Seit über 25 Jahren setzt sich die in Berlin lebende Schwedin Ulrika Segerberg mit verschiedenen Materialien, vor allem aber mit sich selbst auseinander. Der Urgroßvater, Wandmaler von Beruf, erschafft in seiner Freizeit über 100 Bilder, die Ulrika von klein auf an den Wänden im Großeltern- und Elternhaus umgeben. Mit der Mutter, einer Grundschullehrerin, zeichnet sie viel, mit dem Vater, einem Ingenieur, werkelt sie in seinem Hobbyschuppen. In der Schule lernt sie nähen, bearbeitet Holz und Metall. Es fällt ihr leicht und macht ihr Spaß. Mit zwölf Jahren schneidert sie ihre erste Bluse. Mit Kragen. Sie fertigt Gürtel mit großen Flower-Power-Schnallen, macht Schmuck aus Emaille.

Sie ist 14 Jahre alt und weiß: Das ist es, was sie tun möchte, etwas mit den eigenen Händen erschaffen. Erst war da nichts und auf einmal ist da was. Ein Objekt und ein großartiges Gefühl. Die äußeren Bedingungen sind insofern günstig, als dass die Eltern die Entscheidung der Erstgeborenen respektieren und die finanzielle Existenz dank staatlicher Förderung gesichert ist.

Das Problematische verliert an Dramatik

Als Ulrika Segerberg, inzwischen 46 Jahre alt, die Tür zu ihrem Atelier öffnet, schaut sie ernst und sagt: „Komm rein. Die Leute denken immer, für Künstler spielt Zeit keine Rolle. Das tut sie aber.“ An der Wand im Flur lehnt eine rosa Pappmascheeuhr in Esstischgröße. Sie ist eine überdimensionierte Wiedergeburt einer kleinen Swatch-Uhr, die Ulrika Segerberg als Kind im schwedischen Västeras, einer Kleinstadt nicht weit von Stockholm, hatte. Sie mochte die Uhr nicht besonders. In der Erinnerung steht sie für unangenehme Zeit. Langeweile. Verliebtsein. Warten. Wozu dieser Sekundenzeiger? Wozu der für Minuten? Dann dauert ja alles noch länger. Nur noch Stunden sind auf der Megauhr. Inzwischen ist sie versöhnt mit dem rosa Zeitmessgerät. Sie begegnet ihm auf Augenhöhe. Daher auch die Größe.

Ulrika Segerberg mag es, wenn Objekte zum Körper, zum Menschen passen. So hat sie das Gefühl, ihnen besser begegnen zu können. „Es schafft eine Verbindung, durch die eine Art Gleichwertigkeit entsteht“, erklärt sie. Zudem hat diese Vergrößerung von Kleinem auch eine humorvolle Komponente. Durch die selbst gewählte Formgebung verliert das Problematische an Dramatik und wird somit handhabbar. Auf die Frage, inwieweit sich ein Element durch all ihre Arbeiten ziehe, sagt sie: „Eigentlich ist der Prozess das Wesentliche.“

Das Thema muss reifen, in ihr wachsen. Dann erst kann sie es greifen und das entsprechende Material, die richtige Materie finden, um eine Stimmung zu übertragen. Sie verwandelt Empfindungen, gibt Vergangenem ein neues Gesicht und schafft auf diese Weise überraschende Collagen.

Dutzende Zeugnisse von Verwandlungen

In ihrem lichtdurchfluteten Atelier im Berliner Stadtbezirk Wedding, unweit der Schwedenstraße, gibt es Dutzende Zeugnisse von Verwandlungen. Weiße Wände, von denen sich das Bunt ihrer Arbeiten abhebt. Neben Ölgemälden vom Ausmaß 220 mal 170 cm auf Leinwand, die farbgewaltig menschliche Gliedmaßen im fröhlichen Reigen zeigen, sieht man meterlange großgliedrige Keramikketten, nur scheinbar aus rostendem Eisen. Zwei gigantische Füße aus Gips durchschreiten den Raum, als würden sie ihn abmessen wollen, und auf dem Boden leuchtet ein farbenfroher, selbst gewirkter Flickenteppich. Die Fensterbretter sehen aus wie geschmückt. Überall liegen Farben, Pinsel, Kleberollen, Hammer, Tacker, Scheren und andere Werkzeuge.

