Achtung! Manche Links in diesem Beitrag führen zu Videos, die verstörende Szenen aus dem gewaltvollen Präsidentschaftswahlkampf im Januar in Uganda zeigen. 

Andere folgen Netflix-Serien, ich folge ugandischen Livestreams. Im Dezember letzten Jahres begann in Uganda die heiße Phase des Wahlkampfes für die Präsidentschaftswahl am 14. Januar 2021. Bobi Wine, Kandidat der stärksten Oppositionspartei, der einst Karriere als Rap-Musiker machte und vor Jahren bereits zum „Ghetto-Präsidenten“ ernannt wurde, propagierte darin eine gewaltlose Reform des autokratisch geführten ostafrikanischen Staates. Wer Informationen suchte, stieß auf gleich mehrere Facebook-Seiten, die täglich Livestreams von Bobi Wines Wahlkampfauftritten verbreiteten.

Mit ihren Smartphones folgten seine Anhänger den Touren durch die Distrikte Ugandas. Auf Autodächern hockend, übertrugen sie stundenlange Fahrten durch schöne Landschaften zu den Orten, an denen Bobi Wine erwartet wurde. Die Atmosphäre am Straßenrand, die Hoffnung und der Jubel der Menschen, wurden von Hunderttausenden via Facebook live verfolgt. Und auch das: Der Kandidat hält emphatische Reden und wird gefeiert. Kurz darauf fallen Schüsse, man sieht Sicherheitskräfte brutal eingreifen, Tränengas versprühen oder mit Wasserwerfern auf die eigene Bevölkerung zielen, die nichts weiter getan hat, als einem offiziellen Kandidaten im Wahlkampf friedlich zu begegnen. So werden auch die Überreaktionen der nervösen Staatsmacht live in die Welt gesendet, an deren Spitze der 75-jährige Diktator Yoweri Museveni steht, verwoben in ein korruptes Machtgefüge.

Was ist der Unterschied zwischen Netflix und Livestreams aus Uganda? Was hier aus dem fernen Afrika auf meinen Bildschirm strömt, ist real. Und intensiv bis zur Unerträglichkeit. Auf dem Weg nach Kalangala auf der Insel Bugala im Victoriasee stoppen Sicherheitskräfte am 30. Dezember 2020 den Wahlkampftross.  Bobi Wines Team wird festgenommen, später auch er selbst. Haben die vielen Kameras und Smartphones, die diese Szenen verfolgten und in die Welt sendeten, Schlimmeres verhindert? Hätte es sonst ein Massaker gegeben? Bobi Wine bezeichnet die Smartphones in den Händen seiner Anhänger als die stärkeren und besseren Waffen, besser als die Gewehre der Regierungstruppen, weil Smartphones niemanden umbringen.

Foto: Imago/ZUMA Press
Bobi Wine während eines Auftritts in Hoima.

Sieht die Welt, was in Uganda geschieht?

Ein junger Reporter verbreitet auf seiner Facebook-Seite besonders intensive Livestreams: Hussein Ssenyonga alias Sama Uganda. Obwohl er seine Bilder fast ausschließlich in der am weitest verbreiteten, nicht offiziellen Landessprache Luganda kommentiert, die ich nicht verstehe, berühren seine Filmberichte. Sama Uganda ist immer dabei, wenn Bobi Wine öffentlich in Erscheinung tritt. Er ist live, als sein Kollege Ashraf Kasirye, Kameramann im Team von Bobi Wine, am 27. Dezember 2020 angeschossen wird. In einer Szene schwenkt Samas Kamera plötzlich nach rechts. Er filmt, wie Militärpolizisten auf einen Passanten am Straßenrand einprügeln. Samas spontaner Kommentar zu diesen Bildern ist: „The world is watching!“ - Die Welt schaut zu, wiederholt auf Englisch ausgestoßen wie ein Mantra der Hoffnung.

Dieser Moment berührte mich tief und ich stellte mir die Frage: Hat dieser junge Mann recht? Sieht die Welt diese Szenen? Weiß jemand außerhalb Ugandas, was dort geschieht? Ein paar Tage nachdem Sama die Prügelszene gefilmt hatte, verstummt sein Facebook-Kanal. Am 6. Januar 2021 wird er verhaftet und verbringt zwei Wochen in Arrest. Wenige Tage nach der Präsidentschaftswahl, für deren Unrechtmäßigkeit es inzwischen unzählige Beweise gibt, wird Sama aus der Haft entlassen. Fotos von ihm im Krankenhaus erscheinen in seinem Facebook-Kanal. Man sieht einen kraftlosen jungen Mann.

