Nach Brandenburg ziehen? Nein danke, ich gehöre nach Berlin!

In Berlin kommen und gehen Menschen ständig, so auch die Freunde unserer Autorin. Die Abschiede sind schwer. Sie fragt sich: Wieso bleibe ich eigentlich noch?

Hofgarten-Party mit Freunden und Nachbarn
Hofgarten-Party mit Freunden und Nachbarnimago/Maskot

Das Laub muss von der Wiese, sonst wächst dort bald kein Grashalm mehr. Seit meine Nachbarin ausgezogen ist, kümmere ich mich wieder allein um den Hofgarten. Doch all die gut funktionierenden Geräte, einschließlich des Super-Laubbesens, sind nicht mehr da. Meine Nachbarin hat sie bei ihrem Auszug mitgenommen. Schließlich hatte sie die Geräte gekauft, als sie hier eingezogen war, vor fünf Jahren. Sofort hatte sie Pläne zur Gestaltung ihrer Terrasse und deren Expansion in die Wiese gemacht, war in den Baumarkt gefahren und hatte sich mit Pflanztöpfen, Dünger und den diversen Gartenutensilien ausgerüstet. Wie Westsozialisierte das so machen.

Ich bin wütend. Nicht wegen ihrer Westsozialisierung, sondern weil sie ausgezogen ist. Ohne die Gartengeräte komme ich klar. Bei den Nachbarn steht noch ein rostiger Besen zum Laubfegen. Ich bin wütend, weil ich meine Nachbarin vermisse und weil ich finde, dass ein nervender Job und Pech mit Männern kein Grund sind, den Wohnort zu wechseln. Dieses ständige Kommen und Gehen, als wäre Berlin eine Drehtür.

Wir hatten allmählich Vertrauen zueinander gefasst. Sie lebte allein, hatte ihre Matches und Dates, während ich in der letzten Phase meiner langjährigen On-off-Beziehung hing. Im Grunde waren wir beide Single. Es war so gut, sie am Abend schwieriger Tage im selben Haus zu wissen. Dann saßen wir, im Sommer bei einem Glas Wein auf ihrer Terrasse, im Winter mit einem Lavendeltee in ihrer Küche und tauschten uns über die Sonderheiten unserer Leben in dieser Stadt aus. Wir luden uns zu Geburtstagsfeiern ein, frühstückten gemeinsam und waren sogar einmal zusammen im Konzert. Zu Nikolaus und am Frauentag hängten wir uns kleine Geschenke an die Türklinken.

Jetzt kehrt sie an den Ort zurück, den sie hinter sich gelassen hat, weil sie ein anderes, wilderes, spannenderes Leben wollte. Dieses andere, wildere Leben hatte sie. Hier. Mit mir. In diesem Garten in Pankow. Ich will mir kein Urteil anmaßen. Vielleicht brauchte sie den Umweg über Berlin, um festzustellen, dass sie sich wilde Leben doch lieber im Kino anschaut.

Das Leben in der Stadt kann einsam sein.
Das Leben in der Stadt kann einsam sein.imago/Cavan Images

„Wut über das Verlassenwerden“: Wird die Stadt fremd?

Meine Lieblingsnachbarin ist nicht der einzige Mensch, den ich in diesem Jahr verliere. Auch meine portugiesischen Freund:innen Dan und Meli gehen zurück nach Portugal, aufs Land, in ein Bauernhaus, in dem sie eine Kultur-Kommune gründen wollen. Dafür brechen sie die internationale Kultur-Kommune, die sie in Berlin um sich versammelt haben, ab. Der Garten, den Dan im Laufe von zehn Jahren in ihrem Kreuzberger Hof mit Hingabe gestaltet hat, wird dann wohl veröden. In diesem Herbst haben sie zu einem letzten Theaterspektakel im Hofgarten eingeladen. Ich war nicht dort.

Ich finde, es ist an der Zeit, die Wut über das Verlassenwerden zu kultivieren. Dan und Meli waren mir wichtig. Ich konnte immer zu ihnen fahren. Wir haben einander zugehört. Ich liebte ihre Gelassenheit, die Melancholie ihrer Sprache, wenn sie zusammen kochten und sich dabei leise unterhielten. Ich liebte ihre gute Küche, ihren einzigartigen Kaffee. Wir gaben uns Tipps für die Gärten.

