Es ist, als wäre nicht Krieg in Europa. Die Selfies und Urlaubsfotos sind zurückgekehrt, als würde der russische Angriffskrieg in der Ukraine nicht weiterhin auch unsere Existenz bedrohen. Charkiw, Winnyzja, Mykolajiw und Saporischschja liegen auf derselben tektonischen Platte, auf der die Häuser stehen, in die wir nach der Sommerpause zurückkehren werden. Sie heißt Europa und auf Europa fallen Bomben und Marschflugkörper. Sie werden von Soldaten und Offizieren unter dem Befehl von Wladimir Putin von Stützpunkten in Russland und Belarus aus in Gang gesetzt, mitten in Europa.

Die Rückkehr zur Tagesordnung, die Abfahrt in die Sommerpause, die Gewöhnung an die Bilder von Toten in den Straßen ukrainischer Städte, das weitgehende Ausblenden des Dramas von Millionen Geflüchteter, die trotz der Rückkehr Hunderttausender noch immer ohne Perspektive auf ein friedliches Leben in der Ukraine auf der Flucht verharren. All das ist längst Teil einer trügerischen Normalität des Krieges, die sich seit 2014 in unseren Alltag geschlichen hat, obwohl wir schon viel länger mit unseren Gasrechnungen die kriminelle Vereinigung unterstützen, die den russischen Staat seit 1999 übernommen hat.

Alle tun so, als wären wir zurück in der Normalität

Nach Wochen der Starre folgten auch in Deutschland Monate der gesellschaftlichen Mobilisierung, der Hilfe für unmittelbar Betroffene, der Spendensammlungen und der öffentlichen Rede von einer Zeitenwende. Doch was folgt nach dem Sommer, wenn das letzte gebrauchte Hemd in der Kleidersammlung abgegeben und die euphorisch in den eigenen vier Wänden aufgenommenen Ukrainerinnen in eine Sozialwohnung umgezogen sind? Werden friedliebende Autoren den nächsten offenen Brief an den falschen Adressaten schreiben? Werden wir alle frieren für den Frieden?

Lange Autofahrten und Flugreisen ohne Not sind wieder Normalität, als wäre längst geklärt, wie es im Herbst weitergeht. Noch einmal tief durchatmen, bevor die eigentliche Krise beginnt? Noch einmal die Sonne genießen, bevor auch wir in ihrer Hitze verbrennen? Warum umgehend ein Tempolimit oder autofreie Sonntage einführen, wenn wir auch die Ölkrise der 1970er-Jahre überstanden haben?

„Für Eure und Unsere Freiheit“

Während Deutschland schwitzend über das Wetter sprach, sammelten die Einwohner des benachbarten Polen ebenso schwitzend Geld für eine Drohne vom Typ Bayraktar. Dass sie nach dem Schwiegersohn des türkischen Präsidenten benannt ist und auch mit Lenkwaffen bestückt werden kann, hielt den Publizisten und Gründer des linken Warschauer Thinktanks Krytyka Polityczna, Sławomir Sierakowski, nicht davon ab, der polnischen Gesellschaft einen Bayraktar-Sommer zu bescheren.

Eine türkische Bayraktar TB2 Drohne.
AP/Verteidigungsministerium Litauen
Eine türkische Bayraktar TB2 Drohne.

Er sammelte in vier Wochen weit über vier Millionen Euro Spenden, weil in Polen jeder versteht, was der Besetzung ukrainischer Städte durch russische Truppen folgt. Ein guter Teil der Summe stammt von belarussischen Flüchtlingen, die nach 2020 nach Polen kamen, weil in ihrem Land ein Verbündeter Putins die eigenen Bürger verfolgt. Von der Weichsel aus betrachtet ist klar, dass Putin kein freiwilliges Zurück kennt und dass die Hoffnung auf einen Deal, bei dem Territorium gegen Frieden getauscht werden soll, ein Trugschluss wäre, der die gesamte Ukraine in einen Donbass nach dem russischen Angriff 2014 verwandeln würde. Sierakowski folgte deshalb mit seinem Aufruf dem historischen Motto „Für Eure und Unsere Freiheit“.

Ein bisschen Unterstützung, ein paar Panzer, mehr nicht

Statt Briefe an den Präsidenten oder Premier zu schreiben, riefen in Polen Dutzende Autorinnen und Autoren dazu auf, die letzte fehlende Million zu sammeln, damit Polen als Gesellschaft unabhängig vom Staat einen Beitrag zur Verteidigung der Ukraine leistet. Es ist ein symbolischer Akt der Unterstützung des Nachbarlandes und doch ein realer. Über 200.000 Menschen haben gespendet. Ein Empfänger von 700 Złoty Sozialhilfe spendete 5 Złoty für die Drohne mit dem Zusatz: „Und doch muss ich etwas einzahlen, selbst eine kleine Summe.“ Als Dankeschön startete Sierakowski umgehend eine zweite Aktion für ihn auf dem Portal Zrzutka.pl, denn das kollektive Sammeln hilft nicht nur symbolisch der Ukraine, es stärkt auch den Zusammenhalt innerhalb der polarisierten polnischen Gesellschaft. So kamen in zwei Tagen über 15.000 Euro zusammen. Das gemeinsame Handeln setzt eine Dynamik frei, die selbst Sierakowskis politische Gegner in der polnischen Rechten überrascht.

