Vergesellschaftung, Gemeinwohl, Gewinnverteilung – was von der DDR zu lernen ist

Unser Gastkommentator gehörte zu den Wirtschaftslenkern im Osten. Er macht Vorschläge, welche Erfahrungen für künftige Entwicklungen nutzbar wären.

Nicht nur zu Zeiten der Leipziger Messe ließ sich das Leben genießen: Eine Kaffeepause vor dem Goethedenkmal in Leipzig in den 1970er-Jahren.
Nicht nur zu Zeiten der Leipziger Messe ließ sich das Leben genießen: Eine Kaffeepause vor dem Goethedenkmal in Leipzig in den 1970er-Jahren.imago/Walter Rudolph

Ihre Betriebe waren abgewickelt oder privatisiert, das sozialistische Wirtschaftsmodell am Ende. Für die Erfahrungen und den Sachverstand der DDR-Wirtschaftselite interessierte sich in den ersten 20 Jahren nach der Wende kaum jemand. Vor zehn Jahren begannen die einstigen Professoren von Forschungsinstituten und Generaldirektoren der früheren Kombinate, riesigen Unternehmen mit Zehntausenden Mitarbeitern, ihre Geschichten zu sammeln und zu veröffentlichen.

„Jetzt reden wir“, heißt ein Buch, das als Ergebnis der vom Rohnstock-Erzählsalon initiierten Veranstaltungsreihe entstand. Maßgeblich daran beteiligt war Uwe Trostel, Jahrgang 1941, in der DDR unter anderem Vorsitzender der Bezirksplankommission Magdeburg und später Leiter der zentralen staatlichen Inspektion für Investitionen bei der Staatlichen Plankommission der DDR.

Er hat seine Erinnerungen in dem Bändchen „Die DDR-Wirtschaft – Nach 40 Jahren Realität folgen Jahre des Mythos. Gedanken für morgen“ aufgeschrieben und argumentiert, warum aus seiner Sicht die DDR-Wirtschaft ein leistungsfähiges System war. Er tut es auch in der Absicht, die jetzt wieder hochaktuelle Debatte um Vergesellschaftung, Gemeinwohl und Planung großer gesellschaftlicher Vorhaben zu ergänzen. Wir veröffentlichen leicht gekürzt das resümierende Schlusskapitel. (Maritta Tkalec)

Uwe Trostel: „Die DDR-Wirtschaft war entwickelt und effizient“

Die DDR verfügte – entgegen der gängigen Behauptungen aus dem meist sachfernen und kenntnisarmen bundesdeutschen Nachwende-Mainstream – über eine entwickelte und effiziente Wirtschaft. Sie erreichte in ununterbrochener Folge jährliches Wachstum, verkaufte ihre Erzeugnisse weltweit, hatte nie unter Absatzkrisen zu leiden und erfüllte bis zum 30. Juni 1990 alle Verpflichtungen im In- und auch im Ausland.

Natürlich hatte die DDR-Wirtschaft auch eine Vielzahl von Problemen, die sie jedoch nicht nur selbst verursacht hat. An erster Stelle sei das westliche Embargo genannt, wonach sie von westlichen Spitzentechnologien ausgeschlossen war. Aber auch die Reformunfähigkeit im Inneren, eine unsinnige Preispolitik, tendenziell sinkende Investitionsraten, geringe Leistungsfähigkeit der Wirtschaft osteuropäischer Länder und andere führten zu erheblichen Problemen.

Uwe Trostel, geboren 1941, arbeitete zu DDR-Zeiten in leitender Funktion in der Staatlichen Plankommission. Er ist heute zweiter Vorsitzender des Vereins zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und biografischen Erzählens e.V.
Uwe Trostel, geboren 1941, arbeitete zu DDR-Zeiten in leitender Funktion in der Staatlichen Plankommission. Er ist heute zweiter Vorsitzender des Vereins zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und biografischen Erzählens e.V.Berliner Zeitung/Volkmar Otto

Die Einführung der DM mit der daraus resultierenden Verteuerung ihrer Erzeugnisse und dem damit verbundenen Verlust nahezu aller Märkte sowie das Wirken der Treuhandanstalt führten zum Zusammenbruch ganzer Branchen und einer großen Zahl von Unternehmen. Alternativen, die auf ein Überleben zumindest großer Teile der Wirtschaft der DDR in der wiedervereinigten BRD gerichtet waren, gab es, sie waren aber nicht gewollt.

