Der Weg mit dem Fahrrad zu meiner Freundin Laura wäre überwindbar, aber die eigene Faulheit ist es viel zu selten. Wohnt eine Freundin nicht im selben Kiez, wird es kompliziert mit regelmäßigen Verabredungen. Berlin-Phänomen.

Schaffe ich es endlich, alle Widerstände des Alltags zu überwinden und nach Prenzlauer Berg zu radeln, können Laura und ich uns in die geimpften Arme fallen und es schön haben: Wir können alle anstehenden Themen in großen Assoziationsketten durchhecheln, einander ohne maskuline Maßregelung unterbrechen, problemlos verlorengegangene Gedanken wiederfinden, einhellige Übereinstimmung haben und uns durch ein erbauliches Gemeinschaftsgefühl drei Zentimeter größer fühlen: Wie habe ich das vermisst! Tempo, Energie, Inspiration! Freunde sind das Größte!

Jeder zweite Pärchen-Urlaub ist sowieso für die Tonne

Ich frage Laura, was man Ende des Sommers fragt: „Wie war dein Urlaub?“ „Geht so … eigentlich richtig blöd. Nur gestritten.“ Ich unterbreche an dieser Stelle gleich mal, denn mit Anfang 40 wissen wir: Jeder zweite Pärchen-Urlaub ist für die Tonne. Der Tonnenurlaub ist der Preis, den man zahlen muss, damit der nächste Urlaub wieder gut wird. Hohe Erwartungen und unausgesprochene Bedürfnisse sollen sich ausgerechnet in Hotelzimmern, Ferienapartments oder Campingbussen erfüllen. Am besten ganz schnell: Zwei Wochen müssen reichen. Danach Hamsterrad und die verheißungsvolle Vision einer Zeit voller Muße, weil keine Care-Verpflichtung mehr – oder endlich in Rente.

Laura also mit toxischer Gemütslage in einer ausgeborgten Datsche in der Uckermark. Die Portokasse für „richtigen“ Urlaub war knapp, sicherlich auch ein Grund für die schlechte Stimmung im „Beziehungszwischenraum“ (wie die Paartherapeuten sagen). Ich tröste schwach: Deutschland-Reisen sind im Trend, Laura muss sich also nicht als Versagerin fühlen, sondern kann zumindest behaupten, sie sei wegen der Pandemie hiergeblieben. Eine Notlüge gegen die Scham, wenn man sich widerwillig fremde Urlaubsfotos von der Algarve ansehen muss.

Das Problem, das das ohnehin schon fragile Setting von Laura bedrohte, war aber ein unerwartetes. Nämlich ein Hund. Genau genommen der Hund der Datschen-Nachbarn: Berliner, die vielleicht tatsächlich aus pandemie-idealistischen Gründen nicht nach Mallorca, Portugal oder Griechenland gereist sind. Die Nachbarn freuten sich: Endlich mal wieder gute Gespräche bei Rotwein über die Lage der Nation, gemeinsame Radausflüge zum See, vielleicht sogar ein kleiner Inter-Ehepaar-Flirt – unter Freunden, wirklich harmlos. So fangen doch die guten Filme an. Aber der Hund …

Als Grundschullehrerin ist Laura ein beherztes Alphatier

Der Hund ist aus Ungarn. Natürlich kein Tierheim-Hund aus Berlin-Falkenberg, die Geste braucht Wumms und eine lange Reise. Na gut, retten wir eben Hunde vor Viktor Orban. Optisch ganz niedlich, ein knappes Jahr, kein Baby mehr, eher ein Teenager. Störrisch, unbeständig, hoffentlich noch beeinflussbar. Der Hund bellt, knurrt und schnappt. Unentwegt. Was er wohl hinter sich hat? Empathielose Menschen, die ihn bei der Futtersuche unterm Tisch wegtreten? Unbehandelte Ohr-Infektionen? Brutale Attacken von stärkeren Straßenhunden? Womöglich eine Kette in der neuralgischen frühkindischen Prägungsphase. Begleitet wird diese traurige Hundekindheit von einer großen (der Spezies Hund innewohnenden) Sehnsucht nach einem Freund: dem Menschen.

Jetzt hat er ihn gefunden. Endlich ein Freund. Hund sucht nun hilflos und grimmig seine Position im neuen Rudel Uckermark. Meine Freundin Laura ist ein beherztes Alphaltier, weil Grundschullehrerin. Sie sagt in scharfem Ton „Aus!“, wie man das bei Hunden eben macht, wenn sie ein Kind anknurren. Die Nachbarn rufen: „Wir sagen nicht Aus, das ist nicht zeitgemäß, wir sagen Ruuuhiiiiig!“ Sanft. Einfühlsam. Der Hund ist traumatisiert und muss sich wohlfühlen. Nur wenn er Vertrauen aufbaut, kann er sich in der Gruppe einfinden.

