Berlin - Nun ist der erste Schüler vorgeprescht. Daniel Ackermann ist Bezirksschülervertreter in Nordrhein-Westfalen und fordert das, was die politisch Erwachsenen gerade einhellig abgelehnt haben: eine Impfpflicht für Schüler. Das „normale Schulgefühl“ lasse sich mit Maske, Abstand und Teilungsunterricht sonst nicht wiederherstellen. Im Umkehrschluss würde das heißen, ohne Impfpflicht ist keine Normalität an den Schulen zu erreichen. Als wenn jemals Normalität an deutschen Schulen geherrscht hätte.

Bleiben wir zunächst beim coronabedingten Ausnahmezustand. Lehrende und Lernende sind seit Pandemiebeginn einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Bis heute kann niemand den Widerspruch aufklären, warum überall auf Mindestabstand und Kontaktreduzierung geachtet wird, die Schüler sich aber morgens nach wie vor in Bussen und Bahnen drängeln und tagsüber im Klassenzimmer ungeachtet halbierter Klassen mit Personen aus bis zu fünfzehn Haushalten zusammensitzen. Als im letzten Jahr längst klar war, dass Masken schützen, galt die Pflicht zur Mund- und Nasenbedeckung nur im Schulflur, nicht jedoch im Klassenraum. Als längst klar war, dass nur medizinische Masken wirklich helfen, durften die Jugendlichen sich noch jeden modischen Firlefanz vors Gesicht hängen. Obwohl die Gastronomen bisher nur an der frischen Luft bedienen dürfen, essen die Schüler längst schon wieder in der Mensa.

Impfstoff von BioNTech/Pfizer in Kanada bereits für 12-15 Jährige zugelassen

Und wie wird es im kommenden Schuljahr sein, wenn die Mehrheit der Erwachsenen geimpft ist – und die Schüler nicht? Wird es dann ausreichen, wenn wir endlich mehr Luftfilter bekommen, jeden Tag statt bisher zweimal die Woche testen und weiterhin Wechselunterricht mit halben Klassen anbieten? Normalität sieht anders aus. Eine Lösung bietet das Impfen.

Denn inzwischen ist nach Kanada nun auch in den USA der Corona-Impfstoff Comirnaty von BioNTech/Pfizer für Zwölf- bis 15-jährige zugelassen. Wenn die europäische Arzneimittelbehörde Anfang Juni die Zulassung erteilt, könne auch hierzulande, so Gesundheitsminister Spahn, den 12- bis 18-Jährigen bis Ende August ein Impfangebot gemacht werden. Was aber passiert, wenn das Angebot nicht mehrheitlich angenommen wird? Dürfen dann diejenigen Schüler, die geimpft sind, die Maske absetzen und wieder in Partnerarbeit zusammensitzen? Und die anderen nicht? Oder teilen wir die Klassen und Kurse gleich in Geimpfte und Nichtgeimpfte auf? Wie gehen wir mit der Situation auf Exkursionen und Klassenfahrten um? Schule soll integrieren, nicht ausgrenzen und stigmatisieren.

Aufgrund der gültigen gesetzlichen Bestimmungen dürfen Kinder und Jugendliche nicht zu einer Impfung gezwungen werden. Im jetzigen Stadium der Pandemiebekämpfung wäre das auch unverantwortlich. Weil die Datenlage zu dünn und die Zahl von Probanden zu gering sei, könne die Sicherheit des Impfstoffes für diese Altersgruppe derzeit nicht abschließend beurteilt werden, wenden Kinderärzte ein. Außerdem würden Kinder nach bisherigen Erfahrungen häufig weniger schwer an Covid-19 erkranken. Das Impfen würde also nur bedingt zu einer Infektionsprävention beitragen.

Foto: Silvia von Eigen
Robert Rauh

Robert Rauh wurde 1967 in Berlin geboren, studierte an der Freien Universität Geschichte und Germanistik auf Lehramt. Seit 2001 arbeitet er als Lehrer für Geschichte und Deutsch in Berlin-Lichtenberg und gewann 2013 den Deutschen Lehrerpreis. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer veröffentlichte er ein Buch über den Schulalltag und zahlreiche Lehrwerke. 

Corona für Jugendliche nicht ungefährlich

Dennoch ist es auch für die Jüngeren nicht ungefährlich, wenn sie sich mit Corona infizieren. Es gibt inzwischen Fälle von Corona-Spätfolgen bei Jugendlichen (Long Covid), berichtet der Präsident der Kinder- und Jugendärzte Thomas Fischbach im ÄrzteTag-Pocast. Er vertritt zudem die Auffassung, dass wir keine Herdenimmunität für die gesamte Bevölkerung erreichen werden, wenn Kinder und Jugendliche nicht mehrheitlich geimpft werden. Aufgrund der gefährlichen Mutationen gibt das Robert-Koch-Institut inzwischen eine notwendige Impfrate von 80 Prozent an. Reicht eine Impfkampagne dann aus? Wie verfahren wir, wenn sich Eltern reihenweise weigern, ihre Kinder impfen zu lassen? Wie soll dann regulärer Schulunterricht wieder hergestellt werden?

Noch gibt es keine Garantie, dass Impfungen überhaupt kein Risiko mehr darstellen. Aber die Impfstoffe werden weiterentwickelt und damit sicherer. Und wenn wir in den Schulen eine dauerhafte Zwei-Klassen-Gesellschaft – die geimpften und die nicht geimpften Schüler – verhindern wollen, dann sollte ergebnisoffen diskutiert werden, ob nicht die individuelle Freiheit der Kinder und Jugendlichen der Sicherheit der Gemeinschaft untergeordnet werden muss, wenn sie Schulen, Sportvereine und Jugendeinrichtungen besuchen. Vielleicht gelingt es ja auch ohne Impfzwang. Mit einer umfassenden und verpflichtenden Aufklärung. Damit Daniel Ackermann und alle anderen Schüler ein normales Schulgefühl zurückerhalten.

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