Die Bundesrepublik Deutschland schaffte nach Monaten des Zögerns im Sommer erste schwere Waffen in die Ukraine. Doch hatte es noch immer keine Panzer an Polen, Tschechien und Griechenland geliefert, die zuvor Dutzende sowjetischer Panzer an die Ukraine übergaben. Umso stärker ist der Kontrast zum weniger als drei Millionen Einwohner zählenden Litauen. Dort sammelte noch vor Sierakowski der Journalist Andrius Tapinas innerhalb von nur drei Tagen über fünf Millionen Euro für eine türkische Drohne vom Typ Bayraktar, um über Worte der Solidarität hinaus etwas Konkretes in die Ukraine zu senden. Der schwedische Filmemacher Jonas Ohman hatte in Litauen bereits seit 2015 mit seiner Blue-Yellow-Initiative über 32 Millionen Euro für die private Unterstützung der ukrainischen Armee gesammelt. Skaliert man die Einwohnerzahl Litauens auf die Größe der Bundesrepublik, entspräche die litauische Drohne zwei Dutzend privat gespendeten Drohnen aus Deutschland. Die Initiative Ohmans würde hierzulande über 850 Millionen Euro an privaten Spenden entsprechen.

Zum Autor

Dr. Felix Ackermann, schrieb am Deutschen Historischen Institut Warschau eine Geschichte der Einsperrung in Polen, Litauen, Belarus und der Ukraine. Über seine Arbeit an der belarusischen Exiluniversität in Wilna schrieb er das Buch „Mein litauischer Führerschein“, das im Suhrkamp Verlag erschien.

Die russische Armee finanzieren wir mit unseren Gasrechnungen

Doch kann man von einer Gesellschaft, die selbst über Jahre bewusst darauf verzichtet hatte, ihre eigenen Soldaten mit Drohnen auszustatten, erwarten, dass sie andere mit unbemannten Waffen versieht? Kann man, während an ganz unterschiedlichen Orten auf der Welt Krieg herrscht, von denjenigen Bundesdeutschen, deren Lebensmotto „Nie wieder Krieg“ lautet, erwarten, dass sie den Kampf eines bedrohten Staats um seine Existenz am Rand der Europäischen Union unterstützen? Zumindest ist es auch in Deutschland nicht verboten, privat Geld an die ukrainische Armee zu spenden.

Die russische Armee finanzieren wir ja auch privat und zugleich kollektiv mit unseren Gasrechnungen, die im kommenden Winter zwei bis drei Mal so hoch ausfallen werden, weil Gerhard Schröder, Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel über zwei Jahrzehnte lang gemeinsam mit Unterstützung ihrer Wähler daran festhielten, dass die systematische Erhöhung der Abhängigkeit von russischem Gas kein politisches Projekt sei. Die erhöhten Preise zahlen wir, weil diese Abhängigkeit Teil der strategischen Kriegsvorbereitungen Putins war.

Man kann auch Geld für Schutzwesten sammeln

Wir sind als Gesellschaft nicht Opfer des Kriegs gegen die Ukraine, sondern haben seine Durchführung systematisch begünstigt. Unser Präsident stand über Jahre im Kanzleramt und im Auswärtigen Amt persönlich für das Mantra vom Dialog mit Russland sowie die enge Verflechtung. Es wäre nur konsequent, im kommenden Winter aus Deutschland privat und kollektiv diejenigen zu unterstützen, die 2022 Opfer der Nord-Stream-Rochade wurden, obwohl sie schon nach dem März 2014 um Hilfe gerufen hatten.

Wer aus Prinzip Waffen nicht finanzieren will, kann Geld für Nachtsichtgeräte oder Schutzwesten für ein Land sammeln, das auch deshalb überfallen wurde, weil Putin darauf wettet, dass im Herbst im Angesicht weiter steigender Preise und sozialer Verwerfungen die Einigkeit innerhalb der Europäischen Union bröckeln wird. Die verbliebenen Pazifisten, die derzeit im Urlaub sind, können noch im Sommer weiter Geld für die Ausstattung von Krankenhäusern in der Ukraine sammeln.

Krankenwagen, Löschfahrzeuge, medizinisches Spezialgerät, Blutkonserven und Medikamente werden weiterhin dringend gebraucht. Die anhaltenden Angriffe auf den Osten und Süden der Ukraine lassen uns nicht die Möglichkeit, uns nicht zu dem von der russischen Föderation begangenen und von uns tagtäglich mitfinanzierten Unrecht zu verhalten.

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