Ungesunde Beziehung zur Technik: „Nicht nur mein Handy war tot, ich war es auch“

Eines Morgens war das Handy unserer Autorin plötzlich kaputt. Nach dem ersten Schrecken stellt sie fest: Man muss nicht jede WhatsApp lesen, um glücklich zu sein.

Das Handy und ich. 
Das Handy und ich. imago/Vasily Pindyurin

Kurz vor Weihnachten – es lässt sich auch sagen: pünktlich zur Weihnachtszeit – ging mein Handy kaputt. Es geschah genau an dem Tag, an dem morgens mein Auto nicht mehr ansprang, das, wie ich später vom herbeigerufenen ADAC-Pannenhelfer erfuhr, auch nur noch mit aufwändiger Werkstattreparatur zum Fahren hätte gebracht werden können, was sich aber bei dem Auto nicht mehr lohnen würde.

Als ich dieses morgendliche Unglück meinen WhatsApp-Gruppen und allen Handy-Kontakten mitteilen wollte, reagierte mein Handy nicht mehr. Nur der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass genau ein Jahr vorher, wieder pünktlich zur Weihnachtszeit, Waschmaschine und Geschirrspüler ausgefallen waren. An die Katastrophen all der Jahre zuvor zu erinnern, würde hier Seiten füllen und den Rahmen sprengen. Ich habe mittlerweile das unheimliche Gefühl, dass da irgendwo so eine Art „böser schlechter Weihnachtsmann“ sitzt und mit Hingabe kurz vor Heiligabend einen Schalter nach dem anderen umlegt.

Aber ich schweife ab. Mein Handy war also kaputt. Gut, mein Auto auch, aber das war halb so schlimm im Vergleich zu meinem Handy. Mit meinem Handy lebe ich nämlich in einer festen Beziehung. Mein Handy hat einen Namen und ist immer bei mir, es liegt neben mir im Bett, begleitet mich bei allen Einkäufen und Erledigungen, organisiert meine Termine, reist mit mir überall hin, hört meine Gespräche, kennt meine Geheimnisse, passt wunderbar in jede Jacke und Handtasche, wird bei unnötigem Piepen einfach stumm gestellt, kurz, ist mein ständiger und zuverlässiger Begleiter.

Es nun leblos in meinen Händen zu halten, war, wie einen eigenen kleinen Tod zu sterben. Unerreichbar für andere zu sein, selber nicht mehr kommunizierfähig, ohne Wetter-, Stau- und Weltinfos, kein Piepen, Vibrieren, Surren und Klicken mehr. Nein, nicht nur mein Handy war tot, ich war es auch.

„Ich hatte den Tag überstanden, ohne auf hundert Fotos zu klicken“

Nachdem ich mich von diesem Schock erholt hatte, fuhr ich mit dem Auto meines Mannes zur Arbeit. Wider Erwarten überstand ich den Vormittag, den Nachmittag und hatte eine lustige Heimfahrt, denn ich hörte Radio und ertappte mich beim Mitsingen längst vergessener Oldies. Erst zu Hause wurde mir bewusst, dass ich den ganzen Tag kein Piepen, Vibrieren, Surren und Klicken gehört hatte und – das war das Verblüffendste – es auch nicht vermisst hatte.

Ich hatte also den Tag überstanden, ohne auf hundert Fotos und Videos zu klicken und ohne ständig hören beziehungsweise lesen zu müssen: Wo bist du, wann kommst du, was gibt’s zum Abendbrot, gehst du noch einkaufen, bring dies und jenes mit. Es störte mich auch nicht, nicht erfahren zu haben, dass Sabine sich einen neuen Pulli gekauft hatte, Heikes Katze krank war, mein Kollege gerade ein superleckeres Eis gegessen und Michael endlich sein Traumauto gefunden hatte.

Auch die nächsten Tage überstand ich ohne Entzugserscheinungen. Ich sparte Zeit und Nerven, weil ich nicht mehr das Handy suchend auf allen Vieren durch den Garten robbte oder mit dem Festnetztelefon durchs Haus lief, um mich selbst anzurufen. Ich drehte auch nicht mehr auf halbem Weg um, weil ich es zu Hause vergessen hatte. Und ich hielt mir auch nicht mehr ständig die Handtasche ans Ohr, weil ich meinte, gerade ein Piepen, Vibrieren, Surren und Klicken vernommen zu haben.

Mir war auf einmal so leicht zumute. Und das lag mit Sicherheit nicht an dem Ding, das ich nun nicht mehr in der Tasche trug. Es lag vielmehr an dem großen schweren Rucksack, den ich voll mit Infoballast tagtäglich mit mir rumschleppte, und den ich nun endlich abgelegt hatte. Heiligabend lag für mich ein funkelnagelneues Smartphone unter dem Weihnachtsbaum. Ich freute mich sehr. Keiner aber ahnte, dass meine Freude in erster Linie einer von nun an neuen und ganz entspannten Beziehung galt.

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