Russische Kriegsverbrechen: „Sie setzten mir ein Sturmgewehr an den Kopf“

Eine NGO dokumentiert russische Kriegsverbrechen in der Ukraine mithilfe von Zeugenaussagen. Über 500 Stunden Videointerviews liegen vor. Eine Zwischenbilanz.

Angriffe auf die Zivilbevölkerung sind Kriegsverbrechen: Ein Anwohner in den Trümmern eines zerstörten Wohnhauses in Borodjanka.
Angriffe auf die Zivilbevölkerung sind Kriegsverbrechen: Ein Anwohner in den Trümmern eines zerstörten Wohnhauses in Borodjanka.Vadim Ghirda/AP

„Es gab keine militärischen Objekte, nichts … Es gibt eine U-Bahn-Station. In der Umgebung gibt es Geschäfte und Wohnhäuser. Wenn Sie auf die Google-Karte schauen, werden Sie sehen, dass da nichts ist. Es gibt Geschäfte, Apotheken, Gassen, in denen wir früher spazieren gingen, Spielplätze für Kinder … Das war’s.

Es war eine Sache von Sekunden. Und dann schlug es mehr und mehr zu. Meine Schwester schnappt sich einen Stuhl und rennt los. Mein Sohn nahm sich auch einen Stuhl und ich folgte ihnen. Und in einer Sekunde … Diese Art von Bombe … die zerreißt, explodiert. Einen Moment später bin ich aufgestanden und habe verstanden, dass ich nichts mehr hören konnte. Ich war mit Blut bedeckt. Ich sah viele Körperteile, die meiner Schwester und vier anderen Männern gehörten, zerfetzt. Alles lag auf dem Boden.“

Das ist die Aussage einer 46 Jahre alten Frau aus Charkiw. Ihr Sohn und ihre Schwester starben während eines Raketenbeschusses am 20. März 2022.

Über 500 Stunden solcher Videointerviews zu russischen Verbrechen in mehr als 60 verschiedenen ukrainischen Ortschaften hat meine NGO Yahad – In Unum unter der Leitung von Pater Patrick Desbois aufzeichnen können. Nach vorläufiger Analyse erhärtet sich der Verdacht eines systematischen Vorgehens durch die russischen Truppen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Nicht nur in Butscha oder Mariupol, sondern in unzähligen anderen ukrainischen Städten und Dörfern sind solche Verbrechen begangen worden.

Yahad, eine französische NGO, hat mehr als 30 Mitarbeiter in Frankreich, Belgien, Polen, Ukraine, den USA und dem Irak. Seit 2004 haben unsere Teams über 8000 Zeitzeugen zum Massenmord an den Juden, Roma und Behinderten während des Zweiten Weltkrieges in zahlreichen osteuropäischen Ländern interviewt. Allein auf den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten der Sowjetunion sind mehr als 2,2 Millionen Juden und Tausende Roma ermordet worden. Wir begannen unsere Arbeit mit der Suche nach den Verbrechensorten und Zeitzeugen des Holocausts in der Ukraine. Daher kennen wir die Orte, über die seit Kriegsbeginn in den Medien berichtet wird, nur allzu gut.

Seit Anfang März 2022 sammelt Yahad Beweise – Interviews, Fotos und Videos – für systematische russische Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der gesamten Ukraine. Wir haben Zeugnisse für die Bombardierung von Wohnhäusern und zivilen Gebäuden, für Tötung, Gewalt und Folter an ukrainischen Zivilisten durch russische Soldaten oder dem FSB und für die Zwangsdeportation nach Russland gesammelt.

Einer der Unterschiede zu vergangenen Kriegsverbrechen ist, dass die ukrainischen Opfer und Zeugen über soziale Medien über das Unrecht, was ihnen geschehen ist, selbst berichten, sei es Facebook, TikTok oder Instagram. Seit Beginn des Kriegs hören wir täglich die Stimmen der ukrainischen Zivilbevölkerung: alt oder jung, ein junges Mädchen oder ein älterer Herr. Alle wollen sie gehört werden. Alle wollen über das erzählen, was ihnen oder ihren Angehörigen und Freunden widerfahren ist. Es lag für Pater Desbois und mich daher auf der Hand, dass wir die russischen Verbrechen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung durch Zeugeninterviews festhalten müssen.

