Über den Stierkämpfer und Gefühlstöter Henry de Montherlant

Vor 50 Jahren erschoss sich ein Klassiker des etwas anderen Liebesromans. Den Schriftsteller Henry de Montherlant sollte jeder kennen.

Henri de Montherlant (April 4, 1955) French writer Henri de Montherlant (1895-1972) April 4, 1955
Henri de Montherlant (April 4, 1955) French writer Henri de Montherlant (1895-1972) April 4, 1955imago/Photo12

Die Betroffenheit beim Kollegen hielt sich in Grenzen. Am 21. September 1972 notierte Emil Cioran in seiner Pariser Mansarde: „Selbstmord von Montherlant. Er hat sich in meinen Augen rehabilitiert. Keine Attitüde mehr, keine Pose mehr. Oder besser: die höchste Attitüde, die höchste Pose.“ Gewiss, hier urteilte ein Not leidender Exilautor über den gut situierten Adelsspross. Im Pariser Literaturbetrieb dachte man jedoch ähnlich. Eine Aura von Posenhaftigkeit umgab Montherlant seit je. Drohende Alterserblindung hatte den Dichter zu seinem letzten Schritt getrieben. Noch heute steht Montherlants Name für ein Leben und Schreiben aus unbändigem Stolz.

Geboren wurde Henry Marie Joseph Frédéric de Montherlant, Comte de Gimart, 1896 in eine traditionell katholisch-royalistische Familie. Hausunterricht, Elitekolleg, Knabenbünde, Spanienverehrung und Stierkampf mit siebzehn Jahren, mit achtzehn freiwillige Kriegsteilnahme und schwere Verwundung – all das zeigt einen jungen Dichter, der mit dem Komfort seiner Herkunft hadert. Montherlant wird nach 1918 zum Laufsportler – seine zweite Leidenschaft! – mit sieben Granatsplittern im Leib. Binnen weniger Jahre veröffentlicht er Erzählungen und Fragmente, in denen unleugbar „Posen“ dominieren. Der Essayband „Nutzloses Dienen“ (1935) versammelt literarische Stilisierungen einer durchweg kämpferischen – militärischen wie sportlichen – Individualität.

Es folgt eine Schreibkrise. Als Mittdreißiger notiert der Dichter, dass er bislang außer der Universität, dem Schlachtfeld und dem Sportstadion nichts gekannt habe, und dass „all dies nicht das Leben“ sei. Mit der Romantetralogie „Erbarmen mit den Frauen“ (1936–39) überwindet Montherlant diese Krise, zeigt sich sensibel für die lächerlichen Aspekte von Kriegs- wie Geistesheroismus. Doch huldigt er diesem weiterhin. Es gelte den Individualismus nicht pseudochristlich zu verleugnen oder in den zeitgenössischen Kollektivutopien zu vergessen, sondern ihn auf heroisches Niveau zu heben, auf dass er stolz bejaht werden könne! Eine bewusst „aristokratische“ Verabschiedung bürgerlich-liberaler Synthesen, die vom Zweifel an allen sozialen Gehalten zum Formwillen führt, zu Tugenden von Kühnheit, Entschlusskraft, Konsequenz.

Haltung als Gehalt

Das jugendlich Hochfahrende Montherlants überdauert nur in seinem dramatischen Werk. Dort ist es auf eine objektive, oft historische Ebene gehoben. Seine mit „Port Royal“ vollendete „Katholische Trilogie“ trägt Montherlant den Beifall von Publikum, Kritik und religiösen Stardenkern wie Gabriel Marcel ein. Montherlant ist allerdings Heide, Bewunderer der antiken römischen Zivilisation wie überhaupt der Mittelmeerwelt. Am Katholizismus konnte Montherlant nur das faszinieren, was Form, Härte, Unbeugsamkeit ist, kurz: der rituelle, meist antimodernistische Aspekt.

Während der Kollaborationsjahre hatte der Dichter eine zweideutige Rolle gespielt, ähnlich der eines Gustaf Gründgens. Montherlant profitierte von der Frankophilie deutscher Besatzungsoffiziere, betrachtete sich als überpolitischen Dichter. Innovativen Ehrgeiz hegte er nie. Als er 1960 in die Académie Française gewählt wird, ist Montherlant ein anerkannter und viel gespielter, jedoch vereinsamter Autor. Aufgrund seiner Sprachkönnerschaft gilt er nun als moderner Klassiker.