Die DDR-Wirtschaft beruhte auf völlig anderen Grundlagen und Triebkräften als die unter kapitalistischen Bedingungen funktionierenden Wirtschaften. Insofern ist die Fragestellung doch gerechtfertigt, ob es Erfahrungen und Erkenntnisse dieser Wirtschaft geben kann, die für künftige gesellschaftliche und politische Entwicklungen eine Rolle spielen könnten. Solche Erfahrungen gibt es zuhauf. Natürlich wird es keine Wiederholung der DDR-Wirtschaft geben, die Entwicklung auf allen Gebieten ist viel zu weit fortgeschritten.

Nicht nur Privateigentum kann effektiv wirtschaften

Eine der Kernaussagen des Neoliberalismus, wonach nur Privateigentum effektiv zu wirtschaften in der Lage sei, wurde durch die DDR-Wirtschaft vollständig und überzeugend widerlegt. Damit steht die DDR-Wirtschaft auch als Warnung vor der Vielzahl Privatisierungsforderungen, die durch Vertreter des Neoliberalismus ständig erhoben werden und die in der Vergangenheit zu unsäglichen Verhältnissen (Privatisierungen im Gesundheitswesen, in der Wohnungswirtschaft und so weiter) geführt haben.

Vergesellschaftetes Eigentum bietet ideale Voraussetzungen für eine Vielzahl weiterer positiver Verhältnisse, die vor allem in sozialer Sicherheit, Übereinstimmung mit den Anforderungen der Natur und der Sicherung des Friedens stehen. Allein die Verwirklichung des Rechtes auf Arbeit und die völlige Abwesenheit von Arbeitslosigkeit ist als besonderer Vorzug dieser Eigentumsform charakteristisch und unter rein kapitalistischen Verhältnissen undenkbar.

Vergesellschaftetes Eigentum bietet darüber hinaus Existenzmöglichkeiten auch für privates Eigentum in einer Vielzahl von Bereichen. Für künftige Entwicklungen erscheint es bedeutsam, das vergesellschaftetes Eigentum insbesondere dort fungiert, wo es um die Befriedigung gesamtgesellschaftlicher Erfordernisse geht.

Wirtschaftliche Tätigkeit unter kapitalistischen Bedingungen strebt nach maximalem Gewinn für die Kapitaleigner. Der gesamte betriebliche Produktions- und Reproduktionsprozess wird diesem Erfordernis untergeordnet. Die DDR-Wirtschaft hat den Nachweis geführt, dass gesamtgesellschaftliche Bedürfnisse und eben nicht Profit Ausgangspunkt von Produktion und Reproduktion sind.

Damit kann eine Situation herbeigeführt werden, in der die Wirtschaft dem Wohle der gesamten Gesellschaft dient und nicht dem Profit der Aktionäre. Somit bestehen auch Voraussetzungen, zentralen Aufgaben wie Friedenssicherung und Abrüstung, Beherrschung des Klimawandels, Bekämpfung von Pandemien und weltweiter Armut besser zu entsprechen als unter unter privatkapitalistischen Verhältnissen.

Für Weiterleser
Die Broschüre: Hefte zur DDR-Geschichte, Uwe Trostel, „Die DDR-Wirtschaft – Nach 40 Jahren Realität folgen Jahre des Mythos. Gedanken für morgen“. Berlin 2022

Zu beziehen: Interessenten wenden sich bitte an info@rohnstock-biografien.de, Tel.: 030-40 50 43 30

Kosten: Gegen eine Schutzgebühr von 5 Euro kann die Broschüre als PDF-Datei versendet werden.

Gleiches gilt für elementare Lebensbedürfnisse wie bezahlbares Wohnen, Gesunderhaltung unabhängig vom Einkommen, umweltfreundliche Energieversorgung und andere, insbesondere infrastrukturelle Leistungen. Einnahmen werden vollständig für die vorgesehene Bestimmung eingesetzt, ohne dass Profit abgezweigt wird.

