Weiter entfernt von der russischen Gefahr kann man in der Ukraine nicht sein als in den Transkarpaten. Doch schon vor dem russischen Einfall hatte jeder Pläne für den Ernstfall. Als der russische Marschbefehl vermeldet wird, schallt „Beat It“ von Michael Jackson aus den Lautsprechern. Breaking News, Putin wolle Truppen „zur Stabilisierung“ in den Donbass schicken, liest Anastasia und kann es nicht fassen. „Das ist die Kriegserklärung“, sagt sie, als sie vom Handy aufblickt, während rundherum die Leute am Kaffee nippen und Himbeerkrapfen essen.

Sie sitzt an diesem Dienstag in einem der hippen Cafés von Uschgorod im äußersten Südwesten der Ukraine und wollte gerade erzählen, was ihr Plan für den Ernstfall ist. Die Grenze zur Slowakei liegt noch auf Stadtgebiet, auch nach Ungarn ist es nicht weit. Doch flüchten will sie nicht, sondern weiter in ihrem Beruf als Ernährungs- und Bewegungstrainerin arbeiten, solange es nur geht.

Auch nach der Ankündigung Putins scheint der Krieg weit weg zu sein, nicht nur geografisch – nach Kiew sind es mehr als 800 Kilometer. Am Ufer der Usch spazieren Jung und Alt durch die längste Lindenallee Europas und genießen die Wintersonne. Die Cafés und Bars im schmucken Zentrum sind voller junger Leute mit Laptops, auf der kleinen Einkaufsstraße und in der Markthalle tummeln sich die älteren. Alles wie immer, nie würde man ahnen, dass anderthalb Tage später Panzer gen Kiew rollen.

Harikrishna Narayana Swamy
Die Ukrainerin Anastasia

Späte Konferenzen des russischen Präsidenten verheißen selten Gutes

Auch wenn sich die Anzeichen auf eine Eskalation zuvor immer mehr verdichteten. Erst Putins aggressive Rede und die Anerkennung der „Volksrepubliken“ im Osten durch Russland. Hackerangriffe und Geheimdiensthinweise. Gerüchte, dass es nun so weit sei. Und Dienstag dann die erste Gewissheit, dass zumindest im Donbass gekämpft wird. Zwei Tage später fliegen Raketen auf Kiew und andere Städte, russische Panzer dringen von drei Seiten ins Land.

Florian Bayer
Gespenstische Leere in Uschgorod.

Weit weg aber von allen umkämpften Gebieten liegt Uschgorod, am Fuße der Transkarpaten. Seit vier Jahren leben Anastasia und ihre Familie in einem großen Haus am Rand der Stadt. Schon seit Wochen rufen Freunde aus Kiew an und fragen, ob sie im Fall des Falles hier unterkommen können. Sie können und werden, es gibt viel Platz.

Das monatelange Bedrohungsszenario hinterließ Spuren, erzählt sie zwei Tage vor dem russischen Überfall. Ihre beiden Söhne, fünf und 16 Jahre alt, haben Angst und können kaum noch schlafen. Der Kleinere verstehe die Zusammenhänge nicht, sagt Anastasia. „Aber er spürt, dass wir Eltern gestresst sind.“ Auch Anastasia hat tiefe Augenringe, wie so viele hat sie die letzten Nächte kaum geschlafen und wie gebannt die Nachrichten verfolgt. Spätnächtliche Pressekonferenzen vom russischen Präsidenten verheißen selten Gutes.

Yura muss seine Familie verlassen

Trotzdem wollte sie bis zuletzt ihren Alltag beibehalten. Der kleinere Sohn hat am Tag darauf Geburtstag, zu Hause ist eine kleine Party mit Freunden geplant. Und am Freitag sollte es nach Dnipro gehen, zum Inlineskating-Wettbewerb. Auch wenn viele Eltern schon nervös werden, ob das wirklich schlau ist, denn die Millionenstadt ist nur 300 Kilometer vom Donbass entfernt. Diese Frage sollte sich nicht mehr stellen.

Auch Yura, 38, hat sich auf den Krieg vorbereitet. Bis zuletzt machte er Schichten in der Onkologie eines Krankenhauses und holte danach seine Kinder von der Tagesbetreuung ab, alles wie immer. Aber Yuras gepackter Rucksack steht seit Wochen bereit im Flur. Wenn er einen Anruf bekommt, muss er binnen zwei Stunden zum örtlichen Armeehauptquartier. Denn er hat sich schon vor drei Jahren bei der Armee gemeldet. Als Reservist.

Er wolle seine Familie verteidigen, sagt er. „Meine Frau findet das ganz und gar nicht gut, aber sie versteht mich.“ Dass es zwei Tage später schon dazu kommen würde, konnte er nicht ahnen, doch Präsident Wolodomir Selensky ließ die gesamte Reserve von mehr als 200.000 Männern und Frauen einberufen. Für Yura heißt es, Frau und Kinder verlassen. Wo er eingesetzt wird, weiß er noch nicht. Er hofft, auch in der Armee als Arzt arbeiten zu können.