Dichter auf der Flucht

Im deutschsprachigen Raum wurde Montherlant durch sein Prosaschaffen bekannt, das häufig um den verstörten Eros kreist, speziell um Sonderlinge und Vereinsamte. „Die Junggesellen“, „Die kleine Infantin“, vor allem aber die – in Frankreich zum Bestseller avancierte – Tetralogie „Erbarmen mit den Frauen“ erscheinen seit den 1960er-Jahren in Übersetzungen bei renommierten Verlagen. Letztgenannter Titel ist der populärste geworden.

Das Buch steht abseits der „Literatur des Engagements“, abseits aber auch der damaligen Diskussion um den modernen Roman. „Erbarmen mit den Frauen“ ist dennoch kühn komponiert als Collage aus (echten) Heiratsannoncen, Briefwechseln, Tagebuchnotizen und philosophischen Reflexionen. Äußerer Erzählrahmen ist ein Pariser Schriftsteller- und Frauenjägerleben der 1920er-Jahre, unterbrochen von einem Ausflug nach Nordafrika. In der fein und böse gesponnenen Intrige erinnert das Buch an Pierre Choderlos de Laclos’ „Gefährliche Liebschaften“. Eine fast sadistisch anmutende Distanz gegenüber eigenen wie fremden Gefühlen durchzieht den Roman. „Cœur“ und „L’Hamour“ (letzteres verdeutscht als „Liehiebe“) finden sich hier ausschließlich als Spottworte. Was sie jenseits der Sinnlichkeit verheißen, scheint lähmend-spießige Konvention.

Auch in „Erbarmen mit den Frauen“ ist ein Libertin die zentrale Figur. Doch weit mehr als um einen Frauenverführer oder Menschenmanipulator handelt es sich nun um einen Mann auf der Flucht. Der Schriftsteller Pierre Costals flieht vor der unerwünschten, auf gefühliges Verschmelzen zielenden Leidenschaft, mit der ihn eine Literaturbegeisterte aus der Provinz verfolgt. Er flieht mehr noch vor der Zumutung des Erbarmens, die von der Verblendeten ausgeht, denn sie bedroht seine kreative Unbefangenheit.

Costals’ inneres Universum ist so klar wie kalt in Intellektualität hier, Sinnlichkeit dort geteilt. Eros soll Aktivität sein, nicht Passion. Diese wäre Passivität. Nichts schrecklicher daher für einen erotischen Akteur als die Aussicht auf Gegenliebe! Lieber noch den Hass ertragen, und tatsächlich: „Ein Drittel des Hasses, den wir entfachen, geht auf gekränkte Gefühle zurück. Wehe dem, der sich nicht lieben lässt!“ Pierre Costals’ Denken kreist gut nietzscheanisch um „das Werk“, nicht um das Glück. Schon das Verlangen danach vermag bei ihm nur verächtliches Mitleid zu erregen.

Frau des Westens, Kult des Leidens

Die Ungerührtheit, mit der Montherlant den ganz normalen Autorenegoismus, vor allem den Abscheu des Berufskreativen vor Störenfrieden beiderlei Geschlechts, benannt hat, zog ihm seinerseits Abscheu, Zorn, ja Empörung zu. Prominente Kritikerinnen wie Jeanne Sandelion – eines der Vorbilder für die schreibwütige Schriftsteller-Stalkerin Andrée Hacquebaut – und Simone de Beauvoir haben dem Autor einen Abscheu vor der geistig anspruchsvollen Frau, gar Frauenhass attestiert. Frauenhass trifft es nicht ganz, Grauen vor der bürgerlichen Welt- und Lebensprosa schon eher. Es ist, zum einen, das berufstypische Grauen des Dichtersubjekts vor Objekten seiner Fantasie, die ein Eigenleben beanspruchen. Zum anderen steht Montherlant klar bei jenen Kulturanalytikern, die in Europas Moderne eine historische Abnormität erblicken, namentlich wegen ihrer besonderen Schätzung und Schonung des Femininen: Derlei begünstige Opfermythen und Schwächekultus, zudem ein restlos säkularisiertes, daher ebenso übersteigertes wie unerfüllbares Glücksverlangen.