Recherche vor Ort: Pater Patrick Desbois (M.), Andrej Umansky (r.) und Ruslan Kavatsiuk (2.v.l.) vor dem Gebäude der Regionalverwaltung von Mykolajiw, das durch eine „Kalibr“-Rakete am 29. März 2022 zerstört wurde. 37 Menschen kamen dabei ums Leben. 
Recherche vor Ort: Pater Patrick Desbois (M.), Andrej Umansky (r.) und Ruslan Kavatsiuk (2.v.l.) vor dem Gebäude der Regionalverwaltung von Mykolajiw, das durch eine „Kalibr“-Rakete am 29. März 2022 zerstört wurde. 37 Menschen kamen dabei ums Leben. Yahad - In Unum

Die Verbrechen sind vielfältig: Bombardierungen bis Folter

Die Interviews werden zum Teil vor Ort in der Ukraine gemacht oder per Videoschalte. Ein Gespräch kann eine halbe Stunde, aber auch acht Stunden dauern. Dies hängt allein vom Gesprächspartner, seiner Geschichte und von seinem Erinnerungsvermögen ab. Alle unsere Interviewpartner haben eins gemeinsam: Sie wollen die kleinsten Details zu ihren Peinigern, russischen Soldaten oder Angehörigen des FSB ihrem Gedächtnis entlocken. Denn alle sprechen sie aus einem Grund: Sie wollen Gerechtigkeit. In der Ukraine, in anderen Staaten oder vor internationalen Instanzen. Die Menschen sind geduldig. Sie suchen selbst nach einem Ort mit gutem Internet. Ein Café, draußen auf der Straße oder das Nachbardorf. Jeder Ort ist gut genug, solange man sich gut verstehen kann.

Die Verbrechen, die an der ukrainischen Bevölkerung verübt werden, sind vielfältig. Man muss die Strafnorm in den Vorschriften des deutschen Völkerstrafgesetzbuches oder des Römischen Statutes suchen, die nicht verwirklicht worden ist. Neben dem Verbrechen der Aggression, lassen sich auch Kriegsverbrechen durch verschiedene Begehungsweisen und Folgen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit Kriegsbeginn nicht widerlegen.

Sie schlugen mich immer wieder mit einem Besen und stellten Fragen wie: Hast du am Maidan teilgenommen?

Zeugenaussage eines Mannes, der drei Tage lang gefoltert wurde

Darunter fallen beispielsweise die seit Kriegsbeginn andauernden Bombardierungen von Häusern, Wohnhäusern oder anderen Zivilobjekten, nicht nur in Städten wie Charkiw, Mariupol oder Kiew. Auch außerhalb der großen Städte werden Menschen durch Bomben ermordet. In Serhijiwka beispielsweise, einer Kleinstadt in der Oblast von Odessa ist am 1. Juli 2022 ein Wohnhaus und ein Erholungsheim von mehreren Raketen getroffen worden. 21 Menschen starben, 39 wurden verletzt.

Ferner sind vor allem am Anfang des Krieges zahlreiche Menschen durch Beschuss von zivilen Kraftfahrzeugen durch russische Soldaten getötet oder verletzt worden. In der Regel versuchten Familien, in Autokonvois zu fliehen und wurden dabei ohne Vorwarnung von russischen Soldanten mit Maschinengewehren oder Panzerfäusten unter Beschuss genommen. Mehrere Überlebende berichteten uns über einen solchen Vorfall im Dorf Stojanka, nahe der Stadt Irpin in der Oblast Kiew.

Am 6. März 2022 näherte sich eine Kolonne von zwölf Kraftfahrzeugen mit insgesamt 21 Personen der Dorfeinfahrt. Als sie den Eingang des Dorfes Stojanka erreichten, wurden die ersten Autos des Konvois von russischen Soldaten mit Kugeln und Raketenwerfern angegriffen. Insgesamt wurden fünf Personen getötet. Zehn Personen, darunter drei Kinder, wurden von russischen Soldaten festgenommen und erst einige Stunden später wieder freigelassen. Es war ihnen nicht erlaubt, die Leichen der Toten mitzunehmen.