Wer sich mit verschiedensten Materialien auseinandersetzt, braucht eben auch die entsprechenden Instrumente. Aber gibt es auch eine favorisierte Ausdrucksform? Ulrika Segerberg lächelt. „Ich wollte Malerin werden, den ganz normalen Weg eines Künstlers gehen.“ Normal? Ja, sagt sie, erst die Grundausbildung, dann an einer Kunstakademie in Stockholm weiterstudieren, ein eigenes Atelier zugewiesen bekommen und anschließend die Werke in Ausstellungen zeigen. Ganz einfach. Mit 19 Jahren sei das eben ihre Vorstellung gewesen. Es kam ein wenig anders.

Ein Anruf von der Pernbys Malarskola, einer Vorbereitungsschule für angehende Maler:innen, lässt sie jubeln. Das Abenteuer kann beginnen. 1995 steht Ulrika Segerberg mit Farbtuben auf einem vollgekleksten Dachboden in der Pernby School of Painting, überall Staffeleien. Sie hat ihren eigenen, durch Vorhänge abgetrennten Arbeitsraum. Noch heute strahlt sie, wenn sie davon erzählt. Dann erfährt sie von der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam, an der sie dann Bildende Kunst studiert. Amsterdam bezeichnet sie als Initialzündung. Hier beginnt 1997 ihre künstlerische Entwicklung.

Allein an einem anderen Ort zu sein, empfindet sie nach wie vor als die größte Bereicherung. Der neue Umgang mit Kunst heißt beim „Free Media“-Studiengang wöchentlich wechselnde Themenvorgaben, sich permanent mit seiner Umwelt auseinandersetzen und sich dadurch allmählich aus den gewohnten Mustern schälen – ein Befreiungsschlag. Es geht nicht um das Resultat, sondern darum, Prozesse sichtbar zu machen. Diese Sichtweise begleitet sie bis heute. Während eines Austauschsemesters in New York erhält sie einen Einblick in Materialkunde sowie in Film- und Cartoon-Techniken. Sie wohnt in einem kleinen Rail-Apartment. Es ist eng und laut. Sie näht.

Die Kunsthalle als Trainingsraum

Nach ihrem Studienabschluss 2001 geht sie nach Berlin, das sie seit Mitte 90er Jahre kennt. „All das Unfertige hat mich sehr fasziniert. Die Kräne, die rosa Linie der Rohrleitungen quer durch die Stadt, all das Improvisierte.“ Ein schwedischer Freund, der Künstler Thomas Henriksson, gründet den Kunstraum m3 in Treptow. Dieser wird nun zu ihrer Wirkungsstätte, ihrem „Trainingsraum“, wie sie sagt. Ulrika eröffnet im AltelierHaus die Amiga Bar, stellt dort aus und bekommt so Kontakt zur Berliner Kunstszene.

Die Malerei verschafft ihr Aufträge. Zwar muss sie nebenbei jobben, aber die Bilder verkaufen sich und sichern ihr ein gewisses Einkommen. Doch Ulrika Segerberg hat das Gefühl, dass sie sich allmählich von dem entfernt, was sie auf der Gerrit Rietveld Academie gelernt hatte. Sich Neuem stellen. Neuen Themen, neuen Materialien, Neuem. Dazu muss man sich von Vertrautem verabschieden, zumindest vorübergehend trennen.

Und so legt sie den Pinsel zur Seite und nimmt sich eine Nadel. Sie setzt sich an ein schier endlos scheinendes Nähprojekt. Eine Decke, ein Zelt ... egal, auf jeden Fall Pailletten, Stoffschnipsel, Schere, Nadel und Faden. Sticken. Dadurch bekommt sie ein neues Verhältnis zu Zeit. Und eine andere Sitzhaltung. Überhaupt eine andere Haltung. Zu sich, zum Umgang mit Stoff. Die Malerei ist plötzlich wie ausgeblendet. Gewänder entstehen, Skulpturen, Videos mit und ohne Gesang, Musik. Sie experimentiert, testet aus. Und sagt: „Das gehört doch alles irgendwie zusammen.“ In den Videos sind auch teilweise ihre Werke zu sehen, man hört ihre Stimme, ihre Worte.