Wenn der Hund bellt, wird er nicht ausgeschimpft, sondern bekommt ein Leckerli. Als Wiedergutmachung für seine innere Not. Positive Umlenkung. Laura und damit im Nachgang auch ich bekommen eine Schulung in politisch korrekter Hundesprache. Was man wann, wie zum Hund sagen darf und was ein No-Go ist. Ich schnorre vom Nachbartisch eine Zigarette und kann es nicht fassen: „politisch korrekte Sprache“ bei Hunden? Belohnung fürs Bellen? Das kann nicht gut gehen. Es soll neuerdings ja sogar Literatur dazu geben. Vielleicht von Jesper Juul? Womöglich ein Frühwerk, zu Lebzeiten nie veröffentlicht – jetzt passend zum Pandemie-Hunde-Boom von den Nachlassverwaltern frisch verlegt? Die Umgangsformen haben sich also dem Zeitgeist angepasst, auch bei Tieren.

Ich selbst bin mit Hunden groß geworden. Mizu, Janosch, Yuk, Yoki, Iska, Willy. Aus!, Fuß!, Platz!, Bleib! Die Kommandos meiner Kindheit haben mir die bedingungslose Liebe vieler Vierbeiner beschert, die, so fern ich das beurteilen kann, ganz glücklich waren. Interessant ist, dass Hierarchie bei Rudeltieren gar nicht mit einer Wertung verbunden ist. Sie ist wichtig, aber neutral.

Was wäre ein Chef ohne seine Mitarbeiter? 

Im hochkomplexen Gefüge eines Rudels hat jeder seinen organischen Platz, es gibt Arbeitsteilung je nach Qualifikation. Jeder ist wichtig. Was wäre ein Chef ohne seine Mitarbeiter? Seine Kommandos würden von der Leere im Büro verschluckt. Laut Handelsblatt vom vergangenen November sieht der Alltag eines durchschnittlichen Menschen-Chefs so aus: Er arbeitet 47,5 Stunden pro Woche für seine GmbH, hat über 37 Mitarbeiter, ist männlich und 52 Jahre alt. Zur Firma fährt er mit seinem Dienstwagen, gern mit einem Audi A6 oder einem BMW X5. Er verdient im Schnitt 178.000 Euro Brutto jährlich.

Das restliche Rudel der deutschen Arbeitnehmer verdiente laut Statistischem Bundesamt 2020 im Schnitt 47.700 Euro brutto. Den Alltag von ihnen kennen die Allermeisten. Arbeitnehmerinnen verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen, diesen ungemütlichen Fakt verdrängen wir aber – gerne auch innerhalb der Beziehung – lieber. Kein Wunder also, dass wir Menschen denken, ganz nach oben zu müssen. Was wäre, wenn der, der im Chefsessel sitzt, auch nur das Privileg bekäme, als erstes vom Gleichen zu fressen? Sind Rudeltiere Kommunisten?

Ohne eine Bewertung der Stellung im Rudel wären wir Menschen womöglich glücklicher, denn dann könnte jeder das tun, was er am besten kann. Die Betas und Gammas dieser Welt hätten den elendigen Druck von der Backe. Und die Chefs wären den Neid los. Wir könnten alle voller Eintracht auf der Waldlichtung sitzen, die Schnauzen ins Mondlicht halten und gemeinsam heulen.

Meine Freundin Laura hat – der Urlaub war ja ohnehin schon im Eimer – übrigens ein Zerwürfnis mit den Nachbarn riskiert und sich trotzig am Kommando „Aus!“ festgebissen. Mit extra scharf gesprochenem „ssss“.  Das Ergebnis: Der Hund, der vielleicht so  unruhig ist, weil er keine Lust hat, selbst das Alphatier zu geben, sich bei den Laissez-faire-Eltern aber dazu gezwungen sieht, konnte endlich wirklich loslassen und eine Metamorphose zum schnurrenden Schmusekätzchen durchlaufen. Gerne würde ich erfahren, wie er sich wieder in die kommandolose Erziehung einfinden wird. Bis ich Kraft und Zeit haben werde, mich erneut aufs Rad zu schwingen, um dieses Update zu kriegen, könnte es allerdings dauern, denn bald kommt mein Chef zurück: aus Mallorca, Portugal oder Griechenland.

Katharina Possert ist Filmproduzentin und lebt in Berlin.

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