„Ohne besonderen Stand“. Viel zu oft findet man in den 1874 eingeführten Heiratsregistern der Berliner Standesämter diesen knappen Vermerk über die gesellschaftliche Stellung der Frau in der preußischen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Eine formale Reduzierung auf ein Dasein als Ehefrau und spätere Mutter ohne große Aussicht auf eine berufliche Karriere.

Auch die standesamtliche Urkunde von Anna Julia Levinthal, die als 20-Jährige am 23. Oktober 1886 in Berlin den Kaufmann Max Wolff heiratete, trägt diesen Vermerk. Ihre Familie ist seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Berlin ansässig. Ihr Urgroßvater, der jüdische Handelsmann Levin Levinthal, war 1786 aus dem westpreußischen Schloppe nach Nauen gezogen, 1814 erwarb er das Bürgerrecht in Berlin und ließ sich dort nieder, sein Sohn Wolff Levinthal, der Inhaber eines Modemagazins, stieg sogar zum Hoflieferanten auf.

Zunächst deutete nichts darauf hin, dass sich der Lebenslauf seiner Enkelin wesentlich von dem anderer Frauen dieser Zeit unterscheiden würde. Ein Jahr nach ihrer Hochzeit kam im September 1887 ein Sohn zur Welt, der den veritablen preußischen Zweitnamen (Erich) Wilhelm erhielt. Das Ehepaar hatte sich an die Mehrheitsgesellschaft assimiliert. Wiederum zwei Jahre später folgte im August 1889 die Tochter Lucie Feodora Elisabeth, und mit ihr war die Familienplanung abgeschlossen.

Über 1000 Schriftstellerinnen gab es im Wilhelminismus in Berlin 

Wann genau Anna Julia Wolff mit dem Schreiben begann, ist nicht überliefert. Spezialisieren wird sie sich jedoch auf „Skizze, Satire, Kunst und Feuilleton“, wie es in Kürschners Literaturkalender heißt. Eine Einzelkämpferin ist sie zu dieser Zeit nicht, schätzungsweise über 1000 Frauen haben sich – laut dem 1995 erschienenen „Lexikon der Schriftstellerinnen in Berlin 1871 bis 1945“ – in diesem Zeitraum in der Reichshauptstadt diesem künstlerischen Genre gewidmet und somit einen erheblichen Anteil am kulturellen Leben gehabt.

Dabei drang Anna Julia Wolff auch in eine Männerdomäne ein. Schriftsteller wie Julius Stettenheim oder Gustav Hochstetter, die auch humoristische Texte verfassten, sind zu dieser Zeit bekannt, aber Humoristinnen? Der Sammelband „100 Jahre Berliner Humor“, herausgegeben 1916 von Gustav Manz, enthält nicht einen einzigen Text einer Autorin. Anna Julia Wolff ließ sich davon aber offenbar nicht beirren und veröffentlichte erste Texte in Humor- und Satire-Zeitschriften, wie dem „Simplicissimus“ oder dem „ULK“, der satirisch-humoristischen Wochenbeilage des Berliner Tageblatts. 1895 erschien ihr erstes Buch unter dem Titel „Laß dir erzählen. Novellistische Kleinigkeiten“.

Die Rezensionen waren wohlwollend, die Berliner Börsenzeitung bescheinigte der Autorin, dass sie den Mut habe, „das reale Leben […] ohne Beschönigung zu schildern.“ Im Verlauf ihrer Karriere wurden einige ihrer Texte auch in das Genre „Moderne Frauenlyrik“ eingeordnet, etwa ihr 1901 erschienenes Werk „Frauenliebe und -leben im XX. Jahrhundert“. Ebenso beschäftigte sie sich mit sozialen Themen, was im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts auch zu mehreren – frauenspezifischen – Ämtern in Wohltätigkeitsorganisationen führte. So sammelte sie Geld für den „Verein für Kindervolksküchen“, für den die Berliner Damen der Gesellschaft in den insgesamt vier auf das Stadtgebiet verteilte Küchen aktiv sind, entweder als Vorsteherin oder bei der Verteilung der Essensportionen.

„... ich kann die jüdischen Hunde nicht leiden“

In ihren Texten nahm Anna Julia Wolff die unterschiedlichsten Themen satirisch auf die Schippe. Sie dichtete unter anderem über Ehebruch, das Verhältnis der Geschlechter, flexible Berliner Zeitungsverkäufer, die verkaufsfördernd wahlweise dem „Herrn Jraf“ oder „der verdammten Kapitalistenbande“ schmeichelten. Sie sparte aber auch Themen wie Antisemitismus nicht aus, der manchen Kindern bereits mit in die Wiege gelegt wurde: „Ach nein, lieber keinen mit schwarzem Haar, ich kann die jüdischen Hunde nicht leiden“, spricht das kleine Mädchen in „Die kleine Antisemitin“, als sie sich nach dem Tod ihres weißhaarigen Spitz ein neues Tier aussuchen soll.

Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts brachte eine einschneidende Veränderung für Frauen: Ab 1908 durften sie endlich studieren. Da hatte Anna Julia Wolff weitere humoristisch-satirische Sammel-Bände wie „Von Dummen und Klugen“ oder „Hors d’oeuvre“ veröffentlicht und war längst stadtbekannt. Kabarett-Künstler erwarben ihre Texte für den Vortrag auf der Bühne, sie war Mitglied im Allgemeinen Schriftstellerverein und im Deutschen Schriftstellerinnenverbund. Das „Kleine Witzblatt“, damals eine der bekanntesten Zeitschriften dieser Art, bezeichnete sie als „die bekannte und geschätzte Mitarbeiterin vieler humoristischer Blätter“. Das Stigma „ohne besonderen Stand“ war überwunden .

Doch dann sorgte ausgerechnet ein Mann in ihrem Privatleben für Aufruhr. Es muss um 1906 gewesen sein, als sich Anna Julia Wolff und der ostpreußische Dramatiker Hermann Sudermann zum ersten Mal begegneten, wo, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Als im Jahr 1913 eine Neuauflage des renommierten „Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart“ von Franz Brümmer erscheint, hieß es darin über Anna Julia Wolff auch: „… lebt daselbst verheiratet und in glücklichen Verhältnissen“. Diese seltsam private Information in einem ansonsten nüchternen Lexikoneintrag wirkt fast wie eine versteckte Botschaft. Möglicherweise war das Gerücht über eine Liaison zwischen Anna Julia Wolff und Hermann Sudermann in die Berliner Salons vorgedrungen.

Zwei Briefe, die sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach befinden, belegen, dass sich Anna Julia Wolff in den erfolgreichen Dramatiker Sudermann heftig verliebt hatte und ihn in ihrem Werben hartnäckig verfolgte. Nachgerade eine frühe Stalkerin, konnte sie ein gelegentliches „Nein“ nicht akzeptieren. Sie wolle ihn nicht in seinem Heim überfallen, heißt es an einer Stelle, aber genau das hatte sie dann offenbar doch getan. Die drei Jahre währende Verbindung scheint gleichermaßen von Anziehung und Ablehnung geprägt gewesen zu sein. Weil auch Hermann Sudermanns Tagebuch im selben Archiv lückenhaft ist, lässt sich vieles nicht mehr abschließend klären.

Auf Sudermanns Sommersitz in Blankensee bei Berlin

Dass Wolff Sudermann völlig idealisierte, geht aus ihren Briefen mehr als deutlich hervor. „Sonne, Gott und alles“ sei er für sie, schrieb sie am 11. August 1909. Zu dieser Zeit weilte der Angebetete auf seinem Landsitz in Blankensee bei Berlin, den er 1902 erworben hatte und in den Sommermonaten mit seiner Familie bewohnte, denn auch er war verheiratet. Das Herrenhaus mit großem Park mutete mit antiken Skulpturen und südländischer Vegetation wohl schon zu seinen Lebzeiten wie ein Museum an. Er ermutigte Anna Julia Wolff  nicht („Sie haben betont, meine Liebe zu Ihnen wäre eine Angelegenheit, die ich mit meinen vier Wänden allein abzumachen hätte.“), empfing sie in der Endphase ihres beharrlichen Werbens jedoch mindestens noch zweimal in Blankensee. Dabei gab er sich „eisig“, wie Anna Julia schreibt, und er fordert, dass sie aus seinem Leben verschwinden solle.

Zur gleichen Zeit war er aber auch schon ein sehr kranker Mann, „körperlich heruntergekommen und psychisch erschöpft“, schrieb er seinem Therapeuten Wilhelm Fliess. Schließlich musste Anna Julia Wolff einsehen, dass ihr Werben umsonst war. 1917 starb ihr Ehemann im Sanatorium von Zehlendorf. Ihre letzte Textsammlung erschien 1919, dann bricht die schriftstellerische Biographie ab. Als Anna Julia Wolff am 26. Mai 1921 – genau am Tage ihres 55. Geburtstages – stirbt, hieß es in ihrer Todesanzeige in der Berliner Zeitung: „nach langem schweren Leiden“. Die Schriftstellerin hatte keinen Trost erfahren „für alles, was ich in den letzten drei Jahren ihretwegen gelitten“.

In Berlin erinnert nichts an die damals stadtbekannte Autorin

Im öffentlichen Raum erinnert in Berlin heute nichts mehr an Anna Julia Wolff. Begraben wurde sie zwar auf dem Jüdischen Friedhof von Weißensee, doch das Grabfeld ist dermaßen verwildert, dass man ihre letzte Ruhestätte 100 Jahre nach ihrem Tod vergeblich sucht. Ihrem Sohn Erich hingegen wurde ein Stolperstein in der Nassauischen Straße 64 gewidmet. Der Kaufmann wurde am 3. Februar 1943 mit seiner zweiten Ehefrau und seinem dreijährigen Sohn Denny deportiert und in Auschwitz ermordet. Erichs Schwester Lucie entging durch die Heirat mit dem katholischen Taschentuchfabrikbesitzer Wilhelm von Carben der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.

Schloss Blankensee mit Sudermannpark ist heute ein beliebtes touristisches Ausflugsziel und Sitz der Sudermann-Stiftung, doch der Erschaffer dieses Paradieses bleibt nach der Lektüre der Briefe ambivalent: „Wer es vermag, so viel hohe, weihevolle Schönheit in sein Leben zu tragen, der ist ein Erdmensch, dem zum Höchsten nur ein klein wenig verstehende Güte mangelt. Ihre Anna Julia Wolff“

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