Täglich verschwinden junge Männer

Doch Sama ist stark und meldet sich bald vom Krankenbett wieder zu Wort. Unbedingt wolle er seine Arbeit fortsetzen, obwohl die Behörden Smartphone und Kamera beschlagnahmt hätten. Seitdem Sama wieder ein eigenes Smartphone hat, kommunizieren wir über WhatsApp. Er schickt Fotos, berichtet, dass seine Facebook-Seite mit über 90.000 Abonnenten „gehackt“ wurde. Die Seite Sama Uganda existiert noch, aber er hat seit dem 5. Februar keinen Zugriff mehr darauf.  Am 13. Februar schickte mir Sama eine Voicenachricht: Sein Leben sei in Gefahr. Dreimal hätten Sicherheitskräfte, anonym unterwegs in sogenannten Drones, Kleinbussen ohne Nummernschilder, versucht, ihn zu entführen. Täglich verschwinden junge Männer, die Bobi Wine unterstützen. Sie werden an geheime Orte gebracht. Tauchen sie jemals lebend wieder auf, dann schwer verwundet und misshandelt. Samas Nachricht ist erschütternd.

Foto: Sama Uganda, Facebook
Der 22-jährige Reporter Hussein Ssenyonga alias Sama Uganda (rechts) und Bobi Wine.

Erzähl etwas über dich.

Hussein Ssenyonga: Mein Name ist Hussein Ssenyonga alias Sama Uganda, geboren und aufgewachsen in Uganda, 22 Jahre alt. Ich bin der Erstgeborene einer Familie mit sechs Kindern. Meine Mutter hat uns allein großgezogen und kämpft bis heute damit, uns über die Runden zu bringen. Mein Vater ist leider gestorben. Nach dem Tod meines Vaters musste ich die Schule abbrechen. Er war der einzige Ernährer der Familie. Ich habe bei Moon TV und Map Media gearbeitet und bin jetzt Reporter. Auf meiner Facebook-Seite habe ich jeden Tag Informationen gepostet, geteilt, kommentiert oder ich war live vor Ort. Meine Facebook-Seite wurde letzte Woche gehackt. Ich werde verfolgt, obwohl ich nur Informationen verbreite, die wahr sind.

Wie ist die Situation in Uganda zurzeit?

Uganda ist im Moment für viele von uns nicht sicher. Wir hatten eine intensive Zeit im Dezember und Januar, in der viele junge Menschen Wahlkampf für den Präsidentschaftskandidaten Robert Kyagulanyi Ssentamu (Bobi Wine, K.H.) gemacht haben. Nach den Wahlen wurde Bobi Wine für fast zwei Wochen unter Hausarrest gestellt. Sein Haus war von Militärs umstellt – einige in Uniform, andere in Zivil, aber mit Waffen in der Hand, wieder andere mit vermummten Gesichtern und Masken und nur schwer zu identifizieren. Gleichzeitig wurden wir mit brutalen Verhaftungen, Entführungen und Tötungen konfrontiert, vor allem Bobi-Wine-Anhänger und alle, die als Unterstützer der People-Power-Bewegung bekannt sind. Im Moment verstecken wir uns und fürchten um unser Leben. Die meisten Verhafteten bekommen keinen fairen Prozess, sitzen in den Gefängnissen oder werden ermordet und am Straßenrand entsorgt, was bei uns und der Bevölkerung Angst auslöst.

Was muss sich in Uganda ändern?

Uganda hat die jüngste Bevölkerung der Welt. 85 Prozent gehören zur jungen Generation. Wir glauben, dass die Veränderung, die wir brauchen, von den Führern an der Spitze bis zu den unteren Positionen gehen muss. Also vom Präsidenten bis zu den lokalen Regierungen. Yoweri Museveni ist sei 35 Jahren Präsident und behauptet nun, dass er in den kürzlich abgeschlossenen Scheinwahlen, die mit allen Arten von Gewalt durchsetzt waren, wiedergewählt wurde.