Auch unter Bedingungen vergesellschafteten Eigentums sind hohe Effizienz und Rentabilität zu gewährleisten. Gewinn ist dabei eines der entscheidenden Kriterien, aber eben nicht mehr Ausgangspunkt aller wirtschaftlicher Überlegungen.

Gewinne gehören der Gesellschaft

Vergesellschaftetes Eigentum ermöglicht und erfordert, dass Gewinne der gesamten Gesellschaft und nicht einer kleinen Gruppe von Investoren zur Verfügung stehen. Sämtliche Gewinne wurden sozialisiert und zur Lösung gesamtstaatlicher Erfordernisse beziehungsweise für die erweitere Produktion und für soziale Aufgaben in den Betrieben eingesetzt.

Damit wird ein möglichst hoher materieller Lebensstandard sowie ein hohes kulturelles Niveau aller Bürger gewährleistet. Armut, Obdachlosigkeit, niedriges Bildungsniveau, Kriminalität werden durch sinnvollen Einsatz der vergesellschafteten Gewinne zurückgedrängt beziehungsweise völlig vermieden.

Grundlegende gesellschaftliche Entwicklungsprozesse erfordern eine strategische und langfristige Planung auf wissenschaftlicher Basis. Das betrifft beispielsweise den Klimawandel, die Energieversorgung, zentrale Wirtschaftsbranchen wie die Mikroelektronik oder die Entwicklung des Lebensstandards. Dem Staat fällt die Aufgabe zu, die Aufgaben zeitlich und inhaltlich zu konkretisieren, Verantwortlichkeiten klar zuzuweisen und die Prozesse zu unterstützen.

Die DDR-Wirtschaft arbeitete mit einem System von langfristiger, mittelfristiger und kurzfristiger Planung, koordiniert durch den Staat. Vergesellschaftetes Eigentum war dafür eine wesentliche Grundlage, andererseits erforderte vergesellschaftetes Eigentum einen solchen Planungsprozess. Das dilettantische Herangehen an den derzeit anstehenden Energiewandel zeigt die Notwendigkeit einer solchen strategischen Planung. Ihr völliges Fehlen führt gegenwärtig zu chaotischen Erscheinungen.

Die DDR-Wirtschaft hat nachgewiesen, dass die Dominanz des Geldes und die Totalität der Warenwirtschaft im kapitalistischen System aufgebrochen werden kann. Gesellschaftliche und soziale Belange erhalten Priorität vor den Erfordernissen der kapitalistischen Geld- und Kapitalwirtschaft.

Der Wirkungskreis einer uneingeschränkten Warenwirtschaft wird eingeschränkt; Grund und Boden, Einrichtungen der sozialen Infrastruktur, Unternehmen und so weiter sind keine profitabel handelbaren Waren. Ware-Geld-Beziehungen werden jedoch weiterhin genutzt und sind entscheidend für hohe Effizienz und Rentabilität wirtschaftlicher Tätigkeit.

Hohe Managergehälter führen zu Spaltung der Gesellschaft

Generaldirektoren erhielten eine monatliche Vergütung von maximal 3000 Mark der DDR, ihre Stellvertreter etwa 500 Mark der DDR weniger. Das entsprach etwa der drei- bis fünffachen Höhe eines Mitarbeiters des Kombinates, welches in nicht wenigen Fällen mehr als 20.000 Menschen beschäftigte. Heute bekommen Spitzenverdiener großer Konzerne ein monatliches Einkommen von 650.000 bis 800.000 Euro pro Monat. Das ist das 150- bis 200-fache eines Mitarbeiters. In Einzelfällen liegen diese Größenordnungen noch weit darüber.

Das Einkommen der Generaldirektoren der DDR-Kombinate brachte auch die Akzeptanz, Wertschätzung und Anerkennung der Leistungen Millionen andere Werktätiger zum Ausdruck. Erhält ein Manager hundert- oder gar zweihundertmal mehr Salär als der durchschnittliche Angestellte, trägt das wesentlich zur Spaltung der Gesellschaft bei. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Auch auf diesem Gebiet hat die DDR-Wirtschaft also Maßstäbe für eine sozial gerechte Gesellschaft gesetzt.

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