„Die russischen Soldaten holten mich aus dem Auto und warfen mich auf den Boden. Sie setzten mir ein Sturmgewehr an den Kopf, spreizten meine Arme und Füße, sodass ich meine Taschen nicht erreichen konnte. Dann sah ich einen toten Fahrer und begann, mir Sorgen um meinen Bruder zu machen. Ich dachte, er sei erschossen worden. Ich begann zu schreien: „Bruder, Bruder!“ Meine Frau war bei mir. Dann schoss ein russischer Soldat in die Nähe meines Fußes und sagte: „Idiot, halt die Klappe, du fängst an, mir auf die Nerven zu gehen. Ich werde dich umbringen.“

So beschreibt ein 28-jähriger Mann den Beschuss der Autokolonne in Stojanka.

Ein weiteres Kriegsverbrechen ist die Gefangennahme und Folter von ukrainischen Zivilisten. Ein 26-jähriger Mann aus Kosatscha Lopan in der Oblast Charkiw wurde am 16. März 2022 von russischen Soldaten an einem Checkpoint außerhalb des Dorfes festgenommen. Er wurde drei Tage lang gefangen gehalten und mit anderen zivilen Männern, die ebenfalls inhaftiert wurden, in einen Keller gesteckt. Er wurde mehrfach verhört und von russischen Soldaten auf den Kopf, die Brust und die Beine geschlagen. Während der Verhöre wurde er mit einer Pistole bedroht. Nach drei Tagen wurde er freigelassen und konnte das Dorf verlassen.

„Sie schlugen mich immer wieder mit einem Besen und stellten Fragen wie: ‚Hast du am Maidan teilgenommen?‘ Ich sagte Nein, und sie schlugen mich ständig. Dann fragten sie, wo du die ganzen acht Jahre gewesen bist? Ich antwortete: ‚Nirgendwo, ich war zu Hause im Dorf.‘ Er sagte Nein, und schlug weiter. Er fragte immer wieder nach den acht Jahren, und ich antwortete das Gleiche, dass ich zu Hause war und wo ich sonst sein sollte! Er sagte, sie sollten die Volksrepublik Donezk und die Volksrepublik Luhansk verteidigen, und schlug so fest auf meine Hände, dass der Tesafilm, der sie zusammenhielt, abfiel.“

Im Dezember 2022 konnten wir in Olexandriwka, einem kleinen Dorf nahe Cherson einen jungen Mann vor Ort interviewen. Er ist mehrere Tage mit einem weiteren Mann in einem Bauernhof von mehreren russischen Soldaten gefangen gehalten worden. Über Stunden zeigte unser Interviewpartner uns trotz Kälte und Wind die verschiedenen Orte des Verbrechens: der Raum wo der Mitgefangene vergewaltigt worden ist, der Keller, in dem sie tagelang eingesperrt waren und geschlagen wurden. In Cherson selbst besuchten wir ein umfunktioniertes Untersuchungsgefängnis, in dem Frauen und Männer – auch Minderjährige – von FSB-Angehörigen u.a. mit Elektroschocks gefoltert worden sind, um diese zur Mitarbeit zu zwingen.

Kellerraum in Olexandriwka
Kellerraum in OlexandriwkaYahad - In Unum

„Ich wurde am 13. März 2022 von zwei russischen Soldaten verhaftet, als ich auf der Straße ging. Dann wurde ich in ein anderes Gebäude gebracht, wo mir Fragen gestellt wurden, auf die ich erwartete Antworten geben musste. Die Befragung wurde aufgezeichnet. Sie stellten mir Fragen über meinen Namen, meinen Beruf, meinen Militärdienst, meine Meinung über den Krieg und die Anzahl der Russen, die ich getötet hatte. Sie wollten, dass ich einige absurde Dinge sage, wie zum Beispiel, dass ich ein Nazi sei oder dass ich Russland hasse. Sie wollten, dass ich Lügen erzähle, und wenn ich nicht wie erwartet antwortete, schlugen sie mich. Das Ganze wurde gefilmt, weil sie es im Internet als Interview mit einem ukrainischen Kriegsgefangenen veröffentlichen wollten.“

Das berichtet ein 20-jähriger Mann aus Welyka Dymerka, Oblast Kiew.