Mit avanciertem literarischem Realismus hält der Dichter dagegen. Ihm scheint „die Frau“ als kulturelles Symbol für Empfindsamkeit und Kompliziertheit lediglich eine okzidentale Männerfantasie. Weniger gegen diese als gegen ihre realen Verkörperungen zieht er zu Felde. Die Frau des Westens sei keineswegs kompliziert, sondern in ihrer bürgerlichen Endgestalt vollkommen geheimnisleer und berechenbar. Ein Pierre Costals erfasst ihr Verhalten durch einen Katalog nummerierter Reaktionen. Gegen die absichtsvolle Komplikation setzt Costals’ Erfinder Montherlant den konservativ-revolutionären Wunsch nach erneuerter Einfachheit. Denn zumindest eine Errungenschaft der ansonsten verachteten bürgerlichen Moderne möchte Montherlant nicht aufgeben: die Trennung von Sinnbereichen, etwa des Körperlichen und des Geistigen, des Persönlichen und des Sachlichen.

Immer wollen diese Verehrerinnen einen Dichter „persönlich kennenlernen“! Doch wie Pierre Costals seine wortgläubige Verehrerin Andrée Hacquebaut belehrt: „Männer meiner Art muss man in ihrem Werk erspüren; nicht in dem, was sie daherreden.“ Wo Andrée – und mit ihr bald der gesamte Differenzfeminismus – nackte Männerangst vorm Gefühl findet, feiert Costals den ästhetischen und intellektuellen Aufstieg in die Werk- und Sachwelt: Männliches Tun bedeute Vereinfachung des Komplexen, weibliches Leiden eine Sublimierung des in sich Einfachen. Die „sublim“ leidende Frau sei weder sittlich überlegen noch künstlerisch interessant.

Abschied vom Sublimen

Für Montherlant ist der – bald auch philosophisch prominente –Feminismus keine künstliche Überformung, sondern die natürliche Tendenz westlicher, zumal christlich geprägter Weiblichkeit. Das Renommee des Leidens reiche von der Religion des Kreuzes über die unverstandene Ehegattin bis tief in die totalitären Massenutopien. Doch „Leiden ist immer idiotisch: es ist eins der verbrecherischen Schlagwörter, die die Führer der Massen (aus Politik) in Umlauf gesetzt haben, und die dann sofort von den Literaten (aus Dummheit) aufgegriffen worden sind, dass Leiden etwas Großes und Edles sei.“ Ernst zu nehmen sei allein der physische Schmerz, nie die moralisch-ästhetische Leidensverliebtheit, „die Melancholie“ – „dieser Miniaturluxus ärmlicher Seelen“.

In solchen Passagen scheinen der Autor und sein Held mit einer Stimme zu sprechen. Simone de Beauvoir tadelte an Montherlants Figur wie an deren Schöpfer die Bindungsscheu. Um eines unwahrhaftigen Autonomieideals willen sei hier jegliches „Engagement“ verweigert! Freilich sollte der Abschied von bürgerlicher Verantwortung bald einen ganz anderen Akzent bekommen. Statt als geistesheldische Männerpose begegnete er als kulturrevolutionärer Massenhabitus. Bob Dylans maulendes „It ain’t me, Babe“ verheißt eine gründlichere Abdankung als Montherlants Selbstdispens von Liebe und Ehe im Namen des „Werkes“.

Den Ehrgeiz, ein solches überhaupt zu schaffen, hat Montherlant begriffen und bespöttelt, ohne ihn je aufzugeben. Tatsächlich verblüfft dieser Dichter durch seine unbefangene Einseitigkeit. Ein Aristokrat, hatte Beauvoirs Gefährte Jean-Paul Sartre einmal geätzt, müsse sich eben für nichts schämen, da er sich in ganzer Person edel dünke, selbst noch in seinen Ausscheidungen. Robert Poulet, literarischer Grenzgänger des Katholizismus wie Montherlant, verglich dessen Unbefangenheit gar mit der Munterkeit eines masturbierenden Affen. Vielleicht aber wohnt im provozierendem Schamverzicht eine Aufrichtigkeit, um die eine „engagierte Literatur“ sich oft so angestrengt wie vergeblich bemüht hat.

Jürgen Große ist Ideenhistoriker und lebt als freier Autor in Berlin. Zuletzt erschien „Die kreative Klasse. Nachrichten aus Winkel, Szene und Betrieb“ (Berlin 2022).

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