Als ich mit dem Hofgarten in Pankow begonnen habe, fuhr ich nicht in den Baumarkt. Ich schlich durchs Gelände und schaute, was da ist. Gegenüber wurden gerade Kleingärten für ein neues, riesiges Wohnhaus weggebaggert, für die nächsten Metropolen-Testpersonen. Ich rettete einige Pflanzen, indem ich sie ausgrub und mit ihnen in unserem Hof die Grundlage des Gartens legte.

Bei den Nachbarn an der Hauswand lehnten ein Spaten, ein Rechen und ein Laubbesen. Die Greifzähne des Besens fielen nach dem Auffächern sofort wieder zu einer schmalen Kralle zusammen. Ein Mann schaute von seinem Balkon aus zu, wie ich versuchte, den Besen in Gang zu kriegen. Ich fragte ihn, ob ich die Gartengeräte gelegentlich ausleihen dürfe. Er sagte: Ja. Klar. Im Tonfall der Leute, die seit den Achtzigerjahren oder noch länger hier leben. Genauso lange schon lehnten die Gartengeräte vermutlich dort an der Hauswand.

Auch Einheimische klagen, wie unerträglich diese Stadt geworden ist und wie fremd und dass sie nun endgültig in ihr Sommerhaus ziehen werden. Dabei übersehen sie, dass Berlin auf Wasser gebaut ist, ihrem Wesen nach fluid, im ständigen Wandel. Demnächst ziehen meine langjährigen Freund:innen Elke und Matthias in ihr Häuschen bei Lychen. Sie sind in Berlin geboren, haben Jahrzehnte hier verbracht und nun beginnen sie etwas Neues. Vielleicht sind sie ja bald wieder da. Es gibt schließlich auch die Brandenburg-Irrläufer.

Stadt- oder Landleben?
Stadt- oder Landleben?imago/YAY Images

Berlin ist mein Zuhause, deshalb bleibe ich

Ich gestehe, selbst einige Jahre lang davon geträumt zu haben, aufs Brandenburger Land zu ziehen. Der Gestank in den S-Bahnen, die Vermüllung des öffentlichen Raums und die allgemeine Verelendung der Stadt machen allen irgendwann zu schaffen. Ich wollte das nicht mehr sehen. Allerdings würde das Elend ja nicht verschwinden, wenn ich wegzöge. Ich würde es nur ausblenden. Eigentlich bin ich dafür, hinzusehen und sich damit auseinanderzusetzen.

Als Dan und Meli 2011 nach Berlin gekommen sind, gab es in Portugal keine Jobs für junge Leute wie sie. In Berlin konnten sie unabhängig von ihren Eltern leben. Sie jobbten in der Gastronomie, lernten Deutsch und versuchten, in der Stadt anzukommen. Das war schwieriger als gedacht. Beide haben nie den Platz gefunden, an den sie mit ihrer Begabung und ihrer guten Ausbildung passen.

Inzwischen haben sich die Bedingungen in Portugal wieder verbessert, während das Leben in Berlin teurer und unsicherer geworden ist. Wieso bleibe ich? Das ist die Frage. Mittlerweile bin ich so vernetzt und angebunden, dass ich direkt an einer Bahnstation leben müsste, um schnell für meine Jobs in der Stadt zu sein. Ich weiß, dass ich darüber nachgedacht habe, alles zu kappen und woanders neu zu beginnen.

Waren es die überteuerten Bruchbuden in der Uckermark, die mir Immoscout täglich offerierte, die mich von dieser Idee befreiten, oder die regelmäßigen Panikattacken, wenn ich mir in einer ländlichen Lokation vorstellte, wirklich (!) dort zu leben? Also wirklich WIRKLICH! Nicht als Bildstrecke im Landlust-Magazin! Ich bin nicht sicher. Doch ich weiß, dass ich irgendwann im letzten Jahr die elektrisierende Energie, die ich spüre, sobald ich nach längerer Abwesenheit zurück nach Berlin komme, bewusster wahrnahm. Schon immer hatte ich die Rückkehr nach Berlin als Trost empfunden. Ich sehe die Stadt dann sowohl mit den Augen einer Zugereisten als auch einer, die nach Hause kommt.

Aus dieser Perspektive scheinen alle Berliner:innen gerade mit einem wahnsinnig wichtigen Projekt unterwegs zu sein. Entschlossenheit, Ungeduld und Schärfe quellen ihnen aus jeder Pore. Es gibt auch die anderen, die aussehen, als kämpften sie gerade mit einem wahnsinnig existenziellen Problem. Der Rest, der frei von Wahnsinn entspannt durch die Straßen läuft, womöglich gut gekleidet – das sind die Touristen.