Den Zeugen muss eine Stimme gegeben werden

Das Aufzeichnen der Interviews durch unser Team hat einen doppelten Zweck. Zum einen sollen bereits jetzt Beweismittel gesichert werden, um die Justizbehörden auf internationaler Ebene, in der Ukraine, aber auch solcher Länder wie Deutschland, wo der Generalbundesanwalt aufgrund des Universalprinzips seit Kriegsbeginn ermittelt, zu unterstützen.

Zum anderen muss der Leugnung dieser Verbrechen durch Russland Einhalt geboten werden. Mir ist kein Fall bekannt, in dem Kriegsverbrecher ihre Taten von sich aus eingestehen. Im Gegenteil, die Leugnung durch die Täter ist regelmäßiger Bestandteil des Verbrechens. Dies ist im Falle der russischen Verbrechen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung nicht anders. Systematisch werden die Taten von verschiedenen Vertretern Russlands geleugnet, die Meldungen als Lügen bezeichnet.

Ich sah einen Blitz und dann wurde alles dunkel. Ich konnte vor lauter Staub nicht mehr atmen.

Zeugin eines Raketeneinschlags in ein Kaufhaus in Krementschuk

Nur eines von vielen solchen Beispielen ist der Raketenangriff vom 27. Juni 2022 auf das Einkaufszentrum Amstor in Krementschuk, in der Oblast Poltawa, bei dem 21 Menschen getötet und weitere 61 verwundet worden sind.

Dmitry Polyanskiy, der Stellvertreter des russischen Vertreters bei der Uno bestritt den Angriff und bezeichnete den Vorfall als neue ukrainische Provokation im Stile Butschas. Später trug das russische Verteidigungsministerium mehrere Versionen vor. Zunächst ist behauptet worden, dass das Kaufhaus leer gewesen sei. Später war die Rede von einem ukrainischen Munitionsdepot, das sich in der Nähe des Kaufhauses befand und explodierte. Daher soll im Kaufhaus ein Feuer ausgebrochen worden sein.

„Ehrlich gesagt, habe ich nicht verstanden, dass eine Rakete in das Kaufhaus einschlug. Das ist schwer zu erklären. Seit der Krieg begonnen hat, habe ich über eine solche Situation nachgedacht und darüber, was ich tun würde. Aber es hat meine Erwartungen übertroffen. Ich sah einen Blitz und dann wurde alles dunkel. Ich konnte vor lauter Staub nicht mehr atmen. Es war sehr laut. Die beiden Kunden in meinem Büro saßen auf Stühlen. Ich schrie sie an, sie sollten sich auf den Boden legen, denn es gab Trümmer und Gebäudeteile.

Ich dachte, dass die Rakete den Bahnhof in der Nähe des Amstors getroffen hat und wir von der Druckwelle getroffen wurden. Ich hätte nie gedacht, dass ein Einkaufszentrum zum Ziel werden könnte. In den [russischen] Medien hieß es, dass sich Militäreinheiten in dem Einkaufszentrum befanden. Ich habe dort keine Soldaten gesehen. Wenn das der Fall gewesen wäre, wären wir nie zur Arbeit gegangen. Es gab kein Militär.“

Bericht einer 26-jährigen Frau zum Raketeneinschlag im Kaufhaus Amstor am 27. Juni 2022 in Krementschuk, Poltawa.

Wir haben sieben Überlebende, Kunden und Mitarbeiter des Kaufhauses interviewt, die belegen, dass das Kaufhaus geöffnet und besucht war. Ferner bestätigten sie den Einschlag einer der Raketen in das Kaufhausgebäude. Benachbarte Militärobjekte gab es laut den Zeugen keine.

Die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass bisher nur ein Bruchteil der russischen Verbrechen an der ukrainischen Bevölkerung dokumentiert worden ist. Insbesondere in den kleineren – oft in den Medien unterbelichteten Orten – muss den Überlebenden und Zeugen eine Stimme gegeben werden.

Andrej Umansky, Historiker und Jurist aus Köln, ist Vorstandsmitglied von Yahad – In Unum. Mehr zu seinem Projekt und wie Sie es unterstützen können, erfahren Sie über die Internetseite https://ukrainianvoices.yiu.ngo/

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