Lässt sich mit Unterhaltungsfernsehen ein gesellschaftlicher Diskurs anstoßen? Das ZDF versucht das seit einem Jahr mit seinen Instant-Fiction-Serien. Kann man als mitwirkender Schauspieler auf diese Weise politisch konstruktiv und gesellschaftlich wirksam werden – jenseits der PR-Katastrophe #allesdichtmachen? Daniel Donskoy würde das bejahen. Er spielt in der ZDF-Instant-Fiction-Serie „Schlafschafe“ einen jungen Familienvater, der seine Frau an die Querdenker- und Verschwörungsszene zu verlieren droht. Darüber hinaus ist er so etwas wie ein Mann der Stunde: als Schauspieler, Talkshow-Host der ersten jüdischen Late Night „Freitagnacht Jews“ und als Musiker. Zum Interview erreichen wir ihn in Köln. Gerade hat er zwei Serien abgedreht und freut sich auf den wohlverdienten Urlaub.

Herr Donskoy, glauben Sie, dass Instant-Fiction-Formate wie „Schlafschafe“ oder die gerade mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Serie „Drinnen“ in einer gesellschaftlichen Krisenlage, wie wir sie seit einem Jahr erleben, das Publikum besser erreichen als konventionelle Formate?

Daniel Donskoy: Ich freue mich zunächst mal darüber, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit solchen Formaten moderner wird und auch junge Leute anspricht. Aktuelle Themen werden ja bei der Zielgruppe vor allem auf den sozialen Medien wahrgenommen. 

Ich habe aus „Schlafschafe“ auch Innenansichten und Informationen gezogen, die ich vorher nicht hatte, etwa dass Querdenker*innen Rauchmeldern misstrauen und durchaus spezielle Schutzmasken nutzen. Kann Instant Fiction auch Information?

Wir wollten ja kein Faktenfernsehen machen, wollten aber durchaus Innenansichten aus der Querdenker*innen-Szene liefern. Gleichzeitig wollten wir nicht mit dem Finger auf diese Leute zeigen, sondern auch Motive aufdecken, warum manche Menschen darauf einsteigen. Melanie will ja, wie Lars auch, vor allem das gemeinsame Kind schützen. „Schlafschafe“ ist natürlich zum Teil ein kritisches Kommentar-Stück, aber vor allem ein möglichst authentische Porträt eines Paares in Corona-Zeiten, möglichst nah an den Charakteren erzählt.

Foto: Markus Wächter
Zur Person

Daniel Donskoy, geboren in Moskau, lebte und arbeitete in Deutschland, den USA, Israel und London. Seit 2011 pendelt er zwischen Berlin und London. Er spielte bei RTL „Sankt Maik“, trat im Tatort Dresden und im Tatort Niedersachsen vor die Kamera und wurde für den Bayerischen Filmpreis und den Deutschen Comedypreis nominiert. Es folgten eine Hauptrolle in Dror Zahavis Kinofilm Crescendo sowie internationale Produktionen wie die US-Action-Serie Strike Back und der Netflix-Hit „The Crown“. Gerade hat Donskoy die ZDF-Event-Serie „Der Palast“ und die TVNOW-Serie „Faking Hitler“ abgedreht. Zu „Dinner und Diskurs“ lädt Daniel Donskoy seine Gäste seit April in die Late Night Talkshow „Freitagnacht Jews“ ein. Im Mai startete die ZDFneo-Serie „Schlafschafe“, in der Donskoy die Hauptrolle spielt. Auch als Musiker ist er erfolgreich, mit R&B und Soul. 

Instant Fiction wird laut ZDF in einem „beschleunigten Produktionsprozess“ realisiert, um schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren zu können. Wie muss man sich Ihre Arbeit an einer solchen Instant-Fiction-Produktion vorstellen? Was passiert da am Set?