Was hältst du persönlich von Bobi Wine und der People-Power-Bewegung?

Bobi Wine hat mich immer inspiriert, da er auch von einer alleinerziehenden Mutter aufgezogen wurde. Ich fühle mich ihm so verbunden und er gibt mir die Hoffnung, dass ich eines Tages auch eine wichtige Person in unserer Gemeinschaft sein kann. Die People-Power-Bewegung kommt von dem Slogan „People Power, our Power“, den die meisten von uns verstehen und an den wir glauben. Er hat eine sehr kraftvolle Botschaft: Die Macht sollte tatsächlich uns, dem Volk von Uganda, gehören. Wir hoffen, dass die neue Bewegung die großen Probleme unseres Landes lösen kann, wie Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung (die auf Tribalismus zurückzuführen ist) und Korruption, die das Land demontiert hat. Wir wünschen uns faire und gleiche Jobchancen.

Wann hast du begonnen, auf Facebook live zu gehen, und wie hast du so viele Follower bekommen?

Ich habe vor nicht allzu langer Zeit angefangen, auf Facebook live zu berichten, als Bobi Wine Präsidentschaftskandidat wurde und seinen Wahlkampf begann. Ich habe zuerst für Map Media (ebenfalls eine Facebook-Seite, K.H.) live gefilmt. Später eröffnete ich meinen eigenen Kanal auf Facebook unter dem Namen Sama Uganda. Tag für Tag bekam ich mehr Follower. Das zeigt, wie stark die Bewegung ist. Ich machte es möglich, dass Tausende in Uganda und in vielen anderen Ländern das Geschehen verfolgen und auf dem Laufenden gehalten wurden. Diese neue Form der Reportage ist möglich, seit wir fast überall Internet haben. Ich habe das Gefühl, dass es für die Menschen spannender ist, meinen Berichten zu folgen, als dem traditionellen Fernsehen, das von den politischen Mächten beeinflusst wird. Selbst wenn die Leute nicht viel Geld haben, sparen sie, um Datenpässe zu kaufen, damit sie unzensierte Live-Berichterstattung sehen und verfolgen können. In den Dörfern findet man manchmal eine Gruppe von Menschen, die auf ein Smartphone schauen und sich die Kosten teilen. Live und ungefiltert ist attraktiv, weil es echt ist.

Foto: Imago/ZUMA Press
Bobi Wine in Hoima.

Warum bringst du dich dafür in Lebensgefahr?

Ich liebe es, ein freier Journalist zu sein. Ich filme und berichte leidenschaftlich gerne über die realen Geschehnisse in meinem Umfeld und in meinem Land. Es ist gefährlich und ich habe mich oft in Gefahr begeben. Aber so viele Dinge passieren im Dunkeln, ohne dass darüber berichtet wurde oder die Welt davon erfahren hätte. Also habe ich als Journalist die Pflicht, das Risiko auf mich zu nehmen, der Welt zu zeigen, was in der Dunkelheit passiert und unbemerkt bleibt, indem ich mein Smartphone benutze, um über diese Geschehnisse zu berichten. Ich musste miterleben, wie mein Kollege und Freund, der Kameramann Ashraf Kasirye, während wir live berichteten, von Militärs in Uniform in den Kopf geschossen wurde. Durch Gottes Gnade überlebte er. Ich habe ihn neulich im Krankenhaus besucht, und jetzt ist er zum Glück wieder zu Hause.

Wann wurdest du verhaftet und in welcher Situation?

Ich wurde am 6. Januar 2021 verhaftet, während ich Bobi Wines Wahlkampftour im Norden Ugandas filmte. Ich hatte die Polizei aufgenommen, wie sie Landsleute verhaftete und folterte. Meine eigene Verhaftung war sehr brutal. Ich wurde aus dem Auto gezerrt, aus dem ich gerade meine Videoaufnahmen machte. Während meiner Verhaftung wurde ich geschlagen und gefoltert. Irgendeine unbekannte Substanz wurde mir in den Rücken gespritzt. Es war sehr schmerzhaft, und noch jetzt fühlt sich mein Rücken manchmal taub an.

Welche Gründe hat dir die Polizei für die Verhaftung genannt?