Schön ist es auf dem Land, trotzdem kehrt man gerne wieder in die Stadt zurück.
Schön ist es auf dem Land, trotzdem kehrt man gerne wieder in die Stadt zurück.imago/Kike Arnaiz

Berliner „klingeln und schimpfen sich den Weg frei“ – genau wie ich!

Berliner:innen haben für gute Kleidung entweder keine Zeit oder kein Geld. Gute Kleidung ist in Berlin keine Voraussetzung für Anerkennung und Erfolg. Das könnte historisch bedingt sein. Schließlich leben wir seit jeher auf einer Baustelle. Schon bei der Stadtgründung mussten wir unter großer Anstrengung Dämme aufschütten, um über den Sumpf zu kommen. Gefühlt schütten Berliner:innen heute immer noch Dämme auf. Sie benehmen sich, als säße ihnen eine Flut im Nacken. Sie klingeln und schimpfen und quietschen und trillern sich den Weg frei. Und nachts reißen sie die Vergnügungen der ganzen Welt an ihre Brust, als säßen sie auf einer versinkenden Sumpf-Titanic. Sie tanzen und schrammeln, sie geigen und trompeten. Sie weinen und lachen, kiffen und koksen.

Wenn ich mit meinem Rollkoffer in der Straßenbahn nach Hause fahre und das beobachte, denke ich: Das bin ja ich! Genauso verbissen trete ich auf meinem Fahrrad gegen den Wind an, der sich immer anfühlt, als läge die Ostsee hinter der nächsten Häuserecke. Genauso rede ich am Telefon auf andere ein, diskutiere und lache irre, wo es nichts zu lachen gibt, teile Stinkefinger und Flüche aus. Genauso besetze ich Räume mit einer Idee, egal, ob sie Formaldehyd ausdünsten oder Asbestnadeln verschießen.

Und dann stehen plötzlich Gartengeräte in einem Pankower Hof seit Jahrzehnten an derselben Hauswand. Ich ziehe die Ostkralle durch das Laub. Sie ist überraschend effektiv. Klar, habe ich hier um die Bäume gekämpft. Gegen einen Typen, den die tanzenden Schatten der Blätter beim Masturbieren störten. Inzwischen ist auch er wieder fort. Gut so.

Am Sonntag treffe ich im Büro eine Kollegin, deren Projekt ebenso wahnsinnig wichtig ist wie meins, weswegen wir das Wochenende durcharbeiten. Aber dann trinken wir doch lieber Sekt und unterhalten uns über die Berliner Abschiede. Sie ist ebenso genervt wie ich. Sie sagt, sie habe jetzt endgültig beschlossen zu bleiben und werde sich einem Missionsprojekt verschreiben. „Was soll aus der Stadt werden, wenn alle, die sich ein Sommerhaus leisten können, gehen?“

Was ein Laubrechen über eine Nachbarschaft aussagen kann.
Was ein Laubrechen über eine Nachbarschaft aussagen kann.PantherMedia/Jan Haas

Von dem Altersheim, in dem sie sich angemeldet habe, könne sie sehr gut mit dem Rollator bis zu ihrem Garten laufen. Meine Kollegin ist noch keine 50 und sehr fit. Ich bin älter und habe mich noch nicht im Altersheim angemeldet. Meine Vision vom Altwerden in Berlin geht anders. Ich sehe mich wie die magere, alte Dame mit dem spärlichen Haarknoten in dem französischen Film „Drei Farben Rot“, die gebückt jeden Tag zum Glascontainer trippelt, um unter größter Anstrengung eine einzige Flasche dort hineinzuwerfen.

Ihre Wohnung ist zu klein, um Flaschen länger aufzubewahren. Eine Kunstsammlung stapelt sich darin, das einzige Erbe, das sie hinterlassen wird. Ich schminke mir die Lippen feuerrot und trippele noch jeden Abend auf Vernissagen und zu Lesungen. Ich muss den jungen Künstler:innen Mut zusprechen, sich hier nicht unterkriegen zu lassen und bitte nicht ins Lager derer hinüberzuwechseln, die stolz auf ihre spießige Dorfkunst sind. Das ist die Idee. Bis dahin fließt noch viel Wasser die Spree hinunter. Meine Pläne sind fluid.

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