Es ist schon eine besondere Art zu arbeiten. Wir haben bei „Schlafschafe“ alles mit einer Kamera gedreht. Die war den ganzen Tag ganz nah an den Charakteren dran. Die Szenen wurden nicht in tausend Einstellungen aufgelöst und es wurden auch keine großen Sets gebaut. Alles war schnell und gleichzeitig intim wie in einem Kammerspiel. Bei vielen Szenen sind wir auch ins Improvisieren gekommen. Wir haben quasi permanent gespielt, und der Kameramann Sebastian Bäumler war total agil mit uns im Spiel. Die Einstellungsgrößen änderten sich sehr schnell von einer Nahen bis zur Totalen. Als Schauspieler fühlt man sich dabei immer so etwas on the edge, weil man nie genau weiß, wo die Einstellung beginnt und wo sie endet. Grundsätzlich basiert das Skript zu „Schlafschafe“ auf dem Buch „Angela Merkel ist Hitlers Tochter“ von Christian Alt und wurde von Matthias Thönissen (Buch und Regie) und Zarah Schrade (Buch) entwickelt.

Instant Fiction

Instant Fiction ist ein neues Genre, das bei ZDFneo entwickelt wurde, um schnell auf aktuelle Themen reagieren zu können. Die einzelnen Episoden sind kurz, oft nur 10 bis 20 Minuten lang. Formatbeispiele sind „Schlafschafe“ und „Drinnen“, das gerade mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Im Juli startet mit „Loving Her“ die nächste Instant-Serie über eine junge lesbische Frau, die infolge der Corona-Krise zurück zu ihren Eltern zieht. Entwickelt und gedreht wird Instant Fiction mit geringem technischen und ausstatterischen Aufwand. Bei „Drinnen“ war die Hauptdarstellerin Lavinia Wilson auch für Maske, Kostüm, Requisite, Licht und Kamera verantwortlich. Das Bayerische Filmzentrum bot bereits eine Fortbildung zu Instant Fiction an.

Tatsächlich wirkt das Spiel in „Schlafschafe“ an manchen Stellen sogar dokumentarisch. Hilft diese Art zu drehen, sich in den Alltag der Figuren besser hineinzufühlen?

Diese Art zu drehen vermittelt eine Frische, Authentizität und Ehrlichkeit. Fast findet man sich im echten Leben wieder. Es hat mir großen Spaß gemacht, so zu arbeiten. Ich konnte mich ganz auf meine Rolle, den Familienvater Lars, dem seine Frau entgleitet, konzentrieren. Zudem konnten wir alle, das ganze Team, beim Dreh ja auch auf eigene Erfahrungen – Zweifel an den Corona-Maßnahmen der Regierung, Diskussionen in Familie und Freundeskreis – zurückgreifen.

Glauben Sie, dass TV-Formate wie „Schlafschafe“ in gesellschaftlichen Krisen konstruktiv wirksam sein können? Vielleicht auch als Alternative zu der erratischen und missglückten Aktion #allesdichtmachen?

Ich möchte jetzt nur ganz persönlich für mich sprechen: Als Schauspieler habe ich eine große gesellschaftliche Verantwortung, besonders wenn ich mich in die sozialen Medien begebe. Ich versuche dort eine junge Zielgruppe zu erreichen – eine Zielgruppe, die die Politik gerade verliert und die das öffentlich-rechtliche Fernsehen bereits größtenteils verloren hat. Die Jungen holen sich ihre aktuellen Informationen oft aus den sozialen Medien und dort herrscht mitunter eine toxische, schreckliche Schnelllebigkeit, die einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung über Konflikte eher schadet. Das haben wir gerade wieder beim aktuellen Nahost-Konflikt erlebt, wo die Diskussion aufgeladen war mit Islamfeindlichkeit und Antisemitismus. Gerade hatte ich auf meinem Instagram-Profil einen Livetalk mit jüdischen Jugendlichen, deren Erfahrungen erschütternd waren. Ich versuche, aus meiner Lebenserfahrung heraus zu handeln. Ich habe in fünf verschiedenen Ländern gelebt, musste mich immer wieder anderen Kulturen anpassen und weiß inzwischen, wie fragil das Konzept der eigenen Identität ist. Ich liebe es, genau dieses Thema in meiner Kunst zu verhandeln. Diese Erfahrung möchte ich mit meiner Arbeit als Schauspieler, mit meiner Arbeit als Musiker, als Autor, wirksam machen. Wenn die Kolleg*innen von #allesdichtmachen glauben, alles richtig gemacht zu haben, dann war es in ihrer Perspektive vielleicht so. Ich denke aber, sie sollten sich Gedanken über den gesellschaftlichen Aufschrei machen, den sie ausgelöst haben.