Sie gaben mir zwei Gründe: Erstens, dass ich zu den Leuten gehöre, die Covid-19 verbreiten und zweitens, dass ich die Polizei gefilmt habe.

Wie lange warst du im Gefängnis, und wie war die Situation dort?

Insgesamt war ich zwei Wochen lang verhaftet. Zuerst wurden wir in ein sogenanntes Safe House gebracht und später wurde ich in ein Gefängnis namens Manafa Prison verlegt. Dort blieb ich ein paar Tage und wurde dann in ein anderes Gefängnis, das Butarege-Gefängnis, verlegt, wo ich bis zu meiner Entlassung blieb. Es war sehr schrecklich. Ich wurde gezwungen, auf einem feuchten Boden zu schlafen. Später sperrten sie viel zu viele Männer in einen kleinen Raum, der viel zu eng war. Wir bekamen einmal am Tag kleine Portionen von ungenießbarem Mais, und wenn man den verpasste, während man irgendeiner Tätigkeit nachging, war das ein Tag, den man ohne Mahlzeit verbrachte. Alle meine Habseligkeiten wurden mir abgenommen. Mir wurde befohlen, alle meine Kleider auszuziehen und ich bekam eine gelbe Häftlingsuniform. Mir wurde befohlen, mit den Händen sehr hart auf den rauen Boden zu schlagen, bis Blut aus den Fingern kam. Es passierten viele grausame Dinge, und man kann sich nur wundern über die Menschen, die anderen Menschen so etwas antun. Nachdem ich entlassen wurde, fand ich meine Wohnung aufgebrochen und durchwühlt vor. Mir wurde erzählt, dass uniformierte und bewaffnete Polizisten in Zivil in meine Wohnung eingebrochen waren. Sie nahmen alles mit, was mir gehörte, nur ein roter Teppich blieb übrig.

Ich kann nicht frei sein, wenn mein Land und mein Volk immer noch in Gefangenschaft sind,

Hussein Ssenyonga alias Sama Uganda

Wie fühlst du dich jetzt, nachdem du frei bist?

Ich kann nicht sagen, dass ich frei bin, da ich mich nicht sicher fühle. Und ich kann nicht frei sein, wenn mein Land und mein Volk immer noch in Gefangenschaft sind. Ich habe Angst, mich in der Öffentlichkeit aufzuhalten. Wenn ich irgendwo hin will, muss ich mit Freunden in ihren Auto mit getönten Scheiben fahren, zu meiner Sicherheit. Ich habe mich noch nicht erholt, nehme immer noch Medikamente.

Wirst du trotzdem weitermachen?

Ja, ich möchte meine Arbeit fortsetzen, obwohl ich keine Ahnung habe, wie das gehen soll. Meine Facebook-Seite wurde blockiert, und man versucht, mich zu entführen. Im Moment verschwinden täglich junge Leute, die Bobi Wine unterstützen und ein freies Uganda wollen.

Was sind deine Träume für dein Leben?

Mein Traum ist es, ein internationaler Journalist zu werden, mit der Möglichkeit, uneingeschränkt Informationen zu liefern. Als junger Mann sind meine Träume vielfältig, aber durch die Umstände um mich herum sind sie sehr begrenzt … Ich würde mir wünschen, gesellschaftlich etwas bewirken zu können.

Hast du eine Botschaft an die Menschen in Europa oder in anderen Teilen der Welt?

An die Menschen in Europa: Bitte behaltet Uganda im Auge! Uganda blutet, unabhängig davon, wie schön dieses Land ist. Uganda ist die Perle Afrikas, eines der freundlichsten Länder der Welt. Wir haben großartige Landschaften und den zweitgrößten See der Welt, den Viktoriasee. Wir haben eine einmalige Fauna mit Elefanten, Löwen, Nashörnern, Leoparden, Büffeln, Berggorillas und Schimpansen. Eine solche Nation sollte es ihren Bürgern ermöglichen, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit zu genießen. Leider ist das derzeit nicht der Fall. Daher rufe ich die Menschen in Europa und der Welt auf, mehr Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten zu entwickeln, die den Menschen in Uganda durch die derzeitige Regierung widerfahren. 

Mitarbeit: Edward Mutebi. Konrad Hirsch ist Filmemacher und lebt in Berlin und München.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.