Hari will zurück nach Indien

Einer seiner früheren Kollegen aus dem Krankenhaus in Uschgorod ist Hari. Er stammt aus Indien und studierte in Luhansk Medizin, bevor 2014 der Krieg ausbrach und er plötzlich zwischen die Fronten geriet. Viele seiner indischen Freunde verließen das Land. Manche zu spät, einige von ihnen wurden in der dort ausgerufenen „Volksrepublik“ erschossen, wie er erzählt.

Florian Bayer
Eine Szene aus Uschgorod

„Für umgerechnet ein paar Dollar konnte man sein Leben verlieren, wenn man an die falschen Leute geriet“, sagt Hari. Er ging zunächst nach Kiew, wo es sicher war. Dann gab es die Möglichkeit, in der Westukraine weiter zu studieren. Er entschied sich für die Stadt Uschgorod, lernte seine heutige Frau kennen – und blieb.

Mittlerweile ist er bestens hier verankert, ständig grüßen ihn Bekannte. Er spricht fließend Ukrainisch und arbeitet heute vor allem als Hochzeitsfotograf. Immer wieder macht er auch Dokumentarfotografie, etwa in einem Haus für Kriegswaisen. Die Medizin hat er einstweilen an den Nagel gehängt – die Arbeit als Onkologe, sagt er, war ihm irgendwann zu bedrückend. Seine ukrainische Frau arbeite ebenfalls im Krankenhaus, das reiche um die kleine Familie – sie hat eine Stieftochter, zehn Jahre alt– zu ernähren.

Harikrishna Narayana Swamy
Der Inder Hari will zurück in die Heimat.

Erst wollte Hari in Uschgorod bleiben. Nicht um zu kämpfen, aber als Arzt, er habe auch Erfahrung als Notfallmediziner. „Da wäre ich viel nützlicher als an vorderster Front.“ Der Krieg ist weit weg, aber er kommt täglich näher. Nach Tagen der Ungewissheit die Entscheidung, nach Indien auszureisen, seine frühere Heimat. In den nächsten 48 Stunden soll ein Auto der Botschaft kommen und Hari und Familie nach Budapest bringen. Von dort geht es auf die andere Seite der Welt. Er hofft aber auf eine baldige Rückkehr nach Uschgorod, sobald es wieder sicher ist: „Meine Freunde, meine Arbeit, alles ist hier.“

Auch Vlasta würde kämpfen

Nicht weit vom Stadtzentrum, in einem großen Amtsgebäude aus sowjetischer Zeit, beantwortet Vlasta R. pausenlos Anrufe. Sie ist Gründerin der Organisation „Freiwillige von Transkarpatien“, die sich um zurückgekehrte Kriegsveteranen kümmern, etwa mit Reha oder Programmen zur Wiedereingliederung. Momentan kümmern sich aber alle um Geldspenden und Ausrüstung für die aktiven Streitkräfte.

„Tarnnetze brauchen wir dringend. Nur zwei Firmen in der ganzen Ukraine produzieren die“, sagt sie einem Anrufer, der helfen will. Aber auch Bandagen, Bettwäsche, warme Kleidung werden gerade gebraucht. Vlasta oder eine ihrer Kolleginnen bringt die Sachen fast täglich zum Stützpunkt der 128. Brigade, nicht weit von Uschgorod. Dort sagt man ihr auch, was gerade gebraucht wird.

Harikrishna Narayana Swamy
Die Ukrainerin Vlasta

„In den letzten Wochen waren alle sehr aktiv, jeder will etwas tun“, sagt Vlasta zwischen zwei Anrufen. Hinter ihr stehen drei Beatmungsgeräte, die für eine Post-Covid-Reha von Veteranen zum Einsatz kommen sollen. Die Einrichtung des schmucklosen Büros, von der Kaffeemaschine bis zum Drucker, stammt von US Aid, dem größten Geldgeber der Organisation.

Angst habe sie keine, sie hat bereits früher an der Front mitgeholfen, etwa Essen ausgegeben. Wenn es nötig werden sollte, werde auch sie das Land verteidigen. Kampferfahrung hat sie noch keine. Ihr Mann schon. Er war in der Oblast Luhansk im Einsatz, wo 2014 heftige Kämpfe tobten. Er wurde verletzt, sagt sie den Tränen nahe, ohne konkreter zu werden.

Seitdem müsse sie für ihn sorgen, und um ihre drei Kinder. An diesem Morgen, einen Tag vor Kriegsbeginn, fuhr ihr kriegsversehrter Mann zum Büro der lokalen Streitkräfte. Um ihnen zu sagen, dass er zur Verfügung steht und wieder kämpfen will.

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