In einer Radiosendung haben Sie kürzlich gesagt: „Ich bin froh, jetzt stärker in gesellschaftskritische Projekte hineingehen zu können“. Welche Projekte sind das?

Ich habe im vergangenen Jahr den Kinofilm „Crescendo“ gemacht über die Konflikte in einem jüdisch-palästinensischen Orchester. Der Film lief vor dem Lockdown nur kurz im Kino und jetzt auf VOD. Dann moderiere ich gerade beim WDR die erste jüdische Late Night, „Freitagnacht Jews“. Dabei geht es um Identitätsthemen und um die Bedeutung des Jüdischseins im heutigen Deutschland. Bei dem Format arbeiten wir mit Perspektivwechseln. Während ich mit meinen Gästen bei einem Dinner diskutiere, sitzen die Zuschauer*innen förmlich mit am Tisch und tauchen in das jüdische Leben in Deutschland ein. Kürzlich habe ich die sechsteilige Streaming-Serie „Faking Hitler“ abgedreht, mit Lars Eidinger als STERN-Journalist Heidemann und Moritz Bleibtreu als Kujau, den Kunstfälscher. Da steht quasi die Mutter aller Fake-News im Nachkriegsdeutschland im Mittelpunkt, die Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher. Mit Uli Edel habe ich gerade die sechsteilige Serie „Der Palast“ zuende gedreht, einen Film über den Friedrichstadt-Palast. Ich spiele einen britischen Choreografen, der ein neues Projekt für das Haus entwickeln soll. Vor dem Hintergrund der schicksalhaften Geschichte von Zwillingsschwestern – mit Svenja Jung in der Doppelrolle – dreht sich die Serie auch um die deutsche Teilung und die Themen Zensur und Kunstfreiheit.

Wie waren denn die gesellschaftlichen Reaktionen auf „Schlafschafe“? Auf der re:publica berichteten Sie vor kurzem von heftigen Anfeindungen.

Der rechte und der linke Rand wird ja teilweise über bestimmte Portale mobilisiert. Dort ist doppelt aufgestoßen, dass ich einerseits mit „Freitagnacht Jews“ eine Sendung über jüdisches Leben in Deutschland mache und andererseits mit „Schlafschafe“ eine Reihe über Verschwörungstheorien gedreht habe. Teilweise ist ja dieses Verschwörungsgedankengut auch antisemitisches Gedankengut. Da passte es natürlich einigen Menschen ins Konzept, dass ich selbst auch Jude bin. Hassmails habe ich aber bereits in meiner Rolle als „Sankt Maik“ bei RTL erhalten, als mir Leute Blasphemie vorwarfen und meinten, dass ich mir das als Jude nicht erlauben könne. Was die Leute mir aber jetzt zuschicken, ist extrem und krass: Reichskriegsflaggen, Hitlerbilder. Dazu schicken mir Menschen, die mich auf die Gefahr hinweisen und schützen wollen, Screenshots von Hass-Postings. Es scheint noch eine Menge Bürger in diesem Land zu geben, die gerne wieder regelmäßig Züge nach Auschwitz fahren sehen wollen.

„Schlafschafe“ versucht ja auch, die Motive der Verschwörungstheoretiker*innen nachzuvollziehen und darzustellen. Sind diese heftigen Reaktionen vielleicht ein Beleg dafür, dass eine empathische Auseinandersetzung mit diesem Milieu gescheitert ist?

Das glaube ich nicht. Von solch einer kritischen Produktion werden sich immer Leute angegriffen fühlen. Das allein ist noch kein Beleg für den Erfolg oder Misserfolg eines Projekts. Als „Schlafschafe“ herauskam, habe ich auf meinem Instagram-Kanal ein Interview mit der Sozialwissenschaftlerin Pia Lamberty geführt, die über Verschwörungstheorien forscht. Sie hat bestätigt, dass es Sinn machen kann emphatisch auf Verschwörungstheoretiker zuzugehen. Aber das allein reicht nicht. „Schlafschafe“ ist ein guter erster Aufschlag und wir müssen jetzt sehen, was wir daraus lernen können. Aber solche Prozesse müssen auch fach- und sachkundig moderiert werden, da braucht man Expert*innen. Ich selbst gehe zwei- oder dreimal in der Woche auf meinem Instagram-Kanal in medias res und diskutiere mit Followern über solche Themen. 

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