Auf ihrem rechten Unterarm ist ein Schloss und auf dem linken ein Schlüssel tätowiert. Sie stehen sinnbildlich für die ewige Suche nach dem passenden Ausdruck und der Verwirklichung einer Idee. Letztendlich ist es der Umgang mit dem eigenen Denken, ein Zusammenspiel verschiedener Wahrnehmungsebenen, das dann in eine dreidimensionale Form mündet.

Ihre Kunstwerke stehen im Kontrast zu ihrer äußerem Erscheinung. Der sparsame Umgang mit Mimik und Gestik und der eher schlicht gehaltene Kleidungsstil unterstreichen ihre zurückhaltende Art. Wenn man dann den starken Farben und kraftvollen Objekten gegenübersteht, ahnt man jedoch, was sich im Inneren abspielt. Für ihr Umfeld ist diese Phase des Suchens und Nachspürens nicht einfach. Es ist ein zehrender Prozess, der durch Gräben von Zweifeln und Unsicherheiten führt. „Aber ich freue mich immer, wenn Ulrika mit ihrer Arbeit verschmilzt und eins ist, mit dem, was sie tut“, sagt Paul Klier, ein guter Freund und der Vater ihrer Tochter. Das setze dann eine unglaublich positive Energie frei, die alle um sie herum mit beflügele, so Klier. Der als Problem empfundene Gedanke ist ihr ewiger Auftraggeber und Motor für ihr unermüdliches Schaffen.

Während des Lockdowns zeichnet sie mit ihrer Tochter

In der Zeit des Lockdowns sucht sie nach Wegen, wie sie mit dem Zuhausebleibenmüssen umgehen kann. Sie beginnt mit ihrer achtjährigen Tochter zu zeichnen. Innerhalb eines Jahres entstehen mehr als 100 Bilder. Viele Motive ähneln denen von früher. Gibt es da noch etwas, was aufgefrischt, anders gemacht werden muss? Ulrika Segerberg bezeichnet es als einen weichen, harmonischen Prozess. Dem Betrachter kommt es so vor, als wäre ihr altes Ich zu neuem Leben erweckt worden. Brüste, Lippen, Beine, Hände. Sexualität in Pink. Fleisch eben. Nicht schockierend, nicht bewegend. Aber da. In verschiedenen Variationen. Jeden Tag eine Skizze, eine Zeichnung oder ein Gemälde. Manchmal fließen auch Ideen der Tochter mit ein. Datum rauf, weggestellt. Keine Bewertung des Resultats, nur ein Sicherstellen von Kontinuität. Jeden Tag. Genauso wie Tagebuch schreiben.

„We are desirous beings“ (Wir sind begehrende Wesen) heißt die über die Corona-Zeit entstandene Serie. 40 Bilder Öl auf Leinwand, 60 Skizzen und Zeichnungen. Das Thema: Körper, Weiblichkeit und Dualität. Ulrika Segerberg verweist auf die Physionomie des Menschen. „Wir haben nun mal von vielen Körperteilen und Organen zwei.“ Stimmt. Augen, Ohren, Arme, Beine, Brüste, Eierstöcke, Lippen. Entspannt zurückgelehnt sagt sie: „Gerade als Frau mit Mitte 40, wenn die Kinderplanung abgeschlossen ist, kommt man zu sich. Ich fühle mich selbstbestimmter, habe eine andere Ruhe, wachse ganz natürlich, kann Dinge lassen und ihnen begegnen.“

Man spürt eine Art inneren Frieden. Ulrika hat das Gefühl, im Hier und Jetzt angekommen zu sein. Sie ist stolz darauf, dass sie macht, was sie macht, dass sie inmitten ihrer Bilder sitzt, dass der Traum, den sie mit 14 Jahren hatte, wahr geworden ist, dass sie ihn leben kann, dass sie nicht aufgegeben hat, sondern immer weitergemacht hat. Sie hat gemacht, was sie am besten kann, und nun ein Recht, da zu sein, wo sie ist.

Wer jetzt neugierig auf Ulrika Segerberg geworden ist, kann sich noch bis 3. Juni ihre Installation „Dating my House“ im Rahmen der Ausstellung „decapitalize humanity“ vom Deutschen Künstlerbund in der Markgrafenstraße 67 anschauen. Ab 13. Mai sind dann noch weitere Werke im „Big Mouth Carousel“ des ZF PROJEKTRAUMs zu sehen.

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