Tradition, kleinräumig-heterogen) werden sich mit lokalen Varietäten sozialer Nähe verständigen. Mehrsprachige und multikulturelle Gemeinschaften (großstädtische Kernbereiche) werden im Wesentlichen via Hochdeutsch, überregionaler Umgangssprache und Englisch kommunizieren.

Ist Varietätenschwund nicht auch Artenschwund?

Was bedeutet das für das kommunikative Leben in der Gemeinschaft? Es wird zu prüfen sein, ob ein Modell von (Kommunikations-)Gemeinschaft konzipiert werden kann, das den Ausgleich zwischen sprachlicher Distanz in formellen und kommunikativer Nähe in informellen Situationen zulässt. Ich kann die soziolinguistische und sprachplanerische Lust nicht verbergen, mich für gesellschaftspolitische Initiativen zur Schaffung guter Bedingungen für eine solche Kommunikationsgemeinschaft engagieren zu wollen. Doch dies ist ein weites Feld, vielleicht eine Utopie. Denn sprachliche Variation hängt von den Strukturen sozialer Kontexte ab.

Spiegelbildlich ausgedrückt: Soziale Verhältnisse determinieren das Repertoire der in einer Gemeinschaft zur Verfügung stehenden verbalen Mittel. Gehen Ausdrucksmittel für emotionale und vertrauensvolle Nähe verloren, wenn Berlinisch verschwindet? Schwächt das die Gemeinschaft, macht es sie anfälliger, instabiler? Können wir unsere Bedürfnisse der Nähe und Vertrautheit ebenso gut in der standardnahen Umgangssprache befriedigen? Probleme der Bio-Ökonomie von Sprachen und Varietäten: Ist Varietätenschwund nicht auch Artenschwund?

Der Autor ist Professor für Soziolinguistik am Institut für deutsche und niederländische Philologie an der FU Berlin, emeritiert seit 2008.

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